"Es kommt der Tag", 21 Uhr 45, BR
bonanzaMARGOT
- 09. Okt. 12, 17:20
Düster und diffus dringt das Licht der Sonne durch die graue Wolkenmasse. Ein Licht, das über hunderttausend Jahre alt sein soll, sagten sie in der TV-Doku heute Nacht.
Ja, heute sieht das Licht ziemlich alt aus, denke ich. Mit der Helioseismologie hat man eine Methode, den Aufbau der Sonne sehr genau zu verstehen. Ein Satellit liefert rund um die Uhr Bilder von der Sonne, wie wir sie noch nie sahen. Ich schaue auf den Plasmariesen im Fernsehen und frage mich, auf was ich da blicke. Ich versuche etwas zu verstehen, aber ich denke nur: Wow, die Sonne!
Irgendwann nach der Sonnen-Doku wachte ich auf, und es lief eine andere Doku - über Menschen, die nach Paraguay auswanderten, weil sie glauben, dass dort die Welt nicht untergeht. Verkürzt gesagt. Und eine Frau aus Dresden überlegte sich, wie man das Elbwasser zu Trinkwasser aufbereiten könne. Ein Sonnensturm würde die gesamte Elektrizität lahmlegen – und was dann? Es gibt Menschen, die auf den Ernstfall hin Vorräte horten. Früher war es der drohende Atomkrieg, heute der von den Mayas oder von Nostradamus vorhergesagte Weltuntergang. „Es liegt etwas in der Luft“, sagten die Auswanderer in Paraguay. Ich bewunderte ihre Einstellung, wie sie unter ganz einfachen Lebensbedingungen dort eine neue Existenz aufbauten, wie sie es genossen, der westlichen Leistungsgesellschaft entflohen zu sein. Ich drehte mich in meinem Bett hin und her und überlegte, was ich eigentlich bräuchte, wenn es hart auf hart käme. Wenn ich nicht mehr an Bier herankäme, täte es auch Most. Ich sollte mich hinsichtlich der Mostherstellung mal schlau machen. Schaden kann es nicht, egal, ob die Welt untergeht oder nicht. Irgendein schlauer Mensch erwähnte in der Doku dann noch einen Spruch, der Luther zugeschrieben wird: „Wenn ich wüßte, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. “ Ein gerissener Hund, dieser Luther. Auch er dachte an den Most.
Als ich heute Morgen aufwachte, blickte ich in einen düsteren Tag. Wolken streiften die Berghänge, und die Bäume trieften vor Regenwasser. Keine Sonne. Hoffentlich geht die Welt mal an einem solch beschissenen Tag unter.
"Halbblut", 20 Uhr 15, ARTE
bonanzaMARGOT
- 08. Okt. 12, 12:45
Bis jetzt ist das nicht mein Herbst. Dabei gibt es gar keinen Grund, deprimiert zu sein. Jedenfalls nicht mehr als sonst. Vielleicht die Midlifecrisis, weil ich unaufhaltsam auf meinen 50sten Geburtstag zusteuere. Oft wissen wir gar nicht, was in uns vorgeht, warum wir niedergeschlagen, lethargisch, melancholisch oder wütend sind, - woher die Unzufriedenheit oder die Ängste kommen. Ich ziehe mich dann lieber zurück. Denn wie soll ich meinen Mitmenschen meine Launen erklären, wenn ich selbst im Trüben fische? Immerhin kenne ich mich gut genug, um zu wissen, dass ich aus diesen seelischen Schlechtwetterlagen auch wieder raus komme. Seltsam, wie sich die Perspektive auf Probleme und Missstände ändern kann. Man kann manches eine Zeitlang ganz gut verdrängen oder in Schach halten und merkt gar nicht mehr, wie es im Hintergrund brodelt. Scheiße, ich habe den Topf auf dem Herd ganz vergessen! Aber da ist es schon zu spät, und die Soße quillt über den Topfrand. Insofern sind wir Menschen alle mehr oder weniger kleine Vulkane. Also, es gibt sehr ausgeglichene Gemüter, aber es soll mir niemand sagen, dass er diese Stimmungsschwankungen nicht kenne. Obwohl ich meist ruhig wirke (ehrlich), entwickele ich ab und zu ein hitziges Temperament, wenn mich das Fell juckt. Gerade weil ich vieles hinterfrage, steigere ich mich gern in meinen Unmut hinein, wenn ich keine plausiblen Antworten bekomme. Leider gibt es Fragen, die von vorneherein nicht zu beantworten sind. Und obwohl ich das weiß, laufe ich heiß …, als könnte ich mich mit der gesamten Welt anlegen oder gar mit Gott. Fatal. Okay, der Alkohol kann bei diesem Prozess als Brandbeschleuniger dienen. Aber schon als Kind neigte ich zu derlei Wutausbrüchen. Das kann meine Mutter bezeugen. Mein großer Bruder wusste sehr gut, wie er mich reizen konnte …
Während ich damals mit trommelnden Fäusten meinen Bruder bearbeitete, entlädt sich heute meine Wut ausschließlich verbal. Körperliche Gewalt wurde mir im Erwachsenenalter zuwider. Nun kann man sagen, dass man mit Worten ebenso verletzen kann. Mag sein. Wenn ich verbal um mich schlage, kann ich mir oft nicht vorstellen, dass ich damit einen Menschen persönlich weh tun könnte. Jedenfalls vermeide ich Schläge unterhalb der Gürtellinie - soll heißen, ich versuche trotz aller Leidenschaft fair und beim Thema zu bleiben. Sollte mir doch im Eifer des Gefechts ein Ausrutscher passieren, dann bitte ich um Rückmeldung. Ich weiß, dass ich ziemlich zynisch und sarkastisch sein kann.
Es ist komisch: Man kennt sich und ist sich doch fremd. Das gilt für sich selbst und für die nahestehenden Menschen. Und darum ist eigentlich jede menschliche Beziehung ganz schön kompliziert. Ich habe große Achtung vor Menschen, die immer diplomatisch und ruhig bleiben können. Wie gesagt, kann ich mich z.B. im Beruf mit meinen Meinungsäußerungen am Riemen reißen, aber irgendwann bricht mein Unmut aus mir heraus! Fuck! (Oh, Entschuldigung, eine verbale Entgleisung.)
Ich glaube, bei mir sollte es nicht Midlifecrisis heißen sondern Wholelifecrisis. Seit ich denken kann, renne ich mit dem Kopf gegen die Wand, dabei bin ich echt nicht masochistisch veranlagt.
Ich kann mich einfach nicht damit abfinden, dass …
Aber jetzt wird`s langweilig.
Euch noch einen schönen Montag!
Das Sterben fällt vom Himmel.
bonanzaMARGOT
- 07. Okt. 12, 17:51
"Misery", 22 Uhr 45, SWR/SR
bonanzaMARGOT
- 07. Okt. 12, 14:41
Es gibt eine Welt ohne Vergangenheit und Zukunft. Sie ist die eigentliche Welt.
Statt Milchstraßen sehe ich Augen im Universum. Einen ganzen Augensee. Die Pupillen sind Löcher zu anderen Dimensionen. Oder jede Galaxie ist ein Bahnhof. Nur kein Schwein kann die Fahrpläne entziffern. Ich stehe gern auf Bahnsteigen und wundere mich über all die Menschen, die ein- und aussteigen. Warum muss ich jetzt an Marmelade denken? Ich esse schon lange keine Marmelade mehr. Vielleicht weil sie so klebrig und süß ist. Hass ist auch süß. Liebe dagegen bitter.
Ja, genau: man sagt auch: Rache ist süß. Oktober. Es ist mal wieder Oktober. Die Zeitrechnung der Menschen, jedenfalls der in unserer Gegend, schreibt das Jahr 2012. Vor zwölf Jahren wollte ich in Australien sein und Kängurus züchten. Australien war in Jugendjahren mein Lieblingsauswanderungsland. Beuteltiere faszinieren doch irgendwie, oder nicht? Wir hatten damals in den Siebzigern Angst vor einem Atomkrieg, und darum träumten mein Jugendfreund Peter und ich, dass wir, bevor es dazu käme, so weit weg wie möglich sein sollten. Wir spielten Schach auf seinem Bett und hörten Black Sabbath. Meistens gewann Peter. Er machte eine Banklehre und ist inzwischen Filialleiter. Wir verloren uns aus den Augen. Ich stelle ihn mir als Familienvater vor. Klar, würde ich ihn wiedererkennen. Eines Tages werde ich ihn wiedertreffen wie all die anderen. Genau – in der Welt ohne Vergangenheit und Zukunft. Nach dem Atomkrieg. Wie auch immer. Keine Spur verweht. Das Universum ist ein Mega-Gedächtnis. Und wir sind nichts als Kondenstropfen an seiner Peripherie. Peter und ich spielten im Sommer gern Minigolf und aßen Cola-Eis. Auch im Minigolf war er meist besser als ich. Ich weiß nicht, was uns verband. Wahrscheinlich war es Black Sabbath. Außerdem gewöhnt man sich an Freunde. Man braucht sie. Warum Liebe bitter ist? …
Weil sie so furchtbar schön ist. Alles was schön ist, wird bitter. Wenn ich z.B. in den Sternenhimmel schaue, muss ich manchmal weinen. Vor allem, wenn ich dabei an die Liebe denke. Als wäre die Welt wie ein Wattebausch durchdränkt von Liebe. Das ist freilich nur Einbildung. Das Universum lässt allerlei Platz für Einbildungen. Geld ist ein Beispiel dafür, wie sich Einbildung materialisiert.
Peter erkannte den Nutzen, den man daraus ableiten kann, und machte darum eine Banklehre. Für mich dagegen blieb Geld immer nur Mittel zum Zweck. Sozusagen ein notwendiges Übel. Davon gibt es eine ganze Menge: Autos, Politiker, Kondome, Finanzämter, Schweinefleisch aus Massentierhaltung etc.
Wenn ich einem Menschen in die Augen schaue, wohin schaue ich da eigentlich? Bei manchen Menschen, wie z.B. meine Chefin im Altenheim, traue ich mich gar nicht genau hinzusehen. Es ist äußerst unangenehm. Ich kann es schwer beschreiben – es ist ein großer Unmut. Auch Abscheu. Ich habe dann Angst, zu viel zu sehen. Als würde ich in diese Person eindringen …
Könnte ich es ertragen, in meine eigenen Augen zu schauen? Ich meine, nicht so oberflächlich wie beim Rasieren vorm Spiegel.
Wahnsinn.
"Nicht dran denken", 23 Uhr 15, Einsfestival
bonanzaMARGOT
- 06. Okt. 12, 17:26
Mit Siebenmeilenstiefeln wäre manches problemloser. Eine andere Möglichkeit wäre, die Zeit anzuhalten. Während die Welt stillstünde, würde ich mich auf den Weg machen. Ich würde mir meinen Rucksack packen und den kürzesten Weg über die Autobahn nehmen. Der ganze Verkehr stünde ja auch still. Ich würde gemütlich vorbei an den dicken Karren und Sportwagen auf der Überholspur schlendern, und zwischendurch vesperte ich auf einer Motorhaube. Das wäre sicher sehr seltsam. Die Menschen sähen mich nicht. Ich wäre so was wie ein Geist, der wie ein kalter Schauer an ihnen vorbeikommt und sie höchstens ein wenig irritiert ("Karl, woher kommt denn die Käsescheibe auf der Kühlerhaube?"). Dumm wäre halt, dass ich den ganzen Weg zu Fuß zurücklegen müsste, wenn alles außer mir in eine unantastbare zeitliche Starre verfiele. Nach Kärnten wäre ich viele Tage unterwegs. Einige Wochen wahrscheinlich. Und am Zielort würde dann die Zeit normal weiterlaufen – das war meine Idee. Der zweite Nachteil neben der großen Laufstrecke wäre, dass ja für mich die Zeit weiterliefe. Nach vielen solchen Exkursen würde ich gegenüber meinen Mitmenschen ganz schön alt aussehen. Ich müsste mir das mal genau ausrechnen, wie viel mehr ich da im Jahr altern würde. Aber es sollte auch nur eine zwischenzeitliche Lösung sein. Vielleicht ließe es sich besser mit dem Fahrrad bewerkstelligen. Erstens wäre ich schneller, und zweitens könnte ich mehr Proviant mitnehmen. Ich überlegte mir auch schon in anderen Situationen, dass es cool sein müsste, die Zeit für sich anzuhalten. Zum Beispiel kurz vor einer Prüfung, so dass man noch den Stoff pauken kann. Oder inmitten einer unangenehmen Situation, um sich eine Ausrede auszudenken oder einfach zu verschwinden …
Oder um eine besonders schöne Sache noch länger auszukosten. Auch Banküberfälle wären leichter möglich. Und man könnte ohne Probleme aus jedem Gefängnis entwischen.
Aber wie gesagt, wer diesen Trick zu oft anwendete, würde es mit seinem schnelleren Altern bezahlen. Die Verführung bei solchen Sachen ist ziemlich groß. Man müsste recht charakterstark sein, verfügte man wirklich über diese Möglichkeiten.
Was ich sagen wollte: Ich wäre jetzt gern in Kärnten. Ohne Bus und Bahn. Einfach hin geträumt. Am Besten gleich in ihre Arme.
Die Zeit bleibt nicht stehen. Sie schreitet gleichmütig voran. Sie durchdringt alles und nimmt alles mit auf ihren Weg. Nur der Tod trickst die Zeit aus. Doch das ist nicht wirklich ein Austricksen, denn der Tod ist … der Tod ist … der Tod ist … der Tod ist … der Tod.
Die Zeit ist wie eine Zeltstange, die unser Leben aufspannt.
Wir können nicht ohne Zeit existieren.
Ich warte. Ich warte, dass die Zeit vergeht. Das ist manchmal fast so, als würde sie stillstehen.
Der Tag schaut mich gläsern an. Sonnenlicht in Tönen hellblau und grau. Versteckt pulsiert mein Blut. Jede Sekunde. Ich warte und atme. Meine Augen sind die des Tages. Die Finger vor mir Spinnenbeine meines Geistes. Ich spüre die Zeit in jeder Zelle meines Körpers. Jeder Moment ist eine Geburt. Fließbandgeburten.
Könnte ich der Zeit Fragen stellen.
gegenüber der Bushaltestelle
- 5 -
Brasko steuerte den gelben Hummer in eine Werkstatt unweit von der Stelle, wo er immer geparkt war. Sarah Wiener hatte das organisiert. Sie erwartete ihn schon.
„Hallo Brasko!“
„Hallo Frau Wiener, da ist also das Baby ihres Sohnes!“
„Vielen Dank, es soll ja eine Überraschung werden.“
„Ich glaube, die Überraschung wird Ihnen gelingen.“ Brasko konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Und Sie glauben, dass es Mohammed gefallen wird?“
Sarah Wiener schaute ihn an, als hätte er etwas ganz ungehöriges gefragt.
„Es muss ihm gefallen!“
Brasko kratzte sich hinterm Ohr und enthielt sich eines weiteren Kommentars. Er schluckte.
„Ja, ich weiß, es ist nicht einfach zu verstehen“, setzte Sarah Wiener an, „wir waren damals jung und wild. Wir wollten etwas von der Welt sehen. In Saudi Arabien traf ich ihn ...“
„Osama Bin Laden – unglaublich!“
„Ja. Er war sehr charmant und gebildet und hatte nichts von einem Terroristen. Damals konnte ich nicht wissen, mit wem ich da ...“
„Zusammentraf“, ergänzte Brasko, „und Mohammed weiß, wer sein Vater ist?“
„Ich sagte es ihm, als er Achtzehn wurde. Ich glaube, jeder hat es verdient, die Wahrheit über seine Herkunft zu erfahren.“
„Aber seitdem ist er auf dem islamistischen Trip.“
Sarah Wiener senkte den Kopf. Brasko sah, dass sie still weinte. Er schaute bewusst weg und lehnte sich an den gelben Hummer. Sie fasste sich jedoch schnell wieder und blickte ihn mit feuchten Augen an. Ihre Stimme zitterte. „Mohammed verehrt seinen Vater. Er will so werden wie er. Er ist unbelehrbar.“
„Ich weiß“, rutschte es Brasko heraus, „aber vielleicht ist es nur eine Phase. Also ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren würde, wenn mir jemand sagte, dass Hitler mein Opa sein soll.“
„Ach Brasko, ich bin seine Mutter. Verstehen Sie?“
„Natürlich, verstehe. Das Mutterherz.“
„Ich danke Ihnen, dass sie mir sein Baby brachten,“ sagte Sarah Wiener plötzlich wieder sehr trocken, „in drei Stunden können Sie den Hummer wieder abholen.“
„Drei Stunden?! Uff, da muss ich mir eine Erklärung für Mohammed zurechtlegen.“
„Dafür engagierte ich Sie.“
Brasko trat auf die Straße und schaute in den Himmel. Es fröstelte ihm. Der Herbst hielt Einzug. Er machte sich auf den Weg in die Stadt zum Kaffeehaus. Der Wind zerriss das graue Wolkenmischmasch, und ein paar Sonnenstrahlen fielen auf den Parkplatz, wo noch vor Kurzem der gelbe Hummer stand.
Der Herbst hält Einzug. Jedes Jahr ist der Wechsel der Jahreszeiten ein Naturerlebnis, das mich fasziniert – hautnah sozusagen. Der Vermieter ist heiz-geizig, so dass ich morgens in meiner Bude friere und mit dem Elektro Konvektor zuheizen muss. Ich schaue aus dem Fenster: Noch ist die Verfärbung der Blätter nur leicht. Gelb, Ocker und braune Tupfer arbeiten sich langsam vor. Auf den Wegen mehren sich die gefallenen Blätter. Die Jahreszeiten vollziehen sich in Wellen: der Sommer ist der obere Scheitelpunkt, der Winter das untere Wellental und dazwischen die Wendepunkte Herbst und Frühling. Die Sonne steht nun schon tief, so dass sie am späten Nachmittag hinter den Hausdächern verschwindet. Die Schatten werden länger und die Gäste in den Biergärten weniger. Decken liegen auf den Stühlen, in die sich die Gäste einmummeln. Noch will man sich nicht recht daran gewöhnen, dass der Sommer vorbei ist. Lieber erträgt man ein leichtes Frösteln.
Ich reite auf den Wellen der Jahreszeiten im Schneckentempo. Doch schaut man eine Weile nicht hin, ist man überrascht, wie weit die Zeit vorangeschritten ist. Rückblickend verging der Sommer im Sauseschritt – ein Sommer, den ich nicht so schnell vergessen werde. Etwas ängstlich schaue ich auf den Winter, auf die Kälte und die tristen Tage. Was wird der Winter mit mir machen? Ich komme mir vor wie als Kind vorm Beckenrand, das sich nicht recht ins Wasser traute. Dabei stehe ich in meinem fünfzigsten Lebensjahr. Und außerdem bin ich im Winter geboren. Also.
Trotz Elektro Konvektor fröstelt es mich. Meine Finger bewegen sich klamm über die Tastatur des Laptops. Am Besten akklimatisiere ich mich, wenn ich rausgehe. Es sieht nicht wirklich freundlich aus heute. Der Tag präsentiert sich in einer gräuliche Grießsuppe. Dazu geht ein fieser Wind. Ich kann ein Halstuch mitnehmen und die neue Baskenmütze, die ich dann wahrscheinlich doch nicht aufsetze. Vielleicht nach ein paar Bier in Heidelberg. Ich will mal wieder durch Heidelberg stromern ...
"Herr Lehmann", 23 Uhr 55, BR
bonanzaMARGOT
- 03. Okt. 12, 20:17
Warum ist die Welt so klein? Egal ob auf Hawaii oder im Himalaya …, die Welt schrumpft zu einer Nuss, wenn der Alltag kommt. Es ist eine ganze Kiste voll Nüsse, zwischen denen deine Träume zermahlen werden, bis gar nichts mehr von den Träumen bleibt außer vielleicht einem Mond hinter Wolken, wenn du Feierabend hast. Anders gesagt: Die Menschen scheißen die Welt zu mit allerhand kleingeistigen Dingen. Es gibt keinen Ort mehr ohne Bürokratie und Coca Cola. Wobei Coca Cola für mich nur ein Platzhalter für das System ist, welches dahinter steckt. Das System heißt „Ballaballa“. Ja, ich weiß, ich sage damit nichts Neues. Ich habe vier Nächte hinter mir und fühle mich noch etwas zermatscht. Das wird`s sein. In Wirklichkeit bin ich ballaballa und nicht die Welt.
Anderes Thema? Z.B. zu Dirk Bachs plötzlichem Ableben: Nun ist er für immer im Dschungel Camp … Gut? Eher nicht so gut? Oder: Neue Redensart für jemanden, der keinen Spaß versteht: Hey, bis du islam oder was!? Was? Auch nicht gut? Hab nur Scheiße im Kopf? Schon möglich. Ich bin infiltriert von der Ballaballa-Welt.
Warum ist die Welt so klein? Egal ob im Ruhrgebiet oder in Schanghai …, die Welt schrumpft zu einer Nuss, wenn der Alltag kommt. Manchmal habe ich gute Gedanken im Halbschlaf. Nicht immer kann ich sie retten. Ich bewahre mir gern etwas vom Traumland. Das ist nicht leicht. Sobald ich aufgestanden bin, stürmen die Sorgenreiter heran wie eine wilde Horde Mongolen über die sibirische Steppe. Noch sehe ich nur eine Staubwolke am Horizont, aber sie kommen schnell näher. Es gibt keinen Platz zum Entkommen. Nichts bleibt von den Träumen. Fast nichts, wenn ich es nicht schnell aufschreibe. Träumen ist Luxus. Ich bin bereit, für diesen Luxus zu kämpfen, egal wo auf der Welt. Wenn schon ballaballa – dann mein eigenes!
Sonst will ich nichts. Scheiß auf Karriere, Kinder und Haus. Scheiß auf die Politik. Scheiß auf die Religionen und Philosophie. Scheiß auf den ganzen Scheiß. Aber lasst mir meine Träume …
Ausgespuckt ins Leben, durch die Tretmühlen gejagt, um erwachsen zu werden, im Berufsalltag ausgelaugt und schließlich mit einer Butterbrotrente ins Altenteil geschickt. Das ist nicht Orwell „1984“ und auch nicht Aldous Huxley „Schöne neue Welt“ - das ist die Realität!
Ja, ich weiß, ich sage damit nichts Neues. Ja, das wird`s sein.
"Ray", 20 Uhr 15, ZDFneo
bonanzaMARGOT
- 02. Okt. 12, 17:05