Dienstag, 17. Januar 2017

Blob


Von einem der wunderlichsten Geschöpfe der Natur las ich zufällig heute Morgen beim Stöbern in den Internet-Nachrichten. Der Artikel trug die Überschrift „Ein Superorganismus von schleimiger Intelligenz“ – was sofort mein Interesse erweckte.
Bei der Lektüre empfand ich eine große Faszination aber auch Abscheu gegenüber dieser scheußlich und fremdartig anmutenden Kreatur…, die uns beispielhaft zeigt, wie intelligent das Leben an sich ist - auch ohne ein Gehirn (in unserem Sinne) zu besitzen.
Ich erachte unser Gehirn sowieso in zunehmendem Maße als überflüssig (die Gründe dafür würden hier zu weit führen).
Ist es nicht ein Fluch, denken zu können? Natürlich steht mir eine solche Beurteilung gar nicht zu als Individuum in der schieren Masse der Menschheitspopulation.
Und was heißt eigentlich „denken“? Wir Menschen proklamieren zu gern über dieses Attribut unsere Einzigartigkeit im Universum. Aber das ist doch lächerlich!
Der Blob wird mir zunehmend sympathisch, umso länger ich über die Menschheit nachdenke. Was für ein Wesen! Was für eine Gelassenheit und Ruhe! Nicht zu verunsichern und unterzukriegen!
Ab und zu komme ich mir selbst vor wie ein Blob, wenn ich am Schreibtisch vor mich hin sinniere.
Ich möchte zu diesem Urvertrauen zurückfinden…, das z.B. beim Malen eines Bildes den Pinsel führt, in das ich mich fallen lassen kann und aufgehoben fühle – ganz ohne Nachdenken und Wissensungetüm. Wie in der Liebe! Wie ein Blob!

Sonntag, 15. Januar 2017

Berauschend ist anders


Die „Deponie“ ist eine gemütliche Kneipe unter der S Bahn Trasse zwischen Friedrichstraße und Hackscher Markt. Wir trafen uns nach meinem Samstagsunterricht zum Einkaufen und auf ein Bier. Ich fühlte mich wie betäubt nach den Stunden Tumordokumentation. Wenigstens machte ich inzwischen Fortschritte – ich bildete es mir zumindest ein. Noch drei Wochen bis zur Abschlussprüfung. Langsam sollte was gehen. Ich verschickte die ersten Bewerbungen an Krankenhäuser und ans KKRBB*.
Zielstrebig steuerten wir die „Deponie“ an. Die kalte Winterluft und die Samstagsnachmittagsbetriebsamkeit machten mir nicht sonderlich Freude. O. kann dem städtischen Treiben mehr abgewinnen, aber sie weiß, dass ich davon nur miese Laune kriege. Seit geraumer Zeit ist meine Stimmung sowieso nicht bestens, - was bei mir heißt, dass ich den Miesepeter bis zum Exzess kultiviere. In solchen Phasen ist es schwer auszuhalten mit mir. Es tut mir leid für O.
Um diese Uhrzeit fanden wir noch prima Platz in der „Deponie“. Wir pflanzten uns an einen Stehtisch neben der Bar. Einige Pärchen verteilten sich im Lokal, ein Tourist schrieb fleißig Postkarten, und ich saß da, als hätte ich einen Stock verschluckt. O. berichtete das ein oder andere von ihrer Arbeit. Immerhin hat sie noch nicht das Lachen verlernt. Wenn ich mir überlege, was sie alles hinnehmen und leisten muss… Von mir kam nicht viel mehr als „ist mir wurscht“ und „also gut, noch`n Bier“.
Inzwischen dämmerte es. Unruhig rutschte ich auf dem Hocker hin und her und wusste nicht, wohin ich schauen sollte. Der Tag war gelaufen. Es ging nur noch ums Abendessen und vorm TV Chillen. Wenn das Fernsehprogramm nichts hergibt (was oft der Fall ist), legen wir eine DVD ein (Columbo oder Agatha Christie).
Auf dem Rückweg durch den Park am Gleisdreieck fragte mich O., wo die Kaninchen seien. Ich antwortete mit einem Achselzucken, - ab und zu würde ich schon noch eins sehen am Morgen oder am Abend. Über den Dächern ein diffuser Lichtkegel unbekannter Quelle. Sterne funkelten schüchtern zwischen Wolkenfetzen. Die Häuserzeilen unserer Straße lagen vor uns.
O. schloss die Tür auf. Am Briefkasten eines Mitbewohners klebte eine handschriftliche Notiz, - echte Nachbarschaftspoesie:


An das unbekannte Klauschwein!

Vielen Dank für das Hinterlassen
meines aufgerissenen Pakets…
Echt armselig!

Ich hoffe, Du liest das,
und dir fallen die Klaupfoten ab!

Ach ja, und Krebs im Arsch
wünsche ich Dir auch!



Der beklaute Nachbar hat mein Mitgefühl.

(*Klinisches Krebsregister Berlin-Brandenburg)

TV-Tipp:

"Tote tragen keine Karos", 21 Uhr 45, 3sat

Freitag, 13. Januar 2017

Schreck in der frühen Morgenstunde


„Hast du das gehört?“ fragte ich meine Partnerin neben mir im Bett. Erst ein lautes Rumsen, und gleich darauf der tierisch anmutende Schrei einer männlichen Person. Ich war sofort hellwach. Der Lärm hallte durchs Treppenhaus und schreckte uns am frühen Morgen auf. Aufgeregt lauschte ich in die Dunkelheit. Stimmen, und ein Hoch- und Runtergetrappel von Personen. Schließlich packte mich die Neugier, ich stand auf und schaute durch den Türspion. Mehrere vermummte Polizisten in Kampfmontur, einige zivile Personen und Kriminalbeamte mit Funksprechgeräten waren zugange, treppauf und treppab. Offenbar wurde eine Wohnung über uns gestürmt, - kriegt man auch nicht alle Tage in seiner unmittelbaren Umgebung mit…, wo man sich eigentlich zuhause und halbwegs sicher fühlt. Ganz schön beängstigend. Von wegen „my home ist my castle“. Klar, wir leben in Berlin und nicht in Schlumpfhausen.
Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei. Soweit ich das Geschehen verfolgen konnte, wurde niemand verletzt. Es kam zu keinen weiteren Aufregungen. Gut.
Soll auch schon vorgekommen sein, dass das SEK die falsche Wohnung stürmte…

Donnerstag, 12. Januar 2017

Das Leben ein Witz


Auf einem endlosen Flur gehe ich die Türen ab. „War schon da… gab`s bereits… alles schon gehabt… nichts Neues… alter Hut… oje…“, konstatiere ich für mich, während ich die Türen nacheinander öffne und kurz in jede hineinblicke.
„Es gibt nichts anderes als das Heute und seine ewige Wiederholung: Jeden Tag gibt es Tote und Verletzte, Trauernde und Triumphierende, Aufstände und Familiäres, Regierungserklärungen und Operninszenierungen. Jeden Tag das gleiche, das doch nie dasselbe ist.“ Na klar, denke ich, da hat Bazon Brock recht. Eine Binsenweisheit. Es läuft immer dieselbe Platte. Und trotzdem. Heute ist nicht gestern. Ich merke es an mir. Die Unschuld ging längst verloren. Gestern schneite es wunderbar, und heute mischt sich der schmelzende Schnee mit dem Straßendreck. Unser Kerker hat einen Himmel. Wir leben unter einer Cellophan Folie. Unwillkürlich denke ich an den Geruch eines schmutzigen Tafelschwamms…

Hinter jeder Tür die gleichen Augenpaare, alte und junge, voller Leben, voller Gier… oder ausgebrannt und matt. Ich gehe gefühllos vorbei. Wo ist der Ort, an dem ich frei atmen kann? Der Moloch Stadt hält mich in seinen Fängen. Die Seelen werden grau wie die Straßen. Sie klammern sich an den Konsummüll, der oben schwimmt. Die ganze Welt schmilzt zusammen wie ein Schneehaufen am Straßenrand.
Manche Türen öffne ich schon gar nicht mehr. Wozu? Es kommt mir alles furchtbar sinnlos vor. In meiner Brust schlägt ein totes Herz. Ich suche einen Rest Farbe, einen Lichtschimmer. Wie wurde ich zu dem, was ich bin? Der Tunnel ist lang und verschlungen, und ich stehe mittendrin mit einer Taschenlampe.

Orientierungslos und ängstlich haste ich mal vor und mal zurück. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin. Es macht überhaupt keinen Unterschied. Die Türen sind nur noch Staffage, das Universum wüst und leer, mein Leben eine Fata Morgana.
Völlig unverhofft werde ich angesprochen „Du bist nicht allein“. Ich erschrecke keinen Deut. Denn ich höre meine eigene Stimme. Das bin also ich. Ganz schön witzig.

Mittwoch, 11. Januar 2017

Mittwochs-Zitat

Wer nicht über sich selbst spricht, hat nichts zu sagen.
(Bazon Brock)

Sonntag, 8. Januar 2017

Lost


Inzwischen kann er nur noch über die Bewegung seiner Augen kommunizieren. Der Sprachcomputer generiert zwei bis drei Wörter pro Minute. Eine mühsame Angelegenheit und nichts für ungeduldige Gesprächspartner. "Manchmal bin ich sehr einsam, weil die Leute Angst haben, mit mir zu sprechen, oder nicht abwarten können, bis ich eine Antwort geschrieben habe", sagte er 2015 in einem BBC-Interview. Unwillkürlich denke ich dabei an das beeindruckende Buch „Schmetterling und Taucherglocke“, das von dem nach einem Schlaganfall am Locked-In-Syndrom leidenden Jean-Dominique Bauby nur durch Augenzwinkern diktiert wurde…
Unser Geburtstagskind wird heute 75 und schrieb eine Menge Bücher. Er gilt als der größte Astrophysiker unserer Zeit. Ich zolle ihm meine Hochachtung. Alles Gute, Stephen Hawking!

In Berlin fällt der erste Schnee des Winters und generiert eine ungewöhnliche Stille. Hinzu gesellt sich die Sonntagsruhe. Feine Flocken wirbeln durch die Luft und bedecken die parkenden Autos mit Schneehauben. Ich versinke in dem selten weißen Anstrich des Tages, im Kopf ein einziges Kuddelmuddel. Wie bekommen manche Menschen da nur Ordnung rein? frage ich mich.

Die Praktikumsleiterin meinte „Du denkst zu kompliziert“, worauf ich erwiderte „Das war schon immer so – ich wundere mich, wie ich überhaupt so weit kommen konnte…“ und verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln. Ich quälte mich wieder einmal durch die Mahnliste der Tumordokumentation und brachte offenbar die einfachsten Dinge nicht auf die Reihe. Sie muss mich für einen kompletten Idioten halten, dachte ich bei mir. Wieso tue ich mir das an?

Ich bin fasziniert von Menschen wie Stephen Hawking, die allein durch ihre Vorstellungskraft und Intelligenz neue Erkenntnisse zum Universum entwerfen und sich in dem komplexen Allerlei von Mikro- und Makrokosmos zurechtfinden. Meine Stärke liegt eher auf der abstrakten Ebene. Von der schieren Menge der unterschiedlichen Elementarteilchen fühle ich mich erschlagen – ähnlich ergeht es mir momentan mit der Tumordokumentation: ich scheitere an der Vielfalt der mir unbekannten medizinischen Vokabeln und dem richtigen Herauslesen.
Ich frage mich: Befinden wir uns mit dieser fachlichen „Zerstückelung der Welt“ auf dem richtigen Dampfer? Wer soll da eigentlich noch durchblicken? Ich jedenfalls fühle mich sehr oft überfordert. Ich bin schon froh, wenn ich die richtige Himmelsrichtung finde und rechts und links unterscheiden kann. Kompliziertere Sachverhalte bereiten mir schnell Kopfschmerzen.
Ich würde mich als 1. begriffsstutzig und 2. ungeduldig charakterisieren – keine guten Vorrausetzungen für das Erlernen eines neuen und umfangreichen Fachgebietes. Zudem bin ich ein Sensibelchen, was den Lehrer und seine Art und Weise angeht. Der Lehrer hat sehr viel Einfluss auf meine Motivation. Es muss passen…

Denke ich wirklich zu kompliziert? Nein. Ich sehe überhaupt kein Denken, nur eine diffuse Stille, abertausende Puzzleteile. Worte verbergen sich im geistigen Schneegestöber, ich jage Bedeutungen wie Schmetterlingen hinterher. Das Gesicht der Praktikumsleiterin verzerrt sich zur Horrorfratze. Erstaunen und Entsetzen tanzen mit mir Ringelreih. Die Uhr über der Bürotür zeigt an: Noch eine Stunde. Was ist eine Stunde? „Du bist hier, um zu fragen“, sagt die Praktikumsleiterin. Ich nicke stumm. In mir werden ganze Heerschlachten ausgeführt. Alle kämpfen gegen alle.
Nun gut, dann also zum nächsten Fall auf der Mahnliste: ein Hirntumor…

Wie verloren ist die Menschheit im Universum? Und wie verloren ist ein Mensch in der Welt?
Wie verloren kann ich in mir selbst sein?

Mittwoch, 4. Januar 2017

TV-Tipp:

"König von Deutschland", 20 Uhr 15, Arte

Mittwochs-Weisheit

Je mehr man altert, desto mehr überzeugt man sich, daß seine heilige Majestät der Zufall gut Dreiviertel der Geschäfte dieses miserablen Universums besorgt.
(Friedrich II., der Große, 1712 - 1786, preußischer König, »Der alte Fritz«)

Dienstag, 3. Januar 2017

Man rudert durch die Tage


ruderboot
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