Büro

Samstag, 16. September 2017

Böser Zeh und mehr


Zurzeit habe ich einen bösen linken großen Zeh. Die Orthopädin, ein temperamentvolles Fass: „Dann zeigen sie mal her!“ Nach einer kurzen Begutachtung vermutete sie einen Gichtanfall. Ihre dürre Arzthelferin, mit der sie den Laden am späten Nachmittag alleine schmiss, röntgte den Zeh. Obwohl total unterschiedlich in Statur passten die zwei ganz gut zueinander - sie waren von der gleichen mürrisch-herzlichen Sorte. „Hast du meine Autoschlüssel gefunden?“ rief die Orthopädin, die ich mir gut als Landärztin vorstellen konnte, ihrer Helferin zu. „Nö, noch nicht“, schallte es zurück. „Oje,dann werden wir wohl mit der BVG fahren müssen…“
Schließlich erklärte sie mir nach Vorlage der Röntgenbilder, dass mein Zeh gebrochen sei und sich wohl um die Kalkablagerungen an der Bruchstelle ein Entzündungsherd gebildet hatte. Sie verschrieb mir ein entzündungshemmendes Schmerzmittel und empfahl mir kalte Umschläge. „Aber nicht mit Frotteetüchern“ fügte sie hinzu, „und am Montag rufen Sie mich an, zwischen 15 und 18 Uhr. „Okay“, sagte ich, bedankte mich artig und wünschte ihr ein schönes Wochenende.

Seit Tagen humple ich in Crocs durch die Gegend, weil ich den linken Fuß nur unter Schmerzen in einen normalen Schuh zwängen kann. „Man wird halt alt“, sagte ich einer Kollegin, um mein Humpeln zu erklären, „einem Zipperlein folgt das nächste.“
Ich war etwas angespannt, als ich nach dem Urlaub zurück ins Büro kam. Ob ich mich auch erholt habe, wurde hinter jeder Tür gefragt, und ich erzählte ein wenig von meiner Reise, die keine Erholung im üblichen Sinne war... und Blabla.
Nach der dreiwöchigen Pause fiel mir der Neustart in die Tumordokumentation ganz schön schwer. Mit was beschäftige ich mich hier nur? fragte ich mich, während ich am Schreibtisch meine Dinge ordnete und den Computer hochfuhr. Hinzu kam, dass ein paar Fehler aufgefallen waren, die ich offenbar gemacht hatte. Es ging um die Abrechnung der Meldevergütung. Die Fälle lagen allerdings länger zurück, so dass ich nicht mehr nachvollziehen konnte, warum mir dieser Lapsus passierte. Ich hörte mir geduldig die Erklärungen und Hinweise dazu an. „Schon möglich, dass ich ab und zu Mist baue", sagte ich und guckte betreten...
Im Großen und Ganzen liefen die ersten Tage im Büro aber relativ entspannt. Eine neue Kollegin, die ich bereits aus der Fortbildung kannte, hatte während meiner Abwesenheit angefangen. Sie umarmte mich spontan zur Begrüßung. „Ach, ihr kennt euch?“ fragten die anderen erstaunt…, und das tat mir gut.

Donnerstag, 6. Juli 2017

Das plötzliche Auftreten des Todes


Es sei für sie ein schrecklicher Gedanke, tot in ihrer Wohnung aufgefunden zu werden, sagte meine Arbeitskollegin, ansonsten habe sie sich ganz gut an das alleine Leben gewöhnt. Betroffenheit wabert durch den Büroraum. Anlass ist der plötzliche Tod des Ex-Mannes einer anderen Kollegin, der wohl zuhause verstarb und erst nach einigen Tagen von seinem Sohn gefunden wurde. Näheres wissen wir (noch) nicht. Diese Kollegin hatte ein gutes Verhältnis zu ihrem Ex, der der Vater ihrer zwei Söhne ist…
So schnell kann`s gehen, dachte ich bei mir und kratzte mich am Hinterkopf. Vielleicht war`s ein Schlaganfall – nicht selten bei nicht mehr ganz jungen Männern. Ich will gar nicht dran denken.
Der Bürotag hatte gerade erst angefangen. Wir plauderten noch ein Wenig über das plötzliche Auftreten des Todes und die möglichen Umstände. Da war z.B. der Mann ihrer Freundin, erzählte meine Arbeitskollegin, der nach einem „Tatort“ auf der Fernsehcouch das Zeitliche segnete. Ihre Freundin war bereits zu Bett gegangen. Irgendwann wunderte sie sich, dass er nicht nachkam und entdeckte ihn.
„Woran starb er?“ fragte ich.
„Herzmuskelentzündung - eine verschleppte Infektion. Typisch Mann war er trotz Beschwerden nicht zum Arzt gegangen.“
„Ja, so kann`s gehen. Was sind denn die Symptome?“
„Allgemeine Niedergeschlagenheit, Antriebsschwäche, Müdigkeit…“
„Oje. Nach diesen Symptomen…“, ich beendete den Satz nicht, blickte auf den Stapel Tumorfälle vor mir und nahm mir den ersten vor.

Samstag, 1. Juli 2017

Büromania


Die Kapriolen des Wetters schlagen aufs Gemüt. Anfang Juli, jede Menge Regen und kühle Temperaturen. Fürs wohlverdiente Wochenende hätte ich mir ein wenig Sonne gewünscht, etwas Aufmunterung für meine büromüden Glieder. So fühlt sich also ein Bürojob an. Nach vier Monaten bin ich mehr als drin. Überdruss macht sich breit. Die Tumordokumentation ist oft eine zähe und unzufriedenstellende Angelegenheit. Ich brüte über den Fällen und kloppe sie ins Tumordokumentationssystem. An einem guten Tag komme ich auf Dreißig. Mehr schaffe ich (noch) nicht. Zurzeit arbeite ich kunterbunt alles an Papiermeldungen ab: Diagnosebögen, Therapiebögen, Todesmeldungen, Epikrisen, Histologien... alle Entitäten.
Nach acht Stunden vor den Computerbildschirmen habe ich Augenkrebs, und mein Kopf wünscht sich nur noch Entspannung.
Vom diesjährigen Sommer bekam ich bisher nicht viel mit. Die Arbeit bestimmt den Alltag. Für Unternehmungen nach Feierabend und an den Wochenenden fehlen mir meist Energie und Lust.
Ich befinde mich wieder mitten in der Tretmühle mit all ihren Mühseligkeiten. Zum einen froh, dass ich den Absprung aus der Altenpflege schaffte – habe ich nun einen Job, der mich auf andere Weise erschöpft. Zum einen stolz auf das, was ich in den letzten zwei Jahren leistete, um überhaupt an diesen Punkt zu kommen – hadere ich mit dem Weg, den ich einschlug. Ich weiß, ich könnte mehr als zufrieden sein – und bin`s verflucht noch eins nicht!
Wie bei einem Puzzle, das sich nach und nach zu einem verständlichen Bild zusammensetzt, verändert sich mit jedem neuen Tag ein klein wenig die Sicht auf die Menschen, Dinge und Orte im Leben. Und irgendwann fragt man sich: Wohin verschwand die Sonne? Wo blieben Glück und Ausgelassenheit? Was ist mit dieser Stadt und ihren Menschen passiert? War die Welt schon immer so verrückt? Wohin ging die Liebe? Was ist mit mir?

Meine Kollegin trinkt viel Tee. Auf den Etiketten ihrer Teebeutel stehen kluge Sprüche. Sie kam um den Schreibtisch herum und reichte mir eins der Etiketten. Ich las: „Deine Überzeugung ist deine Stärke“. „Hm-hm-hm“, brummte ich in meiner Manier und bedankte mich.
Ich bin froh über jeden zwischenmenschlichen Anker, jede nette Geste und jedes freundliche Gespräch, welche den Bürotag auflockern und gefühlt verkürzen.

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