Büro

Freitag, 22. Dezember 2017

Glücksbringer


Es ist vollbracht, murmelte ich vor mich hin, als ich gestern die Treppen hinunter zum Ausgang lief. Die letzten Stunden am Arbeitsplatz zogen sich. Die ganzen letzten Bürotage eine einzige Hängepartie.
Nun war ich durch. Auf den letzten Metern des Jahres 2017.
Fazit: Ich sitze mir seit 10 Monaten bei der Tumordokumentation am Computer den Hintern breit, fühle mich total ausgelaugt, aber wenigstens habe ich einen sicheren Job.

Die Piloten bei Ryanair streiken also doch, nachdem erst Entwarnung gegeben wurde. Aber betrifft es auch meinen Flug nächsten Dienstag? Dann dieser Online Check-in… frühestens vier Tage vor dem Abflug. Das wäre heute. Dazu brauche ich aber eine vom Reiseveranstalter speziell generierte E-Mail-Adresse und die Flugbuchungsnummer. Die erhielt ich noch nicht. Ich werde wohl nachfragen müssen… Warum muss alles so scheiß kompliziert sein?!?

Zwei Schornsteinfeger laufen vor meinem Fenster vorbei. Beide in original schwarzer Kluft, nur ohne Hut. Ich glaube nicht an Glücksbringer, und doch trage ich seit Jahren einen ständig mit mir herum. Ein Geschenk von lieben Menschen vor meiner Abreise nach Berlin.
Glück hatte ich eine Menge, was Wohnung, Job und Partnerin angeht, aber daraus lässt sich leider nicht automatisch ein Glücklichsein ableiten. Fürs Glücklichsein braucht man mehr als nur Glück…

Sonntag, 10. Dezember 2017

Überstunden


Ich blicke aus dem Bürofenster in den Innenhof und den grauen Himmel darüber. Sind das wirklich Schneeflocken? Aus einem anderen Raum schallt die Stimme einer Kollegin: „Hey Leute, schaut mal raus!“ Ich schiebe freiwillig Überstunden. Es wurde uns von der Chefin nahegelegt. Wir hinken in der Bearbeitung gewaltig hinterher, was kein Wunder bei der Flut von Meldungen ist. Im Mitarbeitergespräch vor zwei Wochen nahmen sie mich in die Zange, die Chefin und die Oberchefin.
„Wären Sie bereit, in dieser Situation an einem der Samstage Überstunden zu leisten?“
„Eigentlich bin ich mit den täglichen acht Stunden Dokumentation schon an der Grenze…“, druckste ich herum, „aber wenn`s sein muss…“
„Sie würden also nur Überstunden machen, wenn sie angeordnet werden?“ fragte die Oberchefin und hatte mich damit im Sack. Die andere Chefin betonte, wie wichtig ihnen das Attribut freiwillig dabei sei.
„Wir können Sie also auf die Liste setzen?“
„Ja“, ich lächelte gequält.
Am nächsten Tag stand ich auf der Liste, die zum Eintragen im Aufenthaltsraum bereitlag. Statt nur meinen Namen, las ich: „Herr Bonanza Margot erklärt sich prinzipiell bereit, Überstunden zu leisten.“

Nach vier Stunden Stammdatendokumentation und Posteingang streiche ich die Segel.
Draußen mehr Schneeregen als Schnee. Die Mittagsluft schlägt mir kalt und feucht ins Gesicht. Fluchend radele ich durch den Berliner Verkehr. Das Leben hat mich am Wickel (- erpresst und ausgepresst). Man könnte auch sagen: der ganz normale Wahnsinn. Und wozu das alles?

Sonntag, 19. November 2017

Morgen ist Montag


Drei Abholtermine platzten, angeblich weil die Müllmänner den Schlüssel verschlampt oder verloren hatten, so die Auskunft von Vermieterseite. Inzwischen wurden einfach alle Abfallbehälter (welche eigentlich zur Mülltrennung vorgesehen sind) mit dem Hausmüll vollgestopft. Kann es so schwierig sein, dem Abfallunternehmen einen neuen Schlüssel fürs Hoftor zukommen zu lassen? Oder geht es vielleicht um was anderes? Wir zahlen jeden Monat einen Abschlag für die Betriebskosten, u.a. für die Müllabfuhr. Wenn ich das Gefühl habe, dass mich jemand an der Nase herumführt, kann ich stinksauer werden. Morgen ist Montag, erneut Müllabholtag. Eigentlich habe ich kein Interesse an einer Auseinandersetzung mit dem Vermieter. Es gibt wichtigeres. Auf der anderen Seite: Muss man sich alles bieten lassen?!?

Auf der Arbeitsstelle brennt die Hütte. Wiedermal merken die Fuzzis, die alles so schön planten, dass die Dinge sich in der Praxis unvorhersehbar schwieriger entwickeln als gedacht. Scheiße, immer dasselbe, denke ich. Hört das denn nie auf? Warum müssen die kleinen Leute ausbaden, was in den Führungsebenen schiefgeht? Warum kriegen wir das ab?
Unsere Vorgesetzten diskutieren inzwischen eifrig, wie sie den Laden am Laufen halten können. Das Ergebnis sind Überstunden und schlechte Laune in den Büros. Der Druck auf die Mitarbeiter steigt. Es ist abzusehen, wann die ersten blau machen…
Seit einer Woche dokumentieren eine Kollegin und ich nicht mehr in die Tiefe, was nichts anderes als Dokumentation am Fließband bedeutet. Die Tumorfälle werden nur mit dem Nötigsten ins System gekloppt, um die für die Abrechnung wichtigen Fallpauschalen zu generieren. Anordnung von Oben. Eigentlich Betrug, meinte die alte Dokumentarin, mit der ich das Büro teile. Hauptsache der Schein wird gewahrt und der Rubel rollt. So läuft vieles auf der Welt – und ich stecke mal wieder mittendrin – in einem System, welches keine Sau richtig durchschaut. Am besten sind die dran, die sich gut in die Tasche lügen können. Und es funktioniert. Berlin funktioniert. Das Gesundheitssystem funktioniert irgendwie… Noch.

Das Mittagsbier in der Kiezkneipe lasse ich mir nicht nehmen. Zwei Weihnachtsmänner sitzen zu einem Fototermin an der Theke. Die ganze Kneipe ist voll von den Foto-Leuten und ihrem Equipment.
Ich finde gerade noch einen Stehplatz. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht“, sagt die Kneipenmutter. „Ist okay“, winke ich ab – wo sollte ich auch sonst auf die Schnelle hingehen?
Die zwei Weihnachtsmänner haben vor sich zwei Pilsgläser stehen. Sie sind an die Sechzig und gut beleibt, passen original in die Kluft, tragen aber keine Mützen und keinen künstlichen Weihnachtsmannbart. Den braucht der eine auch nicht. Eine junge Frau gibt mit Befehlen das Fotoshooting vor: „Jetzt anstoßen und lachen!“ „Jetzt umarmen!“ „Dasselbe noch mal!“ „Bitte dorthin schauen!“ „Yeah, und singen Sie ruhig ein Weihnachtslied!“ „Gut! Gleich nochmal!“ …
Ich stehe in der Ecke und betrachte das Ganze. Mal was anderes. Skurril. Wie die ganze Welt. Gut, dass es diesen Stoff gibt, denke ich und schließe die Augen beim Trinken.

Mittwoch, 1. November 2017

"T-T-T"


Der letzte Urlaubstag. Viel brachte mir die freie Woche nicht – wen wundert`s. Ich hätte mir mehr vornehmen müssen, statt zuhause abzuhängen. Sturmtief Herwart machte es einem allerdings nicht einfach: Warum bei diesem Sauwetter rausgehen, wenn man`s zuhause schön gemütlich hat?
An einen Fahrradausflug in den Spreewald, wie ich es anfangs vorhatte, war gar nicht zu denken. Auch eine Städtereise zur Beziehungs-Sanierung kam in Frage, wurde dann aber schnell wieder verworfen. Ich verpennte die Tage weitgehend mit Trinken, TV und tristen Gedanken (T-T-T).
Meine Sache, wenn ich mich der Lethargie hingebe. Woher kommt dieser Druck, etwas machen zu müssen? Wieso fühle ich mich deswegen mies?
Dann fiel mir ein, dass ich die Tage hätte nutzen können, das Grab meiner Eltern zu besuchen. Möglicherweise hätte mir Herwart aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Vielleicht hatte ich auch einfach Angst vor dieser Reise in die Vergangenheit… Sei`s drum.

Es wird eine kurze Woche im Büro. Nur zwei Tage, dann ist bereits wieder Wochenende, und ich kann weiter dem "T-T-T" frönen.

Montag, 30. Oktober 2017

Gratwanderung


Sonnen-Montag eingequetscht zwischen einem stürmischen Sonntag und dem Feiertag. Die Chefin sagte mir, als ich mich in die Woche Urlaub verabschiedete: „Und denken Sie an den Reformationstag.“ „Ja, klar“, antwortete ich leicht verwirrt. Vielleicht ist sie Protestantin. Sie lachte blöde. Ich weiß nicht, was ich von dieser Frau halten soll, und ihr geht`s wohl genauso mit mir. Jedenfalls gehen mir alle kirchlichen Feiertage, egal von welcher Konfession initiiert, seit jeher am Arsch vorbei. Besser ich fange jetzt nicht damit an, über diesen ganzen Kirchen-Quatsch zu sinnieren – das würde mir nur den Tag verderben, … der gleißend hell daherkommt und bitter kalt.
Morgen ist also Feiertag. Und Halloween außerdem. Auch so was Dämliches, das ich besser von mir wegschiebe. Aber wie sagte mein ehemals bester Freund wiederholt: „Leben und leben lassen.“ Ich denke regelmäßig an ihn, auch wenn ich im Büro Lungentumore dokumentiere. Er war Kettenraucher. Ob er noch lebt?
Mir fehlen die Freundschaften von früher. Ich tue mich schwer damit, neue Bekanntschaften zu knüpfen. Dabei wimmelt es in Berlin nur so von Menschen aller möglichen weltanschaulichen und politischen Ausrichtungen. Mist, ich merke schon, auch dieses Thema zieht mich runter. Ich gebe mir zu viele Blößen. Ich demoralisiere mich selbst. Der Pfad zwischen beherrschter Schwermut und Depression ist verflucht schmal.
Ich spüre den Herbst, als wäre es mein eigener. Ich würde am liebsten wegschauen. Wer sieht sich schon gern in die eigenen Eingeweide. Eine verspätete Midlife-Crisis? Beziehungskrise? Seelischer Erschöpfungszustand? Weiß der Teufel.

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Der Handwerker


Das Leben hält sich an keinen Fahrplan, zumindest was unsere Gefühle angeht. Ich sitze so rum und mache mir Gedanken. Zwischendurch schaue ich aus dem Fenster auf die Straße. Ich finde es bemerkenswert, wie das Leben jeden Tag abläuft: mit Menschen und ihren Hunden, die auf dem Gehsteig vorbeilaufen, Menschen auf Fahrrädern und Fußgänger, Mütter mit ihren Kindern, Autos, die fortwährend übers Kopfsteinpflaster rauschen, Menschen aus dem Wohnblock gegenüber, die wie ich aus dem Fenster schauen…
Ich beobachte einen Handwerker, der seinen Wagen vorm Haus parkt. Er packt seine Siebensachen zusammen. Ziemlich lange braucht er dazu. Immer wieder fällt ihm noch was ein, und er geht zurück zum Wagen. Zuletzt kehrt er um, weil er die Wasserwaage vergaß. Nach einer viertel Stunde verschwindet er schließlich aus meinem Blickfeld zu einem der Hauseingänge. Wenn er dort in derselben Manier und im selben Tempo seine Arbeit fortsetzt… Aber gut, ich bin nicht sein Kunde. Es war nur lustig, ihm bei dem seltsamen Procedere zuzugucken. Womöglich ist er ein echter Profi, - wollte einfach Zeit schinden. Was weiß ich. Ich denke an meinen Vater, der ein sehr guter Handwerker war. Er ging die Dinge auch immer langsam an. Was gut werden soll, braucht Weile.
Ich denke an meine Büro-Kolleginnen, die eine Menge Zeit mit Begrüßungen, Schwätzchen halten und Kaffee kochen verbraten, bis sie ihre Computer hochfahren…
Manchmal überkommt mich das Gefühl, dass meine Kolleginnen in einer anderen Welt leben als ich. Nicht nur meine Kolleginnen, überhaupt alle Menschen. Sogar meine Partnerin. Gut – möglicherweise denken die anderen dasselbe von mir. Dabei bemühe ich mich ehrlich, mich anzupassen. Wenn ich morgens auf der Arbeit erscheine, gehe ich zuerst alle Büros ab und begrüße meine Kollegen und Kolleginnen. Ich rede mit ihnen übers Wetter und anderen Unsinn, soweit mir etwas einfällt. Nach acht Monaten gewöhnte ich mich an meine Arbeitsstätte, aber die Menschen dort erscheinen mir immer noch fremdartig.

Eine Woche Urlaub seit heute. Das ist fast nichts. Ich sitze an meinem Schreibtisch und schreibe an diesem Beitrag. Ich bemühe mich um einen Kontakt zu mir selbst, zu meinen aufrichtigen Gefühlen. Wenn ich mich nach rechts drehe, ist da der Blick aus dem Fenster zur Straße. Unverändert, - mit anderen Statisten. Alles geht seinen Gang. Unaufhörlich. Mein Herz schlägt, das Blut zirkuliert durch meinen Körper. Der Stoffwechsel passiert. Die Nerven sind angespannt. Im Kopf flunkern mir Milliarden von Neuronen ein Selbst vor. Ich denke, ich werde den Tag langsam angehen lassen…

Samstag, 21. Oktober 2017

Zur Inspektion


Die Woche fiel mir schwer. Trotz der schönen Herbsttage. Vor dem Computer brannten mir die Augen vor Müdigkeit und Überanstrengung. Meine Kollegin ging in ihren wohlverdienten Urlaub. Ich muss nun die PDFs, an denen sie saß, weiter abarbeiten. 233 Histologien bleiben noch, und es warten bereits die nächsten CDs voller pathologischer Diagnosemeldungen. Anders als bei Papiermeldungen starre ich nun nur noch auf die Bildschirme.

Privat ist inzwischen die Atmosphäre distanziert und kühl. Unter der Woche sehen wir uns lediglich beim Kommen und Gehen. Es gab doch Tage, an denen es anders war. Ich kriege nicht zusammen, was mit uns los ist. Vielleicht längst der Anfang vom Ende. In mir nagen Unmut und Eifersucht. In einem Anflug von Sehnsucht fragte ich sie, ob sie Lust auf einen Wochenendtrip habe. Ich erinnere mich an die schönen Ausflüge, die wir zusammen unternahmen: nach Stettin, Hamburg, Rostock, Magdeburg, Lübeck…

Es ist Samstagmorgen. Sie liegt noch im Bett, - kam erst spät von der Arbeit zurück. Die morgendliche Ruhe wirkt auf mich wie eine zärtliche Umarmung von Innen. Im Hintergrund dudelt Musik aus dem polnischen Lieblingsbluessender. Die Stadt wacht langsam auf. Ich blicke in das erste Tageslicht. Über den Dächern grauer Himmel. Der Gehsteig übersät mit braunen Herbstblättern.
Sie wird mit einem alten Bekannten dessen Eltern in Köthen besuchen und über Nacht bleiben. Ich weiß noch nicht, was ich mit dem Wochenende anstelle, - werde nachher in die Oranienstraße fahren und endlich das neue Fahrrad zur ersten Inspektion abgeben (die ist gratis).
Für Liebesbeziehungen sollte es auch Inspektionen geben. Vielleicht ließe sich dann noch was retten.

Sonntag, 15. Oktober 2017

Gedankenkrebs


Endlich der versprochene Goldene Oktober! Die Sonne bringt die bereits herbstbunten Blätter zum flirren. Ich sitze am Schreibtisch und blinzele immer wieder nach draußen. So ein Wochenende ist viel zu kurz, denke ich, der Samstag gestern war für die Tonne. Ich fühle mich fett und bewegungsfaul. Mir fehlt es an Antrieb und Ideen. Nach fünf Tagen Dokumentation träume ich von Tumoren. Der Stahlschrank, in dem die Tumormeldungen lagern, platzt aus allen Nähten. Wir kommen in der Abarbeitung der Flut von Meldungen nicht nach. Die Registerleiterin steht unter Druck. Es stehen mehr Fragen als Antworten im Raum. In den Büroräumen betretene Stimmung. Mehr als dokumentieren können wir nicht. Und das ist schwer genug bei der komplexen Materie. Die Abbildungsmöglichkeiten des Dokumentationssystems sind beschränkt. An manchen Fällen könnte man verzweifeln. Ich fühle mich an meine Zeit in der Altenpflege erinnert: Was wissen die da oben von den Schwierigkeiten unserer Arbeit? Sie entwerfen auf dem Reißbrett, wie es laufen soll. Wenn es nicht nach ihren Vorstellungen klappt, suchen sie die Fehler nicht bei sich, also bei ihrer Planung, sondern zuerst bei den unteren Ebenen…
Scheiß Politik – überall! Aber okay, ich will mich trotzdem nicht beklagen. Dank der Tumordokumentation habe ich einen neuen Job. Vielleicht wird aus dem Projekt ja noch was.
Vielleicht wird aus diesem Sonntag noch was.

Dienstag, 3. Oktober 2017

Satt


Der Brückentag im Büro kommt fast gemütlich daher. Die Chefin krank und nur etwa die Hälfte der Kollegen/Kolleginnen anwesend. Fahles Licht in den Räumen – mehr gibt der Tag nicht her. Es fängt zu schiffen an, als ich 13 Uhr in die Mittagspause radele. Schnell haben sich große Pfützen auf den Gehsteigen und Straßen gebildet. Großstädte sind im Regen besonders hässlich: der Verkehr erscheint noch lauter, der Dreck noch dreckiger, die nassen Hausfassaden hässlich wie die Nacht… Ich bin der einzige Gast in der Kiezkneipe, wechsele ein paar Worte mit der Kneipenmutter, die in ihrem früheren Leben Hebamme war. Danach noch einmal aufraffen, zurück in die Büroräume, ein paar Fälle dokumentieren, teils interessiert, teils uninteressiert am sozialen Miteinander, je nach Thema mit den Quasseltanten im zwielichtigen Flur stehen. Die Stimmung lockert auf vor Feierabend. Morgen Tag der Deutschen Einheit, ein freier Tag, der die Arbeitswoche verkürzt.
Die Menschen strömen in den Supermarkt, als wäre schon wieder Wochenende. Ich reihe mich ein. Ein paar Sachen fallen einem immer ein, die man noch einkaufen könnte.
Zuhause schalte ich die Glotze an und fläze mich auf die Couch, eine Pulle Bier vor mir und Lasagne aus der Mikrowelle. Ich zappe durch die Programme, bleibe ein paar Minuten bei „The Big Bang Theory“ hängen, zappe in der Werbepause auf den Nachrichtensender und erfahre von dem Drama, das sich in Las Vegas abspielte. Ein Mann hatte aus dem 32. Stockwerk eines Hotels heraus auf die arglosen Besucher eines Country-Festivals geschossen. Über fünfzig Menschen wurden getötet, hunderte verletzt. Schließlich richtete er sich selbst. Wahrscheinlich ein Psychopath - die Hintergründe unklar. Trump hält eine Rede zu den schrecklichen Ereignissen. Er macht das besser, als ich dachte. Ich verfolge die Nachrichten noch eine Weile, bis sich alles wiederholt…, bis ich satt bin.

Samstag, 16. September 2017

Böser Zeh und mehr


Zurzeit habe ich einen bösen linken großen Zeh. Die Orthopädin, ein temperamentvolles Fass: „Dann zeigen sie mal her!“ Nach einer kurzen Begutachtung vermutete sie einen Gichtanfall. Ihre dürre Arzthelferin, mit der sie den Laden am späten Nachmittag alleine schmiss, röntgte den Zeh. Obwohl total unterschiedlich in Statur passten die zwei ganz gut zueinander - sie waren von der gleichen mürrisch-herzlichen Sorte. „Hast du meine Autoschlüssel gefunden?“ rief die Orthopädin, die ich mir gut als Landärztin vorstellen konnte, ihrer Helferin zu. „Nö, noch nicht“, schallte es zurück. „Oje,dann werden wir wohl mit der BVG fahren müssen…“
Schließlich erklärte sie mir nach Vorlage der Röntgenbilder, dass mein Zeh gebrochen sei und sich wohl um die Kalkablagerungen an der Bruchstelle ein Entzündungsherd gebildet hatte. Sie verschrieb mir ein entzündungshemmendes Schmerzmittel und empfahl mir kalte Umschläge. „Aber nicht mit Frotteetüchern“ fügte sie hinzu, „und am Montag rufen Sie mich an, zwischen 15 und 18 Uhr. „Okay“, sagte ich, bedankte mich artig und wünschte ihr ein schönes Wochenende.

Seit Tagen humple ich in Crocs durch die Gegend, weil ich den linken Fuß nur unter Schmerzen in einen normalen Schuh zwängen kann. „Man wird halt alt“, sagte ich einer Kollegin, um mein Humpeln zu erklären, „einem Zipperlein folgt das nächste.“
Ich war etwas angespannt, als ich nach dem Urlaub zurück ins Büro kam. Ob ich mich auch erholt habe, wurde hinter jeder Tür gefragt, und ich erzählte ein wenig von meiner Reise, die keine Erholung im üblichen Sinne war... und Blabla.
Nach der dreiwöchigen Pause fiel mir der Neustart in die Tumordokumentation ganz schön schwer. Mit was beschäftige ich mich hier nur? fragte ich mich, während ich am Schreibtisch meine Dinge ordnete und den Computer hochfuhr. Hinzu kam, dass ein paar Fehler aufgefallen waren, die ich offenbar gemacht hatte. Es ging um die Abrechnung der Meldevergütung. Die Fälle lagen allerdings länger zurück, so dass ich nicht mehr nachvollziehen konnte, warum mir dieser Lapsus passierte. Ich hörte mir geduldig die Erklärungen und Hinweise dazu an. „Schon möglich, dass ich ab und zu Mist baue", sagte ich und guckte betreten...
Im Großen und Ganzen liefen die ersten Tage im Büro aber relativ entspannt. Eine neue Kollegin, die ich bereits aus der Fortbildung kannte, hatte während meiner Abwesenheit angefangen. Sie umarmte mich spontan zur Begrüßung. „Ach, ihr kennt euch?“ fragten die anderen erstaunt…, und das tat mir gut.

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