Als Gebüsche noch Gebüsche waren

Donnerstag, 16. Februar 2017

Ritchie


Wie alles anfing. Das Wasser floss noch schneller, und Gebüsche waren noch Gebüsche. Ritchie fuhr einen Fiat 500 mit Faltdach. Er war der erste von uns mit einem Auto. Wir waren Schüler des Ottheinrich-Gymnasiums. Die Schule lag in einem weitläufigen Komplex mit anderen Schulen und den Sportstätten am Stadtrand. Sie hatte nichts Besonderes, außer dass sie unsere Schule war. Tausend Pennäler wurden von mehr oder weniger dazu begabten Paukern unterrichtet. Jahr für Jahr wurden wir durch diese Wissensmühle gezogen, und plötzlich standen wir kurz vorm Ende. Zehn Jahre lang (inklusive Ehrenrunde) war diese Schule für mich zu einer meist ungeliebten Pflichtübung geworden. Andererseits entwickelten sich dort Freundschaften, die erste Liebe… Als mittelmäßiger Schüler am unteren Rand schlug ich mich so leidlich durch. Dementsprechend gehörten meine Kumpels nicht zu den Klassenbesten, sondern eher zu den Außenseitern. Was wir gemeinsam hatten: wir schissen auf die Schule (und überhaupt alles). Aber wir waren zu gut erzogen, um nicht eine Restdisziplin aufzubringen. Instinktiv wussten wir, dass ein Abbruch nur noch mehr Probleme brächte. Wir waren abhängig von den Eltern. Wir wussten nicht viel vom Erwachsensein und Geldverdienen. Was uns die Eltern vorlebten, erschien jedenfalls nicht sehr begehrenswert.
Ritchie war ein pummeliger, kleiner Typ, dem sehr früh die Haare ausgingen. Ich mochte sein Lachen, und er hatte schöne Augen. Und: er war kein Schwätzer. Schwätzer und Angeber waren mir schon immer ein Gräuel. Ritchie mochte Levis Jeans, Led Zeppelin und Fußball.
Endlich konnten wir unsere Entschuldigungen selbst schreiben! Den Sportunterricht am Nachmittag ließen wir gern ausfallen und unternahmen stattdessen eine Sause nach Heidelberg. Alles was weiter als fünf Kilometer von unserem Zuhause entfernt lag, bedeutete damals noch Abenteuer. Auf der Fahrt öffneten wir das Faltdach des Fiat 500 und sangen lauthals Beatles Songs nach oder französische Chansons, die wir bei unserem Französischlehrer gelernt hatten, einer der wenigen guten Pauker, ein Kettenraucher. Seine Stimme klang danach, und er lief ziemlich schlampig durch die Gegend. Aber wir hingen an ihm. Bei ihm fühlten wir uns verstanden.
In der Oberstufe hatten wir jede Menge Freistunden zwischen den Kursen (oder wegen Krankheit einer Lehrkraft). Ritchie fuhr oft für den Hausmeister mit der markanten Säufernase zum Supermarkt und besorgte dessen Lieblingswein für einen Obolus von zwei Mark. Das reichte für ein Sixpack Bier, das wir schnell noch vorm nächsten Unterricht vernichteten. Die Zeit bis zur nächsten Schulstunde musste dabei genau kalkuliert werden. In jedem Fall waren wir danach lustig drauf. So fing es damals an. Der Beginn meiner Alkoholkarriere.

Sonntag, 27. November 2016

Aller Anfang ist schwer


Mit smarten Siebzehn trug ich eine Zeitlang die Tageszeitung aus. Der Bezirk, den ich übernahm, bestand hauptsächlich aus einer großen Psychiatrie, parkähnlich auf der Anhöhe über der Stadt angelegt. Das Gelände hatte die Größe von einem Dorf. Zum Einlernen fuhr ich hinten auf dem Moped meines Vorgängers mit, als er seine letzten Touren machte. Für ihn war es längst Routine, aber ich sollte mir alles genau einprägen, während wir von Backsteinhaus zu Backsteinhaus knatterten, vor deren Türen oft schon jemand auf die Zeitung wartete. Mein Vorgänger verriet mir einige Abkürzungen und gab mir Tipps – ich nickte nur und duckte mich hinter ihm auf dem Moped. Es war bereits November und frühmorgens frostig kalt und dunkel.
Schließlich hatte ich meine erste Woche, wo ich selbstständig losfuhr. Ich machte den Job, bevor die Schule Zehn vor Acht begann. Eine knappe Stunde musste ich dafür planen. Wie verändert das Gelände plötzlich aussah! Und die Häuser schienen alle gleich auszusehen. Diese Psychiatrie war ein verdammter Irrgarten! Fast die Hälfte der Zeitungen konnte ich nicht zustellen. Es war eine Katastrophe für mich. Natürlich erhielt ich einen Rüffel von meinem Chef, bei dem die Beschwerden der Zeitungskunden eingingen.
Beschämt erzählte ich meiner Mutter davon, und sie schlug vor, dass wir am Wochenende zusammen die Tour zu Fuß abgehen sollten. Wir zeichneten außerdem einen Plan. Ich glaube, wir verwendeten den halben Sonntag dafür, durch die Psychiatrie zu spazieren. Langsam kam für mich Licht ins Dunkel. Akribisch gingen wir jedes Haus ab, wo ich eine Zeitung (oder mehrere) zu liefern hatte.
Die zweite Woche lief danach wesentlich besser! Ich hatte eine Orientierung und verfranzte mich seltener.
Der Winter wurde kalt und glatt. Meine Mutter machte sich Sorgen, wenn ich frühmorgens auf meinem Moped losschnurrte. Aber alles ging gut. Schon bald hatte ich dieselbe Routine wie mein Vorgänger. Ich war stolz auf meinen ersten Job und das erste selbstverdiente Geld.


Meine Klassenkameradin sagt zu mir: „Das wird schon. Ich dachte anfangs auch „ob ich da jemals durchblicke?“ – aber vieles wiederholt sich mit der Zeit. Ich finde, du wurdest beim Dokumentieren schon schneller.“ Sie sitzt im Unterricht neben mir und kann mit einem Auge mitverfolgen, was ich ins GTDS* eingebe.
Ich bin ihr dankbar für die aufmunternden Worte. Nach zwei Wochen spüre ich erste Fortschritte. Unendlich viele Fragezeichen bleiben aber. Jede Tumorentität hat ihre Spezialitäten. Auch die Anamnesen zu den Fällen können außerordentlich kompliziert und darum schwer abzubilden sein.
Ich werde noch viel Geduld und Anstrengung investieren müssen, bis ich in der Tumordokumentation eine Art Routine bekomme.
Mit der Geschichte von meinem ersten Job als Zeitungsausträger mache ich mir selbst Mut. Ich stehe nicht das erste Mal in meinem Leben am Anfang einer Sache, die mir völlig unmöglich erscheint.


*Gießener Dokumentationssystem

Sonntag, 15. März 2015

Unvergessliche Lehrer (1)


Frau M. machte ihrem Namen alle Ehre. Sie moserte viel herum mit uns Kindern in der Sexta. Ihre Strenge war legendär. Erst im Gymnasium lernte ich Lehrer wie sie kennen, die mir die Schule nachhaltig verleideten. An die Lehrer in der Grundschule habe ich im Großen und Ganzen keine negativen Erinnerungen. Frau M. machte uns Kindern überdeutlich, dass Schule und Spaß nicht zusammengehörten. Ihre Pädagogik bestand in der Hauptsache aus dem Notenbuch und Demütigungen. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie einmal von Herzen lachte oder uns Kinder ermunterte. Ich war von ihr eingeschüchtert. Die Schule machte mir immer mehr Bauchschmerzen. Und als die Noten schlechter wurden, ging es im Prinzip nur noch ums Überleben - also um das Erreichen des Klassenziels. Nur bei wenigen Lehrern war ich im Unterricht wirklich entspannt. Warum zum Teufel hat Frau M. uns zarten Kinderseelen derart zugesetzt? Ich wurde immer in mich gekehrter und gehörte schon bald zu den Außenseitern in der Klasse.
Sowieso war ich ein schüchternes Kind und brauchte Lehrer, die ein wenig auf mich eingingen. Demgemäß fielen oder stiegen meine Leistungen im selben Fach je nach Lehrer. Frau M. werde ich nie vergessen – leider im negativen Sinne. Einige Jahrgangsstufen lang hatte ich Ruhe vor ihr. Aber in der Oberstufe erwischte ich sie wieder. Inzwischen hatte diese alte Jungfer geheiratet, ausgerechnet Herrn A., den ich als Religionslehrer kannte. Herr A. ist auch so ein Thema meiner Schulzeit. Er war der einzige, der mir in Religion ein Mangelhaft im Zeugnis verpasste. Normalerweise war die denkbar schlechteste Note in diesem Fach ein Befriedigend. Mit der "Fünf" konnte ich vor meinen Mitschülern prahlen! Eigentlich war Herr A. recht lustig. Er kam zur Tür herein und setzte sich mit Schwung aufs Pult. Da saß er dann im Schneidersitz ähnlich wie ein Buddha und zitierte am Liebsten den Luther-Spruch „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz“. Herr A.s Namen besaß auch eine Affinität, nämlich zu dem Zwerg Alberich – aber das nur nebenbei. Er war bestimmt einen Kopf kleiner als Frau M. und kokettierte gern mit seinem kugeligen Bauch. Er gefiel sich selbst am besten. Warum auch immer. Mit Frau M. fand er sein Liebesglück. Ich mag mir die Details nicht vorstellen.
In der Oberstufe hatte ich also Frau M. wieder. In Gemeinschaftskunde. (Sie hieß inzwischen A.-M..) Mein bester Kumpel und ich saßen in der ersten Reihe, und wir machten über ihren Riesenarsch Witze, wenn sie sich zur Tafel drehte. Wir waren eben blöde Teenager. Die Große Pause und jede Freistunde nutzten wir, um zum Auto meines Kumpels zu gehen und Alkoholisches in uns hineinzuschütten. Die Schule und ihre Lehrer hatten uns bestens auf das Leben vorbereitet...

Samstag, 28. Februar 2015

"Faszinierend"


Leonard Nimoy ist tot*. Wir kennen ihn wahrscheinlich alle aus der Science Fiction Serie „Raumschiff Enterprise“. Er verkörperte den Charakter Spock, einen Halbvulkanier, der durch seinen scharfen Verstand und seine scharf geschnittenen Ohren auffiel. Ohne Spock hätte, glaube ich, die Serie nie Kultstatus gewonnen. Ich erinnere mich gern an seinen Ausspruch „Faszinierend“ und seinen trockenen Humor. Leonard Nimoy schlüpfte perfekt in die Rolle "des Logikmonsters mit menschlichen Zügen". Unvergesslich sein stoischer Gesichtsausdruck, das Hochziehen der Augenbraue, die abgespreizten Finger des Vulkanier-Grußes, oder wie er mit einem speziellen Griff in den Nacken seine Gegner schachmatt setzte. Spock repräsentierte als Mischwesen außerirdischer sowie irdischer Herkunft eine höchst ambivalente Figur - die Tiefe und gesellschaftliche Brisanz besaß. Man muss sich vorstellen, dass Raumschiff Enterprise in den USA in einer Zeit produziert wurde, als Martin Luther King ermordet wurde... (na ja, wenigstens war Spock nur halb ausserirdisch und kein Schwarzer)
Das alles interessierte uns Kinder natürlich wenig, wenn wir am späten Samstagnachmittag vor den TV-Bildschirmen hingen. Wir waren frisch gebadet und warteten auf den legendären Vorspann:
“Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung 5 Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“
Ich machte es mir auf dem Wohnzimmerteppich bequem und bettelte meine Mutter um Süßigkeiten an. Wir schrieben damals das Jahr 1972, und Fernsehen war noch etwas besonderes. Es gab weder Computer noch Handys. Gut vierzig Jahre gingen seitdem ins Land. Ich kriege rückblickend nicht mehr alles zusammen, was mit mir passierte, wie rasant sich die Welt veränderte. Doch die Reise durch die Jahre geht dem ungeachtet weiter. Irgendwann werden wir alle Vergangenheit sein – für zukünftige Generationen. Und so weiter und so fort. Wir Menschen strecken uns in unserem kurzen Leben nach vielen Dingen: nach Reichtum, Macht, Geld, Erfolg … nach den Sternen und nach Erkenntnis. Wo wollen wir hin? Wofür opfern wir unser Leben? Ist nicht die Liebe das einzig entscheidende? Mr. Spock?


*Leonard Nimoy gehörte derselben Generation wie meine vor zwei Jahren verstorbenen Eltern an. Merkwürdig ... Bei Gelegenheit muss ich mir mal Gedanken darüber machen, warum ich es merkwürdig finde.

Samstag, 16. August 2014

Bald ist wieder Winzerfest


„Bald ist wieder Winzerfest“, sagten wir jedes Jahr Ende August. Wir waren eine Clique von jungen Männern und hatten nur Saufen, Feiern und Frauen im Kopf. Unser Schulabschluss lag noch nicht lange zurück. Ein paar waren bei der Bundeswehr, studierten oder gammelten herum. Ich machte eine Berufsausbildung. An den Wochenenden trafen wir uns in der Bier-Börse, spielten Skat und stellten Blödsinn an. Wenn Winzerfest war, spitzte es sich zu. Im Nachhinein weiß ich nicht mehr, was wir an dem Rummel so aufregend fanden. Es lief immer gleich ab: Umso später der Abend, desto betrunkener waren wir ...
Das Festzelt wich irgendwann der „Eishalle“. Damit ging etwas Flair verloren – andererseits bescherte uns die Eishalle mit den Stufen vor ihren Eingängen eine Art Tribüne, auf der wir uns ausbreiteten und unseren mitgebrachten Wein tranken. Meine Kumpels gingen öfter auf die Runde durch den Rummel, während ich am liebsten auf den Stufen sitzen blieb und die vorbeiziehenden Leute beobachtete. Irgendwann würden alle wieder vorbeikommen. Mich reizte das Abtauchen in das Menschengetümmel nie. Später am Abend wurde es freilich gefährlich auf den Stufen, weil Gläser und Flaschen durch die Gegend flogen.
"Bald ist wieder Winzerfest". Damit war auch klar, dass der Sommer sich seinem Ende zuneigte. Wir verbrachten die letzten Tage im Schwimmbad oder am Baggersee. Ich erinnere mich daran, als hätte es in einem anderen Zeitalter stattgefunden, als noch die Dinosaurier auf der Erde herrschten.
Aber das Winzerfest findet immer noch statt. Es sieht aus wie damals: der Messplatz und die Eishalle. Als im letzten Jahr meine Eltern starben, ging ich nach den Beerdigungen in meiner Heimatstadt spazieren. Alles kam zurück wie auf einer Zeitreise – andererseits fühlte ich mich deplatziert. Ich blieb nicht lange. Ohne viel Wehmut konnte ich das Kapitel abschließen. Die Geister der Vergangenheit grinsten mir nach.
Wen interessiert es auch, wo ich aufwuchs und meine Schulzeit verbrachte …, wo ich meine erste Liebe kennenlernte und mit meinen Kumpels Besäufnisse abhielt?

Ich sitze auf den Stufen vor der Eishalle und warte darauf, dass sie alle wieder vorbeikommen ...

Samstag, 12. Juli 2014

Im Gedenken


Meine Mutter ertrug die ganzen Grausamkeiten nicht mehr, die auf der Welt passieren. Sie konnte keine Filme mehr schauen, in denen es grausam oder gewalttätig zuging, und auch die schlimmen Nachrichten nicht mehr hören. Sie liebte ihren Garten, in dem sie sich an dem Wachstum und Gedeihen der Pflanzen erfreute. Sie wollte nicht mehr hin sehen auf Gewalt und Krieg und Elend. Die Ängste waren zu groß und marterten sie dann vor allem nachts. Ihre Seele war ein zartes Pflänzchen, das an der Rohheit des Lebens langsam zugrunde ging. So verstehe ich es zumindest heute. Meine Mutter starb im letzten Jahr, ohne das Frühjahr mit seinem unbedingten Lebenstrieb noch einmal in seiner Gänze zu erfahren. Sie starb, weil sie keine Kraft mehr hatte, weil sie es sinnlos fand, noch eine Runde zu drehen (nachdem ihr Mann schon gegangen war).
Es ist wohl ein Naturgesetz, dass die schwachen Pflanzen eingehen. Ich frage mich, wer diese scheiß Naturgesetze machte – was übrigens auch ein Grund ist, warum ich nicht an Gott glauben will. Ganz anders als meine Mutter, die still bis zuletzt an ihrem Glauben festhielt.
Ich weiß, dass ich ihr auch ganz schön Sorgen machte. Wie gesagt, ich kann nicht wegschauen. Darum stelle ich oft unsensible Fragen. Darum trinke ich mehr, als mir gut tut. Und darum fühle ich mich oft einsam und unglücklich ... Frühling, Sommer, Herbst und Winter – keine Jahreszeit existiert für sich. Wir drehen uns alle im Rad des Lebens. Ich liebe dich, Mutter, und gedenke deiner. Ich bin dein Sohn. Mama, hier bin ich, und wandle weiter über den Erdboden, ohne recht zu wissen wohin.




Freitag, 30. Mai 2014

Auslöser


Körper werden durch die Luft geschleudert. Ein Feuerball breitet sich über dem Deck des Schiffes aus. Ich sehe eine Doku über den Falklandkrieg. Tränen steigen mir in die Augen. 1982 – ich machte mein Abi und fing im Spätjahr eine Ausbildung zum Technischen Zeichner in einem Ingenieurbüro an. Ich war frisch verliebt und unternahm im Sommer eine spannende Interrail-Reise.
„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, sagten meine Bosse. Beide waren Arschlöcher. Ihre Welt bestand aus Arbeit und Großkotz. Die Flasche Ballantines auf dem Schreibtisch und eine teure Zigarre im Mund. Im Hausflur die Golfschläger und am Straßenrand ein Porsche Targa. Mein einziges Potential war meine Jugend. Ich interessierte mich für meinen Job herzlich wenig. Aber ich machte ihn, weil ich etwas machen musste und keine andere Idee hatte. Zum Bund wollte ich auf keine Fälle, und durch die Ausbildung wurde ich erst mal zurückgestellt.
1982 – ich hatte eine schöne Freundin und fühlte mich erwachsen, weil ich nun zur arbeitenden Bevölkerung gehörte. Vor 32 Jahren. Unfassbar. Ich kann es nicht glauben, dass ich immer noch auf der Welt bin. Ich musste in keinen Krieg. Die Doku ist berührend und gut. Viele junge argentinische und englische Soldaten ließen ihr Leben. Die Mutter eines gefallenen Soldaten kommt zu Wort. Sie war stolz auf ihren Sohn gewesen, als sie ihn damals in den Krieg ziehen sah. Ein Leichensack kam zurück. Nicht wenige Veteranen nahmen sich in den Jahren danach das Leben. Posttraumatische Belastungsstörung. Man ließ sie allein damit. Viele verfielen dem Alkohol.
In der Kneipe trank ich stolz mein Feierabendbier und spielte Billard. Ich war gar nicht mal so schlecht. Am nächsten Morgen dann mit dickem Kopf ins Büro, wo ich mich hinter dem hochgestellten Zeichenbrett versteckte, und hoffte, dass die Bosse zu einer Baubesprechung fuhren. Waren sie weg, wurde die Atmosphäre unter den Mitarbeitern viel entspannter. Da ließ es sich aushalten. Meine Freundin holte mich manchmal von der Arbeit ab. Mein Gott, war sie jung und hübsch! Vier Jahre waren wir ein Paar. Ihr Vater hatte eine Metzgerei und verdiente ganz gut. Er kaufte eine Villa, und meine Freundin durfte manchmal den Mercedes nehmen …
Ich las damals Cesare Pavese und Hemingway und schrieb meine ersten Kurzgeschichten. Ich war unbefangen. Ich war gespannt auf das, was noch kommen würde. Dabei wusste ich nicht, was ich eigentlich wollte. Das Leben sollte ein einziges Abenteuer sein. Auch die jungen Soldaten, die in den Falklandkrieg zogen, fassten es als Abenteuer auf. Die eiserne Lady Thatcher hatte den Befehl erteilt, und die Bevölkerung jubelte. Die Falklandinseln mussten zurückerobert werden. Der Nationalstolz gebot es. Inseln am anderen Ende der Welt – Überreste des British Empire.
Ich stand hinter meinem Zeichenbrett mit einem Kater und änderte irgendwelche Pläne um, die mich nicht die Bohne interessierten. Von der Schule her war ich es gewohnt, Sachen halbherzig zu machen, nur um über die Runden zu kommen, weil es sein musste, weil es keine Alternative gab. Jedenfalls keine bessere. Ich machte das, was fast alle meiner Kumpels taten, ganz egal, ob sie beim Bund waren, eine Ausbildung machten oder studierten. Nach dem Schulabschluss kam man vom Regen in die Traufe. Der einzige Unterschied war, dass man nun als erwachsen galt. Die Welt stand uns offen. Natürlich ein Trugbild.
32 Jahre später sitze ich an meinem Schreibtisch und versinke in die Vergangenheit. Die Doku gab den Auslöser. Die jungen Soldaten, die damals in den Krieg zogen, waren Altersgenossen.
(Bin ich noch die Rotznase von früher? Was änderte sich? An welchem Punkt meines Lebens stehe ich heute? Was wird werden? Habe ich heute klarere Ziele?)

Freitag, 6. September 2013

Ein Schlafsack voll Erinnerungen


Heute mache ich mich endlich daran, einen neuen Schlafsack zu kaufen. Der alte hatte sich während meiner letzten Fahrradreise begonnen aufzulösen. Ich bettete ihn danach sanft in der Mülltonne. Er erwies mir gute Dienste. Seit 1981 – Wahnsinn! Ich kaufte ihn vor meinem ersten Südfrankreich-Trip. Ritchie, ein Klassenkamerad und Kumpel, war bereits 18 und hatte einen gelben R4. Erst fuhren wir nach Paris, weil er mir unbedingt die Rue Saint Denis zeigen wollte. Nach der Besichtigung der Nutten schliefen wir in einer Telefonzelle und warteten darauf, dass die Metro wieder öffnete, um zurück zu unserem Auto zu kommen. Ich erinnere mich nur noch schemenhaft. Zuerst kauften wir uns in Paris Baskenmützen. Als wir Richtung Süden weiterfuhren, setzten wir sie auf und sangen französisches Liedgut, das uns unser Französischlehrer beigebracht hatte:
„Trois jeunes tambours s'en revenaient de guerre
Trois jeunes tambours s'en revenaient de guerre
Et ri et ran, ran pa ta plan.
S'en revenaient de guerre!“

Und anderes mehr, das mir nicht mehr in den Sinn kommt.
An der Rhone schlugen wir unser Zelt auf. Wir hatten es nicht eilig. Zwei junge deutsche Frauen, nicht wesentlich älter als wir, zelteten neben uns. Eine dünne und eine feiste – adäquat zu mir und Ritchie. Wir verbrachten den Abend zusammen unter freiem Himmel bei Stephan Sulke Musik. Die Dünne war Sulke-Fan. Wir tranken ordentlich Rotwein. Noch heute erinnere ich mich an den merkwürdigen Geschmack beim Knutschen mit der Dünnen. Ritchie verschwand mit der Feisten in der Dunkelheit.
Als wir am nächsten Morgen aufwachten, waren die beiden jungen Frauen bereits abgereist.
Mit schwerem Kopf aber gutgelaunt machten auch wir uns wieder auf den Weg.
Noch aufgeregt erzählten wir uns während der Fahrt unsere Erlebnisse. Mehr als Knutschen und Fummeln war aber nicht.
Wir fuhren ausschließlich Route Nationale, weil wir die Autobahn-Maut sparen wollten. Unsere Schüler-Geldbörsen waren nicht gerade dick. Nun konnten wir es kaum noch erwarten, ans Meer zu kommen. Vorbei an Orange, Avignon, Arles, erreichten wir schließlich bei Saintes-Maries-de-la-Mer die Küste. Hinter jeder Häuserreihe vermuteten wir das Meer. Schließlich waren wir da. Ohne sich umzuziehen rannte Ritchie über den Strand zum Wasser. Ich folgte ihm. Wir lachten wie behämmert und spritzten uns gegenseitig nass. Es war ein heißer Tag. Die Sonne stand bereits tief ...

Heute werde ich mir einen neuen Schlafsack kaufen, der hoffentlich ebenso lange halten wird wie der alte. Wie viele Erinnerungen in einem solchen Ding stecken, überlege ich mir. Was passierte nicht alles seit damals.

Dienstag, 16. Juli 2013

Es hat sich nicht wirklich was geändert


Ermessenssache


Was schädlich ist ab welchem Wert
ist viel Ermessenssache,
jeder wird von andersher belehrt.

In unserem Gespräch brachte ich
den Punkt auf Gift und SMOG,
worauf "der Gelassene" hämisch
sein Gesicht verzog:

"Dass ich nicht lache,
verkehrt, verkehrt,
das ist Ermessenssache;
auch für die breite Masse,
der Alltag bringt die Sorgen,
hauptsache, es stimmt die Kasse."

Erregt rief ich: "Reine Gier!"
Doch "der Gelassene" grinste nur:

"Dass ich nicht lache,
verkehrt, verkehrt,
das ist Ermessenssache;
gerade das Ringen um die Knete
bringt Stimmung auf die Welt
wie auf `ner Fete!"

Angesichts dieser Gelassenheit
schluckte ich ein- zweimal,
in seinen Worten lag so viel
Vermessenheit,
das war fast schon genial.



(1987)

Sonntag, 7. April 2013

Mama (2)


Du hast mich geboren. Wofür ich nichts kann. Jedenfalls weniger als du. Ich weiß nicht, wie es geschah – ich nehme an auf die übliche Weise. Vater redete schon gar nicht über so was.
Ich erinnere mich nicht, wie ich in der Plazenta heranwuchs. Offensichtlich fand ich es ganz gut dort, sonst hätte ich bei der Geburt nicht neun Pfund auf die Waage gebracht. Ab diesem Zeitpunkt war ich wirklich auf der Welt. Der ganz großen. Manchmal überlege ich, ob es darüber hinaus eine Geburt in eine noch umfassendere Welt gibt. Und so weiter und so fort. Als wäre das Leben hier auch wieder nur ein Zwischenstadium. Mama, du wirst es jetzt wissen. Sicher bedeutet es ein anderes Wissen, als wir es hier begreifen können. Sonst wüssten wir es längst, oder?
Vielleicht besuchst du mich mal in meinen Träumen und erzählst mir davon. Ich werde schon nicht umkippen. Du weißt, dass ich gern alles hinterfragte, dass ich zu viel trinke, und dass damit alles nur schwerer wurde. Nicht nur für mich, sondern auch für die Menschen, die mir nahe standen, mich liebten. Drum werde ich wahrscheinlich als Egoist angesehen. Nicht von allen – aber doch von einigen. Und wieder rede ich zu viel über mich. Fuck!
Deine Krankheitsgeschichte verhinderte, dass wir uns jemals richtig aussprachen. Fast seit ich denken kann, warst du nervlich angeschlagen. Und darum entfernte ich mich als Heranwachsender von dir – weil ich deine Not weder verstehen noch länger ertragen konnte. Bis heute weiß ich nicht, warum du nervenkrank wurdest. Ob Vater eine Rolle dabei spielte. Oder ob du mit der ganzen Familiengeschichte nicht klar kamst. Oder war es einfach genetisch bedingt. Ich bekam durchaus mit, wie du für deine Selbstverwirklichung kämpftest. Aber irgendwann gabst du auf. Dabei hättest du es schaffen können. Glaube ich. Glaube ich echt. Und du wusstest, dass ich es wusste. Und du machtest dir Vorwürfe, dass du mit mir nicht darüber reden konntest. Du machtest dir überhaupt zu viele Vorwürfe. Ich traute mich auch nicht mehr, dich darauf anzusprechen …
Mein Abschiednehmen von dir dauerte ein Leben lang. Es gab sogar Zeiten, da wünschte ich mir, es würde schneller gehen. Verzeihe mir. Ich war ein Kind. Noch heute begreife ich nicht wirklich, wie alles kam. Aber ich bin nun seit langem ein erwachsener Mann und muss mich mit meinen eigenen Schwierigkeiten auseinandersetzen. Wir waren nie wirklich böse zueinander. Ich fühlte mich nur manchmal als Kind wie auf einer Insel. Furchtbar allein, weil du so krank warst. Ich weiß, du konntest nichts dafür. Und Vater – mit ihm war nie über Gefühle zu reden. Er war auf seine Weise da. Ich erinnere mich gern an die vielen Stunden, die wir, Mama, bei nachmittäglichen Spaziergängen im Wald oder während der Essenszubereitung für Papa am Abend in der Küche miteinander verbrachten und über Gott und die Welt philosophierten. Papa winkte bei solchen Themen immer ab.
Mit keinen Worten kann ich beschreiben, was uns verband. Gebe mir ein Zeichen. Ich würde dich so gern noch mal drücken.

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