Die Arschwischmaschine hat frei

Freitag, 30. Oktober 2009

Find the other side of the world

oder: Fuck die Andere Seite


Ich finde die Vorstellung faszinierend, dass es eine Stelle auf der Erde gibt, die mir genau gegenüber liegt. Diesen Ort empfinden wir als Unterseite. Aber diese Unterseite empfindet komischerweise gerade uns als Unterseite. Heute wissen wir, dass die Gravitationskraft uns zu dieser Perspektive verführt. Gäbe es die Schwerkraft nicht - wären alle Richtungen willkürlich, außer der, die in die Vergangenheit zeigt.
Alles hat seine Gegenseite. Am Besten kann man die an Objekten ausmachen. Lebewesen haben in aller Regel ein Vorne und Hinten. Ich lebe meist nach vorne, wenn ich nicht gerade auf dem Klo sitze. Wie würde die Welt wohl ausschauen, hätte ich ein Auge am Hinterkopf? Ansonsten bin ich darauf angewiesen, dass mein Rücken (meine "Darkside of the Moon") von meiner Freundin in Augenschein genommen wird, etc.
Alle Dinge haben eine andere Seite. Sie liegt uns immer gegenüber. Und sie liegt im Dunkeln, dabei wechselt die Gegenseite ihre Position mit uns wie ein Schatten. Daher sind wir verführt, die Gegenseite wie ein Gegenteil zu uns zu betrachten, als etwas Fremdes und unter Umständen sogar Feindliches.
Liegt nicht China auf der anderen Seite der Welt? Noch immer ist China wahrscheinlich in unseren Augen das fremdeste Land der Welt ...
Die andere Seite wird zur Anderen Seite, wenn wir sie von uns losgelöst sehen. Bei ideellen Sachen passiert diese Trennung tagtäglich: Wir sehen das Böse losgelöst vom Guten, wir denken uns den Makrokosmos ganz anders als den Mikrokosmos. Der Teufel ist in unseren Augen ein Abtrünniger, und gehört nicht mehr dazu. Wir kämpfen gegen jene, die wir zu unseren Feinden erklären. Wir zerteilen das Ganze, weil unsere Vorstellungskraft das Ganze nicht erfassen kann - zu absurd ist uns der Gedanke, dass ein Mensch auf der anderen Seite der Welt ebenso fest wie wir auf der Erde steht.
Lieber ficken und bekriegen wir die Gegenseite, als sie als ein Teil von uns anzuerkennen.
Jede Medaille hat zwei Seiten. Nur eine kann oben liegen, denken wir. Und genau in diesem Denken liegt unser Fehler. Sie liegen beide oben. Beide Seiten sind Teil derselben Sache.
Unseren Geist sehe ich bildlich als das Vermögen, die Münze bzw. Medaille auf der Kante zu balancieren ... (aber das Unvermögen herrscht vor?)

Ich kam auf diese Gedanken, als ich beim Websurfen auf die Seite " Find the other side of the world " stieß. Für meinen Standpunkt bedeutet dies, dass ich im Pazifik östlich von Neuseeland auftauchte, wenn ich mich senkrecht durch die Erde bohren würde. Keine gute Vorstellung. Festland wäre mir lieber.

Sonntag, 11. Oktober 2009

IF



Die sterben wollen, leben lange; und die lange leben wollen, sterben früh. Wenn es so einfach wäre, wollte ich möglichst gleich sterben - nein, quatsch, ich wollte möglichst lange leben ...

Heute morgen verfolgte ich einen bewegenden Bericht im TV über das Leben und Sterben einiger Menschen. Wunderbar wurde aus der Perspektive der Hinterbliebenen darüber geredet und eine Stimmung aufgebaut. Ich lag noch im Halbschlaf. Ich hatte merkwürdige Abenteuer geträumt, die der Tag inzwischen wegspülte.

Es ist mal wieder Sonntag. Ich lebe in den Tag hinein. Mein Vermieter wäscht Wäsche. Beim Schleudergang zittert der Schreibtisch leicht.
Michael Nymans Musik betört mich. Es soll sein. Die Zeit bleibt stehen. Der Himmel bleibt stehen. Die Farben bleiben stehen. Nur ein einzelner Vogel, der von einer Stromleitung zur anderen fliegt, irritiert das statische Bild des Tages.

Wenn der Tod dieser Vogel wäre -





Dienstag, 1. September 2009

Blick auf den schönen Bodensee


Bild-035


Der Sommer zeigt nochmal seine sonnige Seite. Ein paar Tage Schwabenmeer. Sich sagen, dass irgendwie alles gut ist. Den Blick auf den See genießen, die Sonnenuntergänge über der Kulisse von Lindau-Insel. Spazieren gehen und tief durchatmen, Menschen und Allerlei beobachten. Wie das Leben pulst - einfach so. Bier, Käse und Brot genießen. In die Wolken schauen und sich vom Wind die Haare verwurschteln lassen (wenn sie nicht so kurz wären). Das Leben kann federleicht sein. Traumhaft - obwohl die Realität mit den Alltagssorgen ständig um die Ecke lugt. Ein paar Tage die Bedrohlichkeit und die Ängste abseits legen. Die Zeit fliegt. Alles verschwindet in einem großen Vergangenheitsbehälter. Gestern, vorgestern, vorvorgestern ...
Heute abend bin ich bereits wieder Arschwischmaschine. Das Altenheim wird mich wie immer verschlucken, und ich werde versuchen, die Menschen in den Nächten zu behüten - einsam auf den Fluren, in den Bewohnerzimmern. Einsam in den Nöten. Wieder werde ich mich fragen, was hier eigentlich vorgeht. Alles wird mir unheimlich fremd und zugleich vertraut sein.

Das Leben ist obskur mit seinen vielen Erscheinungswechseln. Wie eine Nußschale wird die Seele in den Wellen hin- und hergeworfen.

Dienstag, 14. Juli 2009

Die Arschwischmaschine zeigt ihren Schreibtisch


Bild
Vom Bett aus aufgenommen


Da sitze ich, meistens an den Nachmittagen, wenn ich nach den Nachtwachen aufstehe, oder bevor ich zum Einkaufen ins Dorf runter radle.
Angeblich gehörte der Schreibtisch mal einem Arzt. Bestimmt schreibe ich hier deswegen so kluge Sachen(?)

Montag, 6. Juli 2009

Woher kommt die Milch?

fehmarn-0021

Aus dem Automaten, Kind!

Dienstag, 21. April 2009

Wie man auf der Talstrasse zum Sozialisten wird

Wenn ich die dicken Autos sehe, die mich überholen, derweil ich mit dem Fahrrad die Talstraße hoch nach Hause fahre, werde ich automatisch zum Sozialisten. Ich komme mir vor wie der letzte Arsch, wenn ich höre, wie sie hinter mir anbrummen; und ich fahre schon ganz am Rand der abgelederten Talstrasse, aber die Idioten schaffen es nicht, mich mit ihren dicken Karren zu überholen. Mit dem Fahrrad holpere ich durch die Schlaglöcher am Straßenrand, ansonsten wäre ich auf der Straßenmitte tatsächlich eine Verkehrsbehinderung. Ich fluche auf die Wichser, wenn sie an mir vorbeibrausen, während ich mich den Berg hoch "abjanke".
Ich janke mir also einen ab auf meinem Fahrrad, während die dicken Karren an mir vorbeirauschen und mir von oben entgegenkommen. Ich frage mich, wo die arbeiten, dass sie sich diese PS-Monster leisten können. Wahrscheinlich nicht im Altenheim. Wie gesagt, wenn ich so auf den Straßen Deutschlands unterwegs bin, werde ich automatisch zum Sozialisten. Ich verstehe nicht, wie man für diese kapitalistische Perversion blind sein kann - aber na gut, wahrscheinlich bin ich nicht ganz normal.
Ebenso denke ich, wenn ich im Supermarkt, am Besten Freitags oder Samstags einkaufen gehe und in der langen Schlange vor der Kasse warte, und in die Einkaufswägen der anderen Einkäufer gucke - ehrlich, da könnte mir kotzübel werden! Ich sehe Einkaufswägen au masse angehäuft mit Scheißdreck.
Meine Liebe zu meinen Mitmenschen nähert sich dem unteren Schwellenwert, wo die Liebe schon mal leicht in Abneigung umschlagen kann. Aber ich komme nicht drum rum, denn auch ich brauche mein Bier, Nudeln und etwas Käse. Ich stehe also im Supermarkt an einem Wochenende (womöglich noch am Osterwochenende) in der Schlange vor der Kasse und werde automatisch zum Sozialisten - angesichts des Holocausts an Gehirnmasse , welchen ich beim Einkaufen beobachte (auch ich bleibe da nicht verschont).
Auf dem Parkplatz sehe ich dann, wie sie das ganze Zeug in ihre dicken Karren einladen. Da werde ich nochmals zum Sozialisten - echomäßig. Ich packe meinen Gram auch weg - in die Gepäcktasche meines Fahrrads. Irgendwie wieder mal der falsche Film, denke ich: Da wirst du wegen der kapitalistischen Konsumscheiße zum Alki, kommst davon nicht mehr weg; und du musst dir den Horror ewig angucken, musst dir den Schmerz geben!

Die Talstrasse liegt noch vor mir ...

Samstag, 18. April 2009

Dieser Tag ist Crank 2

Dieser Tag kommt daher wie eine dunkle, feuchte Arschritze. Ich wasche meine Wäsche und trinke die erste Flasche Bier. Draußen wie drinnen Waschküchenstimmung. Die Natur kotzt grün. Fositzien blühen knalle gelb. Es regnet permanent. Gestern schon, da ging ich ins Kino, in Crank 2. Der Film ist eine Actionorgie, wie ich sie selten sah. Ich amüsierte mich köstlich. Crank 2 ist total abgefahren, schräg, krank - fiesester, bester Pulp - natürlich nichts für zarte Gemüter.
Das Kino war so gut wie leer, und der Film hatte das richtige Tempo für geile Sexspielchen mit einer Partnerin. Ist schon wieder ein paar Jahre her, dass ich Sex im Kino hatte. Mein Gott, wie die Zeit vergeht! Mir fällt der Name des Films grad nicht ein ... Er handelte von einem Pferderennen durch die Sahara. Meine damalige Freundin hatte ein Faible für Wüsten.
Crank 2 ist ein Film, den man getrost (wie die Pornos im Sexkino) als Endlosvorstellung laufen lassen könnte. Also vielleicht gehe ich noch mal rein, und dann mit Partnerin. Am besten fand ich die Szene, wo es Statham (der Hauptdarsteller) mit seiner Filmpartnerin mitten auf der Pferderennbahn wunderbar animalisch treibt, und die Pferde kommen angetrabt, und das Publikum grölt ... und dann die Einstellung, als die Pferde das Liebespaar überrennen: die Frau, die unter Statham liegt, reißt die Augen auf, als der riesige Pferdekörper über sie hechtet - man sieht nicht oft einen Pferdeschwanz aus dieser Position.

Das Bier ist leer. John Lee Hooker singt den Blues, und Bukowski grinst vom Bücherregal. Entschuldigt mich also kurz, bis ich mit einem neuen, kalten Bier zurück bin.

Dieser Tag ist Crank, ist Crank 2. Dieser Tag ist wie Bierflasche leer. Dieser Tag ist wie eine feuchte Muschi hinter einem Keuschheitsgürtel. Nichtsdestotrotz muss ich raus, bevor die Läden zumachen. Ich werde mich wohl oder übel vollpissen lassen,,,

(Da fällt mir doch noch der Name des Wüstenepos ein: "Hidalgo", hieß der Film damals. Die "Rahmenhandlung" - puuuuh! - werde ich nie vergessen.)




Donnerstag, 16. April 2009

Arztbesuch

Manche Tage fühle ich mich wie ein abgestandenes Bier. Oder wie eine holzige Kohlrabi. Ich komme nicht recht hoch. Der Himmel ist ein Spucknapf, und ich brüte auf dem Scheißhaus des Lebens vor mich hin. Findet Ihr das lustig? Ich komme mir vor wie in einem leeren Wartezimmer und frage mich, warum ich warten muss. Die Zeitschriften nehme ich kurz in die Hand und lege sie gleich wieder zurück. Ich bin total lustlos. Die immer wieder aufbereiteten Themen öden mich an. Ich atme und warte. Es ist vollkommen irre, dass ich hier bin. Ich bin nicht krank. Außer - das Leben ist eine Krankheit. Was meint Ihr? Ist das Leben eine Krankheit? Ich vergaß zu sagen, dass ich einen Arzttermin habe. Es muss ein Arzttermin sein. Jedenfalls sieht es hier nicht aus wie auf dem Finanzamt.
Natürlich ist das alles fiktiv wie die holzige Kohlrabi. In Wirklichkeit ist es völlig egal, wo ich gerade bin. Ich fühle mich nur so, als wäre ich bei einem Arzt wegen einer Hauterkrankung, und er erzählt mir vom Sezessionskrieg und zeigt mir ein Prospekt mit alten Repetiergewehren. "Das ist für unartige Patienten und Türken", sagt er, "raten Sie mal, was ich für diese Sitzung mit Ihnen bekomme?" Ich zucke mit den Achseln. Der Arzt zeigt mir auf dem Computerbildschirm eine Leistungsliste. "Nichts!" sagt er mit sarkastischem Unterton. Er scrollt hoch zu meinem letzten Termin - "Für den auch nichts! Ich bekomme 13 Euro 82 für Ihren ersten Besuch, egal wie oft ich Sie behandle."
"Dann komme ich doch noch ein paar Mal", sage ich süffisant lächelnd.
Mein Arzt zieht unter dem Schreibtisch eine Art Dolch hervor. "Doppelklinge, die eine Seite wie eine Säge geriffelt", sagt er, "ein echtes Notfallmesser. Es gibt nichts besseres." Ich bewundere das scharfe Messer und nicke. Er legt das Messer zurück.
"Und Sie meinen, der Hautausschlag wird nicht wieder aufblühen?" frage ich abschließend.
Er beschwichtigt: "Es kann noch ein paar Wochen dauern, bis er endgültig abgeheilt ist. Sie brauchen Geduld."

Manche Tage denke ich, dass die ganze Welt die Krätze hat, aber nur mich juckt es.

Samstag, 14. März 2009

Wie eine Schnecke ohne Haus

Nein, ich bin nicht der Typ Schnecke mit Haus. Ich schleppe so wenig wie möglich mit mir rum. Den Hausrat kann man regelmäßig ausmisten, die Kleider zur Altkleidersammlung geben, das Geschriebene redigieren - gut die Hälfte kann ich getrost wegfeuern; man kann regelmäßig zum Friseur gehen, die Zehennägel schneiden und Staub putzen, damit man in seinen vier Wänden nicht erstickt. Und ganz wichtig: Regelmäßig den Abfall rausbringen und den Elektroschrott nicht horten!
Mist, ich habe schon wieder zu viele Kaffeetassen. Die geklauten mag ich besonders gern. An ihnen hängen Erinnerungen. Die letzte nahm ich aus dem Krankenhaus mit, wo ich eine Woche mit einer Epiditymitis lag und um meine Eier bangte. Aber alles ging Gott sei Dank gut. Nein, ich sammele nicht gern. Irgendeine Kaffeetasse wird heute dran glauben müssen. Die Krankenhaustasse? Oder das Paar von der Ex? Ich mache mir die Entscheidung nicht leicht. Dann ist da noch die mit der Werbeaufschrift www.uromed.de - Katheterismuszubehör ...; außerdem habe ich noch zwei Glühweintassen ...

Okay, ich kam ganz weg von dem, was ich sagen wollte. Ich werfe gern Ballast ab. Das Leben macht einen mit der Zeit immer schwerer. Vorallem wenn man auf der Stelle sitzt/tritt. Deswegen fahre ich gern los, mit dem Fahrrad oder mit dem Zug. Wenn ich unterwegs bin, fallen viele Sachen an mir ab wie eine Kruste, die mich total überzieht, wenn ich zuhause bin. Kind und Kegel würden mich umbringen. Ich genieße mein Nacktschnecken-Dasein, auch wenn es Stunden des Sehnens nach sozialer Wärme und Geborgenheit gibt. Die Beziehung zu einer Frau kann ich mir dauerhaft nur sehr freizügig vorstellen.
So sehr wollte ich dann auch nicht Einsiedler sein, dass ich ganz ohne die Lust und die Wärme eines anderen, geliebten Menschen auskommen wollte. Auch liebe ich anregende Unterhaltungen und gemeinsame Unternehmungen. Was ich aber nicht mag, ist, dass man aufeinander hockt wie paarende Kröten. Dann kommt zu bald der Mief des gemeinsamen Alltags auf, und die Partnerin verwandelt sich nach und nach in ein Paar alte Socken oder in eine Kaffeetasse, aus der man, wenn man ehrlich ist, gar nicht mehr gern seinen Kaffee trinkt.

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wohl wäre, wenn ich von heute auf morgen eine Amnesie bekäme.
Ich wache auf und kann mich an mein vorheriges Leben nicht mehr erinnern: Nicht an meine Eltern, nicht an meinen Bruder und meine Kindheit, nicht an die Schulzeit, an die alten Kumpels, die alten Lieben, die versoffenen Tage, die nicht fertig gebrachten Studiengänge, meine Jahre als Altenpfleger ...; alles wäre wie weg. Ich wache auf, erkenne mich zwar, aber außer mir selbst ist mir nichts mehr vertraut. Ich wundere mich über die Bücher im Regal und kann mich nicht entsinnen, sie gelesen zu haben; ich stöbere in meinen Aufzeichnungen und Gedichten und schüttele den Kopf - das soll ich geschrieben haben? Dann die Bilder: meine Bilder und die Photos aus der Vergangenheit - ich würde nichts mehr aus meinem früheren Leben erkennen. Wie frei würde ich mich mit einer solchen Totalamnesie fühlen? Könnte ich wieder von Null mit meinem (Erwachsenen-)Leben beginnen? Wäre ich noch ich?
Man muss es mit dem Ausmisten ja nicht gleich übertreiben. Meine Vergangenheit gehört zu mir. Gerade die Wunden und Dummheiten brachten mich zu dem Bewusstsein, das ich heute habe. Der Wunsch nach einem neuen Leben ist, glaube ich, ganz normal. Er ist wie der Wunsch nach Jugend, nach Unverbrauchtheit.

Fazit: Man kann sich von Vielem trennen, aber nicht von sich selbst, auch wenn man danach das Bedürfnis hat - wenigstens an Tagen, wo einem die eigene Identität wie eine lästige Kralle im Nacken sitzt und einen nieder drückt. Ich belasse es bei befristeten Ausbruchsversuchen, um meinen Träumen Nahrung zu geben. Es sind Träume vom Fliegen und von der Liebe. Es sind Träume aus Büchern und Filmen. Ich will nicht immer aus der selben Kaffeetasse trinken. Ich bin auf der Suche.
Der Roman des Lebens ist in Episoden geschrieben. Die Kunst besteht wahrscheinlich darin, dass man den Mut zum Abschluss und die Geduld für einen neuen Anfang aufbringt.



Bild-014

Montag, 9. Februar 2009

Ein echtes Kinoabenteuer - "Der seltsame Fall des Benjamin Button"

Das letzte Stück zum Kinocenter müssen wir zu Fuß zurücklegen, vom Wiesenplatz aus die Zollstraße entlang. Vor uns laufen zwei junge Frauen. Ich höre die eine den Namen Brad Pitt erwähnen und sage zu Meral, dass sie bestimmt auch in den Film gehen. Es ist dunkler Abend, klamme Februarwitterung.
Zwei Tage zuvor gingen wir denselben Weg, um Fleisch einzukaufen, das in Deutschland um mehr als die Hälfte billiger ist. Der Truthahn war lecker ... Die jungen Frauen sind tatsächlich noch vor uns. Wir müssen einfach nur hinter ihnen bleiben, und sie bringen uns direkt zum Kino, vorbei an einer alten, kleinen Kirche samt Pfarrhaus, einem Altenheim und einem Kiosk, der noch hell ist. Auf der Brücke zur Grenze begegnen uns immer noch Einkäufer, taschenbepackt oder mit Ziehwägelchen, auf dem Rückweg von Weil am Rhein.
Das Kino ist ganz oben. Wir kürzen den Weg ab durch das Parkhaus. Zielstrebig steuern wir die Kinokasse an. Es ist die Samstagabendvorstellung und zwei Schlangen Wartender stehen an. "Leider haben wir nur noch auseinander liegende Plätze", sagt der Kassierer. Nach kurzem Bedenken und einem Blick zu Meral nehme ich die Karten trotzdem. "Vielleicht können wir ja mit jemandem tauschen", sage ich. Die Vorstellung hat begonnen, und die letzten Reihen füllen sich. Unsere Hoffnung auf nebeneinander liegende Sitzplätze zerplatzt. Aber ich habe einen Platz ganz außen, und Meral setzt sich auf die Stufen neben mich. Der Film erzählt die seltsame Lebensgeschichte eines Mannes, der als Greis auf die Welt kommt und immer jünger werdend schließlich als dementes Baby in den Armen seiner großen Liebe stirbt. Das Leben ist grotesk. Speziell dieses Leben. Das Leben von Jedermann. Zwischendurch sieht Brad Pitt in dem Film wirklich aus wie Brad Pitt. Meral und ich sind gefangen vom Leinwandgeschehen. Die Geschichte wird in wunderbar poetischen Bildern erzählt, die das Herz anrühren - mal zum Lachen, und mal zum Heulen. Die Figuren erzählen von Hoffnung, Liebe und Einsamkeit; von den Träumen, die man hat, und wie das Schicksal Zeichen setzt; wie man an seinen Träumen vorbei lebt, als wären sie Inseln im Nebel; und dann reißt doch eines Tages der Schleier auf, und alles ist so, als hätte es gar nicht anders sein können. "Brad Pitt ist ein schöner Mann", flüstert Meral. Ich zucke mit den Achseln. Ein paar Minuten lang sieht er in dem Film wirklich nicht übel aus, bevor ein pubertierender Jugendlicher, der innerlich vergreist, und ein "dementes" Baby die Rolle des Benjamin Button übernehmen. Längst haben Meral und ich entschieden, dass der Film ein wahres Leinwandgedicht ist, ein Epos auf das Leben: Wie verrückt und grausam das Leben ist, und dicht daneben heiter, glücklich und voll Anmut - und alles ist geheimnisvoll, ein Mysterium.
Als wir wieder auf der Zollstraße sind, zurück in der Nacht eines Samstags im Februar 2009, verweben sich die Eindrücke wirr ineinander. Mir ist warm, obwohl es inzwischen graupelt. Zum Wiesenplatz, wo die Tram fährt, sind es gut 10 Minuten Fußweg. Die jungen Frauen sind vielleicht auch auf dem Rückweg, oder sie trinken noch eine Cola im Café des Kinocenters; oder sie bestellen etwas schärferes und reden über Brad Pitt. Wie`s aussieht, werde ich nicht jünger, denke ich, - noch pflege ich die Menschen im Altenheim, um dann eines Tages selbst die letzte Tür in meinem Leben aufzumachen. Bis dahin will ich noch vielen Menschen begegnen, die etwas zu sagen haben - wie in diesem Film, und wie Meral, und einige andere, die schon lange in meiner Erinnerung Platz genommen haben.
Wäre die Wirklichkeit nur nicht so verdammt wirklich: Eine verlauste, dicke Alte quält in der leeren Tram ihren Hund, der abwechselnd knurrt und heult ... Mich juckt ein Ausschlag auf dem Handrücken ... Wir treffen am Voltaplatz Merals Sohn, der mit einem Kumpel auf dem Weg zur Disco ist ... Im Milchhüsli bleiben wir bis zur Sperrstunde und rühren im eigenen Leben, - in unserer Liebe herum ... Wie immer trinke ich ein großes Cardinal ... Es könnte alles besser aber auch schlimmer sein.



http://wwws.warnerbros.de/benjaminbutton/

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