Nach der Nachtwache ist vor der Nachtwache
(Kohle/Kreide, 680 x 880 mm, 1985)
Das Leben als Nachtwache empfinde ich wie "Zwischen Wellen". Die Nachtwachenblöcke sind die Wellenberge, die beängstigend auf einen zukommen, bevor sie einen emporheben, in ihren Fängen halten ...
Erleichtert schlittere ich hinunter ins Wellental, in meine freie Zeit, doch bevor ich richtig durchschnaufen kann, sehe ich bereits die nächste Welle auf mich zukommen -
Ein Auf und Ab durch die Monate und Jahre, das mich sehr viel Kraft kostete. Manchmal wünsche ich mir wieder einen ruhigeren Seegang für mein Leben. Die Wechsel zwischen Tag- und Nachtleben machen einen ganz kirre. Natürlich gewöhnt man sich mit der Zeit auch an dieses "Geschwanke".
Als ich damals das Bild malte, wusste ich noch nicht, dass ich in der Altenpflege und eines Tages im Nachtdienst landen würde. Ich war mit meiner Freundin nach Frankreich an den Atlantik gefahren. Südlich von Arcachon campten wir, und dort soff ich beinahe ab, während meine Freundin in der Sonne brezelte. Ich hatte Wellen und Meeresströmung unterschätzt.
Wieder zuhause schrieb ich zu diesem Erlebnis eine Kurzgeschichte und malte das Bild.
"Zwischen Wellen" ist, denke ich, eine passende Analogie auf das ganze Leben. Wir werden im Laufe der Jahre ganz schön durchgeschaukelt.
Es gab diese Frau. Sie war nun etwa solange in dem Altenheim wie ich. Als sie zu uns kam, war sie erst Anfang Sechzig. Die Diagnose: Alzheimer. Ich konnte sie noch am Waschbecken waschen. Ich konnte sie noch führen. Und sie redete, wenn auch wirr. Ich kann mich kaum erinnern. Warum verlässt mich mein Gedächtnis? Nach fünfzehn Jahren in dieser Altenpflegeeinrichtung sah ich viele Dutzend Menschen kommen und gehen, leiden und sterben. Diese Frau ist ein Relikt aus der Vergangenheit. Sie war immer da, und sie blieb die ganze Zeit im selben Bereich - also, sie wechselte immer nur in ein Nachbarzimmer.
Seit über zehn Jahren liegt sie auf einer Wechseldruckmatratze, wird künstlich ernährt, und wenige Stunden am Tag in einen Spezial-Rollstuhl gesetzt. Inzwischen bringt sie nur noch ein Brummen hervor. Ihre Augen zucken nervös, wenn ich ihr die Windel wechsele, wenn ich sie wasche, wenn ich sie von der einen Seite auf die andere drehe. Wie eine Heuschrecke liegt sie mit angezogenen Beinen und angewinkelten Armen im Bett - eine durch die hochkalorische Sondennahrung gut genährte Heuschrecke. Ihr Hautzustand ist gut. Schon lange kann sie wegen der Aspirationsgefahr kein Essen und Trinken mehr schlucken. Ihr Kopf ist durch die Spastik überstreckt, und sie röchelt und hustet oft. Wenn sich zu viel Schleim im Rachenraum ansammelt, saugen wir sie ab. Sie gurgelt und hustet. Ihre Stirn kräuselt sich. Es riecht faulig aus ihrem Mund.
Eine alte Schulfreundin besucht sie noch. Ihre Kinder kommen schon lange nicht mehr, was ich gar nicht werten will. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es für mich wäre. Wir reden zu leicht darüber, dass wir unsere Eltern in jedem Fall pflegen und betreuen würden. Wir reden viel, wenn das Leben lang ist.
Diese Frau sagt seit Jahren nichts mehr, und doch sagt sie viel - viel über unser Denken, unsere Heuchelei und den Zustand unserer Gesellschaft. Das Leben dieser Frau ist ein Dahinvegetieren und ein ständiger Kampf gegen den aufsteigenden Schleim. Nur selten sehe ich sie ganz entspannt schlafen.
Morgen, wenn ich Nachtdienst habe, werde ich sie wieder sehen. Alles wird wie immer sein. Wir verlieren selten Worte über diese Frau, nur wenn Medikamente vom Arzt geändert wurden, oder wenn wir sie absaugen mussten. Irgendwann wurde vergessen, ein paar persönliche Bilder von ihr, von ihrer Vergangenheit, nach einem Umzug in ein Nachbarzimmer, aufzuhängen. Und ich - mache auch nichts.
Ich schreibe hier von unserer Menschlichkeit. Ich schreibe von einer innerlichen Zerreisprobe.
Es macht mich wütend, wenn Politiker und Professoren über Ethik diskutieren, währenddessen Menschen allein dadurch gefoltert werden, dass sie am Leben erhalten werden.
um bei hübschen Ausblicken in Biergärten zu relaxen ...

Er war zwei Tage bei uns. Die Bereitschaftsärztin war hilflos. Die Rettungssanitäter holten den Notarzt dazu. Sauerstoff, Infusion und Morphium. Zwei Stunden standen wir um das Bett - dann wurde er abtransportiert. Man konnte nicht mehr tun. Es machte auch nicht wirklich Sinn, noch mehr zu tun. Der Tod hatte bereits den Fuß in der Tür und ließ sich nicht mehr zurück drängen. Der Mann starb im Krankenhaus. Ich wusste nicht viel von ihm, nur seine Krankengeschichte. Zwei Nächte hatte ich ihn betreut. Er war sehr unruhig gewesen und schlief nicht ... Ich denke, er spürte sein Ende.
Es macht mich immer wieder betroffen, einen Menschen dort ankommen zu sehen, wo ich, wo wir eines Tages alle enden werden - auf der Schwelle zum Jenseits.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal in diese Situation kommen würde, weder vor noch zurück zu wissen - mich von einem Arbeitgeber, einer Arbeitssituation derart in die Enge getrieben zu fühlen.
Gestern war diese Dienstbesprechung, auf der mir der Herr des neuen kirchlichen Trägers verkündete, dass nur aufgrund meiner langjährigen Betriebszugehörigkeit von einer Kündigung abgesehen wurde. Ich hatte es gewagt, die menschlichen Aspekte meines Fehlers anzusprechen.
Schließlich hob er noch darauf ab, dass er von den Mitarbeitern 100%ige Loyalität dem Arbeitgeber gegenüber erwarte, und dazu gehöre auch, dass man in seiner Freizeit erreichbar sein müsse. Diese Worte waren eine Steilvorlage für meine PDL, die mir sogleich vorwarf, ich sei nie erreichbar. Jeder Einwand und jede Erklärung meinerseits hätten die Sache nur verschärft.
Es war schwer für mich in dieser Nachtwachenbesprechung die Kontenance zu bewahren. Sie hatten mich durch den Fehler, den ich mir dummerweise aber nicht absichtlich geleistet hatte, siehe
http://abendglueck.twoday.net/stories/5786678/, mundtot gekriegt. Ich bin zum Abschuss freigegeben!
Passiert mir noch ein Fehler, finde ich die Kündigung in meinem Postkasten. Meine Kollegen und Kolleginnen wurden ebenso mit Repressalien bedroht, wenn sie sich nicht in ein "positives Licht" stellen würden. Man würde die Spreu vom Weizen trennen. Wir mußten alle unseren Unmut herunterschlucken - eine bittere Pille für jeden Menschen mit etwas Stolz im Leib.
Am liebsten würde ich alles hinschmeissen, nur um nicht mehr diesen "Laden" betreten zu müssen. Aber das ist nach 15 Jahren Altenpflegetätigkeit im selben Heim gar nicht so leicht.
Es stellen sich mir Fragen wie:
- Wo finde ich ein Altenheim, in dem ich mich einfügen kann; wo menschlicher und respektvoller miteinander und auch gegenüber den Alten gearbeitet wird?
- Will und kann ich überhaupt noch in diesem Beruf arbeiten?
- Brauche ich psychologische Unterstützung? Bin ich Burn-Out gefährdet?
- Macht es Sinn, mir juristische Hilfe zu nehmen?
- Wie sieht das mit meiner beruflichen Zukunft bis zur Rente aus (noch ca. 2o Jahre?
...
Ich fühle mich wie gelähmt, als würde eine riesige Last auf meiner Brust liegen.
Liebe Leute, werdet nur nicht Altenpfleger, außer ihr seid altruistisch (u.o. masochistisch) veranlagt. Ich erinnere mich noch gut, wie mir eine alte Kollegin vor 20 Jahren sagte: "In unserem Job stehst du stets mit einem Bein im Gefängnis." Und mit der PDL diskutierte ich vor Jahren auf einer Betriebsfeier, wie viel Engagement und Selbstaufgabe von einem Altenpfleger zu erwarten sei. Sie vertrat die Meinung, man müsse, wenn ein Engpass besteht, selbst mit dem Kopf unterm Arm noch zur Arbeit erscheinen. Ich erwiderte, wir seien doch nicht Soldaten an der Front!
Heute, an einem meiner letzten Urlaubstage, bekam ich Post von meinem Arbeitgeber. Inhalt war eine Abmahnung. Zur Vorgeschichte: Vor einem Monat stürzte eine Bewohnerin unglücklich in meiner Nacht. Ich fand sie beim 2. Rundgang blutüberströmt vor ihrem Bett. Dummerweise hatte ich am Abend vorher beim 1. Rundgang vergessen, ihr Zimmer zu kontrollieren; und so war die arme Frau viele Stunden hilflos, da das Unglück sich wohl bereits am Vorabend ereignet hatte. Ihr könnt euch vorstellen, was für Vorwürfe ich mir machte ... Ich war von "Klingeln" anderer Bewohner abgelenkt gewesen und vergaß danach ganz die Ecke zu kontrollieren, in welcher die betroffene Bewohnerin ihr Zimmer hat. Bei ihr war pflegerisch in der Nacht nichts zu machen, und so entdeckte ich die Misere erst in den Morgenstunden beim 2. Rundgang.
Glücklicherweise erholte sich die Bewohnerin inzwischen wieder. Sie hatte viel Blut verloren, und ihr Leben stand anfangs auf der Kippe. Ihr könnt mir glauben, dass ich mich ziemlich mies fühlte (noch mies fühle, wenn ich an diese Nacht zurück denke).
Wie ich in einem meiner Beiträge vor ca. drei Monaten schrieb
http://abendglueck.twoday.net/stories/5590956/, müssen wir wegen gesunkener Bewohnerzahlen die Nächte seit 01.05.09 alleine arbeiten. Das macht die Organisation der anfallenden Arbeiten nicht gerade leicht, zumal wenn es viel klingelt. Ich glaube, der Fehler wäre nicht passiert, wenn wir noch zu Zweit in der Nacht gewesen wären. Nein, ich möchte damit gar nichts entschuldigen. Ich stehe zu meiner Verantwortung und schrieb meinem Arbeitgeber, bevor ich in Urlaub fuhr, die gewünschte Stellungnahme zu den Ereignissen.
Über die Abmahnung ärgere ich mich, weil mir darin einfach alles aufgeschultert wird. Wie sieht es denn mit der Verantwortung meiner Vorgesetzten aus, die von heute auf morgen quasi übergangslos den Nachtdienst mit nur einer Wache einführten? Wie sieht es mit deren Verantwortung aus, wenn sie weglaufgefährdete Menschen aufnehmen, woraufhin in den letzten Jahren zwei Bewohner zu Tode kamen? Ich erfuhr keinerlei (psychische) Unterstützung nach der verhängnisvollen Nacht, obwohl ich moralisch, wie sich jeder vorstellen kann, ziemlich in den Seilen hing. Stattdessen flatterte diese Abmahnung herein und versüßt mir nun den Rest meines Urlaubs.
Ja, als Altenpfleger stehst du an der Front. Sie verheizen dich. Wenn du versagst, kriegst du von den Vorgesetzten in den Arsch getreten oder wirst ausgetauscht. Was du bisher für die alten Menschen und das Altenheim geleistet hast, zählt nicht.
Die Arschwischmaschine ist zurück in der Realität.
Die Arschwischmaschine ist krank. Und was hat sie? Die Krätze! Wir kennen alle die Milben durch die Hausstaubgeschichte. Milben sind kleine Spinnentierchen (ca.0,3 mm), und einige Sorten bevorzugen das menschliche Hautkostüm als Wirt. Zu solchen Viechern kommt man nicht wie die Jungfrau zum Kinde. Wir hatten wenigstens zwei Fälle von Krätze unter den Altenheimbewohnern. Sie überträgt sich z.B. bei engem Hautkontakt. Und der kommt schon mal vor, wenn ich die Alten nachts durch die Betten ziehe oder die Windeln wechsele.
Als die Krätze endlich bei den Bewohnern diagnostiziert wurde, hatten zwei-drei Kollegen/Kolleginnen und ich uns wahrscheinlich bereits infiziert. Bis die ersten Symptome auftreten, dauert es zwei bis sechs Wochen. Und dann denkt man ja auch nicht gleich, dass man die Krätze hat. Man will das gar nicht denken.
Nachdem sich bei mir der Hautausschlag ausweitete, und das Jucken immer dramatischer wurde, zählte ich Eins und Eins zusammen. Meine ebenso betroffenen Kollegen waren erleichtert, als ich ihnen von meinem Hautproblem erzählte. "Gott sei Dank", sagten sie, "da bin ich also nicht der einzige, den es erwischte.
Das Salbenmittel der Wahl ist, wir kannten es bereits von den Bewohnern, Infectoscab 5% und muss auf den ganzen Körper aufgetragen werden. Von den Fußsohlen bis zum Nacken schmierte ich mich also vor dem Schafen ein mit dem Zeug. Es sollte wenigstens acht Stunden einwirken, bevor man es wieder abduscht. Nach zweimaliger (korrekter) Anwendung gilt man dann eigentlich als krätzefrei. Das bedeutete aber leider nicht Beschwerdefreiheit. Der stark juckende Hautausschlag weitete sich bei mir nach der Behandlung erst richtig aus! Wenn ich im warmen Bett lag, brach die Juckhölle über meinen Körper herein, und statt zu schlafen, wälzte ich mich kratzender Weise hin und her. Die Antihistaminika, die ich parallel einnahm, bewirkten keine nennenswerte Linderung.
Zufällig hatte ich zwei Wochen Urlaub, als ich wegen der Krätze in Behandlung war. Neben den körperlichen Qualen durch das Jucken und den hässlichen, großflächigen Ausschlag wuchsen mit der Zeit die Verunsicherung durch unterschiedliche ärztliche Meinungen sowie die Nervenzerreißprobe bedingt durch Schlafentzug, den hartnäckigen Krankheitsverlauf und Schamgefühle. Der Hit war, als die PDL (Pflegedienstleitung) lapidar zu einem betroffenen Kollegen meinte, er solle die Sache nicht hochspielen - womöglich wäre das alles nur psychisch!
Meinen Urlaub verbrachte ich also mit Kratzen und Arztbesuchen. Zur Absicherung schmierte ich mir noch zwei Tuben Infectoscab auf die Haut. Und wieder wurden der Ausschlag sowie das Jucken noch schlimmer. Der (etwas ominöse) Hautarzt am Ort meinte, das seien Ekzeme bedingt durch allergische Reaktionen. Unter Umständen müsste ich die Symptome noch wochenlang ertragen. Die Krätze jedenfalls könne es nach der Anwendung mit dieser "Wundersalbe" nicht mehr sein. Schön. Ich bin gern guter Hoffnung. Nun hätte ich über Ostern Nachtdienst schieben müssen ... Fuck! Wie soll ich fünf Nächte ohne nennenswerten Schlaf durchstehen? Mein Urlaub ging schon drauf!
Drum sitze ich also heute hier, eine Woche krank geschrieben, und erzähle Euch von meiner kleinen Leidensgeschichte. Also, ich wünsche niemandem die Krätze an den Hals. Hoffentlich helfen die Kortisonpillen, die ich ab heute schlucke. Das ins Bett gehen könnte sich sonst zu einer echten Horrorvorstellung auswachsen. Womöglich träume ich von einer Riesenmilbe mit menschlichem Gesicht und riesigen Scherenhänden ...
(PS: Ich vergaß ganz zu erwähnen, dass parallel die ganze Wäsche entseucht werden muss, also täglicher Wechsel der Körperwäsche, der Bettwäsche ... Ich lebe seit Wochen zwischen Waschorgie und (Kratz-)Wahnsinn.)
Die Nächte sind gezählt, dass wir unsere nächtlichen Runden zu Zweit machen.
Vor mir liegen vier Nachtdienste, wo ich das letzte Mal die Gesellschaft meiner lieben Kolleginnen genießen darf. Danach habe ich Urlaub, und wenn ich zurückkehre, werden wir nächtlich Soloplayer im Altenheim sein. Jedenfalls ist es so geplant. Wie das Kaninchen vor der Schlange harren wir der Tatsachen, der da sind. Solange die Nächte ohne besondere Vorfälle laufen, mag es vorstellbar sein, die Arbeit alleine zu leisten. Aber wenn ich mir Notfall-Situationen vorstelle oder Sterbefälle oder einfach eine betriebsame Nacht, kommt mir das Grausen. Ich stelle mir die Frage, ob ich dann noch guten Gewissens die Bewohner in der Nacht pflegen und betreuen, ihnen die notwendige Sicherheit bieten kann.
Sie machen es an der Bewohnerzahl fest. Wenn es unter fünfzig sind, kann mit einer Nachtwache der Dienst abgedeckt werden. Ich finde es vollkommen irrational, dass es unter Umständen an einem Bewohner hängt, ob man alleine oder zu Zweit die Nachtarbeit leistet. Man reduziert doch auch den Tagdienst nicht um die Hälfte. Außerdem wandern sowieso eher die leichten und weniger aufwendigen Pflegefälle ab, während die schweren "Brocken" bleiben. Es ist also völlig absurd zu denken, dass wir mit knapp fünfzig Bewohnern weniger Arbeit haben werden als mit gut fünfzig.
Hinzu kommt die psychische Belastung, die man nachts haben wird. Auf zwei Schultern verteilt sich die Verantwortung doch leichter als auf einer. Dann gibt es Bewohner, die in ihrer penetranten Art furchtbar nervig sein können. Bisher konnten wir sagen: "Komm geh du mal zu Frau M.. Ich kann sie nicht mehr ertragen!" In Zukunft werden wir diese schwierigen Belastungen ganz alleine schultern müssen. Aber bekommen wir deswegen mehr Gehalt? Pustekuchen! Ich bin nur mal gespannt, ob sie uns dann immer noch eine dreiviertel Stunde Pause abziehen, wie bisher.
Es ist gerade so, als müssten wir ab 1. April einfach die doppelte Arbeit leisten. Aber es geht nicht darum, dass irgendein Fließband halt doppelt so schnell läuft, und sich dadurch ein höherer Ausschuss an toter Materie ergäbe; sondern wir pflegen und betreuen Menschen - wir gießen auch nicht Pflanzen oder füttern Tiere - es geht um Menschen, die ein Recht auf eine bestmögliche Versorgung, eine größtmögliche Sicherheit und eine würdevolle Behandlung haben. Die Bewohner, die wir pflegen, das könnten wir selbst sein!
Ich verstehe nicht, wie ein kirchlicher Träger einen solchen Einschnitt in die Versorgung der Alten und Hilfebedürftigen machen kann. Es ist schon jetzt schwer genug, im Sinne der Nächstenliebe die belastende Arbeit der Altenpflege zu leisten. Ich weiß, dass die Sache bereits abgemacht ist. Nächsten Montag werden sie uns in einer Besprechung vor vollendete Tatsachen stellen. Sie werden uns vor die Wahl stellen. Viele von uns sind von ihrem Arbeitsplatz abhängig. Ich habe einen unbefristeten Arbeitsvertrag, den ich ungern aufs Spiel setzen würde. Die psychische Daumenschraube ist längst angelegt. Meine Bedenken werde ich vortragen, im Sinne meiner Kollegen und Kolleginnen und im Sinne der Alten. Wie oft wurde uns doch von denselben, die diesen markanten Einschnitt vornehmen, gepredigt, dass es allein um die Bedürfnisse der Alten geht?! Die Bedürfnisse des alten Menschen stehen unbedingt im Vordergrund ...
Einmal mehr werde ich in meiner Meinung bestätigt, dass wir nicht in Deutschland sondern in "Heuchelland" leben.
Dass im Pflegealltag vieles drunter und drüber läuft, liegt (mitunter) darin begründet, dass man als verantwortliche Schichtleitung das Gefühl hat, gleichzeitig an vielen Stellen sein zu müssen: Da muss der Dienst umorganisiert werden, weil ein Mitarbeiter kurzfristig krank wurde; eine Aufnahme schneit unerwartet herein; Angehörige von Heimbewohnern wollen etwas per Telefon erfragen; wichtige Medikamente müssen bestellt werden; Behandlungspflegen sorgfältig ausgeführt werden; nebenher muss man die Mitarbeiter motivieren und ihnen ab und zu auch auf die Finger schauen; ein Bewohner braucht besondere Fürsorge, weil er krank oder depressiv ist; und die Pflegedienstleitung oder Heimleitung liegt einem auch noch mit Irgendwas in den Ohren. Passiert dann ein Fehler, dann bist du derjenige, der sich den Anschiss abholt, denn du, so sagt die PDL, hast dich gefälligst darum zu kümmern.
In letzter Zeit höre ich oft den Begriff "Multitasking" und finde (nachdem ich nachschlug, was er bedeutet), dass er haargenau auf die Arbeitssituation einer Schichtleitung im Pflegeheim zutrifft. Man weiß manchmal nicht, wo einem der Kopf steht. Am liebsten wäre man an allen Stellen gleichzeitig, würde das Denken noch für die Anderen übernehmen, steigert sich regelrecht in einen Rausch hinein - es kommt einem vor, als wäre man die wichtigste Person auf dem Planeten - die Station wird zur zweiten Haut - scheint es - dabei merkt man gar nicht, dass man einen Tunnelblick kriegt und die Kontrolle verliert, weil es einem schlicht nicht erlaubt ist, die Kontrolle zu verlieren. Es ist zwangsläufig, dass Fehler und Nachlässigkeiten passieren. Manche Sachen macht man nur halb, um Zeit und Kraft zu sparen. Von Problemen wendet man einfach den Blick ab - nach dem Motto: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Man eiert so durch den Stationsalltag und redet sich ein, dass es gar nicht anders geht. Die Kollegen und Kolleginnen eiern schließlich genauso herum. Der Dreck wird unter den Tisch gekehrt, was gut geht, solange niemand genauer hinsieht. Kommt dann die Heimaufsicht und hat dies und jenes zu bemäkeln, ist die Aufregung groß. Die PDL hält danach wieder einen ihrer Vorträge und droht mit Abmahnungen, wenn wir in Zukunft nicht pflichtbewusster arbeiten. Wir ducken uns und kriegen rote Birnen, weil wir genau wissen, wo der Hase im Pfeffer liegt: Wir sind mit dem Scheiß Multitasking überfordert: Man hat einfach zu viel um die Ohren, um alles richtig zu machen. Und die Anforderungen wachsen noch. Die Pflegedokumentation, der Pflegeprozess und die Qualitätssicherung nehmen immer mehr Zeit in Anspruch, so dass die Schere zwischen erfüllbarer Praxis und theoretischer Anforderung immer größer wird. Arbeitsethisch fährt man mit einer solchen Einstellung den Karren unweigerlich an die Wand. Aber wir haben ja unseren Pflegeleitfaden aushängen. Darin kann man unerfüllbare Ziele nachlesen. Den Alten, den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen können unsere Probleme freilich egal sein. Sie dürfen erwarten, was im Pflegeleitfaden großspurig versprochen wird.
Als ich diesen Gewissenskonflikt und die Notlügen gegenüber z.B. den Angehörigen und den Heimbewohnern satt hatte, ging ich in die Nacht. Wobei mir egal ist, ob manche Kollegen/Kolleginnen und die Chefin meinen, wir hätten nichts zu schaffen in der Nacht. Sollen sie ...
Artikel zu Multitasking:
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,491334,00.html
Die Woche ist rum. Ich stellte mir den Wecker auf fünf Uhr am Morgen, aber ich wachte immer schon vorher auf, zählte erst die Stunden, schließlich die Minuten, bis ich aufstehen musste. Das Räderwerk der Zeit begegnete dem Räderwerk des Körpers. In der Dunkelheit begrüßte mich das Räderwerk der ausklingenden Sternennacht, und nach einem Kilometer in die Pedalen treten erreichte ich das Räderwerk Altenheim, meinen Arbeitsplatz. Meine Nachtwachenkollegen/-kolleginnen warteten schon auf den Tagdienst. Sie übergaben sich in den Fluss der Dinge. Wie ruhig oder unruhig war die Nacht? Es sind immer dieselben Heimbewohner, die die Nacht zum Tag machen. Diesmal stand ich am anderen Ufer, arbeitete in den anbrechenden Tag hinein. Der Tag reißt das Leben gewaltsam an sich. Nach der Übergabe klapperten wir mit den Waschschüsseln über die Station. Wasserrauschen in den Badezimmern, die üblichen Begrüßungsformeln: Guten Morgen, Frau G., gut geschlafen? Es ist wieder Zeit ...
Diesmal war ich das Helferlein im Dienste des Tages, um die Alten zu waschen, anzuziehen und zum Frühstück zu bringen. Für sechs Bewohner hatte ich zweieinhalb Stunden Zeit. Schüchtern linste ich in die Zimmer, wo die meisten noch schlafend in ihren Betten lagen. Es war immer noch dunkel, als ich die ersten wusch. Auch ich war noch müde. Eine Nacht, die man schläft, ist kürzer als eine Nacht, die man arbeitet. Und wie hatte ich geschlafen? Denkbar schlecht - stündlich war ich aufgewacht. Was war das Leben doch für ein verrückter Traum, dachte ich, was mache ich eigentlich hier? Behutsam rieb ich den Schlaf aus den Gesichtern der Alten und war froh, dass sie nicht widerspenstig waren.
Das Räderwerk des Tages dreht sich um das Waschen, die Mahlzeiten und die Toilettengänge. Dazu kommen die Krankheiten, Probleme und Malaisen der Heimbewohner. Mit einem riesigen Dokumentations- und Pflegeplanungsprogramm versuchen wir dem Ganzen gerecht zu werden. Nach meiner Frühstückspause saß ich eine Stunde am Computer. Die Pflegedienstleitung hatte es mir verordnet, damit ich als Nachtwache mit dem Programm arbeiten lerne. Ständig gibt es Pflegeplanungen und Pflegevisiten zu überarbeiten und Anamnesen zu den neuen Bewohnern zu erstellen. Die Zielperson, also der Bewohner, wird in AEDLs (Aktivitäten und existentielle Erfahrungen des Lebens) aufgebröselt. Er wird total durchleuchtet. Aber mich beschleicht dabei das Gefühl, dass unsere Einschätzungen oft willkürlich sind und mit dem Menschen nur oberflächlich zu tun haben. Die Pflege soll optimiert und gleichzeitig sollen die Kosten minimiert werden. Leidtragende sind die Heimbewohner, die von dem absurden Räderwerk des Gesundheitssystems und dem Pflegeapparat nichts verstehen. Und in einem Gewissenskonflikt stehen wir Pfleger und Pflegerinnen, die morgens in einer halben Stunde einen alten, gebrechlichen Menschen würdig, individuell unter Berücksichtigung aller Defizite und Ressourcen zu versorgen und zu aktivieren haben. Wir müssen selbstverständlich auf Hygiene achten, Standards einhalten und die Behandlungspflegen sorgfältig durchführen. Da ich noch nie erlebte, dass das Unmögliche dadurch möglich wird, indem man den Druck erhöht, passiert stets das Wahrscheinliche: Es entstehen Heuchelei, Lügen, Ausreden, fadenscheinige Kompromisse, geschönte Bilanzen ...
Mit müden Augen saß ich, die Nachtwache im Tagdienst, nach meiner Frühstückspause am Computer und beschäftigte mich mit dem Pflegeprogramm, das meinen Vorgesetzten so ungeheuer wichtig ist. Ich machte meine Arbeit, so gut ich konnte. Ich erlebte das Altenheim bei Tage mit all meinen Kollegen und Kolleginnen, denen ich sonst nur kurz bei der abendlichen und morgendlichen Übergabe begegne; ich erlebte die Alten außerhalb ihrer Betten mit ihren Tagesnöten aber auch sehr lebendig und teilnehmend ; ich erlebte die Hektik und die vielen Stimmen des Tages, das menschliche Durcheinander, das Chaos ...
Wichtig war für mich, dass ich die Zuneigung zu den Menschen spürte. Kein Räderwerk kann mir dieses Gefühl kaputt machen. Die Menschenliebe besteht neben der Technokratie.
Vierzehn Uhr hatte ich Feierabend, schwang mich auf mein Fahrrad und fuhr hinunter ins Dorf. Im Kaffeehaus saß ich erleichtert an der Theke und philosophierte mit dem Barkeeper. Er erzählte mir aus einem anderen Leben. Draußen spukte ein Novembertag, der früh sein Licht ausknipste.
21.11.08