Berlin

Mittwoch, 5. April 2017

Ausblicke


reza-bar

Reza Bar

Samstag, 25. März 2017

Genug


Wie fuckin` gut es mir doch geht, dachte ich insgeheim. Wir saßen vor einem Restaurant Ecke Pohlstraße-Potsdamerstraße und streckten unsere Nasen in die Sonne. Vor uns standen zwei frisch gezapfte Pils, O. schmauste eine Gulaschsuppe, die beste von Berlin, wie sie sagte, das heißt, außer der anderen besten im Marcus-Bräu. O. redet gern in Superlativen. Ich bin zurückhaltender (was wohl meinem schwermütigen Wesen geschuldet ist). Es braucht einige Bemühungen, um mich aus meiner Höhle zu locken. Der gestrige Tag tat sein Bestes dazu. Beruhigt stellte ich fest, dass der Frühling meine Säfte noch in Wallung bringt. Das Jahr kommt langsam in Schwung. Da war es eine große Freude, dass ich wegen Wartungsarbeiten am Dokumentationssystem bereits um 13 Uhr Feierabend machen konnte. Wieder war Freitag und die inzwischen vierte Woche am neuen Arbeitsplatz geschafft. O. und ich genossen den Nachmittag an Sonnenplätzen. Wir kamen wiedermal nicht umhin zu erwähnen, wie gut wir es doch mit unserer Wohnung im Potse-Kiez getroffen hatten. Zwei schöne Parkanlagen liegen quasi vor unserer Haustür. Und inzwischen kennen wir genügend Supermärkte, Kneipen und Restaurants, die allesamt gut zu Fuß, mit Bus oder U-Bahn in wenigen Minuten zu erreichen sind. Mit dem Fahrrad bin ich in weniger als zehn Minuten am Potsdamerplatz oder in Kreuzberg… Zum Zoo sind es nur zwei U-Bahnstationen. Und das Beste: in fünf Minuten bin ich mit dem Fahrrad an der Arbeit!
Ich nippte am Pils und blinzelte in die Sonne, betrachtete die Hausfassaden, die vorbeieilenden Menschen…, die hübsche und intelligente Frau an meiner Seite. „Die Konsistenz ist anders“, sagte sie, „diese und die Gulaschsuppe im Marcus-Bräu sind die besten Berlins.“ Ich meinte dagegen: „Bestimmt gibt es in Berlin noch andere beste Gulaschsuppen, die du bloß noch nicht kennst.“ O. lachte hell und kindlich. Ihr Lachen kann mich auf die Palme bringen. Ich habe das Gefühl, dass sie sich über mich lustig macht. Doch sie betont stets, dass es pure Lebenslust ist. „Ich freue mich“, sagt sie, und ich grummele skeptisch.
Als sich die Sonne unter die Hausdächer duckte, wurde es sehr schnell kühl und wir verzogen uns ins Restaurant. Der Kellner flötete ein Lied. Wegen dem herrlichen Wetter, sagte er. Kaum hatten wir uns gesetzt, hatte ich es plötzlich eilig. Ich spürte einen Drang nach Rückzug… Rückzug in meine Höhle. Ich war satt: genug Bier, genug Sonne und lachende Frau.


potsdamerstr-1

Sonntag, 19. Februar 2017

Perlator


„Honky Tonk Woman“ läuft über den Sender. Rockt noch immer, - rockt mich zurück in vergangene Zeiten. Schön, seufze ich.

Seit heute weiß ich, was ein Perlator ist. Der Wasserhahn im Bad tropfte, und ich googelte nach vernünftigen Verfahrensanweisungen im Internet. Ich schraubte das Sieb an der Hahnöffnung ab und säuberte es in Essigsäure. Das ist also der Perlator.

Fasching steht vor der Tür. In Berlin ist Umzug. Den Kudamm entlang zum Wittenbergplatz.
Wir werden am Bahnhof Zoo bei Ullrich einkaufen und bestimmt am Rande mitkriegen, was dort los ist. Auf Gedränge habe ich keinen Bock. Dann lieber anschließend ins Irish Pub im Europacenter. Wenn das Bier dort nicht so verdammt teuer wäre!
O. war noch nie auf einer Karnevalveranstaltung und ist neugierig, aber ich beteuere, dass sie im Prinzip nichts verpasst.

Gibt es Menschen, die das Leben noch nüchtern ertragen? Und wenn ja – wie machen sie das? Haben sie in sich eine Art Perlator eingebaut?

Mittwoch, 8. Februar 2017

Tom Hanks, Currywurst und Die Flatter machen


Ich sehe im Geiste Tom Hanks vor mir, wie er genüsslich in eine Currywurst beißt an einer „Curry 36“ Bude in Kreuzberg. Er hat ein Faible für Berlin und war zur Deutschlandpremiere von „Inferno“ samt Familie hier. Offenbar hat er ausserdem ein Faible für Dan Brown. Ich nicht – auch nicht für Currywurst. Aber ich mochte Tom Hanks als Schauspieler, z.B. in Filmen wie „Philadelphia“ und „Forrest Gump“. Irgendwie hat er `ne sympathische Fresse, - nicht einer von den üblichen Hollywood Schönlingen.
Sicher ist er inzwischen schon wieder über den Atlantik zurückgeflattert…
Wie gern würde ich im Moment auch einfach in einen Flieger steigen mit Reiseziel „Hauptsache Meer und Sonne“. Nur noch diese leidige Prüfung morgen, und danach die Flatter machen!

Sonntag, 29. Januar 2017

Graffiti


s-bahn-collage-3

S-Bahn Station Oranienburger Straße

Sonntag, 15. Januar 2017

Berauschend ist anders


Die „Deponie“ ist eine gemütliche Kneipe unter der S Bahn Trasse zwischen Friedrichstraße und Hackscher Markt. Wir trafen uns nach meinem Samstagsunterricht zum Einkaufen und auf ein Bier. Ich fühlte mich wie betäubt nach den Stunden Tumordokumentation. Wenigstens machte ich inzwischen Fortschritte – ich bildete es mir zumindest ein. Noch drei Wochen bis zur Abschlussprüfung. Langsam sollte was gehen. Ich verschickte die ersten Bewerbungen an Krankenhäuser und ans KKRBB*.
Zielstrebig steuerten wir die „Deponie“ an. Die kalte Winterluft und die Samstagsnachmittagsbetriebsamkeit machten mir nicht sonderlich Freude. O. kann dem städtischen Treiben mehr abgewinnen, aber sie weiß, dass ich davon nur miese Laune kriege. Seit geraumer Zeit ist meine Stimmung sowieso nicht bestens, - was bei mir heißt, dass ich den Miesepeter bis zum Exzess kultiviere. In solchen Phasen ist es schwer auszuhalten mit mir. Es tut mir leid für O.
Um diese Uhrzeit fanden wir noch prima Platz in der „Deponie“. Wir pflanzten uns an einen Stehtisch neben der Bar. Einige Pärchen verteilten sich im Lokal, ein Tourist schrieb fleißig Postkarten, und ich saß da, als hätte ich einen Stock verschluckt. O. berichtete das ein oder andere von ihrer Arbeit. Immerhin hat sie noch nicht das Lachen verlernt. Wenn ich mir überlege, was sie alles hinnehmen und leisten muss… Von mir kam nicht viel mehr als „ist mir wurscht“ und „also gut, noch`n Bier“.
Inzwischen dämmerte es. Unruhig rutschte ich auf dem Hocker hin und her und wusste nicht, wohin ich schauen sollte. Der Tag war gelaufen. Es ging nur noch ums Abendessen und vorm TV Chillen. Wenn das Fernsehprogramm nichts hergibt (was oft der Fall ist), legen wir eine DVD ein (Columbo oder Agatha Christie).
Auf dem Rückweg durch den Park am Gleisdreieck fragte mich O., wo die Kaninchen seien. Ich antwortete mit einem Achselzucken, - ab und zu würde ich schon noch eins sehen am Morgen oder am Abend. Über den Dächern ein diffuser Lichtkegel unbekannter Quelle. Sterne funkelten schüchtern zwischen Wolkenfetzen. Die Häuserzeilen unserer Straße lagen vor uns.
O. schloss die Tür auf. Am Briefkasten eines Mitbewohners klebte eine handschriftliche Notiz, - echte Nachbarschaftspoesie:


An das unbekannte Klauschwein!

Vielen Dank für das Hinterlassen
meines aufgerissenen Pakets…
Echt armselig!

Ich hoffe, Du liest das,
und dir fallen die Klaupfoten ab!

Ach ja, und Krebs im Arsch
wünsche ich Dir auch!



Der beklaute Nachbar hat mein Mitgefühl.

(*Klinisches Krebsregister Berlin-Brandenburg)

Freitag, 13. Januar 2017

Schreck in der frühen Morgenstunde


„Hast du das gehört?“ fragte ich meine Partnerin neben mir im Bett. Erst ein lautes Rumsen, und gleich darauf der tierisch anmutende Schrei einer männlichen Person. Ich war sofort hellwach. Der Lärm hallte durchs Treppenhaus und schreckte uns am frühen Morgen auf. Aufgeregt lauschte ich in die Dunkelheit. Stimmen, und ein Hoch- und Runtergetrappel von Personen. Schließlich packte mich die Neugier, ich stand auf und schaute durch den Türspion. Mehrere vermummte Polizisten in Kampfmontur, einige zivile Personen und Kriminalbeamte mit Funksprechgeräten waren zugange, treppauf und treppab. Offenbar wurde eine Wohnung über uns gestürmt, - kriegt man auch nicht alle Tage in seiner unmittelbaren Umgebung mit…, wo man sich eigentlich zuhause und halbwegs sicher fühlt. Ganz schön beängstigend. Von wegen „my home ist my castle“. Klar, wir leben in Berlin und nicht in Schlumpfhausen.
Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei. Soweit ich das Geschehen verfolgen konnte, wurde niemand verletzt. Es kam zu keinen weiteren Aufregungen. Gut.
Soll auch schon vorgekommen sein, dass das SEK die falsche Wohnung stürmte…

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Wen juckt`s


Ein Dieb, der das Sparschwein vom Schrank klaute, ein Kürbis der auf derselbe Stelle verrottete, Wände, die zu meinem Zuhause wurden... Der Müll quillt aus den Abfallcontainern im Hof, weil die Müllabfuhr zwischen den Jahren pausiert. Ich sitze am Schreibtisch und warte auf den Weltuntergang. Oder ich vergammele wie der abgelegte Kürbis. Mein Gott, das Leben mit seinem ewigen Juckreiz – bin ich nach einem halben Jahrhundert bereits abgestumpft? Die DPD wird mir heute oder morgen neue Farben liefern. In zwei Tagen ist Silvester. Statt 2016 schreiben wir dann 2017. Dieses Ereignis wird mit großem Feuerwerkskrach begrüßt. Man fühlt sich dann wie im Krieg - besser mit einem Vollvisierhelm rausgehen. Ich besitze keinen und werde zuhause bleiben. Nein, ich übertreibe nicht. Mein zweites Jahr in Berlin. Ich mag die Stadt, obwohl sie voller Knallköpfe ist. Da bekommt man wenigstens eine Ahnung davon, warum so viel Scheiße passiert. Berlin ist einigermaßen authentisch. Berlin ist wie meine Malpalette, auf der ich die Farben mische. Ich treffe auf Spießer, die überhaupt nicht spießig aussehen, und ich begegne denen, die von ihrem Erscheinungsbild her Spießer sein sollten, aber keine sind. Ganz zu schweigen von all den anderen. Es mischt sich alles zu einem irren Durcheinander, das trotzdem irgendwie funktioniert. Womöglich fehlt mir nur der Durchblick. Ich stellte schon immer zu viele Fragen, weil ich die Dinge nicht einfach als gegeben hinnehme. Nichts änderte sich in den gut fünfzig Jahren, die ich lebe, außer dass es immer mehr Menschen und Mist gibt. Wir vermehren uns wie die Ratten und benehmen uns genauso.
Sagte ich vorhin, dass ich auf den Weltuntergang warte? Das ist freilich Blödsinn. Ich warte auf neue Farben. Ich warte auf die Rückkehr meines Lieblings…

Sonntag, 4. Dezember 2016

Jede Minute sollte man vergolden


Ich lausche dem Pfeifen der Berliner U-Bahn und denke, dass es prima als Thema in ein Musikstück einzubauen wäre, ähnlich wie es Doldinger mit dem Echolot-Geräusch in der Filmmusik „Das Boot“ machte. In der Stadt gibt es eine Menge zu hören, was ganz unterschiedlich zu Musik inspiriert, - wenn man die Muse zum Hinhören hat. Meist hetzt man allerdings gestresst durch die Straßen, mitgerissen vom Menschenstrom. Das Unbehagen erfasst mich ganz automatisch, wenn zu viele Menschen und zu viel Verkehr um mich herum sind. Als wir gestern Nachmittag den Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt aufsuchten, bereute ich schnell meinen Vorschlag, dort hinzugehen. Nach vier Doppelstunden Unterricht am Computer waren meine Nerven schnell überfordert. Ich wunderte mich, wie manche Leute in diesem Gedränge noch etwas essen oder trinken konnten. Eigentlich hätte ich es mir denken können: Sonnabend und dann noch Vorweihnachtszeit – da sucht man als Neurastheniker besser nicht Orte in der Innenstadt auf. Schade um die Zeit, die man dabei vergeudet.
Nach einer kurzen sardinendosenmäßigen U-Bahnfahrt waren wir zurück in unserem Kiez, wo es in der Potsdamerstraße alles andere als entspannt zugeht. Aber wenigstens ist mir dort alles vertraut. Die Sonne hatte sich bereits hinter die Häuser gesenkt, und der Himmel strahlte in einem überirdischen Blau mit schmalen feurigen Wolkenfetzen. Die winterlichen Gerippe der Bäume zeichneten sich dunkel darauf ab. Eine junge Frau vor mir am Fußgängerüberweg fotografierte die Kulisse mit ihrem Handy. Es gibt allerlei schöne und interessante Fotomotive in der Stadt, wenn man die Muse hat hinzuschauen.
In Puschels Pub lief wie jeden Samstag Bundesliga. Hertha spielte gegen Wolfsburg. Wir gingen durch den schmalen Schlauch Kneipe nach hinten, wo noch ein paar Plätze frei waren. Ein alter Sack, bereits Inventar, saß am Geldautomaten. Die „Ratte“, wie O. die Bedienung nennt, brachte uns zwei Berliner Pils und ein Schälchen mit Salzgebäck. Als Hertha den Ausgleich schaffte und schließlich sogar siegte, waren einige Gäste total aus dem Häuschen. Der alte Sack am Automaten grinste nur. Ich trank das Bier und spürte die Müdigkeit von der anstrengenden Woche in mir hochkriechen. Auch O.hatte eine anstrengende Arbeitswoche. Wir redeten nicht viel. O. meinte, wir sollten mal wieder verreisen, worauf ich ungehalten reagierte, ich sei durch Fortbildung und Praktikum bis Ende Februar eingespannt, an ein Verreisen also erstmal gar nicht zu denken. Das kleine Schälchen mit dem Salzgebäck hatten wir schnell leergefuttert. Ein Hund mit schönem schwarzglänzenden Fell (sein Herrchen saß am Nachbartisch) hatte uns dabei eindringlich bittend angeblickt. Als ich O.s traurigen Gesichtsausdruck bemerkte, ärgerte ich mich über meinen schroffen Ton. Auch ich würde am liebsten verreisen, nicht nur für ein Wochenende, sondern gleich für Wochen...
Inzwischen waren alle Samstagsspiele der Bundesliga beendet. Die Reihen der Kneipengäste lichteten sich. Der alte Sack am Automaten zählte sein verbliebenes Geld, und die „Ratte“ hatte Feierabend.

Sonntag, 6. November 2016

Sonntagmittag-Blues


In Polska Stacja, dem Blues-Sender, den wir zuhause vornehmlich hören, läuft Bob Dylan gefühlte zehnmal häufiger, seit er den Nobelpreis bekam. Langsam gewöhne ich mich an sein kauziges Geschnarre. Ich schaute sogar nach, ob er vielleicht irgendwann nach Berlin kommt. Aber es ist noch nichts bekannt. Auf meine alten Tage könnte ich mir ein Bob Dylan Konzert reinlaufen lassen. Würde ganz gut passen. Und wer weiß, wie lange er noch unter uns weilt. Dieses Jahr starben eine ganze Menge Berühmtheiten. Die Generation, von der unsereins in der Jugend beeinflusst wurde, läuft langsam aus. Die Nächsten sind dann schon wir. Noch zwei bis drei Jahrzehnte, dann wird für die Brad Pitts und George Clooneys dieser Welt die Luft dünn… und auch für mich.
Dieser polnische Blues-Sender bringt wirklich klasse Musik. Ich habe ganz selten Lust, was von der eigenen Musiksammlung aufzulegen. Schön. O. entspannt sich auf der Couch, während ich hier meinen Blödsinn zum Besten gebe.

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