Samstag, 6. Oktober 2012

TV-Tipp:

"Nicht dran denken", 23 Uhr 15, Einsfestival

Du, Zeit


Mit Siebenmeilenstiefeln wäre manches problemloser. Eine andere Möglichkeit wäre, die Zeit anzuhalten. Während die Welt stillstünde, würde ich mich auf den Weg machen. Ich würde mir meinen Rucksack packen und den kürzesten Weg über die Autobahn nehmen. Der ganze Verkehr stünde ja auch still. Ich würde gemütlich vorbei an den dicken Karren und Sportwagen auf der Überholspur schlendern, und zwischendurch vesperte ich auf einer Motorhaube. Das wäre sicher sehr seltsam. Die Menschen sähen mich nicht. Ich wäre so was wie ein Geist, der wie ein kalter Schauer an ihnen vorbeikommt und sie höchstens ein wenig irritiert ("Karl, woher kommt denn die Käsescheibe auf der Kühlerhaube?"). Dumm wäre halt, dass ich den ganzen Weg zu Fuß zurücklegen müsste, wenn alles außer mir in eine unantastbare zeitliche Starre verfiele. Nach Kärnten wäre ich viele Tage unterwegs. Einige Wochen wahrscheinlich. Und am Zielort würde dann die Zeit normal weiterlaufen – das war meine Idee. Der zweite Nachteil neben der großen Laufstrecke wäre, dass ja für mich die Zeit weiterliefe. Nach vielen solchen Exkursen würde ich gegenüber meinen Mitmenschen ganz schön alt aussehen. Ich müsste mir das mal genau ausrechnen, wie viel mehr ich da im Jahr altern würde. Aber es sollte auch nur eine zwischenzeitliche Lösung sein. Vielleicht ließe es sich besser mit dem Fahrrad bewerkstelligen. Erstens wäre ich schneller, und zweitens könnte ich mehr Proviant mitnehmen. Ich überlegte mir auch schon in anderen Situationen, dass es cool sein müsste, die Zeit für sich anzuhalten. Zum Beispiel kurz vor einer Prüfung, so dass man noch den Stoff pauken kann. Oder inmitten einer unangenehmen Situation, um sich eine Ausrede auszudenken oder einfach zu verschwinden …
Oder um eine besonders schöne Sache noch länger auszukosten. Auch Banküberfälle wären leichter möglich. Und man könnte ohne Probleme aus jedem Gefängnis entwischen.
Aber wie gesagt, wer diesen Trick zu oft anwendete, würde es mit seinem schnelleren Altern bezahlen. Die Verführung bei solchen Sachen ist ziemlich groß. Man müsste recht charakterstark sein, verfügte man wirklich über diese Möglichkeiten.

Was ich sagen wollte: Ich wäre jetzt gern in Kärnten. Ohne Bus und Bahn. Einfach hin geträumt. Am Besten gleich in ihre Arme.

Die Zeit bleibt nicht stehen. Sie schreitet gleichmütig voran. Sie durchdringt alles und nimmt alles mit auf ihren Weg. Nur der Tod trickst die Zeit aus. Doch das ist nicht wirklich ein Austricksen, denn der Tod ist … der Tod ist … der Tod ist … der Tod ist … der Tod.
Die Zeit ist wie eine Zeltstange, die unser Leben aufspannt.
Wir können nicht ohne Zeit existieren.

Ich warte. Ich warte, dass die Zeit vergeht. Das ist manchmal fast so, als würde sie stillstehen.
Der Tag schaut mich gläsern an. Sonnenlicht in Tönen hellblau und grau. Versteckt pulsiert mein Blut. Jede Sekunde. Ich warte und atme. Meine Augen sind die des Tages. Die Finger vor mir Spinnenbeine meines Geistes. Ich spüre die Zeit in jeder Zelle meines Körpers. Jeder Moment ist eine Geburt. Fließbandgeburten.

Könnte ich der Zeit Fragen stellen.

ein literarisches Tagebuch

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