Montag, 22. Oktober 2012

Verfahren


Schock in der Morgenstunde: Wenn bei mir mal das Telefon klingelt, hat es meist nichts Gutes zu bedeuten. Und so war es: Das Rote Kreuz teilte mir mit, dass meine Mutter psychisch zusammenbrach und in die Psychiatrie gebracht wird. Meinen Papa würden sie erst mal mitnehmen, aber ich müsste mich kümmern, wo er später unterkommt. Sein Alzheimer ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass man ihn nicht tagelang allein zuhause lassen kann. Ich werde eine Kurzzeitpflege für ihn organisieren müssen.
Verdammt! Es war klar, dass solch eine Situation eintreten wird. Die Mutter war schon immer psychisch labil. Schon vor Jahren hatte ich sie gefragt, was sie für ihre Pflegebedürftigkeit geplant hätte. Vater wollte von solchen Themen nie etwas wissen. Und die Mutter dachte, dass sie mit etwas Nachbarschaftshilfe und einer Haushaltshilfe klar käme.

Neue Lage: Meine Mutter verweigerte eine Aufnahme in die Psychiatrie. Sie wurde zu einem ansässigen Nervenarzt geschickt. Ich hatte sie kurz am Telefon. Sie fühlt sich allein und überfordert. Sie ist schwer depressiv.

Über mir bricht die Vergangenheit zusammen. All der familiäre Morast, den ich lange wegschieben konnte, überkommt mich wie ein böser Fluch. Von einem Moment zum anderen hänge ich fest in einem Geflecht von Ängsten. Wie konsterniert sitze ich an meinem Schreibtisch, telefoniere mit Hinz und Kunz und sogar mit meiner Schwägerin, mit der ich noch nie Kontakt hatte.

Telefonat mit meiner Mutter: Die Eltern zuhause. Meine Mutter weinte am Telefon. Sie kann nicht mehr, sagte sie. Sie sagte, dass sie Pillen schlucken will. Ich fragte sie, ob sie beim Arzt war. Nein, antwortete sie, sie will niemanden sehen. Ich sagte ihr, dass ich sie liebe, aber heute nicht zu ihnen kommen kann. Sie soll sich beruhigen, meinte ich, wieder einen klaren Kopf bekommen, und dann würden wir uns in den nächsten Tagen zusammensetzen. Sie legte auf.
Ich telefonierte mit meiner Schwägerin, berichtete ihr, dass meine Mutter nicht in der Psychiatrie bleiben wollte. Wir beredeten die möglichen Hilfen – über Nachbarschaftshilfe und Sozialstation und sonstigen Hilfsangeboten, welche zumindest den Alltag für meine Eltern erleichtern würden. Uns ist klar, dass langfristig nur die Unterbringung in einem Pflegeheim sinnvoll ist. Ich weiß, dass meine Mutter nie einstimmen wird.

Ich sitze wie blöd in meiner Wohnung. Ich warte auf den Nachtdienst. Vielleicht ist es ganz gut, dass ich Nachtdienst habe, denke ich. In mir wütet ein Kampf. Es tut mir ungeheuer leid, dass ich meinen Eltern keine bessere Stütze bin. Ich kann nicht. Ich höre im Geiste nochmal die Worte meiner Mutter, als wir telefonierten. Wenn doch alles schnell vorbei wäre, denke ich. Böse Erinnerungen kommen hoch. Bereits als Kind litt ich unter den Nervenkrisen meiner Mutter. Es war so schlimm, dass ich sie tot wünschte damals. Aber jetzt bin ich erwachsen. Wie blöd sitze ich hier. Über mir eine Zentnerlast. Es geht doch nicht um mich – es geht um eine Hilfe für meine Eltern!

Telefonat mit der Nachbarschaftshilfe: Sie schicken am Abend jemanden vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Ich erläuterte die Situation. Sie waren am Morgen bereits involviert, sagte die Dame, aber das Rote Kreuz kam ihnen zuvor. Es stellt sich darum sehr schwierig dar, weil meine Mutter gegenüber Ärzten und auch gegenüber Pflegekräften nicht kooperiert. Mein Vater will sich nicht von Fremden beim Waschen und Anziehen helfen lassen.
Einer der telefonischen Ratgeber sprach von einer „Gebrechlichkeitshilfe“, die man beim Vormundschaftsgericht in solchen Fällen beantragen kann. Was für ein scheiß Wort! Aber irgendeine Hilfe muss dringend geschehen, bevor eine Notsituation eintritt, wo meine Eltern zwanghaft eine Betreuung vom Gericht auferlegt bekommen. Das kann unter diesen Umständen sehr schnell gehen.

Ich kann die verzweifelte Stimme meiner Mutter am Telefon nicht vergessen. In meinem Brustkorb zieht sich alles zusammen. Sollte ich nicht bei meinen Eltern sein? Aber ich kann nicht. Ich will nicht! Ich bin wie gelähmt. Ich habe Angst. Wird meine Mutter sich etwas antun? Ich hasse mich. Ich hasse das Leben. Warum lebe ich?

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