Das Leben selbst - ein besonderer Fall


Deutschland – Schweden: 4 : 4. Hinterher offene Münder und Achselzucken. Die deutschen Fußballer hatten sich einen Viertore-Vorsprung wieder abjagen lassen. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Ich sah das Debakel in Kärnten bei Olivia in der Küche. Dabei kennt bestimmt jeder solche Situationen, dass alles ganz ausgezeichnet läuft, und dann wendet sich das Blatt unerwarteterweise. Klar, Profis sollte so was in ihrem Sport nicht passieren. Aber ist das nicht leicht gesagt? Letztlich weiß man ziemlich genau, woran es lag. Man verschlief ein paar Minuten, und das Leben bestrafte einen. Es hätte auch gut gehen können. Sehr oft geht es gut, und darum gucken wir dumm aus der Wäsche, wenn uns das Leben urplötzlich sein Arschgesicht zeigt. C`est la vie, sage ich mir. Ich erlebte solche Wendepunkte schon häufig in meinem Leben. Gott sei Dank auch ab und zu umgekehrt vom Schlechten hin zum Guten – und dann freut man sich wie ein Schneekönig oder wie die Schweden letzten Dienstag.
Wir vergessen im Alltag, dass das Leben ungeheuer fragil ist. Wer will schon ständig an Unglück, Krankheit und all so`nen Scheiß denken? Lieber gehen wir davon aus, dass eben alles mehr oder weniger gut weiterläuft, und dass unsere Anstrengungen belohnt werden, - sich vielleicht sogar der ein oder andere bescheidene Wunsch erfüllt. Tief in uns drin ahnen wir freilich, dass es nicht einfach so weitergehen wird. Olivia sprach von Murphys Gesetz: „Whatever can go wrong, will go wrong.“ Ich denke, Murphys Gesetz trifft auf den Alltag nicht zu. Allerdings kann es einem so vorkommen. Pechsträhnen gibt es wie Glückssträhnen, aber in den allermeisten Fällen dümpelt man durchschnittlich durchs Leben. Es gibt Menschen, z.B. Extremsportler, die dieser vermaledeiten Mittelmäßigkeit entfliehen wollen. So sprang Felix Baumgartner am 14. Oktober aus der Stratosphäre hinunter auf die Erde. Und er kam heil unten an! Was da alles hätte schiefgehen können … In diesem Sinne war auch das Fußballländerspiel "Deutschland – Schweden" ein ganz besonderer Fall. Für die Einen mit positivem und für die Anderen mit negativem Ausgang.
Zwischenfazit: Das Unglück muss man so schnell wie möglich verdauen, und auf einer Glückssträhne sollte man sich nicht ausruhen. Auf der anderen Seite gilt aber auch: Wer nichts riskiert, der nichts gewinnt. Es ist halt die Frage, wann und wo und wie viel wir riskieren. Jeder legt dies von Situation zu Situation neu fest – ganz nach seinem Charakter und seiner Lebensphilosophie. Die Ergebnisse muss man als erwachsener Mensch verantworten und (er)tragen. Ich bin keine Spielernatur. Mir reicht das große universelle Kack-Spiel der Existenz an sich. Ich brauche mir nicht im freien Fall aus sechsunddreißig Kilometern Höhe einen wie auch immer abzuwichsen. Mir reicht es, die Talstraße mit dem Fahrrad hinunter zu düsen. Auch da kommt es mitunter einem Wunder gleich, dass ich den Trip unbeschadet überlebe. Ja, ich glaube, dass ich mit dem Fahrrad auf der Talstraße mehr Risiken ausgesetzt bin, als es Felix Baumgartner bei seinem spektakulären Sprung war. Jeder holt sich halt seinen Kick anders …

Wer weiß schon, was morgen ist? Wenn das Morgen das Heute frisst, finde ich es scheiße. Das gilt für die Zukunftsängste genauso wie für die Hoffnungen. Am Ende schluckt uns das Spundloch des Universums mit Haut und (auch ohne) Haar. Mit und ohne Murphy. Mit und ohne Glauben. Mit und ohne Grips. Das einzig Ermutigende: Heute ist es noch nicht so weit! Die Talstraße wartet. Ein Herbsttag wartet. Verrückte Welt.

ein literarisches Tagebuch

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