"Dolores", 20 Uhr 15, Tele 5
bonanzaMARGOT
- 31. Okt. 12, 16:54
Ich komme mir vor wie ein Telefon-Junkie. Mein Telefon wurde in den letzten zwei Tagen mehr bemüht als in den vergangenen zwei Jahren. Mir schwirrt der Kopf. Er fühlt sich momentan an wie ein Bienenschwarm. Gedanken und Gefühle fliegen wild durcheinander.
Meine Freundin fängt mich moralisch auf, so gut sie kann. So gut, wie man das von Kärnten aus machen kann über achthundert Kilometer hinweg.
Jammern? Ja, ich jammere. Nacht für Nacht jammern mir die Alten im Pflegeheim die Ohren voll, und ich höre ihnen geduldig zu. Irgendwann strömt es auch mal aus mir raus. Dann doch am Besten im Internet, wo ich niemanden direkt volljammere sondern die Allgemeinheit.
Okay - ich stelle den Jammer- und Auskotzmodus kurz ab:
Meine Mutter tut sich nach wie vor schwer mit dem Gedanken, meinen Vater in ein Pflegeheim abzugeben. Wenigstens zur Kurzzeitpflege. Eile ist aber geboten, weil er schon diese Woche aus dem Krankenhaus entlassen wird. Eine Zurückverlegung meines Vaters in die Obhut meiner Mutter wäre fatal. Das sehen eigentlich alle Beteiligten so.
Wir hangeln uns von Tag zu Tag und harren der Dinge, die da kommen.
Jeder macht, was er machen kann.
Ein Monstersturm steuert auf die amerikanische Ostküste zu und bedroht die Millionenmetropole New York.
Ich telefonierte mit den Heimleitern einiger Altenheime. Einen passenden Platz für meinen dementen Vater zu finden, wird nicht leicht werden. Nicht alle Heime haben spezielle Dementen-Stationen, und außerdem gibt es Wartelisten. Eine perfekte Unterbringung ist unmöglich. (Ich pflege und betreue ja selbst Demente im Altenheim und kenne zu gut die Probleme und Risiken.) Auch befürchte ich, dass meine Mutter ihn wieder nach Hause holen würde. Sie sagt zwar „Ja“ zu meinen Argumenten, dass eine Unterbringung in einem Pflegeheim notwendig ist, aber ich höre zwischen ihren Worten heraus, dass sie ihn nicht weggeben will. Sie hängen zu sehr aneinander.
Ich säße momentan lieber mit ein paar Kästen Bier in New York und wartete den Monstersturm ab. Es ist ein beschissenes Gefühl, wenn man ein Unheil nach dem anderen auf sich zukommen sieht – und kann nicht viel machen.
Heute Abend gehe ich für vier Nachtwachen ins Altenheim. Ich greife mir an den Kopf, wie verrückt alles ist. Ich bin müde.
"My Big Fat Greek Wedding", ARTE, 20 Uhr 15
bonanzaMARGOT
- 28. Okt. 12, 16:23
Könnte man die Seele abstauben wie ein Regal. Vielleicht haben darum manche diesen Putzfimmel. Wenn es innerlich nicht geht, dann wenigstens außen.
Mein Vater stürzte und brach sich das Schlüsselbein und eine Rippe. Nach dem Röntgen sagte die Ärztin, dass es nicht so schlimm sei, da die Schulter okay ist. Hat die eine Ahnung. Es ist prekär, aber besser wäre gewesen, wenn die Verletzungen für eine stationäre Aufnahme ausgereicht hätten. Er bekam also einen Rucksackverband, der ihm gar nicht behagte, und wurde nach Hause entlassen.
Bereits heute Nacht passierte, was im Prinzip vorhersehbar war. Vater riss sich den Verband ab und stürzte in der Küche. Der Notarzt überwies ihn in ein Krankenhaus mit Reha-Einrichtung. Er brach sich noch eine Rippe dazu. Das Unglück verschafft uns (hauptsächlich meiner Mutter) erst mal Luft, um alles Weitere zu organisieren. Vater kann unmöglich nach Hause zurück. Seine Unterbringung in einem Pflegeheim ist unabdingbar.
Es regnet gelbe Blätter von den Bäumen, die in der Sonne golden schimmern. Es ist bitter kalt, aber die Luft ist klar und sauber. Die Berge des Odenwalds tragen weiße Hauben.
Ich glaube nicht, dass mein Vater reha-willig ist. Seine Alzheimer Demenz ist bereits zu weit fortgeschritten. Er vergisst nach wenigen Minuten, was man ihm sagte. Wenn man ihn drängt, reagiert er störrig und wütend. Er ist mit sich und der Welt nicht mehr eins.
Die Uhren wurden auf Winterzeit umgestellt. Seltsam, wie die Dinge sich zueinander fügen. Als würden sie lächeln und gleichzeitig weinen. Könnte man die Seele abstauben wie ein Regal.
Ich reiße die Fenster auf, wische nur oberflächlich über die Regale. Musik läuft. Ich drehe etwas lauter, blinzele in die Mittagssonne. Ich wusste bis dato nicht, dass ein Knochenbruch ein Segen sein kann.
Anstehender Besuch bei den Eltern. Die Wolken hängen tief. Graupelschauer. Waschküchenatmosphäre. Mit Bus und Straßenbahn werde ich gut zwei Stunden unterwegs sein. Ich liebe diese Besuchsfahrten nicht – immer in der bangen Erwartung, in welcher Verfassung meine Mutter ist. Sicher wird sie sich freuen. Mein Vater, nun schon etwas durch seine Demenz der Welt entrückt, auch. Mir ist klamm ums Herz. Und kalt.
"Der englische Patient", 20 Uhr 15, 3sat
bonanzaMARGOT
- 26. Okt. 12, 18:02
Fünfzig mehr oder weniger arme und bemitleidenswerte Seelen klammern sich an mich. Ich bin in der Nacht ihr Fokus (und Lokus). Wenn sie mich rufen, verstehen sie nicht, dass sie nicht die einzigen im Haus sind, die mich brauchen. Sie verstehen nicht, dass ich keine Zeit habe, um mir alle ihre Sorgen anzuhören. Die es noch ein wenig verstehen können, schütteln nur den Kopf, wenn ich ihnen erkläre, dass ich nachts als Pflegekraft alleine bin. „Ich habe für sie gebetet, obwohl ich nicht gläubig bin“, sagte eine alte Dame, die bei uns nur Gastbewohnerin ist, „Sie tun mir ja so leid.“ Ich erwiderte: „Das ist mein Beruf. Machen Sie sich bitte keine Gedanken.“
Es gibt Nächte, da komme ich mir vor wie Jesus, an den sich die Gebrechlichen klammern und Hilfe oder sogar Wunder erwarten. Unwillkürlich schrecke ich zurück. In beinahe jedem Zimmer, das ich öffne, sitzt ein Vampir, welcher meine Lebensenergie anzapft. Ich will keine Maske aufsetzen, aber dann passiert es doch, dass ich zombiehaft meine Arbeit verrichte, ohne noch Mitgefühl zulassen zu können.
Ich verstehe selbst nicht, warum ich mir das antue. Natürlich brauche ich die Arbeit und das Geld. Aber wie lange halte ich dieses Martyrium noch durch? Übertreibe ich? Sind meine Nerven am Arsch? Bin ich ein Weichei?
Vor vielen Jahren sagte meine Chefin auf einer Betriebsfeier zu mir, dass ich falsch in diesem Beruf wäre. Wahrscheinlich hatte sie recht.
"Die Bourne Verschwörung", 20 Uhr 15, VOX
bonanzaMARGOT
- 25. Okt. 12, 16:54
"Die Glücksritter", 20 Uhr 15, kabel eins
bonanzaMARGOT
- 24. Okt. 12, 17:57
Ich stellte mir vor, ich wäre an einem anderen Ort der Welt geboren und/oder in einer anderen Zeit – wäre ich dann noch ich? Was wäre ich von Beruf? Wie würde mein Leben unter anderen Umständen aussehen? Wäre ich dann wirklich noch ich?
Und: bin ich noch derselbe wie bei meiner Geburt? Bin ich noch der Mensch, der ich vor zwanzig Jahren war? Es ist leicht gesagt, dass alles irgendwie kausal aufeinander folgte. Natürlich ich bin ich der, der all das machte, was ich machte. Aber sicher bin ich nicht mehr derselbe. Ich bin nicht identisch mit der Person, die ich war, und doch besitze ich ein Leben lang dieselbe Identität. Ziemlich verzwickt. Es stellt sich die Frage, ob ein Mensch noch für Taten zur Verantwortung zu ziehen ist, die vor vielen Jahren geschahen. Würde man da nicht vielleicht den falschen verurteilen?
Durch was ist unsere Identität eigentlich festgelegt? Allein durch die Gene? Dann wäre ich freilich an jedem Ort der Welt und zu jeder Zeit derselbe. Eineiige Zwillinge sind genetisch gleich, aber wir halten sie selbstverständlich für zwei verschiedene Persönlichkeiten. Die Frage bleibt bestehen: Bin ich nach so und soviel Jahren noch ich? Oder schleppe ich da nur etwas mit mir herum, das ich Ich nenne?
Als ich an mein Leben dachte (mit Fünfzig hat man bereits eins vorzuweisen), stellte ich mir vor, was aus mir geworden wäre, wenn ich woanders und unter anderen Bedingungen aufgewachsen wäre. Wer wäre ich in einem Armutsviertel in Südamerika geworden? Oder: wo wäre ich im Leben als Millionärssohn in den USA gelandet? Hätte ich Kinder? Hätte ich geheiratet? Wäre ich religiöser als in meinem jetzigen Leben? Also, immer vorausgesetzt, ich hätte in den anderen Lebensläufen überhaupt solange überlebt. Tausend Szenarien anderer möglicher Werdegänge ließen sich entwerfen.
Es ist … unheimlich, dass ich hier sitze, eben genau in diesem Leben und nicht in einem anderen. Wer bin ich? Was mache ich in meinem Leben? (Warum lebe ich?)