wovon "Mann" nicht alles träumt
Nachdem sich in den Nachbarblogs die Weihnachtsbeiträge häufen, ist`s an der Zeit, ein kleines Gegengewicht in die Blogwelt zu stellen. Mir geht nämlich das gegenseitige Weihnachtsgewünsche gehörig auf den Seier. Nein, es ist nicht so, dass ich`s den Menschen nicht gönne. (Wie käme ich dazu?) Es ist mehr wie ein furchtbar schlechter Kinofilm, und das Dumme für mich ist, dass das Kino keinen Ausgang hat.
Nicht nur die Blogs ..., im TV, in den Innenstädten, auf der Arbeit, - die ganze Welt scheint wie von einem Weihnachtsvirus infiziert. Es ist ein Albtraum, - eine Mischung aus überbordendem Kommerz, Glitzerwelt und Scheinheiligkeit.
Dies ist also als Anti-Weihnachtsbeitrag zu verstehen. Ich werde niemandem Frohe Weihnachten wünschen. Die einzige Ausnahme sind die Alten im Altenheim. Aber das ist was anderes. Dort bin ich Altenpfleger und auch ein bisschen Seelsorger. Wobei ich sagen muss, dass viele der Alten kritischer gegenüber dem ganzen Weihnachtsrummel eingestellt sind als die jüngeren Generationen. Das liegt vielleicht daran, dass die heute Achtzig- bis Hundertjährigen noch schlimme Zeiten erleben mussten. Sie machten als Soldaten, Kinder und Heranwachsende die grausamen Kriegsjahre und die entbehrungsreichen Nachkriegsjahre mit. Ihnen fällt noch auf, welcher Konsum-Irrsin auf der Welt stattfindet, und wie sehr sich dieser mit dem Weihnachtsgedanken beißt. Sowieso fühlen sich viele im Altenheim auf dem Abschiebegleis – und da muss das Weihnachtsgefeiere oft wie Hohn auf sie wirken. Versteht Ihr? So geht es den vielen einsamen Menschen in unserer Gesellschaft, die sich zu Weihnachten noch einsamer und trauriger fühlen.
Bei Gott, ich würde niemandem sein geheiligtes Weihnachten wegnehmen wollen. Und ich könnte es schon gar nicht. Viel zu mächtig ist dieser Wahn auf der Welt. Doch ich komme nicht drum rum, meiner Abscheu und meinem Ärger über diesen Weihnachtswahnsinn Luft zu machen.
Ich wünschte mir, dass ich in einer Welt ohne Weihnachten aufwachte, - und diese Welt wäre eine bessere Welt! Na ja, vielleicht kann ich mir Weihnachten schön saufen(?) Schließlich kann ich machen, was ich will – ich komme aus diesem „Film“ nicht einfach raus. Gut, dass es Popcorn und Bier gibt.
In diesem Sinne: Steckt Euch Euer Weihnachten sonstwo hin!
Endlich ein aktuelles Porträt
Wenn`s denn Liebe war. Ein halbes Jahr zeugt nicht gerade von einer guten Konstitution. Wahrscheinlich krankte das Herz. Eine Operation am offenen Herzen ist nicht leicht. Ich bin nicht sicher, ob alles versucht wurde. Wo kein Wille ist, ist bekanntlich auch kein Weg. Genaugenommen begann das Siechtum bereits kurz nach der Geburt. Aber wie so oft scheute man sich vor der unangenehmen Diagnose. Das Schicksal nahm seinen Lauf - ob`s nun Liebe war oder nicht. Es muss was in der Art gewesen sein. Auch wenn alle über Liebe reden, verstehen tun wir, glaube ich, nicht viel davon. Etwas mehr Glück hätte ich mir in diesem Fall gewünscht ... Am Ende bleiben Ratlosigkeit, Trauer und Wut. Ein halbes Jahr war nicht lang. Da liegt sie die Liebe - am Arsch! Es gibt schlechtere Plätze.
Der erste Schnee! Das heißt, es schneit. Große schwere Flocken fallen vom Himmel in die Sonntagvormittagsstille. Sieht noch etwas armselig aus, und liegen bleibt es vorerst nicht. Aber das Naturphänomen berührt mich jedes Jahr von neuem. Mal davon abgesehen, dass es wunderbar zu meiner leicht melancholischen Stimmung passt. Ich habe schöne Kindheitserinnerungen an verschneite Wintertage. Wenn der Vater uns morgens weckte und sagte, dass es in der Nacht geschneit hatte, sprang ich aufgeregt aus dem Bett, drückte meine Nase an die Scheibe der Balkontür und blinzelte hinaus in die Dunkelheit. Und waren die Dächer weiß, konnte ich`s kaum abwarten, hinauszukommen. Es war selten, dass ich mich derart auf den Schulweg freute.
Von weißer Pracht ist heute am vierten Advent leider noch nichts zu sehen. Das einzige Weiß am Boden sind die Früchte vom Knallerbsenstrauch vor meinem Fenster und die Wohnwagen auf dem Campingplatz gegenüber. Jetzt hörte es ganz auf – aber der Himmel hat noch was in petto.
Auch erinnere ich mich an schöne Schneewanderungen in Zeiten der Verliebtheit. Wenn wir uns aneinander schmiegten, sich der Hauch unseres Atems traf, die kalten roten Nasen sich liebevoll rieben, warme Küsse und neckische Spiele im Schnee. Die Liebe im Winter ist was besonderes. Wenn man sie hat. Wie der Schnee oft schnell wieder schmilzt und zu hässlichen Haufen am Straßenrand verkümmert, verschwindet auch die Verliebtheit nach einiger Zeit und hinterlässt einen miesen Nachgeschmack. Ich weiß, der Vergleich hinkt etwas, aber er gefällt mir. Es soll Menschen geben, die ein Leben lang ineinander verliebt sind. Und ebenso gibt es Regionen ewigen Schnees auf der Erde. Zum Beispiel am Südpol. Ob eine Liebe am Südpol dauerhafter wäre?
Blödsinn. Jedenfalls konstatiere ich für mich, dass ein Winter ohne Schnee trostlos wäre, und ein Leben ohne Liebe wäre ebenso trostlos. Und meist, jedenfalls in unserer Region, verhält es sich damit so, dass es schneit, taut, wieder schneit und wieder taut etc. Damit muss man leben.
Womit ich mich an meinem Geburtstag beschenkte: Ich fuhr mit der Straßenbahn nach Heidelberg, kaufte mir gleich bei meiner Ankunft am Bismarckplatz einen schönen blauen Regenschirm … Es regnete bei meiner Ankunft. Als ich ihn im Sack hatte, regnete es nicht mehr. Dann holte ich mir noch einen Flakon Eau de Toilette und eine kuschelige Tagesdecke für mein Bett. Ab in den Bus zur Altstadt, am Uni-Platz meine Hausbank gestürmt und es der Bankangestellten besorgt – so richtig! Ist ja auch allerhand, dass die den Dauerauftrag nicht korrekt ausführten! Doofe Tussie!
Im Café Coyoté, gleich an der Ecke, kühlte ich mich bei dunklem Hefeweizenbier wieder runter. Ich schaute der polnischen Bedienung bis zum Schlüpfer in den Ausschnitt und bekam zur Feier des Tages einen Ouzo spendiert. Nicht übel der Dübel – die polnische Schnecke. Um mich abzulenken, blätterte ich in einer Illustrierten und trank noch ein paar Weizenbiere. Inzwischen war es draußen dunkel. Wenn ich Klaus nicht verpassen wollte, musste ich mich auf den Rückweg machen. Im Vorbeigehen eine Tüte heiße Maronen mitgenommen. Lecker! Klaus erwischte ich gerade noch. Er kam mir vorm Kaffeehaus entgegen. Also ging er mit mir zurück ins Kaffeehaus, und wir setzten uns an die Bar und diskutierten wie immer wild durcheinander. Irgendwie kamen wir auf Tennis und so`nen Scheiß. Egal, war trotzdem nett! Klaus trank Baby-Hefeweizen und ich dunkles Hefeweizen. Das läuft runter wie nichts. Klaus spendierte mir eins, und als die Bedienung mit der Rechnung nicht klarkam, besorgte er es ihr – so richtig! Wie ich der Bankangestellten. Uff, war mir ein wenig peinlich sein Ausraster. So ist das Leben. Eben. Genau. Ich sag`s doch.
Klaus wollte mich noch mit ins Sportspub schleifen. Bayern spielte gestern Abend gegen Köln. Er bot mir an, dort das gesamte Bier zu übernehmen. Verführerisch! Aber eigentlich war mein Kanal bereits voll, und der letzte Bus fuhr in ein paar Minuten den Berg hoch, drum lehnte ich dankend ab, - und drum geht`s mir heute auch verhältnismäßig gut. Wäre Klaus eine Frau, wäre die Sache natürlich anders ausgegangen.
An das Fernsehprogramm kann ich mich nur noch dunkel erinnern. Irgendwann lief eine alte Folge Raumschiff Enterprise mit Spitzohr Spock und Captain Kirk. Für mich sind solche alten Serien Zeitreisen in die Vergangenheit. Mein Gott, vierzig Jahre ist das her! Wahnsinn! Aber so ist das Leben. Ich meine, alles verschwindet im Orkus der Vergangenheit, und plötzlich taucht es vorm geistigen Auge wieder auf … Uff! Ist doch Wahnsinn, wie man Jahr für Jahr abspult, weiter und weiter, immer vorwärts, von Geburtstag zu Geburtstag, und plötzlich schaut man auf ein stattliches Konto von Jahren zurück.
So! Und was mache ich heute?
Ein trüber Tag begrüßt mich. Ich zünde eine Kerze an, weniger wegen des Lichts, sondern um mir etwas innere Wärme zu suggerieren. Was war das für ein wechselhaftes Lebensjahr! Der schneereiche Winter, Liebesschmerz, das Aufflackern einer alten Liebe – ein Wiedersehen mit Basel, eine neue Liebe, mit dem Fahrrad nach Rostock – Lawe kennengelernt, mein Umzug vom DG ins EG, eine Woche Prag …, und nun endet es ähnlich wie das letzte – mit Katzenjammer-Gefühlen. Prost!
Im Fernsehen läuft der Deutsche Bundestag. Ich höre nicht zu. Sie reden über den vergangenen Klimagipfel. Was soll man machen?, denke ich. Mein Rücken ist auf Schulterhöhe schmerzhaft verspannt. Ich könnte eine Massage gebrauchen. Anja-Pia!!!! Na ja, Wien ist viel zu weit weg. Nein, so kann`s nicht weitergehen. Da hilft auch kein in der Nase bohren. Ich muss mich aufraffen. Obwohl mir der heutige Tag wie zugehängt von Melancholie erscheint. „Es ist, wie`s ist“ – einer meiner Lieblingsmelancholiesprüche. Mir geht`s nicht schlecht. Es ist nicht so, dass ich mir das extra sagen muss, um es zu glauben. Ich kann zufrieden sein. Das mit dem Glück ist eine flüchtige Sache. Wer sagte das noch mal - „Das Glück ist eine Hure“? Ist wohl so.
Mit den Jahren ändert sich das Klima des Lebens. Fast unspürbar. Die Zeit fliegt einem nur so um die Ohren. Und man selbst wird ruhiger. Das ist aber ein ganz natürlicher Klimawandel. Das Leben wird schwerer und tiefer. Und dennoch ist alles derart flüchtig. Ich meine alles, nicht nur weil bei mir privat so viel Hin und Her ist. In jungen Jahren war ich geradezu süchtig nach Abenteuer, und dabei versumpfte ich meist nur in der Kneipe. Eigentlich habe ich mich ganz gut gehalten: Ein paar Kilo zugelegt, ein paar Falten mehr, die Haare ergraut – wenigstens gingen mir noch nicht zu viele aus, aber alles in allem – es hätte schlimmer kommen können. Ich bin schließlich nicht mehr ganz jung.
Aufstehen, strecken! UuuuuAhhhh! Das musste jetzt sein. Fast schon Mittag. Was könnte ich mir schönes tun heute? Ich schaue aus dem Fenster. Es wird nicht heller. Wie wär`s mit einem neuen Regenschirm? Ich grinse. Einen schönen, soliden Regenschirm. Ja.
Auf geht`s!
Nichts hätte mehr einen Sinn, wenn alle Worte versickerten. Die Jahreszeiten würden fortbestehen, aber es gäbe keinen Widerhall. Die Sterne am Nachthimmel würden weiter funkeln – doch ohne dass ein Augenpaar ihr Licht einfinge. Und was wäre mit der Liebe? Was ist eine Liebe ohne Worte? Und ich meine nicht nur die gesprochenen und geschriebenen Worte. Mir scheint, die Welt besteht nur aus Worten. Seit ich lebe. Seit ich atme. Meine Existenz ist ein Wort.
Selbst Katzen sprechen. Und Steine sprechen. Ich höre sie, auch wenn ich sie nicht verstehe. Ich kann mich nicht mehr erinnern, welches Wort ich zuerst aussprach. Wahrscheinlich war es „Mama“.
Die Greisin im Altenheim sagte zu mir: „Wissen Sie, nach wem die Soldaten im Krieg riefen, bevor sie an ihren Verwundungen starben?“ „Ja“, sagte ich, „ich weiß, sie riefen nach der Mutter.“ Ich hatte es in vielen authentischen Kriegserzählungen gelesen. Die Greisin hatte es noch erlebt.
Eine andere, die ich abends ins Bett lege, sagte: „Ich wünsche Ihnen, dass Sie eine gute Frau finden.“ Dabei erzähle ich nicht viel über mein Privatleben. Vielleicht sehe ich einsam aus (?) Nein, mir rutschte mal raus, dass ich Single bin. Ich lächelte verlegen und hoffte, dass sie nicht genauer nachfragt. Was sie auch nicht tat.
Es gab so viele unausgesprochene Worte. Sie wollten unausgesprochen bleiben. Trotzdem waren sie da. Wie Steine. Wie der Himmel. Wie die Liebe. Wie du.