Samstag, 6. Dezember 2008

Die andere Welt

Ich wollte, mein Kopf wäre ganz frei - um die Dinge um mich herum in einem größeren Zusammenhang zu erkennen, weit ab von meiner kleinen Erfahrungswelt, weit ab von dem menschlichen Bedeutungswirrwarr. Die Dinge würden auf geheimnisvolle Weise vor meinem geistigen Auge ineinander verschmelzen ... Wie soll ich es erklären, wenn ich diese Erfahrung nie wirklich machte, wenn es nur ein vages Gefühl ist wie die Ahnung von einer anderen Welt, die ungeschminkt vor uns liegt aber sich dem angestrengt Hinschauenden auf magische Weise entzieht?
Ich wollte, mein Kopf wäre ganz frei - manchmal, für den Bruchteil einer Sekunde, erwischt es mich, als ob kurz der graue Schleier aufreißt ... ganz kurz; zu kurz, um etwas festzuhalten. Trotzdem bin ich sicher, dass ich für einen Moment in die andere Welt blickte. Sind diese Momente eine Verrücktheit meines Geistes? Ich glaube fest daran, dass es hinter der rational erfahrbaren Welt eine andere, umfassendere Welt gibt. Der Künstler versucht durch Abstraktion ihr habhaft zu werden, der Geistliche durch den Glauben an eine höhere Wesenheit (Gott), der Philosoph sucht nach Weisheit und Wahrheit, und der Wissenschaftler forscht nach den Gestzen, die alles zusammenhalten, die erklären, warum ein Ding so ist, wie wir es sehen, und nicht anders.
Ich wollte mein Kopf wäre ganz frei - um all die verschiedenen Ansätze zusammenzubringen. Stattdessen wirbelt ein Orkan meinen Geist durcheinander, wirft mir die Dinge kreuz und quer um die Ohren, so dass ich vor Verwirrung erstarre. Wie soll man bei dieser Unordnung klar denken können? Was sehe ich da eigentlich? Konfusion und eine Nebelwand, die umso dichter wird, desto mehr ich in sie eindringe.
Vielleicht offenbart sich mir eines Tages die andere Welt - ganz ohne mein Zutun - völlig unerwartet lichtete sich der Schleier, und diesmal bliebe er offen, und ich würde wirklich erkennen.

Montag, 1. Dezember 2008

Mein Bezug zu Menschen - Mein Hadern mit moderner Kommunikationstechnologie

Wenn das Telefon klingelt, zucke ich zusammen. Wer hat nur diesen Teufelsapparat erfunden, durch den man von jedermann und überall (durch die Mobilfunkgeräte) zu erreichen ist? Vielleicht ist es auf mein Singleleben zurückzuführen - my home is my castle - dass ich, wenn es unerwartet klingelt, das Telefon oder an der Haustür, mich in meiner Privatsphäre gestört fühle. Es ist in etwa so, als ob jemand an die Klotüre klopft. Wer will etwas von mir, während ich hier Dingen fröne, die gar niemandem etwas angehen? Dabei habe ich eigentlich nichts zu verbergen. Ich bin auch kein Messie. Ja, ich wurde zum Einzelgänger. Außerhalb der Arbeit lebe ich zurückgezogen. Und möchte ich unter Menschen sein, fahre ich in die Stadt. An manchen Tagen bin ich scheu wie ein Reh(bock). Am liebsten ist mir die mittlere Distanz zu Menschen, z.B. in der Kneipe. Man bleibt der, der man ist, und muss niemandem Rede und Antwort stehen, wenn man keine Lust hat. Ich trinke mein Bier, lese Zeitung und fühle mich einfach wohl in der Nähe der anderen, die ich ab und zu neugierig und wohlwollend betrachte.
Ich frage mich, wozu ich einen Festnetzanschluss habe. Eigentlich nur, damit ich meinem Arbeitgeber und auf Ämtern eine Nummer angeben kann. 90% meiner Kommunikation wickele ich über SMS und Mail ab. Mir bleibt für die Antwort Zeit zum Nachdenken, ich fühle mich nicht so unter Druck gesetzt. Wenn ich was hasse, sind es Hektik und Stress. Und wenn plötzlich das Telefon klingelt, ist das nunmal eine Stresssituation, jedenfalls für mich: Huch! Wer könnte das sein?!? Wer will etwas von mir?? Innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde spekuliere ich über Wichtigkeit und Anrufer. Zeigt das Display die Nummer nicht an, nehme ich schon gar nicht ab. Das kann dann nur mein Arbeitgeber sein oder Uschi, eine Ex-Freundin aus alten Tagen. Das Altenheim will doch nur, dass ich einspringe; und Uschi würde mich sicher wieder voll labern. Trotzdem bin ich jedes Mal unsicher, wenn ich nicht abnehme. Es könnten nämlich meine Eltern sein, deren Rufnummer auch unterdrückt wird. Vor Jahren machte ich mit ihnen extra ein Klingelzeichen aus. Inzwischen habe ich ein neues Telefon, und sie sprechen mir Nachrichten auf die T-Net Box. Meistens sagen sie, ich solle sie doch mal wieder anrufen.
Es gibt eine Handvoll Menschen, die meine Handynummer haben. Sie melden sich meist nur auf Anfrage. Na ja, sie kennen mich. Wenn tagelang gar keine Mail oder SMS hereinschneit, finde ich das schon etwas bedrückend.

Samstag, 22. November 2008

I remember



Bonanza

Freitag, 21. November 2008

Als Nachtwache im Tagdienst

Die Woche ist rum. Ich stellte mir den Wecker auf fünf Uhr am Morgen, aber ich wachte immer schon vorher auf, zählte erst die Stunden, schließlich die Minuten, bis ich aufstehen musste. Das Räderwerk der Zeit begegnete dem Räderwerk des Körpers. In der Dunkelheit begrüßte mich das Räderwerk der ausklingenden Sternennacht, und nach einem Kilometer in die Pedalen treten erreichte ich das Räderwerk Altenheim, meinen Arbeitsplatz. Meine Nachtwachenkollegen/-kolleginnen warteten schon auf den Tagdienst. Sie übergaben sich in den Fluss der Dinge. Wie ruhig oder unruhig war die Nacht? Es sind immer dieselben Heimbewohner, die die Nacht zum Tag machen. Diesmal stand ich am anderen Ufer, arbeitete in den anbrechenden Tag hinein. Der Tag reißt das Leben gewaltsam an sich. Nach der Übergabe klapperten wir mit den Waschschüsseln über die Station. Wasserrauschen in den Badezimmern, die üblichen Begrüßungsformeln: Guten Morgen, Frau G., gut geschlafen? Es ist wieder Zeit ...
Diesmal war ich das Helferlein im Dienste des Tages, um die Alten zu waschen, anzuziehen und zum Frühstück zu bringen. Für sechs Bewohner hatte ich zweieinhalb Stunden Zeit. Schüchtern linste ich in die Zimmer, wo die meisten noch schlafend in ihren Betten lagen. Es war immer noch dunkel, als ich die ersten wusch. Auch ich war noch müde. Eine Nacht, die man schläft, ist kürzer als eine Nacht, die man arbeitet. Und wie hatte ich geschlafen? Denkbar schlecht - stündlich war ich aufgewacht. Was war das Leben doch für ein verrückter Traum, dachte ich, was mache ich eigentlich hier? Behutsam rieb ich den Schlaf aus den Gesichtern der Alten und war froh, dass sie nicht widerspenstig waren.
Das Räderwerk des Tages dreht sich um das Waschen, die Mahlzeiten und die Toilettengänge. Dazu kommen die Krankheiten, Probleme und Malaisen der Heimbewohner. Mit einem riesigen Dokumentations- und Pflegeplanungsprogramm versuchen wir dem Ganzen gerecht zu werden. Nach meiner Frühstückspause saß ich eine Stunde am Computer. Die Pflegedienstleitung hatte es mir verordnet, damit ich als Nachtwache mit dem Programm arbeiten lerne. Ständig gibt es Pflegeplanungen und Pflegevisiten zu überarbeiten und Anamnesen zu den neuen Bewohnern zu erstellen. Die Zielperson, also der Bewohner, wird in AEDLs (Aktivitäten und existentielle Erfahrungen des Lebens) aufgebröselt. Er wird total durchleuchtet. Aber mich beschleicht dabei das Gefühl, dass unsere Einschätzungen oft willkürlich sind und mit dem Menschen nur oberflächlich zu tun haben. Die Pflege soll optimiert und gleichzeitig sollen die Kosten minimiert werden. Leidtragende sind die Heimbewohner, die von dem absurden Räderwerk des Gesundheitssystems und dem Pflegeapparat nichts verstehen. Und in einem Gewissenskonflikt stehen wir Pfleger und Pflegerinnen, die morgens in einer halben Stunde einen alten, gebrechlichen Menschen würdig, individuell unter Berücksichtigung aller Defizite und Ressourcen zu versorgen und zu aktivieren haben. Wir müssen selbstverständlich auf Hygiene achten, Standards einhalten und die Behandlungspflegen sorgfältig durchführen. Da ich noch nie erlebte, dass das Unmögliche dadurch möglich wird, indem man den Druck erhöht, passiert stets das Wahrscheinliche: Es entstehen Heuchelei, Lügen, Ausreden, fadenscheinige Kompromisse, geschönte Bilanzen ...
Mit müden Augen saß ich, die Nachtwache im Tagdienst, nach meiner Frühstückspause am Computer und beschäftigte mich mit dem Pflegeprogramm, das meinen Vorgesetzten so ungeheuer wichtig ist. Ich machte meine Arbeit, so gut ich konnte. Ich erlebte das Altenheim bei Tage mit all meinen Kollegen und Kolleginnen, denen ich sonst nur kurz bei der abendlichen und morgendlichen Übergabe begegne; ich erlebte die Alten außerhalb ihrer Betten mit ihren Tagesnöten aber auch sehr lebendig und teilnehmend ; ich erlebte die Hektik und die vielen Stimmen des Tages, das menschliche Durcheinander, das Chaos ...
Wichtig war für mich, dass ich die Zuneigung zu den Menschen spürte. Kein Räderwerk kann mir dieses Gefühl kaputt machen. Die Menschenliebe besteht neben der Technokratie.
Vierzehn Uhr hatte ich Feierabend, schwang mich auf mein Fahrrad und fuhr hinunter ins Dorf. Im Kaffeehaus saß ich erleichtert an der Theke und philosophierte mit dem Barkeeper. Er erzählte mir aus einem anderen Leben. Draußen spukte ein Novembertag, der früh sein Licht ausknipste.


21.11.08

Donnerstag, 13. November 2008

I remember



Charles Bukowski

Mittwoch, 12. November 2008

Aus einem Gedicht von boMA

ich lebe in einem Körper, den ich nicht spüre
von den Wolken zu meinen Füßen
der Horizont eine Augenbraue
unter der Haut liegen blau die Flüsse
doch das Herz ist nicht von dieser Welt.

Dienstag, 11. November 2008

Zehn Überschriften


Was vom Haifisch übrigblieb
Banker greifen nach Steuergeld
Steinmeier kommt bei Frauen nicht an
Drogensumpf Iran
Kalter Krieg und heiße Höschen

Wie die Seele das Herz krank macht

Heizt du noch, oder wohnst du schon?
"Du siehst aus wie ein verdammtes Mädchen"
Kunst kennt keine Grenzen
Huber gegen den Rest der Welt





Montag, 10. November 2008

Zur Ausstellung von Todesbescheinigungen:

Die Feststellung des Todes und die Durchführung der Leichenschau stellen häufig die letzte ärztliche Maßnahme an der verstorbenen Person dar. Hiefür gelten dieselben Sorgfaltspflichten wie bei lebenden Personen. Bei etwaigen Kollisionen mit den Interessen anderer Personen - seien dies Angehörige, andere Ärztinnen oder Ärzte oder Polizeibeamte - hat die Ärztin oder der Arzt grundsätzlich die Interessen der verstorbenen Person an einer sorgfältigen und objektiven Leichenschau wahrzunehmen. Mit der Ausstellung der Todesbescheinigung werden die Weichen gestellt, ob die Leiche zur Bestattung freigegeben wird oder ob weitere Ermittlungen im Hinblick auf einen nicht natürlichen Tod oder eine ungeklärte Todesart erforderlich sind. Von der sorgfältigen Todesbescheinigung hängt auch die Qualität der Todesursachen-Statistik ab.

(Einem Merkblatt entnommen: "Information für die Ärztin/den Arzt")

ein literarisches Tagebuch

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