Sonntag, 11. August 2013

TV-Tipp:

"1984", 20 Uhr 15, Tele 5

Bier ist im Großen und Ganzen immer noch Bier


Egon Bahr im Interview – lebendige Geschichte. Ein halbes Jahrhundert. Was ist schon ein halbes Jahrhundert? Wie viele tausend Jahre existiert der Mensch schon? Ich frage mich, warum der industrielle Fortschritt gerade aus dem Spätmittelalter in Europa erwuchs. Es war vielleicht der rationale Geist der Aufklärung, welcher der Wissenschaft und der Ingenieurskunst den nötigen Nährboden für den Quantensprung in die Moderne bereitete. Eine Lawine kam ins Rollen, die in zweihundert Jahren das Gesicht der Welt vollständig veränderte. Und die Lawine rollt weiter. Noch nie musste der Mensch innerhalb weniger Generationen so viele Veränderungen in seinem Lebensraum, in Kultur und Politik mitmachen und verarbeiten. Nun bin ich alt genug, um selbst einige Jahrzehnte zurückzudenken, und staune, was sich alles tat – nicht alles nach meinem Geschmack. Nur wenige Sachen blieben gleich: Bier ist im Großen und Ganzen immer noch Bier. Und ein Wald ist immer noch ein Wald, obwohl immer mehr Natur vom Menschen zerstört wird.
Wie soll man sich die Zukunft der Menschheit auf der Erde vorstellen, wenn die Entwicklung derart rasant weiter verläuft? Damit meine ich die Technisierung, die Ausbeutung der Erde, den Bevölkerungswachstum, das Auseinanderdriften von Arm und Reich, die kulturellen Verwerfungen … Befindet sich die Menschheit titanic-like auf Eisbergkurs, oder kriegt sie noch die Kurve?
An einem sonnigen Sonntag wie heute will ich gern glauben, dass alles weiterläuft wie gehabt: dass die Menschen sich immer wieder nach Kriegen und Katastrophen aufrappeln, dass das Ökosystem nicht kollabieren wird, dass die Fortschritte in Technik und Medizin uns aus der Predouille helfen werden. Wenn ich die Dokumentationen im TV verfolge, denke ich: Wir wissen doch alles, wir kennen die Gefahren und Fehler; und wir wissen sogar, was wir machen müssten, um unsere Zukunft auf der Erde sicherer, menschlicher und im Einklang mit der Natur und unseren Mitgeschöpfen zu gestalten. Setzt sich die Vernunft durch? Oder siegt das kapitalistische Wachstumsdenken, das dem Turmbau zu Babel gleicht? Jeder mag diese Fragen für sich (ehrlich) beantworten – schaut euch einfach um, reflektiert euer eigenes Leben hinsichtlich des Konsums und des Mülls, den ihr hinterlasst, hinsichtlich der motorisierten Mobilität, hinsichtlich der Dinge, die euer Leben ausmachen.
Ich fühle mich erschlagen von der Entwicklung, die die Menschheit nimmt. Beim besten Willen (trotz sommerlichen Sonnenscheins) kann ich keine positive Prognose für ihre Zukunft abgeben. Wir gingen einen faustischen Pakt ein, - verpfändeten unsere Seele. Aber für was? Dafür, dass wir in Supermärkten billig einkaufen können, - dann den letzten Dreck in Dosen fressen und Klamotten tragen, die durch Kinderarbeit hergestellt wurden? Dafür, dass wir in überdimensionalen Blechbüchsen herum rasen dürfen … auf Straßen, die die Landschaft durchschneiden und verschandeln? Dafür, dass der Strom aus der Steckdose kommt – und der Preis sind riskante Atommeiler und die Ausbeutung von Rohstoffen wie Erdöl, Erdgas und Kohle? Dafür, dass wir täglich Fleisch auf dem Teller haben und darum die Grausamkeiten der Massentierhaltung tolerieren? And so on.
Nein, ich bin nicht verrückt. Die Welt um mich herum spielt total verrückt. Es gibt keinen Weg zurück. Wir sind verdammt zur Hybris. Wahrscheinlich liegt diese bereits in der Natur des Menschen begründet. Der Teufel musste immer nur auf den richtigen Moment warten, um uns zu verführen. Man muss den Teufel aber gar nicht ins Spiel bringen. Ich behaupte, dass der Mensch für das Ökosystem Erde etwas wie eine Krankheit ist: ein Krebs oder ein beschissener Hautausschlag.

Sowieso sind wir nur Sternenstaub, und unser Geist reicht viel zu kurz, um das Universum in seiner fantastischen Vielgestalt und Größe zu verstehen. Ein Blick durchs Schlüsselloch wurde uns gewährt. Es ist ziemlich unanständig, was wir sehen (wenn wir denn hingucken) – dass wir nämlich überhaupt keine Rolle spielen.

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