Mittwoch, 18. Januar 2012

Brasko und die Entführung des Bundespräsidenten


VIII


Immerhin war sie gekommen - der einzige Besuch, den er im Krankenhaus hatte. Es war Wochenende, und Freni übernachtete im Dorf, um am nächsten Tag in Ruhe die lange Heimfahrt anzutreten. Brasko durfte inzwischen aufstehen. Sie gingen ein paar Schritte vor die Tür.
„Schöne Gegend hier!“ Freni schaute verträumt auf die bewaldeten Berghänge.
„Ja, der Schwarzwald – nicht übel“, brummte Brasko und schaute Freni auf den Arsch. Sie hatte sich gut gehalten. Schließlich war sie auch nicht mehr die Jüngste.
„An was für einer Story warst Du denn dran, Meisterdetektiv?“ Sie konnte es sich einfach nicht verkneifen, ab und zu schnippisch zu werden.
„Wenn ich das wüsste … Die Erinnerung daran ist total verschütt. Ich hatte kürzlich einen verrückten Traum von der Entführung des Bundespräsidenten ...“, Brasko lachte, „was für ein Blödsinn!“
„Aber vielleicht war da wirklich was mit dem Bundespräsidenten?“
„Der wurde doch nicht etwa tatsächlich entführt?“ Brasko grinste immer noch in Gedanken an seinen Traum.
„Nein.“
„Also, was soll`s. Mehr als merkwürdig ist nur, dass ich einen Skiunfall gehabt haben soll, wo ich gar nicht Ski fahre.“
„Wie geht`s denn der Schulter?“
„Fast wie neu. Was man heute chirurgisch nicht alles machen kann. Nur die Erinnerung kann mir niemand wiedergeben.“
„Nein – äh – ja, meine ich. Oberarzt W. sieht übrigens ein bisschen wie der Bundespräsident aus.“
„Ach? Das ganze Leben ist voll von merkwürdigen Ähnlichkeiten, und wir kommen nicht hinter die Bedeutung. Ich denke dann oft, da will mir jemand ein Zeichen geben, aber ich kapier`s nicht. Ich hab`s vor Augen, aber ich sehe es nicht ...
Ist der Bundespräsident noch der Bundespräsident?“
„Ja, er saß die Affäre aus. Und dann verunglückte ein Kreuzfahrtschiff; und er rutschte peu à peu aus den Schlagzeilen.“
„Egal“, Brasko zuckte mit den Schultern, „Autsch! Verdammt!“
„Tut doch noch weh.“
„Nur bei unwillkürlichen Bewegungen. Schön, dass du da bist, Freni.“
„Ehrlich? Das hörte sich vorhin ganz anders an.“
„Ehrlich! Hat Dein Hotel eine Bar?“
„Aber du darfst doch bestimmt nicht das Gelände verlassen!“
„Komm! Ein kleiner Spaziergang wird mir gut tun.“
„Ja ja, und außerdem bist du scharf auf ein Bier.“
„Wie gut Du mich kennst, Bücherwurm.“
„Na gut, Meisterdetektiv.“ Freni hakte sich bei ihm ein, und sie gingen ins Dorf. Die Luft war mild für die Jahreszeit.
Ihr Hotel entpuppte sich als Gaststätte mit ein paar Fremdenzimmern darüber und hieß „Schinderhannes“. Es war unübersehbar, dass sie aus der nahen Klinik kamen - Brasko im "Dittsche-Outfit": über dem Schlafanzug trug er einen gestreiften Bademantel.
„Aaaaaahh, tut das gut!“ seufzte Brasko nach dem ersten Schluck. Er trank ein großes Helles. Freni begnügte sich mit einem Kaffee. Sie hatten sich etwas abseits an einen kleinen Tisch gesetzt.
„Und was hast Du jetzt vor?“
„So schnell wie möglich nach Hause.“ Brasko nahm noch einen kräftigen Zug und wischte sich mit dem Handrücken den Schaum vom Mund. „Das Leben geht weiter.“
„Du wirst Dich nie ändern, was?“
„Wer weiß. Bundespräsident werde ich sicher nicht. Ob ich dieses Detektiv-Ding noch lange durchziehe ...“ Brasko stockte, er hielt sich krampfhaft am Bierglas fest. Das Thema war ihm unangenehm. „Gut, dass wir schon Mitte Februar haben“, sagte er ablenkend, „ich warte auf den Frühling. Insofern war es nicht schlecht, dass ich ein paar Wochen verpennte.“ Er lächelte, aber Freni entging sein trauriger Blick nicht.

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