Besitz - Verantwortung - Freiheit


Oft höre ich: Uns gehört dies und das, und darum müssen wir verantwortlich damit umgehen. Man sagt solches auch im Zusammenhang mit Natur- und Umweltschutz. Ich dagegen denke: Gerade weil uns die Natur nicht gehört, ist Achtsamkeit und besonderer Respekt geboten. Hat unser Besitzdenken jemals das Verantwortungsbewusstsein gefördert? Im Gegenteil: Mit Menschen, die wir zu besitzen glauben, gehen wir besonders rücksichtslos um. Das ist im Großen eines Staatsgefüges dasselbe wie in der sozialen Keimzelle der Familie. Der Besitz verführt uns zu Respektlosigkeiten, Ausbeutung und Inhumanität. Ich behaupte, dass dies für Pflanzen, Tiere und Personen gleichermaßen wie für Dinge, Bodenschätze und alle ökologischen Ressourcen gilt. Dass man Land, bzw. Boden oder sogar Lebewesen besitzen kann, ist eine völlig abartige Idee. Es ist grotesk und einer vernunftbegabten Kreatur schwer zu vermitteln. Jedenfalls kapiere ich es nicht. Das muss natürlich nichts heißen. Vielleicht bedenke ich eine Sache falsch. Vielleicht ist Besitz für uns Menschen eine eingebrannte, schon lange verinnerlichte Wertvorstellung, ohne die wir nicht mehr leben können und wollen, weil wir uns zu einem guten Teil über unseren Besitz definieren.
Ein paar Dinge möchte sogar ich besitzen: Meine Kleidung, meine Schuhe und ein paar wenige persönliche Dinge. Am Liebsten wäre mir, ich könnte alles in einer Seekiste verstauen. Vieles, was man im Alltag braucht, könnte man genau so gut mit seinen Mitmenschen teilen.
Ich fühle mich frei, wenn ich wenig besitze. Andere fühlen sich frei, wenn sie möglichst viel haben. Wo liegt da der Unterschied im Denken und in der Weltsicht? Warum ticke ich so ganz anders in diesem Punkt als die Mehrheit der Bevölkerung? Ein Klugscheisser könnte freilich sagen: „Wenn Du mehr Geld hättest, dann würdest Du Dir bestimmt auch mehr Dinge zulegen.“ „Ja“, würde ich antworten, „ich würde mit dann die Art von Freiheit leisten können, die mir vorschwebt; aber hundertprozentig würde ich mir nicht mehr Dinge kaufen. Im Gegenteil, durch das Geld könnte ich sogar einige Dinge abschaffen, weil ich sie durch teure Dienstleistungen ersetzte. Sowieso finde ich, dass menschliche Dienstleistungen viel zu wenig Raum und Wert in unserer Gesellschaft einnehmen.“
Nein, ich bin nicht ganz so idealistisch, wie ich hier klinge. Aber tendenziell meine ich es schon so. Meine Sympathien liegen bei den Menschen und Ideologien, welche sich weniger durch Besitz, Macht und Geld definieren sondern vielmehr Menschlichkeit, Gerechtigkeit und soziale Kompetenzen als entscheidende Werte annehmen und in die Praxis umsetzen wollen. Ich weiß jetzt auch, was mir bei der Verwendung des Begriffs Verantwortung in unserer kapitalistisch eingestellten Welt stört: Es geht nicht richtig zusammen, - oder nur, wenn man sich in die Tasche lügt. Verantwortung ist nur dann ehrlich und im besten Sinne zu übernehmen, wenn man sich vom Besitzdenken löst. Verantwortung ergibt sich nicht aus Besitz sondern aus Teilnahme am Nichtbesitz.

lost.in.thought - 25. Mrz. 12, 12:59

So "anders" tickst Du da garnicht, denke ich.
Schon die Indianer wussten, dass wir die Natur nicht von unseren Eltern geerbt, sondern nur von unsern Kindern geborgt haben.
Ich glaube, je weniger man besitzt und je mehr man in und mit der Natur versucht zu leben,
umso mehr Verwantwortung nimmt man dafür automatisch ein.
Im Grunde übernehmen wir instinktiv Verantwortung für das, was uns am Leben erhält.
Dazu muss man die Augen öffnen, was viele Businesspeople als zu anstrengend empfinden.
Und das Augenöffnen gilt gleichermaßen für die Natur und die Menschen - finde ich.
Die Verantwortung ergibt sich dann wie von selbst.
Und das ist wichtig.

bonanzaMARGOT - 25. Mrz. 12, 13:04

diese deine aussage gefällt mir besonders:

"Im Grunde übernehmen wir instinktiv Verantwortung für das, was uns am Leben erhält."

damnit sagst du das wichtigste kurz und bündig.
wenn ich mir aber den übergreifenden raubbau an der natur durch den menschen anschaue, sehe ich nicht viel von diesem instinkt, das richtige zu tun. im gegenteil. wir vernichten munter weiter unsere lebensgrundlage und streiten uns um unsere besitztümer.
lost.in.thought - 25. Mrz. 12, 13:19

Ich wäre ja dafür, dass man diverse Bosse von BP usw.
einmal für ein paar Monate in die Wildnis schickt.
Da wären sie ganz schnell wieder geerdet und würden möglicherweise in ihrem Job anders handeln, als sie es jetzt tun...
bonanzaMARGOT - 25. Mrz. 12, 13:31

das irre ist ja, dass es für solche manager wirklich solche trips als survivalkurse in der wildnis gibt - aber nicht, um ihr bewusstsein für die natur zu verfeinern, sondern um sie fitter für den überlebenskampf in ihrem job zu machen.

welcher von diesen leuten übernimmt tatsächlich verantwortung für das, was unter seiner regie an umweltverpestung etc. passierte?
verantwortung müssen vorallem die kleinen übernehmen - wenn sie z.b. den abfall falsch trennten ...
"verantwortung" ist für mich seit langem ein unwort - nicht weil ich nichts von verantwortung halte, sondern weil dieses wort von politikern und anderen mächtigen menschen ständig durch den dreck gezogen wird.
Lange-Weile - 25. Mrz. 12, 15:50

Täuschung

Hallo Bo.,

im Sanskrit gibt es einen Begriff Ahamkara und der bedeutet sinngemäss "Ich-Bewußtsein" - wir nennen es auch EGO - etwas von der Seele hervorgebracht.
Zitat: "Ahamkara(Ich-Bewußtsein) ist die erste Ursache der Täuschung (abhimāna), nämlich der irrigen Meinung, die Objekte und Handlungen, mit denen das Bewusstsein zu tun hat, seien auf ein Subjekt, ein "Ich" bezogen, das etwas vollbringt oder erlebt.

Der Kapitalismus arbeitet man mit dem Ich-Bewusstsein der Menschen. Erst wer ausreichend gierig nach Geld ist, wird ausreichend Skrupel z.B. im Hinblick auf Gerechtigkeit ignorieren können. Aber auch wir kleinen Konsumenten Verhalten uns nicht anders oder sind sogar gezwungen, uns Egoistisch zu verhalten.

Wenn ich durch die Geschäfte gehe und beim Kauf abwäge, was ich in den Korb lege, wird es in der Regel das preisgünstigste sein. Beispiel - Putenfleisch. Ich gönne es mir zu Mittag. Im Supermarkt ein preisgünstiges Schnäppchen - im Bioladen für mich fast unbezahlbar. Zwei angehende Tierärztinnen sind zur Zeit in einer meiner Yogagruppe. Und sie erzählten mir, dass die gemästeten Puten kaum laufen können. Sie brechen unter der Last ihres Körpergewichts zusammen. Diese Tiere sitzen und fressen - inklusive Antibiotika - und müssen auf ihr schnelles Ende warten. Obwohl in Deutschland das "Nudeln" verboten ist, wird es doch auf eine andere Weise gemacht.

Ich weiß das und doch lege ich das Fleisch von dem gequälten Tier in einem Einkaufskorb und unterdrücke mein Wissen um das tierische Leid, denn es schont meine Finanzen und ich kann mir für das ersparte Geld etwas anderes kaufen. Etwas, was ich ebenfalls begehre. Dafür nehme ich das Leid der Tiere in Kauf.
Das sind ja nur dumme Kreaturen oder ?
Oder bin ich dumm?
Warum belaste ich mich mit solchen Gedanken überhaupt? Wenn ich das Fleisch nicht kaufe, dann wird es jemand anders tun. Ode doch nicht?

"Die Zeit der glücklichen Hühner und anderem Federvieh wird es nie wieder geben" sagten die jungen Frauen und angehende Tierärztinnen ernüchternd zu mir.

Und ich frage mich, habe ich überhaupt die Freiheit, der Ausbeutung in allen Facetten, in der wir vom Kapitalismus umgeben sind, überhaupt zu entfliehen?

Vielleicht, wenn ich mich in die Taiga verflüchtigen würde. Aber da wird es mir wie die Hauskatzen ergehen - unfähig in der Freiheit zu leben.

LG LaWe


bonanzaMARGOT - 25. Mrz. 12, 18:30

laut demokratie wollte es die mehrheit so, wie wir es haben.
da kann ich mein kreuzchen munter woanders machen, es nutzt nix.
ich will aber doch gewisse eingefahrene denkweisen in frage stellen. dazu gehört die von besitz und verantwortung aber auch die vom ewigen wachstum. ein system muss sich nicht nur durch die mehrheit der wähler bestätigen lassen sondern auch durch die sinnhaftigkeit seiner prämissen. und diese sinnhaftigkeit sehe ich in vielen bereichen nicht mehr. oder anders ausgedrückt: wir sägen immer fleißiger an dem ast, auf dem wir sitzen.
wie du es sagst, wir neigen alle zur bequemlichkeit und folgen der masse. das ist ein instinkt. einen moralischen instinkt gibt`s, glaube ich, nicht. moral und verantwortung lässt man sich entweder auch von der mehrheit oder der macht aufdoktrinieren, oder man versucht es mal mit eigenem denken.
ausklammern kann man sich nicht aus der gesellschaft, aber man kann sich schon einige alternativen erarbeiten.

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