Freitag, 30. März 2012

Homo Faber (22)


„Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal, als Techniker bin ich gewohnt mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen. Wieso Fügung? Ich gebe zu: Ohne die Notlandung in Tamaulipas wäre alles ganz anders gekommen; ich hätte diesen jungen Hencke nicht kennengelernt, ich hätte vielleicht nie wieder von Hanna gehört, ich wüßte heute noch nicht, daß ich Vater bin. Es ist nicht auszudenken, wie anders alles gekommen wäre ohne diese Notlandung in Tamaulipas. Vielleicht würde Sabeth noch leben. Ich bestreite nicht: Es war mehr als ein Zufall, daß alles so gekommen ist, es war eine ganze Kette von Zufällen. Aber wieso Fügung? Ich brauche, um das Unwahrscheinliche als Erfahrungstatsache gelten zu lassen, keinerlei Mystik; Mathematik genügt mir.
Mathematisch gesprochen:
Das Wahrscheinliche (daß bei 6000.000.000 Würfen mit einem regelmäßigen Sechserwürfel annähernd 1000.000.000 Einser vorkommen) und das Unwahrscheinliche (daß bei 6 Würfen mit demselben Würfel einmal 6 Einser vorkommen) unterscheiden sich nicht dem Wesen nach, sondern nur der Häufigkeit nach, wobei das Häufigere von vorneherein als glaubwürdiger erscheint. Es ist aber, wenn einmal das Unwahrscheinliche eintritt, nichts Höheres dabei, keinerlei Wunder oder Derartiges, wie es der Laie so gerne haben möchte. Indem wir vom Wahrscheinlichen sprechen, ist ja das Unwahrscheinliche immer schon inbegriffen und zwar als Grenzfall des Möglichen, und wenn es einmal eintritt, das Unwahrscheinliche, so besteht für unsereinen keinerlei Grund zur Verwunderung, zur Erschütterung, zur Mystifikation.“

(aus „Homo Faber“ von Max Frisch)




Fügung oder nicht. Diese Frage ist für mich noch nicht geklärt. Ich erinnere mich, wie faszinierend ich gerade deswegen die Wahrscheinlichkeitsrechnung in der Oberstufe fand. Leider bekam ich ausgerechnet die letzten drei Jahre vorm Abi einen Mathelehrer, der mir den ganzen Spaß am Fach verdarb. Ich benötigte damals noch etwas Anleitung und Motivation, um mich in einer Sache weiterzuentwickeln, denn eigentlich hatte ich ganz andere Dinge im Kopf: Ich hatte meinen ersten Liebeskummer zu verdauen, und überhaupt kotzte mich die Tretmühle Schule total an. Es ging nur noch darum, irgendwie zu überleben. Bei diesem Mathelehrer, er war Konrektor auf der Schule, sackte ich glatt um 3 Noten ab. Er wurde von uns „Schwein“ genannt. Die Herleitung aus seinem Namen war naheliegend. Er machte es sich zum Vergnügen, schwächere und weniger selbstbewusste Schüler an der Tafel vor der gesamten Klasse vorzuführen. Ein Sadist. Und einer von der Sorte, die das pädagogisch völlig in Ordnung fanden. Inzwischen ist er sicher längst in Rente, gestorben oder dümpelt noch in einem Altenheim vor sich hin …
Tja, was wäre wohl aus mir geworden, wenn er mich damals nicht derart frustriert hätte? Vielleicht hätte ich nach der Schule erfolgreich Mathematik studiert. Wer weiß. Ich bildete mir damals jedenfalls ein, dass ich für das Fach eine gewisse Begabung besitze. Nun, es kam alles ganz anders, und ich bin auch nicht traurig drum. That`s Life. Fügung? Schicksal? Oder einfach nur blöder Zufall?

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