Ich warte auf die Post, genaugenommen den DPD Paketlieferdienst. Ja, scheiße, ich hab`s gemacht. Ich gehöre zu den vielen Idioten, die sich ab und zu etwas bei dem Drecksverein Amazon bestellen.
In der Besenkammer stehen seit meinem Einzug gerahmte Aquarelle und Zeichnungen, altes Zeug. Die Bilder will ich aufheben und die vergammelten Rahmen entsorgen. Zur Aufbewahrung der alten Bilder benötige ich eine großformatige Kunstmappe, also schaute ich bei Amazon danach, weil`s so schön bequem ist und es da fast alles gibt. Ich bestellte mir gleich zwei (610 x 810). Heute Vormittag machte ich mich an die Arbeit, die Bilder aus den Rahmen zu nehmen. Das alte Gelump steht nun zum Wegschmeißen im Flur. Fehlen nur noch die Kunstmappen… Laut Sendungsverfolgung sollten sie bereits gestern Abend kommen.
Wieder etwas Ballast weniger, was auch gut für den nächsten Umzug ist. Ich mache mir Sorgen, dass die sowieso schon hohe Miete, die ich hier löhne, bald aufgestockt wird. Scheiß Gentrifizierung! Wenn man in Sachen Mieten die Nachrichten verfolgt, kann einem wirklich angst und bange werden. Besser nicht drüber nachdenken. Schon gar nicht über meine Zukunft mit einer Rente kaum höher als die Grundsicherung. Aber ob ich überhaupt noch zehn Jahre überstehe… Ich fühle mich manchmal unendlich müde. Gestern z.B. quälte ich mich zum Feierabend hin. Alles fiel mir unsäglich schwer. Ich wollte nur noch raus. Die Büro-Maloche macht mich total mürbe…
Der Wirt vom Pub war besser drauf als letzten Freitag. Die freitägliche Säuferliga lag in den letzten Zügen. Ich blätterte an der Bar in einer Illustrierten von der BVG mit dem sagenhaften Titel „Berlin lieben“. Offenbar wollen die Berliner Verkehrsbetriebe ihr Image aufpolieren. Ich guckte mir also die Bilder an – zum Lesen war ich zu faul. Auch interessierte mich das wenigste. Aus Mangel an anderer Stammkundschaft stellte sich der Wirt zu mir und laberte wie üblich über seine alltäglichen Befindlichkeiten. Er nuschelte. Ich verstand nicht alles. Ich nickte einfach und sonderte ein paar Bemerkungen ab, die zu allem passten wie „Alles nicht so einfach…“ oder „Da kann man nichts machen“. Er stellte Überlegungen an, wie er in zwei Jahren seinen Sechzigsten feiern sollte. Schon bei seinem Fünfzigsten waren über zweihundert Gäste gekommen. Es soll auf einem geeigneten Gelände im Freien stattfinden. „Und eine Band wird auch spielen?“ fragte ich. „Klar!“ meinte der Wirt. Ich nickte anerkennend und schaute ihn mir an, wie er hinter der Theke stand, einem Käppi auf dem wuscheligen Kopf, dem knittrigen T-Shirt mit irgendeinem lustigen Aufdruck, das über seinem Bauch spannte; wie er mit seinen großen glasigen Augen hin zur Potsdamer Straße und dem vorüberlaufenden Gewürm blickte. Sicher stellte er sich seinen großartigen sechzigsten Geburtstag vor…
In drei Jahren bin ich auch Sechzig – unglaublich! Was wird dann sein? Werde ich immer noch Tumorfälle dokumentieren, oder werde ich bis dahin selbst an Krebs erkrankt -, vielleicht krepiert sein? Werde ich noch hier wohnen? Und wie sieht`s mit den Frauen aus? Kommt da noch was?
Der Wirt spendierte mir einen Feierabend-Korn. Den konnte ich nicht ausschlagen. Er hoffte, dass Ramona diesmal etwas pünktlicher zur Ablösung da sein würde. Ich war zu müde, um bis zu ihrem Erscheinen zwischen 17 und 18 Uhr auszuharren. Dabei hätte ich ihr gern mal wieder in den Ausschnitt geguckt.
bonanzaMARGOT
- 04. Mai. 19, 16:46
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Berlin
Der Mai beginnt kühl und pissig. Gestern nach dem Büro noch etwas Sonne abgeschöpft. Sie haben den Biergarten erweitert. Schön – ich mag es nicht beengt.
Im Büro läuft alles wie gehabt. Meine Kollegin ist aus ihrem Osterurlaub zurück. Sie machte ein paar Tage Wellness. Ich freute mich, dass sie wieder da war – trotzdem ging sie mir zwischenzeitlich gehörig auf den Sack. Sie hat ihre genauen Abläufe. Nichts darf dazwischenkommen. Überhaupt ist sie in allem sehr akribisch, was zumindest bei unserer Arbeit keine schlechte Eigenschaft ist, – nur stoße ich mich an der scheiß Penetranz des Ganzen! Jeden Tag dasselbe Prozedere, wenn sie ankommt. Bis sie sich an ihrem Arbeitsplatz eingerichtet hat, vergeht gut und gern eine halbe Stunde. Ich traue sie in dieser Phase nicht anzusprechen. Kaum ist das erledigt, geht sie in die Teeküche, um ihr mitgebrachtes Obst zu schälen und mundgerecht zu schnipseln. Frau darf nicht hungern. Zurück im Büro kaut sie mir was vor… Ich sehe, wie sie es genießt. Ohne das ginge es nicht. Mann! Mann! Mann! denke ich bei mir und fühle mich regelrecht angewidert. Wo isst sie diese Mengen hin? Meine Kollegin ist von zierlicher Gestalt. Sie wiegt kaum mehr als einen Zentner. Sie ist schon was Besonderes und nicht einfach in ein paar Sätzen zu beschreiben. Allerlei Ängste sitzen ihr im Nacken – ich fühle mich an meine Mutter erinnert, die einem ähnlich übertriebenem Ordnungssinn frönte. Zwänge entstehen und können den Alltag bestimmen. Meine Kollegin sagt, sie habe Angst, es könne im Alter schlimmer damit werden. Gut, dass sie ihre Macken wahrnimmt. So kann sie bewusst gegensteuern. Ich schätze aber, dass unsere Dämonen nicht so leicht zu besiegen sind…
Wenn man jahrelang ein und demselben Menschen im Büro gegenübersitzt, bekommt man Anwandlungen wie in einer Ehe/Partnerschaft: Der Mensch ist im Großen und Ganzen entzaubert – man entdeckt immer mehr Sachen an ihm, die einen abstoßen…* Dabei mag ich meine Kollegin. Ich hätte es schlechter erwischen können. Wie auch immer – die Kollegen/Kolleginnen kann man sich nicht aussuchen. Ich war diesbezüglich meist sehr anpassungsfähig. Wenn ich mir überlege, mit welchen Besen ich damals Nachtdienste (im Altenheim) schieben musste. Aber fast immer fand ich einen Draht zu ihnen, schloss sie sogar nach einer Weile ins Herz. Es war wie mit den schwierigen Alten, zu denen mich die Stationsleitung schickte, weil ihr der Draht fehlte… Privat würde ich mir freilich andere Leute aussuchen. Am liebsten sind mir Menschen, bei denen ich mich fallen lassen kann, in deren Anwesenheit ich mich ohne Maske bewegen kann – nicht ständig überlegen muss, ob ich dies oder jenes sagen kann. Heute Nacht träumte ich von einem alten Freund, wo ich genau diese Leichtigkeit empfand, wenn ich ihn besuchte. Jedenfalls eine Zeit lang. Ob er noch lebt? Er war starker Raucher und hatte damals schon Probleme mit der Lunge… Beim Dokumentieren von Bronchialkarzinomen kommt er mir oft in den Sinn… Mensch Armin, wo steckst du?
Die ersten Sonnenstrahlen durchbrechen die Trübnis. Ich unterbreche meinen morgendlichen Gedankenexkurs. Kann noch was werden aus dem Tag?
*Ich gerate dann in einen regelrechten Gewissenskonflikt: Ich darf solche Gefühle gegenüber meiner Kollegin nicht haben – und fühle mich mies deswegen.
bonanzaMARGOT
- 03. Mai. 19, 06:03
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Büro
Das polnische Bier hatte ich in besserer Erinnerung. Auf der Rückfahrt saß ich die meiste Zeit im Restaurantwagen und ließ mich von den günstigen Preisen dazu verleiten, ein tellergroßes Schnitzel zu essen. Ganz gegen meine Gewohnheiten schon am Nachmittag. Ich glotzte aus dem Zugfenster auf die vorbeihuschende Landschaft und hatte nebenbei einen lustigen Wortwechsel mit Nadine auf ihrem Blog. Die Zugfahrt verging wie bei der Hinreise relativ zügig. Nur war ich viel zu früh am Posener Hauptbahnhof gewesen und musste mich dort stundenlang rumdrücken. Irrigerweise hatte ich angenommen, dass ich am Bahnhof ein paar Dosen Bier kaufen könne – trotz Ostersonntag. Aber alles war verrammelt außer Mc Donalds und einem Café, wo es keinen Alk gab. Ich musste darben, bis mein Zug kam. Die Polen sind überhaupt ziemlich rigide in Sachen Trinken in der Öffentlichkeit. Als ich am Marktplatz an einem Brunnen sitzend eine Dose Bier süffelte, wurde ich sofort von einem Ordnungshüter ermahnt. Saufen war nur in den Lokalen und Biergärten erlaubt. Kein Wunder, dass bei diesen Zuständen so viele polnische Penner nach Berlin kommen.
Was für ein wunderbares Osterwetter! Ich erhaschte einen Blick auf die gigantische Christus-Statue bei Schwiebus. Jesses Maria, dachte ich bei mir, die spinnen doch die Polen. Was soll das!? Genauso gut kann man das freilich von anderen Völkern sagen. Nehmen wir z.B. die Reaktion der Franzosen beim Brand ihrer geliebten Notre Dame. Was für Heulsusen! Diese Ergriffenheit gegenüber einem irrwitzigen Monument kirchlicher Machtgeilheit…
Das Schnitzel machte mich mehr als satt. Träge schlappte ich zurück zu meinem Abteil, in dem inzwischen die Reisenden gewechselt hatten. Ein Großvater mit seinem etwa 12-jährigen Enkel saßen mir gegenüber. (Könnte aber auch der Onkel oder gar der Vater gewesen sein.) Sympathischer Typ. Er erzählte dem Jungen von seiner Odyssee ohne Geld nach Sizilien und zurück, als er mit smarten Fünfzehn von Zuhause ausgerissen war. Er sprach leise, aber ich kriegte doch ziemlich viel mit und wurde so auch zum gespannten Zuhörer. Vor meinem geistigen Auge sah ich die Abenteuer, die er zu bestehen hatte, die Menschen, denen er begegnete, gute Zeitgenossen, die ihm eine Wegstrecke lang zur Seite standen, aber auch miese Typen, die ihn ausnutzten und verfolgten… Beinahe schade fand ich es, als der EC den Ostbahnhof erreichte. Ich hätte gern weiter seinen Erzählungen gelauscht. Der Zug sollte noch bis Hauptbahnhof fahren, musste aber längere Zeit warten, bis ein Gleis frei würde. Meine Mitreisenden stiegen aus, weil sie fürchteten, ihren Anschlusszug nicht mehr zu kriegen. Ich war bereits am Ziel. Jedenfalls so gut wie. Schließlich hielt es mich auch nicht mehr im Abteil, und ich wechselte in eine S-Bahn. Ein süffiges Berliner Pils am Alex musste sein.
Weil ich`s gerade von hübschen Osteuropäerinnen hatte: Sie nannte sich Lotte Werther und war wie ich damals in einem Literaturforum zugange. Über das Schreiben kamen wir uns näher. Frauenmäßig saß ich gerade auf dem Trockenen und war zu jeder Schandtat bereit. Sie wohl auch. Die privaten Sachen erfuhr ich aber erst nach und nach während unserer Sex-Dates. Wir trafen uns dreimal. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als sie mit ihrem Smart von Regensburg kommend eintraf. Wir gingen spazieren, wobei sie gleich auf Tuchfühlung ging. „Wo ist er denn?“ fragte sie schelmisch. Ich hatte Lotte bereits vorher auf ein paar Fotos gesehen und war von ihrer Figur recht angetan. Es stimmte alles an ihr. Sie sah das wahrscheinlich etwas anders. Sie haderte mit ihrem Alter und wollte sich sexuell nochmal ausleben, „…bevor es da unten trocken wird“, sagte sie. Ich hatte nichts dagegen…, trotz der Bedingung, die sie stellte: Ich solle während unserer Treffen nichts trinken. Ich hielt mich dran. Wäre wirklich ein Jammer gewesen, wegen ein paar Drinks auf den Sex mit dieser geilen reifen Frau zu verzichten.
Ich weiß nicht, ob ich Lottes Geschichte noch zusammenkriege: Sie war Rumäniendeutsche und hatte als Deutschlehrerin in Rumänien gearbeitet. Die Rumäniendeutschen waren dort nicht gerade gut angesehen. Scheiß System, Scheiß Politik sowie die entsprechenden Idioten. Es wurde unerträglich für Lotte, und so floh sie mit ihren beiden Jungs nach Deutschland. Ihr Mann folgte später. In den Pausen zwischen dem Sex kamen wir ins Erzählen. Ich erfuhr eine ganze Menge über diese taffe Person. Auch im Bett konnte ich noch was lernen. Sie machte es unglaublich gut mit der Hand – und ich war spitz wie Nachbars Lumpi. Wir taten, wovon ich schon immer geträumt hatte: tagelang ficken und im Bett rumlümmeln. So kam es zu meinem Rekord von 18-mal Abspritzen in Folge.
Wir unternahmen auch einige Ausflüge mit ihrem Smart. Selbst beim Fahren konnte sie es nicht lassen und holte meinen Schwanz aus der Hose. Und da sie meist einen Rock anhatte und keinen Slip drunter trug, war ich mit dem Finger schnell in ihrer heißen Möse. Mein Gott, ich kriege heute noch einen Harten, wenn ich dran denke. Wir erlebten eine lustige, verrückte Zeit. Der Alk ging mir (fast) nicht ab.
Lotte war verheiratet. Ihre inzwischen erwachsenen Buben studierten in München. Sie hatte nicht vor, ihren Mann zu verlassen. Schon gar nicht wegen mir. Sie wollte nur noch mal auf die Tube drücken. Bei unserem letzten Treffen rasierte sie mir die Eier. Eines meiner Gedichte hatte sie dazu animiert. Die rasierten Eier fühlten sich wunderbar weich an wie Babys. Dann klingelte ihr Handy. Es war ihr Mann. Sie ging nach draußen zum Telefonieren. Als sie zurückkam, packte sie ihre Sachen.
Ein Blickfang waren die Polinnen. Die meisten mode- und figurbewusst. Da waren einige Geschosse dabei, die auch mit einer natürlichen Schönheit aufwarten konnten. Wie kommt das? – Sowieso im Vergleich zu den eher unscheinbaren polnischen Männern… Bei den Polen und Russen gibt es verdammt gutaussehende Frauen! Meine Ex war Russin, und die hatte echt Stil. Demgegenüber kommen die deutschen Hühner im Allgemeinen schlampiger daher. Schon seltsam diese Unterschiede zwischen den Völkern. Eigentlich hege ich seit dem Desaster mit meiner Ex eine Aversion gegen diese Ladies aus dem Osten – andererseits: nicht alle müssen so hohl sein wie meine Ex. In Posen konnte ich mich kaum sattsehen an gutgebauten weiblichen Erscheinungen. Scheiß also auf meine schlechten Erfahrungen!
Ich mag stolze Menschen, wenn sie dabei nicht in die Arroganz abrutschen. Eine Gratwanderung. Ich besitze ein Gespür für solche außerordentlichen Personen, die die Balance halten. Bleibt zu hoffen, dass ich noch eine Chance bekomme… Zur Not nehme ich auch eine Ostdeutsche. Die sind den Polinnen ein bisschen ähnlich. Zum Beispiel die Schauspielerin und Sängerin Anna Loos. Die finde ich einfach klasse!
Der Wirt vom Pub war gestern ganz schön mies drauf! Mann o Mann… Die Säufergruppe, die um die Mittagsstunden ihr Stelldichein gibt, war bereits weg. Die ist nicht leicht zu ertragen, obwohl nicht aggressiv aber eben anstrengend und laut. Überhaupt beobachte ich beim Wirt in den letzten Monaten zunehmend Phasen des Überdrusses, dass er alles ziemlich satthat. Gestern also war es wieder so weit, und er steigerte sich in seine miese Laune hinein. Ich bin in solchen Situationen immer betont zurückhaltend mit meinen Bestellungen. Sowieso verstehen wir uns diesbezüglich ohne Worte. Ein Blick genügt.
Die Kneipe war so gut wie leer. Er wartete auf Ramona, die ihn 17 Uhr ablösen sollte. Ramona, die schwarze Schönheit, ist regelmäßig zu spät, und er weiß das. Trotzdem regt er sich regelmäßig auf und wird immer nervöser. Seine Stammgäste, die ein Getränk bestellen oder ihre Sprüche absondern, kackt er dann schon mal an. „Ich habe noch anderes zu tun! Könnt ihr nicht mal die Klappe halten?!!…“ und ähnliches. Die lachen dann – machen sich über ihn lustig. „Also, wenn du irgendwann Zeit findest…“ Auch ich sitze amüsiert an der Bar, blättere in einer Illustrierten und weiß ja, dass nach der nächsten Runde Korn alles wieder gut zwischen ihnen ist.
Ramona kam und kam nicht. Der Wirt telefonierte ihr bereits hinterher. Natürlich würde sie noch kommen. Irgendwann. Und er brummelte ständig: „Wie ich das alles satthabe!“
Harry ist Stammgast und sieht aus wie eine wandelnde Mumie, bloß ohne Binden. Die Wintermonate verbringt er regelmäßig in Indien – seit ein paar Wochen kehrt er wieder im Pub ein. Ich mag ihn nicht. Er trinkt entweder Kaffee oder Kirschbananensaft. Dem Alk hat er vor Jahren abgeschworen (erzählte er mir mal). Meist spielt er in einer Runde Skat und macht auf Klugscheißer.
Wie gesagt, gestern war der Wirt eh schon auf 180, da betrat Harry die Kneipe und verkannte die brenzlige Lage. Der Wirt hatte gerade Kaffeebohnen in den Automaten geschüttet, wobei unter großem Fluchen fast die Hälfte danebenging. Harry kam ihm da mit ein paar dummen Fragen gerade recht. Der Wirt reagierte entsprechend unwirsch: „Mensch, Harry halte die Klappe!… Wieso stellst du solch blöde Fragen? …“ Das ganze gipfelte schließlich darin, dass Harry auf dem Absatz kehrt machte und das Lokal verließ. „Leck mich am Arsch“, meinte er zum Wirt, und der: „Das merke ich mir… Von wegen Leck mich am Arsch… das merke ich mir… das nächste Mal gibt`s was auf die Mütze!“ Oder so ähnlich. Ich kann nicht verhehlen, dass ich innerlich eine gewisse Genugtuung empfand. Die Mumie geht mir schon lange gegen den Strich. Von mir aus kann er ganzjährig in Indien bleiben. Auch der Wirt meinte das. Aber freilich werden sie sich wieder einkriegen. Mal sehen.
Ich lief mir Blasen. Dachte mir, bevor ich in Berlin mit dem Finger in der Nase steckenbleibe – mal was anderes sehen. Mit dem EC waren es dreieinhalb Stunden. Recht komfortabel. Auf der Hinfahrt reiste ich 1. Klasse, weil so kurzfristig nichts anderes zu bekommen war. Für Zeiten wie Ostern sollte man am Besten schon etliche Wochen vorher wissen, wohin man seinen Arsch bewegen will. Ich haderte damit zu lange. Der Typ im Reisebüro war noch nicht mal fähig, ein Zimmer für mich zu finden. Ein Problem war, dass ich nicht im Besitz einer Kreditkarte bin, weil bei der Buchung übers Internet zumeist eine Kreditkartennummer verlangt wird. (Ich hasse Kreditkarten!) Okay, ich besorgte mir ohne den inkompetenten Heini vom Reisebüro ein Zimmer. Muss ja nicht das Sheraton sein. Über Booking.com kam ich zu einer Pension, wo ich für die zwei Nächte nur gut 40 Euro berappte, freilich ohne Frühstück, und Toilette auf dem Flur.
„Nur das Teuerste ist gut genug“, meinte die Schaffnerin provokant, als sie meinen Fahrschein begutachtete. Ich war perplex über ihren Spruch und musste erstmal schlucken. „Ich kriegte nichts anderes mehr“, erwiderte ich verärgert und verwundert zugleich. Was meinte diese Person damit? Sie arbeitete doch selbst in diesem Verein, der mir das Erste-Klasse-Ticket quasi aufgenötigt hatte. Am liebsten hätte ich mit ihr eine Diskussion angefangen, aber sie knipste bereits die nächsten Fahrkarten ab… Ich trat ihr in Gedanken in ihren hässlichen dicken Arsch.
Gefühlt war die Reise ziemlich kurz. Ich hörte meine Lieblingsmusik über Ohrstöpsel und trank Dosenbier. Als ich ankam, hatte ich ein paar Orientierungsprobleme. Überall Polen, noch viel mehr als in Berlin. Aber ansonsten sah es auf den ersten Blick nicht viel anders aus.
Ich war in Posen – was machte ich allein in Posen? Egal. Man muss doch ständig irgendetwas machen. Nach kurzem Herumirren fand ich die Pension. Alles war gut. Ich wollte sowieso gleich wieder raus. Der Tag war sonnig wie das gesamte Ostern. Ich schlappte drauflos…
Die Chinesen sind uns sechs Stunden voraus. In Shanghai fand der Der Große Preis von China statt. Sieger mal wieder Hamilton, Bottas auf Platz Zwei, Vettel Dritter. Nichts Aufregendes – im Prinzip die Fortsetzung der letzten Saison. Ferrari kriegt die Kurve nicht, und Mercedes zieht davon. Ich mag den bodenständigen Vettel lieber als den Sunny Boy Hamilton. Ich würde Vettel mal wieder einen Sieg gönnen. Aber es soll nicht sein. Nicht seine Zeit, nicht die Zeit von Ferrari.
Unruhig wie ein Tiger im Käfig wandere ich durch die Wohnung, wische das Blut auf, lüfte, putze da und dort Staub. Draußen pisst es. Das Pflaster glänzt vor Nässe. Scheiße aber auch! Am Abend stieß ich im Dunkeln brutal mit dem linken großen Zeh an eine Möbelkante. Autsch! Ich bemerkte zuerst gar nicht, dass ich wie ein Schwein blutete. Notdürftig umwickelte ich die Wunde mit einem Kleenex Tuch und lagerte das Bein hoch, aber da hatte ich bereits eine anständige Blutspur hinterlassen.
Ich schalte den Fernseher wieder aus und meinen Lieblingsbluessender Aardvark an. Der läuft eigentlich immer, wenn ich nicht gerade in die Glotze schaue. Ab und zu höre ich auch meine Lieblingsmusik auf Spotify, nur stören mich die bescheuerten, überlauten Werbeeinblendungen. Trotzdem werde ich nie ein Bezahl-Abo eingehen. Auch nicht auf WordPress oder einer anderen Plattform. Scheiß Kapitalisten! Sie wollen einen weichkochen – aber nicht mit mir! Ich weiß, sie haben die Welt längst im Sack. Widerwillig schaue ich mir ihr Drecksspiel an. Auch mich halten sie freilich an der Leine, aber zähmen werden sie mich nie!
Um etwas Gemütlichkeit aufkommen zu lassen, zünde ich ein paar Kerzen an. Dann gehe ich auf eine Porno Seite und hole mir einen runter. Bedürfnisse müssen befriedigt werden. Ist doch nichts dabei. Noch geht`s… Noch genieße ich das bisschen Freiheit, das ich hier in Berlin habe. Wenn erstmal die Chinesen die Kontrolle übernehmen, hat sich das auch. Die Chinesen sind groß im Kommen. Sie streben die Weltherrschaft an – da bin ich mir ganz sicher! Die Zukunft wird ein weltumspannender chinesischer Kakerlaken-Staat sein. Sie krabbeln bereits zu Tausenden durch Berlin – wie ferngesteuert – und kundschaften aus, was ihnen sowieso bald gehört.
Ich bin kein besonders ängstlicher Mensch. Ich frage mich nur in aller Regelmäßigkeit: Wozu das alles? Wozu die materialistischen und ideologischen Perversionen menschlichen Treibens? Wer hat uns ins Gehirn gekackt??
Ich suche die Zeitanzeige auf der Fußleiste meines Notebooks. Ich warte, bis eine Minute rum ist. Ich warte auf die nächste und übernächste Minute. So geht das. Das ist Zeit. Darum sitze ich hier. Es ist meine Lebenszeit.
bonanzaMARGOT
- 15. Apr. 19, 06:29
-
Berlin
Jeder Mensch glaubt erstmal, dass es ganz normal ist, was er um sich herum wahrnimmt. Er stellt seine Existenz nicht in Frage. Warum auch? Sein Gehirn ist in der Hauptsache aufs Überleben und die Fortpflanzung ausgerichtet. Nun wäre der Mensch aber nicht Mensch, wenn er sich nicht darüber hinaus Gedanken machen würde. Die menschliche Kultur zeugt davon, dass wir es nicht beim Herumficken von Generation zu Generation beließen, sondern außerdem Religion, Philosophie und Naturwissenschaft entwickelten. Frag mich nicht, warum. Fluch und Segen können verdammt dicht beieinander liegen. Ich tendiere zum Fluch. Nein, es ist eindeutig ein Fluch… Die Vielzahl an Indizien, warum wir besser nicht zum Homo sapiens geworden wären, sind erdrückend. Ich will jetzt aber nicht ausholen. Viel zu klar liegt alles vor mir. Man lebt einige Jahrzehnte, beobachtet die Welt und zieht seine Schlüsse. Eigentlich ganz einfach.
Gestern begoss ich meinen Feierabend im Pub. Ich hatte eine mittelschwere Woche hinter mir. Ich musste mich durchbeißen. Von Tag zu Tag. Vom Morgen bis zum Abend. Ich hatte es satt, wie in einer Endlosschleife zu funktionieren. Wozu der ganze Dreck? Welcher Idiot hat das Schwimmbecken so tief gemacht, dass man keinen Grund unter den Füßen hat? Gut, ich hatte es wiedermal bis zum Beckenrand geschafft… Das Pils stand bereits vor mir auf der Theke. Der Wirt kennt mich. Ich finde es super, wie unsere nonverbale Kommunikation funktioniert. Einfach easy. Ab und zu wechseln wir aber doch ein paar Worte, d.h. er redet, und ich mache so, als ob ich zuhöre. Er hat nun mal diese Kneipe am Hals mit den immer selben Suffköppen an der Bar. Na wenn man da nicht auf Dauer was an der Waffel kriegt! Er gießt mir einen Korn ein und sagt: „Aufs Wochenende!“ Natürlich trinkt er einen mit. „Danke“, grunze ich, „so ist das Leben.“
Neben mir sitzen noch ein paar andere Figuren. Sie berlinern, dass die Schwaden krachen. Ich verstehe nicht alles. Wenn sie lachen, grinse ich auch. Wir sitzen alle im selben Boot.
„… ein Betrunkener tastet sich an einer Litfaßsäule entlang, immer rundherum, und ruft: Wo ist denn hier die Tür??“ Alles lacht! Der Wirt kriegt sich fast nicht mehr ein. Lachtränen laufen ihm übers Gesicht. Auch mir gefällt das Bild des Betrunkenen, der um eine Litfaßsäule herumtorkelt und verzweifelt den Ausgang sucht. Richtig philosophisch finde ich das. Ganz stark. Und deswegen schrieb ich jetzt davon.
bonanzaMARGOT
- 14. Apr. 19, 09:20
-
Berlin
Was soll dieser Wirbel um die Fotografie von einem Schwarzen Loch, welche im eigentlichen Sinne gar keine Fotografie ist? Man habe jetzt den letztendlichen Beweis für etwas, von dem man schon lange weiß, dass es existiert, die Sache aber im Grunde nicht versteht. Schwarze Löcher widersprechen den Naturgesetzen. Es dürfte sie gar nicht geben, auch wenn sie Einstein mittels seiner fantastischen Relativitätstheorie vor über 100 Jahren quasi vorhersagte.
Ich denke an den „Greta-Hype“: Eine halbwüchsige Autistin erinnert die Menschheit daran, dass die Welt bald am Arsch ist, wenn wir den Raubbau an der Natur und die Luftverpestung nicht schnell eindämmen. Der Club of Rome warnte die Weltgemeinschaft bereits vor 50 Jahren vor einem grenzenlosen Wachstum in den Irrsinn.
Es verhält sich mit vielen Dingen so: Ich musste im Verlauf meines Lebens (die Tragik des Alters) einige Politikergenerationen erleben, – und immer rührten sie in der Scheiße nur herum, ohne wirklich was Entscheidendes zum Besseren zu bewegen. In den drei Jahrzehnten als Altenpfleger war ich ganz direkt von dem ewigen Herumgewürge der Politik bei einem wichtigen gesellschaftlichen Thema betroffen. So viele eingebildet-gescheite und studierte Leute quatschten jahrzehntelang sich und den Pflegemissstand tot. In meinen Augen alles Schwachmaten und geistige Wiederkäuer.
… Wir „fotografieren“ ein Schwarzes Loch in der Mitte einer weit entfernten Galaxie und freuen uns wie die kleinen Kinder – holla die Waldfee! Also ich sehe dabei nichts Spannendes. Ich bin aber auch kein Astronom. Spontan fällt mir das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ ein… Oder auch: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Bitte nicht falsch verstehen: Ich habe nichts gegen Schwarze Löcher. Im Gegenteil*. Ich habe auch nichts gegen Menschen. Alles gehört zueinander im Universum, in der Schöpfung – egal, wie wir`s nennen. Auf der einen Seite gibt`s uns, und auf der anderen die Schwarzen Löcher. Wird schon.