Hätte ich nur etwas längere Arme, könnte ich mir, während ich auf der Toilette sitze, die Hände waschen. Das kleine Bad ist (neben der Miete) das größte Manko meiner Wohnung. Man muss immer irgendwas in Kauf nehmen. Inzwischen gewöhnte ich mich daran. Die Beengtheit kann auch seine Vorteile haben: Bei einem Brechdurchfall muss ich mich nicht vom Klosett erheben, sondern kann gleich neben mir in die Wanne kotzen.
Noch enger waren nur die Toiletten auf Gran Canaria, jedenfalls in den Bars. Es war `ne verdammte Yoga-Übung, sich dort den Hintern abzuwischen. Wenn ich wieder draußen an meinem Tisch saß, fragte ich mich, wie das beleibtere Gäste machten. Ist wahrscheinlich eine Frage der Technik, die man mit der Zeit entwickelt. Da ich entgegen meiner Gewohnheit während meines Urlaubs morgens frühstückte, änderten sich damit auch die Zeiten der Darmentleerung, d.h. sie gerieten durcheinander. Sowieso musste ich wegen meines Bierkonsums während meiner Inselausflüge mehrmals die Toilette aufsuchen. Mann, es war heiß! – da muss man viel trinken! Besonders angenehm ist es jedenfalls nicht, wenn man durch den Druck der unteren Eingeweide kaum noch einen klaren Gedanken fassen kann und in einer fremden City in einem fremden Land durch die Gegend irrt. Öffentliche Toiletten waren sehr rar, geschlossen oder total versteckt. Manchmal fragte ich mich, ob ich der einzige mit dieser Problematik war. Wie machten es die vielen anderen? Ich stellte dazu mehrere Theorien auf, die ich aber alle wieder verwarf, weil sie entweder zu absurd waren oder einen Haken hatten. Ich fantasiere zwar gern, aber schlussendlich würde ich mich als rational denkend bezeichnen. Die Welt ist voller Mysterien. Wo fressen und trinken die Menschen das alles hin? Überall und zu jeder Zeit wurde gefuttert…, als ob morgen die Welt unterginge. Die paar Bier, die ich trank, waren demgegenüber Askese. Tagsüber aß ich nichts, erst wieder gegen Abend, wenn ich ins Hotel zurückkehrte.
Also, ich fand immer rechtzeitig ein Örtchen. Erleichtert konnte ich danach weiterziehen. Las Palmas gefiel mir richtig gut. Die Touristikschwemme verlor sich im städtischen Gewimmel. Ich lief sonnenbrandgeschädigt im Schatten der Straßenzüge Richtung Santa Catalina und gelangte schließlich an den weit ausladenden Playa de Las Canteras… Da saß ich also alleine auf dieser Insel, schaute auf die Menschen und die Kulisse vor mir. Wind streichelte mein graues Haar. Keine Ahnung, was mir durch den Kopf ging. Alles liegt bereits wieder im Dunst des Gestern.
Kurz vorm Aufwachen träumte ich von einem Typen, dessen Frau ihm zu seinem Geburtstag einen runterholen wollte. Aber ständig störten ankommende Gäste. Auch war die Frau nicht richtig bei der Sache. Der Typ stand ziemlich frustriert da mit seinem Geburtstagsständer…
Gut, dass ich nicht Geburtstag habe und keine Frau, die`s nicht gebacken kriegt.
Yeah – Wochenende! Was steht sonst noch an? Soll hier in Berlin ganz goldig werden das Wetter. Die sogenannten Frühlingsgefühle kitzeln.
Gestern mit ein paar Kolleginnen und Kollegen beim Mexikaner gespachtelt. Eigentlich liegt mir solch nachfeierabendliches Zusammenklönen nicht. Aber ich befinde mich derzeit in einer Situation, wo ich besser Kontakte pflegen und/oder ausbauen sollte. Es war eine nette kleine Runde, und es uferte nicht aus. Ich trank gepflegte drei Bier während des Essens. Kein Vergleich mit den Betriebsfeiern damals im Altenheim, wo gesoffen wurde, bis das Licht ausging.
Wie viele Tage hocke ich eigentlich jedes Jahr im Büro? Kann man natürlich googeln… In Berlin sind es 251 Arbeitstage für 2019, minus 30 Tage Urlaub bleiben 221. Das heißt, ich muss rund 60% des Jahres malochen. Ich saß an meinem Schreibtisch bei der Dokumentation und dachte: FUCK – much too much! Ab und zu suche ich krampfhaft nach ein paar Themen, mit denen ich mich von der Tumorscheiße ablenken kann. Du wirst blöde im Kopf, wenn du stundenlang Diagnosen, Pathobefunde und Behandlungen ins Dokumentationssystem kloppst. Gut, dass meine Kollegin wieder aus dem Krankenstand zurück ist, und ich nicht mehr alleine im Zimmer sitze. Ein Wortwechsel und ein paar Lacheinheiten zwischendurch sind Gold wert.
Okay, aber jetzt ist erstmal Wochenende. Ich freue mich auf die Sonne und den Biergarten. Eine verrückte Idee wäre auch nicht schlecht. Irgendwas, wo ich sagen könnte: Wow! Das ist der Hammer! Das verändert alles! Warum ist mir das nicht schon früher eingefallen?!
Ich denke dabei an nichts bestimmtes. Es wäre sowas wie die Geburt von etwas grundlegend Neuem – eine Erleuchtung! Wenn ich mir überlege, wie viel Zeit ich mit Grübeln verbringe… Ein paar geile Gedanken sind immer mal wieder dabei, letztlich blieb es aber eine endlose Wichserei ohne durchschlagenden Orgasmus.
bonanzaMARGOT
- 06. Apr. 19, 13:10
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Büro
Wenn ich von meinen Insel-Ausflügen zurückkehrte, war ich mehr als satt von Sonne und Bier. Am Abend zog es mich nicht mehr raus, ich blieb im Appartement, aß eine Kleinigkeit und fläzte mich vors TV. Nach was anderem fühlte ich mich nicht mehr motiviert. Es lief der übliche Spiele-, Talkshow- und Serien-Dünnschiss, doch zwei Filme mit Clint Eastwood blieben mir im Gedächtnis hängen. Sie kamen hintereinander. Zuerst ein Krimi „Coogans großer Bluff“ (1968) und danach der Western „Ein Fressen für die Geier“ (1970). Bei beiden führte Don Siegel Regie. Also, wenn ich eine Frau wäre, würde ich zweifellos auf den Typen Clint Eastwood abfahren, so was von! Ich mag seinen Stil, seine lässige Art, das Eigenbrötlerische, seine Mimik, seinen Humor – alles minimalistisch auf den Punkt gebracht… herrlich! Inzwischen ist er wie Robert Redford ein alter Knacker, und auch er kann das Filme drehen nicht lassen. Zurzeit läuft von und mit ihm „The Mule“ im Kino. Die Kritiken dazu sind durchschnittlich. Vielleicht gehe ich noch rein, einfach weil ich diesen Typen klasse finde. Ich selbst bin leider weit davon entfernt, ein Clint Eastwood zu sein, ich komme eher nach Charlie Brown.
Okay, ich saß also zehn Tage auf dieser Insel Gran Canaria und musste die Zeit dort rumbringen. Dreimal fuhr ich per Bus in die Insel-Hauptstadt Las Palmas und zweimal besuchte ich das beschauliche Hafenstädtchen Puerto de Mogán. An den anderen Tagen trieb ich mich vor Ort in Playa del Ingles und Maspalomas herum. Die beiden Orte liegen ca. 5 Kilometer auseinander, und man kann entweder am Strand oder durch die Dünen vom einen zum anderen wandern. Das machte ich ein paar Mal. Dabei kam ich am FKK- und Schwulenstrand vorbei. (Ich will gar nicht wissen, was da zwischen den Dünen abging.) Meine Saunazeiten liegen schon viele Jahre zurück. Damals war ich, was nackte Fleischberge angeht, abgehärtet. Bekanntlich ist alles Gewöhnungssache. Auf der anderen Seite: an manche Sachen will ich mich gar nicht gewöhnen. Ich lief also an der Brandung entlang, hatte meine Lieblingsmusik im Ohr und beachtete das Treiben um mich herum möglichst wenig. Nach den Spaziergängen musste ich dringend zur Toilette und Gerstensaft nachtanken, eiskalt am besten, in den meisten Fällen Tropical, welches recht süffig war und mir besser schmeckte als das dort angebotene Deutsche Bier (Warsteiner – Bäh!).
Viel Abwechslung boten die Tage nicht. Die gaben die Insel und ich nicht her.
Redford ist inzwischen ein alter Knacker und kann einen solchen authentisch verkörpern, so in dem derzeit laufenden Kinostreifen „Ein Gauner & Gentleman“, einer leicht erzählten Tragikomödie über einen alternden Ganoven, der alleine und mit zwei ebenso nicht mehr ganz jungen Kumpels in feiner Manier Banken ausraubt*. Seine Vita ist ein einziges Desaster von Banküberfällen, Knastaufenthalten und Ausbrüchen. Es geht ihm nicht um die Kohle, sagt er, sondern um das Leben. Redford verkörpert die Figur des nimmermüden Ganoven sehr sympathisch. Selbst der Polizist, der ihn jagte, bedauert, als er schließlich von der Bundespolizei gestellt wird. Immer wieder sieht man Nahaufnahmen von seinem furchigen Gesicht und diesen Redford-Augen, etwas milchig zwar, aber sie strahlen immer noch.
Eingewoben in die Ganovenstory eine Liebesgeschichte – der alte Ganove könnte endlich zur Ruhe kommen, einen Hafen, ein Zuhause für seine letzten Lebensjahre an der Seite einer nicht minder alten aber gut erhaltenen Dame mit Pferderanch finden. Doch seine Leidenschaft fürs Bankgeschäft ist stärker, und so wird nichts aus dem Happy End.
Ich dachte nur, mein Gott, wie alt Redford geworden ist. Wie viele Jahre gingen ins Land, seit ich ihn an Paul Newmans Seite in „Der Clou“ bewunderte? Die beiden gehörten zu meinen Lieblingsschauspielern in den Siebziger-Achtzigern. Wobei ich Paul Newman einen Tick mehr mochte. Scheiße, wie lange ist das her! Das Leben lag damals noch vor mir…
Wie komme ich eigentlich hierher? Ich sitze an einem künstlich angelegten Teich unweit des Kinopalastes am Potsdamer Platz. Der Himmel über mir strahlt in astreinem Blau. Verkehrsgetöse im Hintergrund, und doch ist dieses Plätzchen voller Ruhe. Ich blicke sinnierend auf die Wasseroberfläche und die modernistischen Fassaden der umgebenden Gebäude. Ich frage mich, wer in ihnen arbeitet. Wir alle sind Teil eines riesigen Lebewesens, das sich Stadt nennt. Anonym funktionieren wir nebeneinander, arbeiten gemeinsam daran, dass alles weitergeht…
Mir bleibt noch eine Stunde bis zum Filmstart. Ich genieße die Ruhe im Auge des Sturms.
*Ich sehe mich als Rentner auch schon Banken überfallen. Fürs Geld und fürs Leben.
bonanzaMARGOT
- 31. Mär. 19, 13:28
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Berlin
Rein wettertechnisch die Wiederholung von letztem Samstag. Der Biergarten ruft. Ich schlief lange und unruhig – ganze Romane geträumt, darunter die Idee für ein Spiel unter Todeskandidaten. „Köpfe fangen“ nannte ich es. Zuerst wird ein Streichholz gezogen, wer für den „Ball“ zu sorgen hat. Der Delinquent mit dem kurzen Hölzchen muss unter die Guillotine. Die anderen Delinquenten stellen sich im Kreis darum auf und müssen sich nun den Kopf des soeben hingerichteten zuwerfen. Wer ihn nicht fängt oder fallen lässt, verliert als nächster seinen Kopf und stellt somit den „Ball“…, bis am Ende nur noch der Glückliche übrigbleibt, der mit seiner Begnadigung belohnt wird. Ein Aufseher passt während des Spiels auf, dass alles ordentlich vonstattengeht. Wer z.B. den Kopf so wirft, dass er unmöglich zu fangen ist, wird kurzerhand erschossen.
Ich schielte zum Wecker. Sechs Uhr, es dämmerte bereits. Ich dachte an die bevorstehende Zeitumstellung, dass uns nächste Nacht eine Stunde geklaut wird…, drehte mich noch mal um und träumte den nächsten Unsinn.
Best idea ever, gestern nach der Arbeit noch zum Haarschneider zu gehen. So habe ich heute volle Planungsfreiheit. Ich verknüpfte meinen Frisörbesuch mit einem Feierabendbier im Pub. Das liegt quasi nebendran. Aus dem einen Bier wurden dann doch mehrere. Der Wirt spendierte mir einen Korn. Da musste ich mich revanchieren. Jeden Freitagnachmittag hängen im Pub einige gut angesoffene ab. Ich mag die Knilche, wenn ich mich auch nicht in ihre Gespräche einmische. Ich sitze ein paar Meter weg an der Bar und grinse in mein Bier. Wir saßen also an der Bar, und es lief, wie es jeden Freitag läuft, als so ein paar Heinis vom Fernsehen hereinschneiten. Sie wollten ein Interview mit dem Wirt. Der sagte nicht nein. Die Kamera zielte direkt in den schmalen, düsteren Schankraum. Ich griff mir mein Bier und drehte mich weg. So ein Scheiß! Dürfen die das einfach so – einen filmen, ohne zu fragen?!? Es ging, wie ich am Rande mitkriegte, um die Veränderungen in der Potsdamer Straße. Das Pub ist eines der wenigen Relikte, welches über die Jahrzehnte überdauerte. Der Wirt war bereits ganz schön angeschickert. Zu viele Korn, die er seinen Gästen ausgab und immer mittrank. Aber er fand sich wohl geehrt durch die Anwesenheit des Fernsehens. Wer denn so bei ihm reinkomme, fragte der Heini vom TV. Die Besoffenen hinter mir grölten und lachten. Lass den Kelch an mir vorübergehen, dachte ich. Außerdem war mein Bier leer. Ich weiß nicht, was die TV-Leute dachten, aber sie waren plötzlich so schnell verschwunden, wie sie gekommen waren. Uff! Ich hasse nichts mehr, als in irgendeiner Form abgelichtet zu werden. War schon schlimm genug, beim Frisör vorm Spiegel zu sitzen… Man hat halt so seine Macken.
Kurz nach 17 Uhr löste Ramona den Wirt ab. Ich hatte mich warmgetrunken und genoss ihren Anblick. Allzu viele Frauen bekam man hier sonst nicht zu Gesicht. Ramona ist eine schwarze Schönheit, jedenfalls aus Trinkerperspektive. Sie nennt mich immer Tomas. „Wie kommst du auf Tomas?“ fragte ich sie. Sie zeigte mit dem Finger auf den Wirt. „Na gut, dann nenne mich eben Tomas“, lachte ich. Auch Ramona gab einen Korn aus, und ich bestellte mir noch ein Bier…
(Nein, ich versackte nicht. Bekanntlich geht man am besten dann, wenn es am Schönsten ist.)
bonanzaMARGOT
- 30. Mär. 19, 13:30
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Berlin
Fuck, morgen geht`s schon wieder ins Büro – dann hat mich der schnöde Alltag wieder. Die zwei Wochen gingen vorbei wie nichts. Vor wenigen Tagen tankte ich noch Sonne auf Gran Canaria und ließ die Seele baumeln. Die Fotos zeugen jedenfalls davon – es muss also passiert sein. Der Urlaubslack ist schnell wieder ab. Gestern war ich im Biergarten am Gleisdreieck. Er hatte tatsächlich schon geöffnet. Die Schlange an der Kasse war lang, darum bestellte ich mir gleich zwei große Helle. Es war kälter, als ich dachte. Eine leichte Dunstglocke minderte die Kraft der Sonne. Außerdem ging ein frostiger Wind. Ich schlabberte das Bier und las Stories aus Bukowskis Nachlass. Was für eine Knalltüte, dieser Bukowski! Ich mag seine Schreibe. Einiges kann ich ganz gut nachvollziehen.
Z.B.: „Um zu schreiben muss man sich entweder sehr gut oder sauschlecht fühlen, aber malen kann man, wenn man sich gut, schlecht oder irgendwo dazwischen fühlt. Wobei für mich alles besser ist, wenn ich betrunken bin, Sex genauso wie das Schreiben, Malen und der Stierkampfbesuch. Bei anderen mag das anders sein. Aber Malen, Trinken, Ficken, Schreiben sind nicht alle eins, nur beinah.“
Stierkämpfe habe ich noch nicht besucht, aber was das andere angeht, stimme ich im Großen und Ganzen mit Buk überein.
Langsam wurde es mir zu kalt im Biergarten. Ich hatte nur ein T-Shirt und eine Jacke drüber an. Also beschloss ich, die Sache abzubrechen. Am späten Nachmittag lief im Cinemaxx am Potsdamer Platz Sisters Brothers. In den Streifen wollte ich schon vor meinem Urlaub gehen. Ein Western über zwei ungleiche Brüder, die als Auftragskiller unterwegs sind. Gutes Handwerk. Ich meine den Film.
Okay, so weit so gut. Stellt sich die Frage, was ich heute mache, wenn ich hier mit dem Schreiben fertig bin… Nur kein Stress, Baby. Der Tag geht ganz von alleine rum. Wo geht sie eigentlich immer hin, die Zeit? Man kriegt sie nicht zu fassen. Man muss immer weiter, selbst wenn man stehenbleibt.
Ich denke an meinen ersten Spaziergang von Playa del Ingles zum Faro de Maspalomas. Ich schlappte durch die Dünen. Mann, war das mühsam, durch den Sand zu gehen. Und heiß! Die alten Säcke überholten mich. Woher nahmen sie diese Energie? Ich sagte zu mir: Mach langsam, du hast alle Zeit der Welt. Sollen sie dich überholen. Scheiß drauf. Ich lasse mich auf kein Wettrennen ein.
Warum fühlen wir uns im Leben immer so getrieben? Bringt uns das irgendwie weiter? An der nächsten Ampel müssen wir sowieso warten. Oder so ähnlich. Egal, wie sehr man sich abstrampelt, – man hängt wie ein Fisch am Haken der Zeit. Ich sehe im Geiste, wie ich morgen die Hühner in ihren Büros begrüße, Smalltalk über den Urlaub; ich hole mir die Arbeit aus dem Stahlschrank, tausende Tumorfälle, fahre den Computer hoch, mache mir einen Kaffee…
And so on.
Wow! Ich ziehe den Rollladen hoch und sehe astrein blauen Himmel über Berlin!
Auf Gran Canaria hatte ich diesen Ausblick jeden Morgen zehn Tage lang. Die Sonne ging gegen 7 Uhr in der Früh auf, da öffnete auch das Frühstücksbuffet. Ich also raus aus den Federn, um vor der großen Welle der alten Säcke dort zu sein. Gegen 8 Uhr wurde es voll. Ich setzte mich in die Nähe der großen Glasfront zur Terrasse. Dort konnte man schon etwas Tageslicht einfangen, und weil es dort etwas frischer war, verzogen sich die alten Säcke, vornehmlich die Damen, lieber in den hinteren Bereich. Ich hatte also weitgehend während des Frühstücks meine Ruhe. Am ersten Tag suchte ich Brötchen und Brot, und als ich nichts fand, sprach ich die weibliche Servicekraft an. „Sorry, where ist the bread? … Wo sind Brötchen, Brot?“ Die junge Frau schaute verwirrt, und ich wiederholte die Frage. Ich kam mir ziemlich dämlich vor. Das nächste Mal nehme ich ein Wörterbuch mit auf Reisen. Da die junge Frau nicht weiterwusste, wollte sie bei der Rezeption nachfragen, was ich wollte. Ich folgte ihr auf dem Absatz…, und was sahen meine müden Äuglein auf halbem Wege? Natürlich den Tisch, auf dem Brot und Brötchen angerichtet waren. Ich zeigte mit dem Finger darauf und sagte lächelnd: „I have found it…. This ist bread/Brot.“ Mein Gott, wie peinlich, dachte ich, das klang jetzt bestimmt oberlehrerhaft. Warum sah ich das scheiß Brot nicht? Ich hatte nur auf der Seite des Buffets gesucht.
Nebenbei war die Servicekraft ein echter Blickfang. Sie hatte einen kleinen festen Hintern in der tadellos sitzenden schwarzen Hose. Ihr langes pechschwarzes Haar fiel auf einen schlanken, beinahe kindlich-zierlichen Rücken. Sie bewegte sich mit der grazilen Körperhaltung einer Fado-Tänzerin. Jedenfalls stellte ich mir sie als solche vor. Ihr Gesichtsausdruck stolz – selten verzog sie eine Miene, lächelte nur höflich, wenn sie von den alten Säcken angequatscht wurde. Während ich meinen Teller Rührei verspachtelte, schaute ich immer wieder zu ihr hin, wie sie putzte, an der Bar aufräumte oder das ein oder andere am Buffet richtete. Ein visueller Leckerbissen, diese kleine Spanierin!
Nach dem Frühstück verzog ich mich auf mein Zimmer, schaute Deutsches Frühstücksfernsehen und schmiedete bei ein paar Drinks Pläne für den Tag. Gegen 10 Uhr verließ ich den Bau, hinaus in die Sonne, die mir dann schon recht kräftig auf den Pelz knallte.
Genau, was mache ich eigentlich heute? Ich sollte meine Nase unbedingt in die Sonne strecken, sonst bin ich bald wieder so käsig als wie zuvor. Bis zu 17° Celsius sind für Berlin angesagt. Da lässt es sich auf einer Parkbank und/oder in einem Biergarten aushalten. Also Lektüre einpacken (Sonnenbrille nicht vergessen!), was zum Süffeln besorgen und los geht`s!
Zurück ging`s mit einem Airbus A320. Die 30 Sitzreihen klebten förmlich aneinander. Der Sitzabstand betrug circa einen Dreiviertelmeter. In solchen Fliegern werden Menschen wie bei der Massentierhaltung eingepfercht. Es ist doch immer wieder ein Erlebnis in einer gut 30 Meter langen Blechbüchse mit 160 anderen Idioten 10.000 Meter über dem Erdboden ein paar Stunden abzusitzen.
Ich bewunderte die alten Säcke, wie sie stoisch ihr Schicksal ertrugen. Einige stöhnten und ächzten, aber ansonsten blieben sie ruhig, blätterten in Magazinen, lösten Kreuzworträtsel und vesperten brav. Ich hatte extra einen Sitzplatz am Mittelgang gebucht, um meine Beine seitlich ausstrecken und durchbewegen zu können. Doch kaum waren wir in der Luft und durften die Sicherheitsgurte lösen, begann eine nicht abreißende Karawane zu den Flugzeugtoiletten. Zudem ruckelten in regelmäßigen Abständen die Flugbegleiterinnen mit dem Versorgungswägelchen durch den Gang. Hin und zurück, und dann nochmal, um die Abfälle einzusammeln. An ein entspanntes Ausstrecken der Flossen war nicht zu denken. Gut, ich fliege nicht zum ersten Mal und kenne all diese misslichen Umstände. Und jedes Mal nehme ich mir vor, dass ich mir das nicht so schnell wieder antun will. Es ist wie beim Zahnarztbesuch – und man zahlt für die Folter auch noch eine ganze Menge Geld.
Die Situation in einem Flieger ist ausweglos. Besser nicht drüber nachdenken. Einfach die Augen schließen, ruhig und gleichmäßig atmen und an was Schönes denken, z.B. an den verbrachten Urlaub. Ich versuchte es… wirklich! Ich muss da wohl an mir und meinen Entspannungstechniken arbeiten. Da war dieser Typ in der Sitzreihe direkt vor mir, der seine Sitzlehne zurückstellte und mir damit noch einige Zentimeter Platz raubte. Seine Frau bemerkte meinen ärgerlichen Gesichtsausdruck und stupste ihn darauf an. Es wäre nicht anständig, bei solch engen Verhältnissen die Lehne zurückzustellen. Ich lächelte zustimmend. Doch der Typ war einer von der Sorte „Ich lass mir nichts sagen“ und meinte lediglich: „Er wird`s überleben.“ Dabei lachte er blöd. Ich hasse solche Großkotze – mein Gott, wie ich die hasse! Er ließ mir keine Wahl, ich musste ihn killen. Am liebsten hätte ich ihm von hinten die Kehle durchgeschnitten, aber mangels eines Messers rammte ich ihm meinen Kugelschreiber bis zum Anschlag ins rechte Ohr. „Gut gemacht“, sagte seine Frau. „Immer wieder gern“, sagte ich. Ich rammte dem Arsch, auf dessen Rübe ich die Flöhe zählen konnte, während des Fluges einige Dutzend Mal den Kugelschreiber ins Ohr – nur in meiner Fantasie freilich, denn ich bin ein äußerst friedliebender Zeitgenosse. Ich ließ mich noch nicht mal auf ein Wortgefecht mit dem Arsch ein. Es muss auch gute Menschen wie mich geben. Wenn ich mich mit dem Arsch streite, stelle ich mich mit ihm auf eine Stufe. Die fünf Stunden werden schon rumgehen. Einfach die Augen schließen, ruhig und gleichmäßig atmen und an was Schönes denken, z.B. wie ich den Typen vor mir massakriere…, dieses selbstgefällige ARSCHLOCH!!
Kaum bin ich einen Tag zurück in Berlin, hat die Verschleimung meiner Atemwege wieder zugenommen. Eine Allergie? Habe ich mir auf dem Rückflug eine Erkältung eingefangen? Oder ist`s der großstädtische Feinstaub? Die Seeluft war sicher besser. Auch heute hängt wieder eine Dunstglocke über Berlin. Die Waschmaschine mit der Urlaubswäsche läuft. Der Blues läuft. Ein kalter Drink steht neben mir. Alles ist gut.
Gran Canaria war ein Lichtschock. Leicht benommen sitze ich mit verbranntem Gesicht am Computer. Gestern Abend nach fünf Stunden im fliegenden Altenheim in Tegel gelandet. Endlich befreit von den alten Säcken! Endlich wieder junge Leute in Bus und U-Bahn – wenn auch verblödet, aber egal!
Gran Canaria war überfüllt von alten Säcken. Klar, dass ich nicht in eine Oase der jugendlichen Frische reiste, aber so viel spießige und grenzdebile Rentner um mich herum zerrten doch an meinen Nerven. Ich dachte nur: Alter Walter, bald gehörst du auch dazu… Vielleicht lag es auch am hellen Licht und der spärlichen Bekleidung, dass die Hässlichkeit des Alters derart auffällig zum Vorschein trat. Die deutschen Rentner zeigen sich sehr reiselustig. Viele fühlen sich auf Gran Canaria geradezu heimisch. Sie kommen regelmäßig und werden dementsprechend von den einheimischen Dienstleistern hofiert. Offenbar handelt es sich noch um die Generation, die sich`s leisten kann. Mit der spärlichen Kohle, die mir mein Rentenbescheid jährlich anzeigt, werde ich mir solche Sprünge ins Lichtparadies kaum erlauben können. Es ist wirklich ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht, wenn ich aus dem Fenster ins Grau in Grau Berlins blicke. Na gut, der Sommer kommt ja noch. Und ich entging dem fiesen deutschen Wetter der letzten zehn Tage. Soll laut der Wetternachrichten, die ich Dank des deutschen TVs in meinem Appartement verfolgen konnte, echt derb gewesen sein mit Sturmtief Eberhard.
Von den paar menschlichen Unannehmlichkeiten abgesehen, lief alles gut mit meiner Reise und dem Aufenthalt auf der Insel. Ich saß viel herum, glotzte aufs Meer und trank spanisches Bier, meist Tropical. In den Bars hielt ich es nicht lange aus, denn die waren freilich voller Rentnervolk, voller vergammeltem Menschenfleisch, das nach Verwesung roch und dabei dumme Sprüche absonderte. Und überall hingen TV-Bildschirme herum, auf denen Bundesliga lief, rauf und runter… Ich befand mich in einem Horrorfilm! So schlimm hatte ich es von meinem letzten Gran Canaria Besuch Weihnachten 2014 nicht in Erinnerung. Na ja, damals war ich verliebt und daher positiv abgelenkt. Ich trug die berühmte rosarote Brille. Apropos Brille: Ohne Sonnenbrille hätte ich das gleißende Licht nicht ertragen können. Sie war mein Wegbegleiter an allen Orten. Hier liegt sie im Etui auf der Fensterbank und harrt der Dinge, die da kommen.
Inzwischen sieht`s hier so aus, als würde tatsächlich jemand in Bälde verreisen. Überall in Schlaf- und Wohnzimmer liegt Zeugs herum: Klamotten, Toilettentasche, alle möglichen Utensilien… Es gibt doch einiges zu beachten, gerade wenn man fliegt – was gehört in den Koffer, und was kann ich mit in den Flieger nehmen? Wenn man nicht oft fliegt, muss man sich doch jedes Mal wieder einen Kopf machen. Und natürlich will ich nichts für die Reise vergessen, was schon ein Minimum an Organisation/Vorbereitung braucht. Nicht, dass ich heute Nacht im Tran ins Taxi steige und erst am Flughafen bemerke, dass ich z.B. die Reiseunterlagen zuhause auf dem Tisch liegen ließ, oder dass die Brieftasche samt Ausweis noch in der anderen Jacke steckt… Ja, ich werde mir mal ein Taxi nach Tegel leisten, schließlich habe ich Urlaub. Keine Lust auf Stress. Denn ausgeschlafen werde ich sicher nicht sein.
Ein paar Dosen Bier stellte ich vorsorglich kalt – Proviant, um die Zeit zu überbrücken, bis ich an der Sicherheitsschleuse bin. Flughäfen ertrage ich schlecht nüchtern. Zu viele Touristen-Idioten, und man muss sich leider eingestehen, dass man dazugehört, auch wenn man sich innerlich dagegen sträubt…, aber ganz nüchtern betrachtet – eben – und das ist der Moment, wo ich mich an der Dose Bier festhalte.
Noch vor ein paar Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass ich zum Pauschalreisenden degeneriere. Aber dann kommt erstens alles anders, und zweitens als man denkt. Wenn es etwas gibt, was den Menschen besonders auszeichnet, ist es seine Willensschwäche (die er ständig bemüht ist zu kaschieren). Aber lassen wir dieses leidige Thema. Ich habe Urlaub… Ich freue mich auf diese verkackte Geröllwüste im Atlantik. Jawoll! Und darauf trinke ich jetzt einen!
Die Dienstreise führte mich in die Gneisenaustraße. Als betrieblicher Ersthelfer benötigte ich einen Erste Hilfe Grundlehrgang, 9-stündig. Ich wählte eine Ausbildungsstätte des Arbeitersamariterbundes in Kreuzberg. Mit dem Fahrrad ein Katzensprung. Vorbildlich war ich wie verlangt bereits eine Viertelstunde vor Beginn vor Ort. Der Kursraum lag im Erdgeschoss direkt an der Straße. Peu à peu trudelten die anderen ein, 13 an der Zahl, wenn ich mich nicht verzählte. Ich hätte noch genug Zeit für einen Drink gehabt, ärgerte ich mich. Die Tische waren in U-Form angeordnet. In der Mitte sollten die praktischen Übungen stattfinden. Zwei junge Rettungssanitäter, geschätzt Mitte Zwanzig, wechselten sich im Vortrag ab. Sie machten ihre Sache gar nicht schlecht, auch wenn ich mir eine erfahrenere Kursleitung gewünscht hätte. Nun gut, ich betrachtete den Lehrgang wie wohl die meisten als notwendige Pflichtübung. Natürlich ist`s auch nicht schlecht, wenn das ein oder andere wiederaufgefrischt wird. Gefühlt befand ich mich bereits im Urlaubsmodus. Am meisten nervten mich die praktischen Übungen – da musste man sich dann auch noch nahekommen. Mein Sitznachbar war ein bärtiger Türke, Mitte Vierzig – schwer zu schätzen. Er war mir angenehm in seiner ruhigen Art. Jedenfalls besser als der fette Typ im Jogginganzug, der auch zur Auswahl stand.
Was man nicht alles macht, dachte ich, als ich mich auf die silbern glänzende Rettungsdecke niederließ… Ob das alles noch so klappt, wenn man dann wirklich an einem Unfallort auf einen Bewusstlosen oder Verletzten trifft? Wie war das verflixt nochmal in dem Kurs vor zehn Jahren? Nein, halt! falls ich in der Pflicht des betrieblichen Ersthelfers bleibe, muss ich den Kurs alle zwei Jahre wiederholen. Das Zertifikat ist zeitlich begrenzt, was freilich Sinn macht. So weit im Voraus denke ich aber nicht. Was weiß ich, was in zwei Jahren ist? 2021 liegt unfassbar weit vor mir. Bis dahin muss ich erstmal überleben…
Okay, solche Lehrgänge zeigen einem nur, wie es am besten ablaufen sollte in einer Notfallsituation. Ich finde, man könnte das Ganze mehr aufs Wesentliche komprimieren. In neun Stunden wird niemand zum Rettungssanitäter. Man merkte, wie die zwei Jungs in ihrem Fach leben, und darauf können sie auch wirklich stolz sein. Als ich in ihrem Alter war, hing ich den ganzen Tag in meiner Stammkneipe ab, spielte Billard, zockte an der Theke und soff mich ins Delirium. Die Jungs waren fit, und sie hatten Eier in der Hose. Wer schon mal vor einer Gruppe wildfremder Menschen stehen und zu einem Thema referieren musste, weiß, was ich meine. Absolut nicht mein Ding. Angeblich kann man das üben. Aber warum soll ich was üben, wogegen sich alles in mir sträubt?
Gegen 16 Uhr hatten wir`s hinter uns, eine Stunde früher als veranschlagt. Schön, das habe ich dann auch abgehakt. Ich schwang mich aufs Fahrrad und fuhr über den Bergmannkiez zurück. Die Luft roch gut. Endlich! Der lange herbeigesehnte Urlaub war Gegenwart!
bonanzaMARGOT
- 09. Mär. 19, 09:41
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Berlin