Ich merkte mal wieder, wie satt ich die Arbeit habe. Allein in der Nacht zwischen Kacke und Urin, hilflosen und verwirrten alten Menschen. Zwei waren gestürzt, und ich musste sie vom Boden aufklauben. Eine andere hatte die ganze Nacht die Scheißerei. Der nächste hatte Luftnot und wollte sterben. Beinahe in jedem Zimmer Elend, Krankheit, Depression und Irrsein. Es fällt mir schwer, noch Mitleid zu haben. Ich kompensiere viel mit Routine und Erfahrung – aber nicht alles. Ich weiß, die Alten können nichts dafür. Wie abgestumpft bin ich inzwischen? Wie abgebrüht und hartgesotten muss man für diesen Beruf sein? Was für ein Mensch muss man sein, um diese Arbeit dauerhaft auszuhalten?
Gestern unternahm ich einen kleinen Fahrradausflug ins Nachbarstädtchen. Auf dem Marktplatz war ein kleiner Rummel mit einem Fahrgeschäft für Kinder in der Mitte. Ich setzte mich vor ein Café und betrachtete die Szenerie. Natürlich waren viele Familien unterwegs. Die Kinder hatten ihren Spaß an diesem Jet-Karussell – oder wie sich das auch immer nennt.
Mein Herz fühlte sich verbeult an. Etwa wie eine leere, verbeulte Plastikflasche. Ich trank nur ein Bier. Bevor ich ging, notierte ich: „Mir ist klar, dass die Menschen, die Kinder großzogen, mehr erreichten bzw. leisteten, als ich je erreichen bzw. leisten kann.“
Egon Bahr im Interview – lebendige Geschichte. Ein halbes Jahrhundert. Was ist schon ein halbes Jahrhundert? Wie viele tausend Jahre existiert der Mensch schon? Ich frage mich, warum der industrielle Fortschritt gerade aus dem Spätmittelalter in Europa erwuchs. Es war vielleicht der rationale Geist der Aufklärung, welcher der Wissenschaft und der Ingenieurskunst den nötigen Nährboden für den Quantensprung in die Moderne bereitete. Eine Lawine kam ins Rollen, die in zweihundert Jahren das Gesicht der Welt vollständig veränderte. Und die Lawine rollt weiter. Noch nie musste der Mensch innerhalb weniger Generationen so viele Veränderungen in seinem Lebensraum, in Kultur und Politik mitmachen und verarbeiten. Nun bin ich alt genug, um selbst einige Jahrzehnte zurückzudenken, und staune, was sich alles tat – nicht alles nach meinem Geschmack. Nur wenige Sachen blieben gleich: Bier ist im Großen und Ganzen immer noch Bier. Und ein Wald ist immer noch ein Wald, obwohl immer mehr Natur vom Menschen zerstört wird.
Wie soll man sich die Zukunft der Menschheit auf der Erde vorstellen, wenn die Entwicklung derart rasant weiter verläuft? Damit meine ich die Technisierung, die Ausbeutung der Erde, den Bevölkerungswachstum, das Auseinanderdriften von Arm und Reich, die kulturellen Verwerfungen … Befindet sich die Menschheit titanic-like auf Eisbergkurs, oder kriegt sie noch die Kurve?
An einem sonnigen Sonntag wie heute will ich gern glauben, dass alles weiterläuft wie gehabt: dass die Menschen sich immer wieder nach Kriegen und Katastrophen aufrappeln, dass das Ökosystem nicht kollabieren wird, dass die Fortschritte in Technik und Medizin uns aus der Predouille helfen werden. Wenn ich die Dokumentationen im TV verfolge, denke ich: Wir wissen doch alles, wir kennen die Gefahren und Fehler; und wir wissen sogar, was wir machen müssten, um unsere Zukunft auf der Erde sicherer, menschlicher und im Einklang mit der Natur und unseren Mitgeschöpfen zu gestalten. Setzt sich die Vernunft durch? Oder siegt das kapitalistische Wachstumsdenken, das dem Turmbau zu Babel gleicht? Jeder mag diese Fragen für sich (ehrlich) beantworten – schaut euch einfach um, reflektiert euer eigenes Leben hinsichtlich des Konsums und des Mülls, den ihr hinterlasst, hinsichtlich der motorisierten Mobilität, hinsichtlich der Dinge, die euer Leben ausmachen.
Ich fühle mich erschlagen von der Entwicklung, die die Menschheit nimmt. Beim besten Willen (trotz sommerlichen Sonnenscheins) kann ich keine positive Prognose für ihre Zukunft abgeben. Wir gingen einen faustischen Pakt ein, - verpfändeten unsere Seele. Aber für was? Dafür, dass wir in Supermärkten billig einkaufen können, - dann den letzten Dreck in Dosen fressen und Klamotten tragen, die durch Kinderarbeit hergestellt wurden? Dafür, dass wir in überdimensionalen Blechbüchsen herum rasen dürfen … auf Straßen, die die Landschaft durchschneiden und verschandeln? Dafür, dass der Strom aus der Steckdose kommt – und der Preis sind riskante Atommeiler und die Ausbeutung von Rohstoffen wie Erdöl, Erdgas und Kohle? Dafür, dass wir täglich Fleisch auf dem Teller haben und darum die Grausamkeiten der Massentierhaltung tolerieren? And so on.
Nein, ich bin nicht verrückt. Die Welt um mich herum spielt total verrückt. Es gibt keinen Weg zurück. Wir sind verdammt zur Hybris. Wahrscheinlich liegt diese bereits in der Natur des Menschen begründet. Der Teufel musste immer nur auf den richtigen Moment warten, um uns zu verführen. Man muss den Teufel aber gar nicht ins Spiel bringen. Ich behaupte, dass der Mensch für das Ökosystem Erde etwas wie eine Krankheit ist: ein Krebs oder ein beschissener Hautausschlag.
Sowieso sind wir nur Sternenstaub, und unser Geist reicht viel zu kurz, um das Universum in seiner fantastischen Vielgestalt und Größe zu verstehen. Ein Blick durchs Schlüsselloch wurde uns gewährt. Es ist ziemlich unanständig, was wir sehen (wenn wir denn hingucken) – dass wir nämlich überhaupt keine Rolle spielen.
"Gott kann dem Glück derer, die lieben,nur noch eines hinzufügen - Ewigkeit. Nach einem Leben der Liebe eine Ewigkeit der Liebe, dies bedeutet in der Tat noch eine Steigerung. Aber es ist unmöglich, das Glück selbst zu steigern, das die Liebe uns auf dieser Welt vermittelt - selbst Gott kann das nicht. Es ist die Fülle des Himmels, aber die Liebe ist die Fülle des Menschlichen." (Marius in einem Brief an Cosette)
Wie kurz kann eine Kurzprosa sein, damit sie noch Prosa ist? Wann handelt es sich um ein Gedicht, und wann um Prosa? Ist das Prosagedicht als Gedicht-Gattung akzeptiert? Wie viel muss man von Gedichten verstehen, um zu dichten? Kann man Kunst definieren? Ist Kunst ganz einfach Geschmacks- und Auslegungssache?
Genauso gut kann man nach Gott fragen. Die einen sind felsenfest von seiner Existenz überzeugt, und die anderen meinen, dass es für die Erklärung der Welt und des Daseins keinen Gott bedarf. Und dann gibt es noch die, welche Erklärungen jeglicher Art ablehnen. Und nicht zu vergessen jene, die sich für diesen Krampf gar nicht interessieren, aber per forma in die Kirche gehen. Zumindest an Weihnachten. Das dürften sogar die meisten sein. Sie besitzen das Opportunisten-Gen. Sie richten sich in Dingen wie Kunst, Religion und Vaterlandsliebe nach der führenden Meinung. Eigentlich interessieren sie sich gar nicht wirklich für diesen Kram. Aber es gehört nun mal dazu. Sie lieben das Leben wie einen Baukasten und hinterfragen die Teile nicht, die darin sind – außer das Hinterfragen wäre gerade en vogue. Sie gehen nach der beiliegenden (heiligen) Bauanleitung vor und basteln sich ihr Leben. Das sieht dann aus wie eine Reihenhaussiedlung. Nein, diese Leute sind nicht notwendigerweise dumm. Sie haben (wie gesagt) lediglich das Opportunisten-Gen. Freilich gibt es auch unter ihnen Unterschiede. Manche hinterfragen ihr Leben wenigstens ansatzweise. Manche bemühen sich wenigstens, gute Christen zu sein. Aber die Mehrheit besteht aus Bürokraten, Technokraten und Kapitalisten. Sie bestimmen im Großen und Ganzen die Welt, der ich ansichtig werde, wenn ich aus dem Fenster schaue. Für sie ist alles okay, wie es ist.
Ich nenne sie die Para-Zombies, denn sie leben wirklich. Sie sind keine lebenden Toten. Trotzdem sind sie in gewisser Weise tot. Etwa so tot wie Avatare. Sie funktionieren nach einem festgelegten Strickmuster. Sie richten sich nicht nur äußerlich nach der Masse sondern auch in ihrem Denken und Streben. Ihre Selbstreflexion ist so flach wie die Politur, die sie auf ihre geliebten Autos auftragen. Kritisiert man ihre flache Denke, wird man aus ihren Kreisen ausgeschlossen oder für verrückt erklärt.
Und das sind dann die Menschen, die dir erklären wollen, was ein Gedicht ist, - oder überhaupt, was Kunst ist; - oder sie wollen dir erklären, warum der Glaube an Gott richtig (oder nicht richtig) ist.
Mir sind echte Gläubige lieber. Auch Nihilisten sind mir lieber, wenn ihre Einstellung keine Mache ist. Leider sind diese Originale rar gesät. Ich traf bisher nur wenige Exemplare echt lebender Menschen. Manche sind es eine Zeit lang in ihrer Jugend; aber dann heiraten sie, machen Karriere und verlieren ihre idealistische Leidenschaft. Sie sagen dann, dass sie erwachsen wurden. In meinen Augen wurden sie zu Para-Zombies. Die Para-Zombies verweisen auf ihre beruflichen Erfolge, Studiengänge, Doktortitel und Bankkonten. Sie sagen, dass der recht hat, wer es in der Gesellschaft weit bringt. Sie erheben ihre geistige Flachwichserei zum Naturgesetz.
Jeden Tag habe ich mehr die Nase voll von den Lügen, von der Heuchelei, von dem leeren Gefasel der Politiker, von dem ganzen Theater …
Okay, erklärt mich für verrückt. In dieser Welt bin ich gern verrückt.
Jesus Christ Superstar war für mich immer mehr als nur ein Musical. Mit meiner ersten Liebe sah ich Jesus Christ Superstar im Kino. Das dürfte 1978 oder 79 gewesen sein. Musik und Interpretation der Jesus-Geschichte wühlten mich auf. Seitdem kriege ich jedes Mal beim Abspielen der Platte feuchte Augen und Gänsehaut. Heute Mittag legte ich sie seit langem wieder auf, um mich aus meiner Postnachtwachen-Lethargie zu rütteln ...
Der Nachtwachenblock ist geschafft. Auch die große Hitze scheint ein Ende zu haben. Eigentlich hatte ich vor einzukaufen, danach Kaffeehaus. Es ist bereits früher Abend. Ich schlief lange, schlonzte ein wenig am Computer vor mich hin. Schließlich machte ich mich ausgehfertig. Doch als ich schon beinahe auf dem Fahrradsattel saß, ruderte ich zurück. Plötzlich hatte ich keine Lust mehr auf das Kaffeehaus, und einkaufen musste ich auch nicht unbedingt. Ich habe noch Rotwein, Knäckebrot, vegetarische Pastete und Peperoni – das sollte für den Abend reichen. Manchmal habe ich diese Momente, wo ich mich frage: Was willst du da draußen, zwischen all den Autos, über die du dich sowieso nur aufregst, und den Menschen, zu denen du meist keinen Bezug hast? Und die Trägheit besorgt dann den Rest – oder sie ist der Ausgangspunkt solcher Überlegungen. Egal. Frühestens morgen treibt es mich wieder hinaus ... bevor mir die Decke auf den Kopf fällt. Wäre heute ein Sonnentag, würde ich es freilich bedauern, dass ich nicht mehr aus dem Haus gehe; aber es ist trübe und sieht aus, als könne es jeden Moment anfangen zu regnen – also, sowieso kein Biergartenwetter. Trotzdem ist es irgendwie frustrierend: da freut man sich auf das Frei nach den Nachtdiensten, und wenn es dann so weit ist, hängt man ab. Jedes Mal dasselbe: Kaum dass ich mich einigermaßen erholte und von der Nacht wieder auf den Tag umstellte, fängt flugs der nächste Dienst an; und das Spiel beginnt von Neuem. Heute jedenfalls fehlen mir die Energie und der Antrieb, etwas auf die Beine zu stellen. Ich weiß aber auch, dass ich mich nicht zu früh wieder in die Kiste legen sollte, denn ich würde dann nachts viele Stunden vor einem öden TV-Programm wachliegen. Müde genug wäre ich. Scheiße, ich hätte allein deswegen in die Stadt radeln sollen, um Zeit zu schinden, - um der Verführung zu entgehen, mich gleich wieder hinzulegen. Ablenkung ist das halbe Leben. Der Computer ist zwar ganz nett, aber viel los macht er nicht gerade. Er ist nur eine Art Fenster wie der Fernseher und die echten Fenster. Es gibt Leute, die sitzen den ganzen lieben Tag am Fenster. (Die Falafel vom türkischen Imbiss schmeckten übrigens gar nicht übel. Zumindest waren sie schön knusprig, und das mag ich. Mit einer pikanten Soße wären sie perfekt gewesen. Der Türke servierte sie mit Salat und einer nullachtfünfzehn Salatsoße. Na ja, war trotzdem okay.)
Ich fühle mich heute wirklich, als würde ich festsitzen. Hätte ich Nachtdienst, wäre ich jetzt auf dem Weg zur Bushaltestelle und würde mir nichts mehr wünschen, als zuhause bleiben zu können – und nun sitze ich zuhause … schaue aus dem Fenster und versinke in Lethargie.