Dienstag, 6. August 2013

Ich bin noch da


Als ich aufwache, wird Nacht – ein Gewitter. Ich öffne das Fenster und lausche dem Regen, genieße die frische Luft, die ins Zimmer strömt. Es ist halb Fünf. Noch ein Nachtdienst liegt vor mir. Die Kühle wird mir und den Altenheimbewohnern gut tun. Die Hitze wollte in der letzten Nacht nicht aus den Räumen weichen. Kein Lüftchen ging. Alle litten darunter.

Ich war gerührt, als mir Frau E. das Du anbot. Sie ist 91 und befürchtete, dass sie in der Nacht sterben würde. Sie wies auf das Adressbuch hin, dass sie geöffnet auf den Tisch gelegt hatte. Ich hielt ihre Hand. „Eine schöne Zeit hatten wir noch“, sagte sie und meinte die zweieinhalb Jahre, welche ich sie als Nachtwache betreue. Sie bedarf viel menschlicher Zuwendung, und ich bemühe mich. Sie leidet darunter, wenn manche Kollegen oder Kolleginnen sie nur abfertigen. Mit der Zeit schloss sie mich ins Herz, dabei hatten wir uns ganz am Anfang wegen einer Dummheit in die Wolle bekommen.
„Sie sind auch eine ganz liebe Oma“, meinte ich tröstend.
„Ich wäre auch eine gute Frau gewesen“, entgegnete sie mit fester Stimme.
Ich grinste verlegen. „Wir haben uns einige Jahre in der Zeit verfehlt.“
Die zierliche Greisin lehnte ihren Kopf an mich und ich drückte sie kurz und sanft.
Manchmal haben die alten Menschen eine Vorahnung vom Tod. Ihr ging es in den letzten Wochen nicht gut. Eigentlich bräuchte sie einen Herzschrittmacher, aber sie konnte sich nicht recht zu der Operation entscheiden.
Als sie in der Nacht klingelte, damit ich ihr beim Toilettengang helfe, begrüßte sie mich mit den Worten: „Ich bin noch da!“

Das Gewitter ebbt ab. Noch ist es düster. Ich höre das Rauschen der Autos auf dem nassen Asphalt. In zwei Stunden fährt mein Bus. Wie immer werde ich vorher eine Kleinigkeit essen gehen. Vor Kurzem entdeckte ich am türkischen Imbiss ein Plakat, dass er Falafel hat. Hoffentlich sind die gut.





Montag, 5. August 2013

TV-Tipp:

"Smoke", 22 Uhr, ARTE

Samstag, 3. August 2013

Die Wahrheit ist, dass es keine Wahrheit gibt


Die Wahrheit ist eine Maus, die blitzschnell in ihrem Mauseloch verschwindet, wenn man sie im Dickicht entdeckt. Die Wahrheit ist ein Mysterium.
Manchmal ist die Wahrheit auch ein Hund, der dich anbellt – und du verstehst nichts.
Die Wahrheit kann auch die Liebe sein, die wie feiner Sand zwischen deinen Fingern zerrinnt. Die Wahrheit ist ein Traum, an den du dich nicht erinnern kannst, der aber in deinem Herzen weiterlebt.
Die Wahrheit ist eine Pfütze nach einem Regenguss, in die Kinder vergnügt hüpfen.
Die Wahrheit ist, dass es keine Wahrheit gibt. Die Wahrheit ist ein großes Wort, ein geflügeltes Wort. Die Wahrheit ist ein schweres Wort. Die Wahrheit kann verzweifelt machen. Die Wahrheit ist ein Unding. Trotzdem ist sie überall – in allen Dingen und Erscheinungen. Man sieht sie, oder man sieht sie nicht. Die Wahrheit ist keine Frage des Glaubens oder der Phantasie. Sie ist so wirklich wie alles.
Die Wahrheit ist das Licht der Sonne, das dich blendet. Die Wahrheit ist eine Erinnerung, die dich wie Krätze quält. Die Wahrheit ist dein Blut. Die Wahrheit ist ein Stern am Nachthimmel, den du für dich aussuchst. Die Wahrheit ist der Wein, den ich trinke.
Die Wahrheit ist, dass es keine Wahrheit gibt. Die Wahrheit ist der Tod. Die Wahrheit ist das faltige Gesicht einer Greisin. Die Wahrheit lacht aus zahnlosem Mund. Die Wahrheit ist ein Bild, das ich morgen male. Die Wahrheit ist ein Gedicht, das ich morgen schreibe. Die Wahrheit bist Du – ich kenne Dich nicht. Die Wahrheit fickte dich bereits vor deiner Geburt, und sie wird dich noch ficken, wenn du bereits tot bist. Die Wahrheit ist Vergessen. Die Wahrheit ist die Krankheit der Welt.
Eines Tages wird die Wahrheit dein Herz ausdrücken wie eine Zitrone. Die Wahrheit ist ein Angstgespenst. Die Wahrheit ist der tiefste Grund des Meeres. Die Wahrheit ist der Mittelpunkt der Welt. Die Wahrheit ist Gott. Die Wahrheit ist, dass es keine Wahrheit gibt.
Die Wahrheit ist das Gesicht, das ich täglich rasiere. Die Wahrheit ist die Zeit, in der ich lebe. Die Wahrheit ist der Ort, an dem ich bin. Die Wahrheit ist das Rätsel meines Lebens. Die Wahrheit ist mein Kerker. Die Wahrheit ist mein Folterknecht. Die Wahrheit stiehlt mein Glück. Die Wahrheit ist der Fluch des Daseins. Die Wahrheit hier und jetzt. Die Wahrheit in deinen Augen. Die Wahrheit in deinem Arschloch. Die Wahrheit des Versagens. Die Wahrheit über deine Lügen. Die Wahrheit deiner schlechten Absichten. Die Wahrheit deiner Gier. Die Wahrheit deines Herzens.
Lasse los.

Freitag, 2. August 2013

Bewegungslos


Draußen weht zwischendurch ein heftiges Lüftchen. Die Brennnesseln vor meinem Fenster wiegen sich im Wind. Es ist ein heißer, trockener Wind. Die Sonne knallt. Bis 38° Celsius sind angesagt. Ich höre laut Musik. Das Haus ist leer. Meine Vermieter sind an der Ostsee. „Midnight Oil“. Das TV läuft stumm. Charlie Sheen in Boxer Shorts. Ich bewegungslos, reibe mir die Augen, um im Tag anzukommen. Mein Herz liegt schwer in meiner Brust. Eine wüste Leere im Kopf. Das Bier schmeckt wie immer nach Bier. Ich wache im selben Bett auf. Im Spiegel sehe ich mein Gesicht. Die Sonne ist ewig dieselbe. Das ganze Universum ist erstarrt. Nichts bewegt sich wirklich. Nur die Brennnesseln im heißen Wind vor meinem Fenster.

Donnerstag, 1. August 2013

TV-Tipp:

"An Englishman in New York", 2o Uhr 15, ZDFkultur

Zum Kotzen


Am Fahrrad war eine Speiche gebrochen. Das Hinterrad musste zentriert werden. Ich holte mein Bike gestern ab. Die Reparaturkosten hielten sich im Rahmen.
Der Tag war schwül. Am Liebsten wäre ich liegengeblieben. Die vier Nächte steckten mir in den Gliedern. Ich fühlte mich matt. Schon der kurze Spaziergang zur Bushaltestelle nervte mich. Ich musste zweimal die stark befahrene Straße überqueren. Auto an Auto rauschte an mir vorbei. Dann wartete ich zehn Minuten an der Haltestelle, die direkt an eine Baustelle grenzt. Ich beobachtete den Bagger und die Leute vom Bau …
Der Bus war voll. Wahrscheinlich ein Seniorenausflug. Ich quetschte mich irgendwie hinein. Endlich umsteigen in die Straßenbahn. Etwas mehr Platz und Ruhe.
Gegenüber eine Blinde mit Blindenhund. Die sah das ganze Chaos wenigstens nicht. Ich musste noch zum Geldautomaten. Die Sparkasse war eine Baustelle, und der Geldautomat hing in einer Bretterbude im Hof. Ein Kilometer Fußweg zur Fahrradwerkstatt. Ich lief Wege abseits der Hauptverkehrstrasse – trotzdem fühlte ich mich von Autos und Motorenlärm umzingelt.
Endlich habe ich mein Fahrrad wieder. Ich ordnete mich in den Verkehr ein. Äußerste Aufmerksamkeit war gefordert. Feierabendverkehr. Fußgänger, Fahrradfahrer, Straßenbahnen, Autos und Motorräder – alles durcheinander im Irrgarten der Stadt. Am liebsten wäre ich gleich auf die Felder außerhalb geflüchtet, aber der Durst war stärker. Ich setzte mich auf einen Platz und bestellte ein Bier. Ein Hefeweizen. Kinder spielten hinter meinem Rücken Fußball. Sehr inbrünstig. Der Ball donnerte gegen die Begrenzungsgitter einer Baustelle und gegen ein Kirchentor, welches als Fußballtor diente. Ich war ausgetrocknet und trank zwei Hefeweizen. Die Bedienung war hübsch und super eingebildet. Ein Abziehbild.
Retour radelte ich über die Felder und durch die Weinberge. Stippvisite im Biergarten der Kleintierzüchter. Das Brüllen der Stadt noch in meinen Ohren. Ich sah auf alles, als wäre es von einem anderen Stern. Die Menschen waren mir fremd – von einer anderen Gemüsesorte als ich.
Ich musste noch in den Supermarkt. Nochmals der Irrsinn im Quadrat. Menschen, die kein eigenes Leben mehr haben – Sklaven ihrer Autos. Das dumme Objekt hat die Menschheit befallen wie ein Virus eine Körperzelle.
Nach dem Einkauf landete ich vorm Kaffeehaus. Fast alle Tische waren besetzt. Die Menschen schnatterten wie eine Gänseherde, - aßen, tranken. Ich fand meine Ruhe nicht. Ich fühlte mich schlapp und kraftlos und hatte nicht mal Lust auf eine Lektüre. Stattdessen schaute ich in die Runde. An einem Nachbartisch saßen zwei Hochschwangere mit ihren Männern. Ich verstand nicht, was sie erzählten. Der Brunnen plätscherte. Autos fuhren vorbei. Aber ich weiß noch, was ich dachte: Ich dachte, dass es nicht zusammenpasst: ihre Schwangerschaft und das ganze Brimborium menschlicher Umtriebe. Ihre Bäuche waren dick und prall wie Medizinbälle. Sie würden bald neues Leben gebären. Sie würden mit dem Auto ins Krankenhaus fahren, und mit dem Neugeborenen im Auto zurück ...
Ich radelte die letzten zwei Kilometer den Berg hinauf zu meiner Wohnung. Vorbei an der großen Tunnelbaustelle. Überholt von tausenden Autos. Schreien wollte ich.
Zuhause kotzte ich in die Spüle.

Dienstag, 30. Juli 2013

TV-Tipp:

"John Lee Hooker - That`s My Story", 22 Uhr 45, BR

Montag, 29. Juli 2013

Abkühlung


Regen. Abkühlung. Luft holen. Es rumpelt ganz schön. Ende Juli. Ich komme auf keinen grünen Zweig. In Gedanken. Das Leben ist eine Geduldsprobe. Von Tag zu Tag. Aufgeben wäre töricht. Das Fenster aufreißen. Einen Luftzug empfangen, die Frische riechen. Kurz an nichts denken. An fast nichts. Kleinigkeiten. Den Abfall raus bringen. Vor dem Bücherregal stehen. Körperpflege. Ein kaltes Getränk. Die müden Augen ruhen lassen. Trinken. Das Glas absetzen. Dem Regen zuhören ...

Sonntag, 28. Juli 2013

Fuck it!


Immer wieder erschrecke ich über die körperliche und geistige Degeneration alter Menschen.
Als besonders belastend empfinde ich die Beobachtung des geistigen Abbaus bei Demenz – und natürlich den Umgang mit diesen Menschen. Auch für die Alten, die noch klareren Verstandes sind, ist es ungeheuer enervierend und beängstigend, die dementen Mitbewohner im Altenheimalltag zu erleben. Viele ziehen sich darum lieber nach den Mahlzeiten schnellstmöglich wieder auf ihre Zimmer zurück. Ich höre sehr oft Sätze wie „Alt werden ist nicht schön“ oder „Warum holt mich der liebe Herrgott nicht endlich zu sich“. Für mich ist es dann nicht einfach, die richtigen Worte zu finden. Trost bedeutet in solchen Fällen einfach nur da sein, die Hand halten, etwas Nettes sagen oder ablenken. Mit einer Greisin kann ich über diese Erfahrungen offen reden. Wenn sie sagt, dass sie am Liebsten sterben würde, schwingt in ihren Worten keinerlei Selbstmitleid mit. Gestern Abend, als ich sie zu Bett brachte, hatten wir mal wieder das Thema, ob ein solches Leben noch lebenswert sei. Ich sagte, dass wir mit unseren Haustieren oft gnädiger verfahren, aber Euthanasie sei eben ein heißes Eisen. Die alte Dame stimmte mir zu. Wir lachen viel – trotz der ernsten Themen. Sie besitzt einen ausgeprägten Galgenhumor. Am Meisten schätze ich an ihr, dass sie nicht wie viele in Gejammere und Selbstmitleid verfällt. Obwohl ich mit ihr einige Arbeit habe, ist sie mir weniger Last sondern eher eine Freude in der Nacht. Es gibt nicht mehr viele unter den Bewohnern, mit denen noch ein ordentliches Gespräch möglich ist. Die meisten fokussieren im Gespräch ständig ihr Leid und ihre Beschwerden. Und ich entgegne mit Plattitüden wie „Die Nacht wird auch vorbei gehen“ und „Versuchen sie zu schlafen“, oder ich verweise auf den Hausarzt. Manchmal bleibt das Wehklagen der Alten buchstäblich an mir kleben. Ich schleppe es mit nach Hause, nehme es mit in meinen Tag und in mein Denken. Ich frage mich nach dem Sinn des Ganzen. So langsam bin ich reif für die Insel.

Beim Großen Preis von Ungarn drehen die Formel 1 Boliden ihre Runden in der Sommerhitze. Vielleicht ist Ablenkung das Beste. Und wenn es so was Dämliches wie ein Formel 1 Rennen ist. Den Kopf frei kriegen für eine Zeit. Fuck it! Auch dieser Nachtwachenblock wird rumgehen.

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