Donnerstag, 14. Februar 2013

Gedanken einer Arschwischmaschine


Altenpfleger(innen) haben schon einen leicht derben Humor. Früher oder später kriegt man den, oder man hat ihn bereits. Und Altenpfleger(innen) rauchen fast alle. Sie stehen alle Ritt lang zum Rauchen draußen vor der Tür oder auf der Terrasse, oder rauchen an anderen eher geheimen Örtchen Ich bin einer der wenigen Nichtraucher. Wahrscheinlich weil ich nicht gern mit dem Strom schwimme. Quatsch, Rauchen blieb seltsamerweise ein Laster, dem ich nie besonderes abgewinnen konnte. Ich glaube außerdem, dass ich kein typischer Altenpfleger bin. Nein, auch Quatsch. Die meisten landen aus Verlegenheit in der Altenpflege, weil sie nirgendwo anders unterkommen. Und so war es schließlich auch bei mir. Wie sagt man so schön: Wer nichts wird, wird Wirt. Das gilt in etwa auch für die Altenpflege. Diejenigen, die aus Idealismus diesen Beruf wählen, bleiben am kürzesten dabei. Natürlich gibt es ein paar Spinner mit Helfersyndrom oder christlichem Nächstenliebewahn. Gott sei Dank sind die meisten Altenpfleger(innen) nicht sonderlich selbstlos. Sie reagieren auf Leistungsdruck wie überall in der Wirtschaft: Die Arbeitsmotivation sinkt, die Zigarettenpausen mehren sich, und der Krankenstand steigt. Die Alten sehen dann freilich alt aus. Kein Witz. Kaum zu glauben, was ich in dem Vierteljahrhundert meiner Altenpflegetätigkeit alles erlebte. Grausam. Vieles verdränge ich. Es ist eine andere Welt. Anfangs kam ich gar nicht damit klar … Aber dann reizte mich genau das, dass ich Dinge sah, die man sonst nicht zu sehen kriegt. Und ich hielt durch. Und lernte die ein oder andere Altenpflegerin kennen. Seufz. Außerdem musste ich mich irgendwann für eine Arbeit entscheiden, als es mit dem Studieren nichts wurde.
Ich mochte den Schwarzen Humor schon immer. Ich lache nach wie vor gern, - obwohl ich so viel Scheiße sah. Irgendwie fühle ich mich solidarisch mit den Klo-Frauen und Klo-Männern. Man muss keine Arschwischmaschine im wörtlichen Sinne sein, um sich als Arschabputzer der Gesellschaft zu fühlen. Man muss einfach nur einen Beruf haben, den wenige machen wollen, für den man nicht gewürdigt und nicht anständig bezahlt wird; und schon fühlt man sich als Arschabputzer. Ich denke, manche Jobs werden dieses Image nie los. Nicht in tausend Jahren. (Ich kann nur hoffen, dass ich meine eigene Rente nicht mehr erlebe.)
So long.

Mittwoch, 13. Februar 2013

Verloren


Ich höre Menschen in meinem Kopf reden. Nein, nicht wirklich. Es sind vorgestellte Stimmen. Was sie denken. Wie sie urteilen. Sie leben woanders als ich. Die Berührungspunkte schmelzen dahin in einem letzten Winter.
Der Verkehr auf der Talstraße fließt wie jeden Tag. Die Rechnungen landen pünktlich im Briefkasten. Das Altenheim auf dem Berg existiert fort. Ich sehe mich in der Nacht darin sitzen und arbeiten. Ich spüre den Wind und die Kälte auf der Terrasse. Jedes Stöhnen, Husten und Schnarchen ist mir vertraut. In den Pausen lege ich die Beine hoch, falle in Sekundenschlaf. Der erscheint mir manchmal wie eine Ewigkeit. Ich kämpfe gegen die Müdigkeit wie gegen einen imaginären Drachen, der mich fressen will.
Ein Bewohner verstarb. Er erfror. Er stürzte auf seiner Terrasse. Rauchen ist in den Zimmern verboten. Die Kollegen vom Frühdienst fanden ihn. Die Kripo kam. Ich bin froh, dass ich nicht Nachtdienst hatte.
Das Leben geht weiter. So platt und wahr. Es ist scheußlich, dass das passierte. Ich huste über ein inneres Lachen hinweg. Die Menschen in meinem Kopf reden. Weil ich ihre Sprüche höre, lache ich. Es sind immer dieselben Sprüche.

Krieg ist nicht von gestern


Heute vor achtundsechzig Jahren passierten die schrecklichen Luftangriffe der Alliierten auf Dresden. Die Bilder und Zeitzeugenberichte sind erschütternd. Unfassbar sind die Schrecken des Krieges. Die Menschen sind traumatisiert. Eine Überlebende sagt, dass sie in jenen Tagen ihren Gottesglauben verlor … und vieles mehr. Ein ehemaliges Besatzungsmitglied der Bomber sagt mit Tränen in den Augen, dass wir Menschen nicht daraus lernen … wieder dieselben grauenhaften Dinge tun.
Die Doku macht mich betroffen. Manchmal höre ich von den Alten im Altenheim Sätze wie: „Das können sich die jungen Leute heute gar nicht vorstellen – was wir alles mitmachten.“
„Nein, wir kennen den Krieg nur noch aus dem Fernsehen“, sage ich, „Gott sei Dank.“
Die Erinnerungen an die Schrecken des Krieges sollten lebendig gehalten werden. Jeder Krieg ist ein Verbrechen, und die Soldaten machen sich zu Mördern. Wie leichtsinnig werden oft Kriege geführt. Die Motive fadenscheinig. Die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch. Bündnispflichten. Krieg gegen den Terrorismus. Gegen die Achse des Bösen.
Leidtragend ist die Zivilbevölkerung. Sie wird zwischen den Kriegsparteien zermahlen, hin und her geschubst.
Wir sollten uns nichts vormachen: Die wenigsten Kriege werden aufgrund edler Gesinnung geführt, um den Menschen zu helfen, sie aus der Geißelung von Regimen zu befreien. Es geht fast immer um Machtinteressen, Ideologie, Vaterland, um Vergeltung, um blinde Wut und Irrsinn. Es gibt keinen sauberen Krieg. Wo gehobelt wird, fallen Späne.
Krieg ist in jedem Fall barbarisch. Er zeigt, dass wir viel weniger zivilisiert sind, als wir meinen. Toleranz, Friedfertigkeit, Gerechtigkeit und Moral fallen nicht vom Himmel ...
Millionen Menschen mussten in den Weltkriegen sterben, damit wir heute diese lange Friedensperiode in Mitteleuropa erleben können. Meiner Meinung nach tragen wir diesem Umstand ungenügend Rechnung. Wir sollten mehr für den Frieden auf der ganzen Welt tun. Die Maxime sollte lauten: Frieden schaffen ohne Waffen. Stattdessen ist Deutschland der drittgrößte Waffenlieferant der Welt.
Mir gibt das zu denken. Ich habe kein großes Vertrauen in die Politik, was die Bewahrung des Friedens angeht.

Dienstag, 12. Februar 2013

TV-Tipp:

"Arizona Dream", 0 Uhr 50, 3sat

Den Göttern kommt das große Kotzen


Ein paar Auszüge aus "Den Göttern kommt das große Kotzen". Man könnte Charles Bukowskis Tagebuch auch als eine Art Blog ansehen. Immerhin schrieb der alte Tastenhauer Anfang der Neunziger schon auf dem Computer, während ich noch zehn Jahre brauchte.


(aus 28. August 91)
… All diese Menschen. Was machen sie? Was denken sie? Wir müssen alle mal sterben. Was für ein Zirkus. Das allein müsste schon dafür sorgen, dass wir einander lieben. Tut es aber nicht. Wir werden terrorisiert und geplättet von nebensächlichem Kram; wir werden aufgefressen von nichts und wieder nichts.


(aus 12. September 91)
… Tod ist so wenig ein Grund zu Trauer wie der Umstand, dass Blumen wachsen. Schlimm ist nicht der Tod, sondern das Leben, das bis dahin gelebt wird bzw. nicht gelebt wurde. Menschen, die ihr eigenes Leben nicht würdigen, sondern darauf pissen. Es mit Scheißkram verplempern. Dumme Rammler, voll konzentriert auf Ficken, Kino, Geld, Familie, Ficken. Ein Hirn voll Flusen. Sie schlucken die Vorstellung von Gott und Vaterland ohne einen Gedanken. Bald verlernen sie das Denken ganz und lassen andere für sie denken. Ihre Hirnwindungen sind mit Baumwolle ausgestopft. … Der Tod der meisten Menschen ist nichts als leerer Schein: es ist nichts mehr da, was noch sterben kann.


(aus 13. September 91)
… Im Grunde schreibe ich genau wie vor fünfzig Jahren. Bin vielleicht ein bisschen besser geworden, aber nicht viel. Warum musste ich einundfünfzig werden, ehe ich das Geld für die Miete mit der Schreibmaschine verdienen konnte? Ich meine, wenn ich recht habe und meine Schreibe sich nicht verändert hat, warum diese Durststrecke? Musste ich warten, bis die Welt mit mir Schritt halten kann? Und falls sie es getan hat, wo steh ich jetzt? In den Nesseln, würde ich sagen. Ich hatte Glück, aber ich glaube nicht, dass es mich überheblich gemacht hat. Ist ein eingebildeter Fatzke sich je bewusst, dass er einer ist?


(aus 24. September 91)
… Linda ist ausgegangen. Sie braucht Abwechslung; Leute mit denen sie sich unterhalten kann. Nichts dagegen; nur trinkt sie gerne was, und anschließend muss sie noch nach Hause fahren. Ich leiste ihr keine gute Gesellschaft, und Unterhaltungen sind nicht mein Ding. Ich will keinen Austausch von Ideen und schon gar nicht von Gefühlen. Ich bin ein Steinquader und mir selbst genug; und als solcher will ich meine Ruhe. So ist es von Anfang an gewesen. Ich wehrte mich gegen meine Eltern, dann gegen die Schule, und dann wehrte ich mich dagegen, ein ordentlicher Bürger zu werden. Egal, was ich in mir habe, es war von Anfang an da. Daran sollte niemand drehen. Damals nicht und heute auch nicht.


(aus 26. September 91)
… Manche werden sagen, das ganze Leben sei eine Falle. Man kann auch dem Schreiben in die Falle gehen. Wenn man schreibt, was Lesern schon immer gefallen hat, wird man überflüssig. Bei den meisten reicht die Kreativität nicht lange. Sie hören den Beifall und lassen sich davon benebeln. Ob das Geschriebene etwas wert ist, kann am Ende nur der Autor beurteilen. Wenn er auf Kritiker, Lektoren, Verleger und Leser hört, hat er verspielt. Und wenn er vor lauter Ruhm und Fortüne in Verzückung gerät, kann man ihn gleich im Abwasserkanal entsorgen.


Tja, das ist Buk, wie ich ihn kenne und schon lange nicht mehr las. Kann gar nicht sagen, welches das letzte Buch war, das ich von ihm las. Wahrscheinlich irgendein Gedichtband. Es macht mal wieder Spaß, seinen Gedanken und Stimmungen zu folgen. Und man merkt auch bei diesen Tagebuchaufzeichnungen, dass es ihm Spaß machte, sein Zeug zu schreiben. Es hielt ihn über Wasser in der verrückten Welt und diesem Leben. Er schrieb ungeschminkt darüber, und das mochte ich schon immer besonders an ihm. Ich muss gar nicht mit allem einverstanden sein, was er da von sich gab. Es reichen ein oder zwei Sätze, die er raus haute, und die mich mit- oder umreißen, weil ich denke: Fuck, genau so ist es! Außerdem mag ich seine Selbstironie, seinen Humor und seine Verschrobenheit. Lange Rede, kurzer Sinn: „Den Göttern kommt das große Kotzen“ ist ein Aufheller für meinen Alltag in dieser scheiß Zeit – ich meine damit nicht nur meine persönliche scheiß Zeit sondern überhaupt die scheiß Zeit zwischen Sexismusdebatten und Papstrücktritten. Ja, und dieser Winter ist nicht mein Winter. Sowieso.
Nun, wenn Buk es schaffte, mit Einundfünfzig literarisch den Durchbruch zu schaffen, vielleicht darf ich auch noch hoffen. Jahre, die schlecht anfangen, müssen nicht unbedingt schlecht enden.
Danke Buk!

Montag, 11. Februar 2013

TV-Tipp:

"Kein Sterbenswort", 22 Uhr 15, ZDF

Kaffee auf Holz




Strukturen

Sonntag, 10. Februar 2013

I remember Hermann van Veen




warum bin ich so fröhlich?

Bruch


Sich in die Gedanken fallen lassen, ohne sie zu verlieren. Die Reise ins Ich ist wie die Reise auf einer Kugel hin zum Horizont. Wir sind uns viel weniger bewusst, als wir denken. Dabei denken wir bereits, dass das Bewusstsein nur die Spitze des Eisbergs ist.
Software und Hardware verschmelzen. Die Komplexität spiegelt uns Freiheit vor. Die Freiheit unseres Bewusstseins, wie wir es erleben.
Wie erleben wir uns? Die meisten Menschen lassen sich selten in ihre innere Welt fallen. Wir leben hauptsächlich nach außen gewandt. So erleben wir uns im Alltag in Wechselwirkung mit unserer Umgebung und den Mitmenschen. Wir erleben uns in einer Dauerstimulation, die nur vom Schlaf unterbrochen wird. Es ist sogar so, dass wir Unbehagen empfinden, wenn keine Stimulation von außen spürbar ist.
Ich lasse mich gern in meine Gedanken fallen. Lasse die Umgebung auf mich wirken wie ein Bild auf einer Kunstausstellung, vor dem ich verharre. Dabei falle ich quasi in mich. Das Bild ist nur ein Anstoß. Ich tagträume und verliere die Konzentration auf die Gedanken. Ich tauche ein in die eigentliche Freiheit, - in die Welt, wo Gedanken passieren und nicht mehr gedacht werden müssen.
Als Künstler und Dichter schöpfe ich daraus meine Intuition, meine Kreativität. Mit einem Rest Bewusstheit nehme ich die Vorgänge in mir noch wahr. Es ist so ähnlich, wie man üben kann, seine Träume zu beeinflussen: die Kunst des Klarträumens. Eine faszinierende Sache.
Hinterher frage ich mich: Habe ich das geschrieben? Habe ich das gemalt? Dabei machte ich nichts anderes als in mich zu tauchen. In mich und gleichsam in die Welt, die nie ganz abzuschalten ist.
Indem ich mich objektiviere, komme ich mir und der Welt näher.

Der Materialismus zieht uns derart in seinen Bann, dass wir die Beschäftigung mit uns selbst vernachlässigen. Sogar ganz vergessen. Wir werden zu Zombies, die wie fremdgesteuert ihr Leben leben. Kennst du einen – kennst du alle. Selbst die Liebe wird verzweckmäßigt. Unsere Identitäten verwässern in Shoppingzentren und auf Einkaufsmeilen.
Das Problem ist gar nicht neu. Es nahm nur noch nie in der Menschheitsgeschichte solch monströse Ausmaße an.
Die Werbung beeinflusst uns nicht nur. Wir sind inzwischen die Werbung. Wir sind unsere Idole. Wir huldigen unser Leben Gott Mammon, ohne dass es uns richtig bewusst ist.

Ich stehe vor dem Bild unserer Welt und lasse es auf mich wirken. Wir schreiben das Jahr 2013. Ich lasse mich in meine Gedanken fallen. Ich glaube, ich könnte ein guter Werbetexter sein, aber ich stehe auf der falschen Seite.

Samstag, 9. Februar 2013

TV-Tipp:

"Dunkelblaufastschwarz", 21 Uhr 45, Einsfestival

Eichhörnchen




zusammengeschustert

Herta Müller, "Niederungen"


Ein blendend heller Tag. Über Nacht hat es geschneit, und nun reflektiert der Schnee das Sonnenlicht. Ja, die Sonne scheint. Knapp überm Berg. Ich sehe jedenfalls große Flächen blauen Himmels. Und ein Wirrwarr weißer Zweige und Äste. So stelle ich mir das in meinem Kopf vor. Ein Neuronenwald. Man trifft überall in der Natur auf ähnliche Strukturen. Die fraktale Welt.
Vielleicht springt in meinem Kopf auch ein Eichhörnchen von Ast zu Ast, und das wäre ICH mit meinen Gedanken und Emotionen. Mal flink, mal behäbig, mal gar nicht.
Heute geht es so. Die Erkältung kotzt mich an. Niese und huste nach wie vor gelben Schleim ab. Rieche fast nichts. Bei der Arbeit im Altenheim kein Fehler. Aber noch habe ich zwei Tage zum Auskurieren des Katarrhs.
Viel geschafft habe ich nicht in den Tagen zuhause – von wegen Wohnung putzen. Wenigstens das Bad.
Und! Endlich las ich "Niederungen" von Herta Müller zu ende. Nicht dass ich Herta Müllers Schreibe nicht mag. Im Gegenteil. Sie schreibt ungeheuer eindrücklich. Was es halt schwer macht. Obwohl man sich sicher besser einlesen könnte als ich. Wäre man nicht so ein fauler Sack.
Die „Niederungen“ sind ein intensiver Lesestoff. Sprachlich ungeheuer dicht. Detailliert bis zur Überspitzung schildert Herta Müller episodisch / szenisch das Dorfleben (der deutschen Banatschwaben im kommunistischen Rumänien) während ihrer Kindheit und Jugend. Die düstere und muffige Atmosphäre klettert förmlich aus den Zeilen heraus. Die Sprachbilder expressionistisch verzerrt, so dass sie einen kitzeln und zwicken, was für mich den hauptsächlichen Lesereiz ausmachte.


Lesebeispiel 1 (Niederungen):

Der Kater kommt, wälzt die tote Maus mal auf den Rücken, mal auf den Bauch, bis sie sich nicht mehr regt.
Gelangweilt beißt der Kater den Kopf ab. Es knirscht in seinem Gebiss. Manchmal sieht man beim Kauen seine Zähne. Knatschend geht er davon. Der Bauch der Maus bleibt liegen, grau und weich wie Schlaf.
Er ist satt, sagt Mutter. Es ist die vierte, die ich ihm heute gefangen hab. Er selbst fängt sich ja keine. Da laufen sie ihm zwischen den Pfoten herum, und er schläft.
Körbe werden mit Mais gefüllt. Der Speicher wird immer größer. Wenn er ganz leer ist, wird er am größten sein.
Die Maiskolben rollen mir wie von selbst in die Hände und fallen wie von selbst in den Korb.
Die Handfläche schmerzt nur, wenn sie leer ist. Wenn der Mais daran reibt, fühl ich den Schmerz nicht mehr, er ist so stark, dass er sich selber tötet. Es kribbelt, und dann gibt es die Hand mit der Handwurzel und den Fingern nicht mehr.
Ich nehme die Kolben von unten. Ich baue einen Gang für die Flucht der Mäuse. Ich habe dabei einen dicken Knoten Angst in der Kehle stecken, einen dicken Knoten Atem.
Zwei Mäuse klettern an der Lattenwand hoch. Mutter teilt zwei Hiebe aus, und sie fallen herab.
Der Kater beißt zwei Köpfe ab. Seine Zähne knirschen.



Lesebeispiel 2 (Dorfchronik):

Die Häuser haben in zwei Teile geteilte Höfe, die im Dorf Vorderhöfe und Hinterhöfe genannt werden. In den Vorderhöfen, unter dem haushohen Weintraubenspalier und zwischen den gestutzten Samtrosensträuchern, stehen die bunten Gartenzwerge und die großen grünen Laubfrösche, die im Dorf Gartenfrösche genannt werden. Im Hinterhof sind das Geflügel und die dunklen dampfenden Räumlichkeiten, in denen gekocht, gegessen, gewaschen, gebügelt und geschlafen wird, die im Dorf Sommerküche genannt werden. Die Dorfleute teilen die Woche nach dem Kochprogramm in Fleischtage und in Mehltage ein. Die Dorfleute essen gefettet, gesalzen, gepfeffert. Wenn der Dorfarzt ihnen aber das Fetten, Salzen und Pfeffern verbietet, essen sie ungesfettet, ungesalzen und ungepfeffert und sagen während des Essens, dass nichts über die Gesundheit geht und dass das Leben nicht mehr schön ist, wenn man nicht mehr alles essen darf, und: Gutes Essen macht Sorgen vergessen.


Lesebeispiel 3 (Die Meinung):

Es war einmal ein Frosch, der hatte besonders dicke und nasse Augen. Der Frosch arbeitete in einem Betrieb. Er war Ingenieur. Er war im Betrieb sowohl bei den Chefs als auch bei den Arbeiten nicht gut angesehen. Der Frosch hatte immer und überall eine Meinung. Und das Schlimmste an dieser Meinung war, dass es eine eigene Meinung war, die immer anders als die Meinung der anderen war, die die Meinung des Chefingenieurs war, die wiederum die Meinung des Direktors war, die wiederum die Meinung des Generaldirektors war, die wiederum die Meinung des Ministers war.


(aus "Niederungen" von Herta Müller)

Freitag, 8. Februar 2013

Ich wusste, dass es so kommt


Wenn ich im Taxi sitze, kann ich mich schon die Haustüre aufschließen sehen. So in etwa. Manche Sachen sind so klar wie die wiederkehrenden Jahreszeiten. Wir leben in Mustern, in Spiralen. Drum wundere ich mich über fast nichts mehr. Es wechseln nur die Orte und Personen aber nicht die Bedeutungen. Ich kann mich selbst beim Bier sitzen sehen, beim Einkauf, oder wenn ich mich selbstbefriedige. Normalerweise denke ich darüber nicht nach. Jedes Leben funktioniert so ähnlich. Wie auf einer Rennbahn. Man fährt seine Runden. Man kann nicht einfach stehenbleiben und einen anderen Weg nehmen. 
Nach einigen tausend Runden weiß man dann schon, was kommt. Man sieht es ausserdem zur Genüge an den anderen. 
Wenn sie rausfliegen. Oder einen Crash bauen. Oder wenn sie einfach auf der Strecke bleiben. 
Motorschaden. 
Ich wusste, dass es so kommt. Es braucht nur etwas Ehrlichkeit, um zu wissen, was kommen wird. Drum will ich gar nicht jammern. Und für die anderen kann ich auch kein Mitleid empfinden. Es ist nunmal so. Am Besten lernt man frühzeitig, ein guter Verlierer zu sein. Meiner Meinung nach kommt man so am Besten über die Runden. Und man wird sich über die Platzierung wundern. Dabei sollte sie einem wurscht sein. 
Ich kann die Zukunft zwar nicht im Detail vorhersehen, aber ich habe ein Gefühl für die Zukunft. Ich spüre, was geht, und was nicht geht. Ich rieche, wenn etwas in der Luft liegt. Dieser Winter ist nicht mein Winter. Das wusste ich bereits im Spätsommer letzten Jahres. Es war wie ein Güterzug, den ich immer näher kommen hörte. Und ich konnte nichts machen. Ich musste zuschauen, als ob ich einem Film zuschaue und mehr oder weniger weiß, wie die Handlung weitergeht. Ich kann den Film nicht ausschalten. Ich bin eine Marionette. Ich kann es nicht ändern. Aber ich darf mir darüber den Mund fransig reden. Das darf ich. Das machen wir Menschen gut. Wir reden uns die Seele aus dem Leib. Und die Worte verlieren dabei an Bedeutung. 
Verdammt!
Ich wusste, dass es so kommt. 

TV-Tipp:

"Der Räuber", 20 Uhr 15, ARTE

Donnerstag, 7. Februar 2013

Der Schrei(b)er


Die Strasse glänzt matt-grau. Es regnet.
Der Kinderwagen hat ein Nummernschild und einen Benzinmotor.
Menschliche Formen kriechen den Erboden entlang, nackt, entblößt. Die Strömung reißt sie in den Abgrund.
Hände klammernd am Kanaldeckel. Gefühle werden weggeschwemmt.
Ein Mann geht nach Hause zum Abwaschen. Eine Frau bedient den Preßlufthammer.
Kinder sind Verbrecher.
Das Paradox wird zur Norm.
Ich sehe, was du hörst.
Ich rieche, was du siehst.
Ich fühle dich, du Biest!

Der Schreiber ist verwirrt. Er wird abnorm.
Hat er die Abnormität erst erreicht, kann er sie nicht mehr beschreiben.
Ich möchte nicht schreiben.
Ich möchte schreien!

Die Persönlichkeit verwächst mit dem Geschriebenen. Gedanken fließen auf das Papier und versickern.



(1980)



Vor gut dreißig Jahren schrieb ich diesen Text. In dreißig Jahren werde ich Achtzig sein.







Für wen schreibe ich


Texte stehen schief im Raum. Ihre Wörter verlaufen, werden unscharf und unleserlich. Es ist nicht klar, für wen sie geschrieben sind.
Irgendwann in der Nacht wachte ich auf, weil mich der Husten plagte. Der Fernseher lief. Ein Doku-Kanal. (Meistens.) Wie Planeten entstehen. Welche Kräfte wann wie wirken. Solche Berichte ziehen mich magisch an. Ich könnte stundenlang zuhören, auch wenn ich nicht alles verstehe.
Der Hustenanfall ebbte ab, und ich kuschelte mich in meine Kissen und hörte einfach nur der Stimme zu, die von Planeten, Sonnen und Naturkräften sprach. Bis ich wieder einschlief.
Im Traum erschien mir mein achtzigjähriger Vater. Er sagte, wie schnell das Leben doch verginge. Ruckzuck, und man sei Fünfzig. Ja, dachte ich im Schlaf, das stimmt allerdings.

Für wen schreibe ich? Das Internet saugt alles auf. Es ist gleich dem Weltall – monströs und unüberschaubar. Meine Texte hängen darin herum wie Staubklumpen.
Es ist ein seltsamer Gedanke, dass mich meine Texte überleben werden. Jedenfalls besser als ein Grabstein. Außer, ich hätte ihn selbst gemeißelt. Das Schreiben ist mein kleines Vermächtnis. Mein Fußabdruck auf der Welt. Eigentlich nicht mehr als ein: „Hallo, ich war auch mal hier.“

Noch ein paarmal husten, und ich bin Achtzig. Vielleicht werde ich dann ganz erstaunt sagen: „Was, das habe ich geschrieben!?“
((Jedenfalls werde ich keinem Sohn im Traum erscheinen.))
Kann sein, dass es irgendwann nichts mehr zu schreiben gibt. Nicht, weil der Geist tot ist. Sondern weil er endlich ankam.

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Zuletzt aktualisiert: 30. Jan, 10:18