(life is a ladder to nowhere)
Die Gesellschaft ist offen
nur manche Menschen sind zu
Bärbel streckte die Zunge weit heraus
und ich notierte etwas auf ihr
dann verlangte ich, sie solle sie erneut
herausstrecken, um nachzulesen
was drauf steht
Es ängstigt mich, dass zwei fremde Augen
ein fremder Geist
„meins“ lesen können
Ich kann ja nur alleine sein, weil mir
das „Allein-Sein“ gehört
als Ausgleich zu meinem Job
Diese Menschen um mich herum
gehören sie wirklich zu mir
zu meiner Welt?
sie sind da
Als ich mit dem Fahrrad in die Stadt
hinunterrollte, war das
für mich kaum zu glauben
schlafwandlerisch erledigte ich alles
den Supermarkt, das Bier für
Zwischendurch
der Tritt in die Pedale
die zwanglose Konversation
ich tauchte in das Becken
schwamm meine Runden
und diese Vertrautheit
diese ewige Vertrautheit
spüre ich wie ein Brandzeichen
das „Außen“ verschafft mir keine
Kühlung, und das „Innen“
wird mehr und mehr zu einem
Raum ohne Ausblick
dann wünsche ich mir, für
einen Menschen wieder aufzutauchen
aufzutauen
Ach!
in Wirklichkeit bin ich doch ein
Kristall, in dem es gewittert
Ich wünsche mir eine Frau für
einen schönen Traum
Menschen, die mich an meine
Vergangenheit erinnern
aber keine Rolle mehr in meinem
Leben spielen
sind lästig
Die Liebe ist der schönste Selbstbetrug
und darum eine höllische Schmach
wenn sie auffliegt
Du hast in Dingen des Lebens
keine Ahnung
heißt: Du glaubst zu wissen
und: weißt nicht viel
nicht viel
wirklich nicht viel
dubbel di du dub
bub di du
du glaubst zu wissen
und: weißt nicht
viel
nicht viel
wirklich nicht viel
dubbel di du dub
bub di du
(1999/2000)
"Texas Story", 22 Uhr 25, 3sat
bonanzaMARGOT
- 14. Dez. 12, 15:53
"Toter Mann", 20 Uhr 15, ZDFkultur
bonanzaMARGOT
- 13. Dez. 12, 18:12
Wer wissen will, wie alt er
genau ist, kann sich das ganz einfach auf der Website
http://www.umrechnung.org/exaktes-alter/wie-alt-bin-ich-genau.htm berechnen lassen.
Tac, tac, tac macht die Uhr Sekunde für Sekunde. 60 mal pro Minute, 3600 mal pro Stunde und 86400 mal am Tag. Unser Herz schlägt etwas öfter. Ein Herzschlag ist das, was ich als einen noch erfahrbaren Moment ansehen möchte. Ich mag die willkürlichen Zeiteinteilungen nicht so sehr. Wir leben im Takt unseres Herzschlags. Darunter kann ich mir etwas vorstellen. Und auch Tage und Jahre sind Zeitmaße, die ich verinnerlicht habe. Die Sonne geht auf und geht unter. Die Jahreszeiten kommen und gehen. Das ist die natürliche Uhr, welche den Rhythmus unseres Lebens vorgibt.
Wann fängt eigentlich das Herz eines Menschen an zu schlagen? (Geheiligt sei der Gott der Suchmaschinen.) Bereits ab dem 22. Tag der Schwangerschaft. Wenn das Herz anfängt zu schlagen, dann bedeutet dies für mich, dass die Uhr des Lebens zu ticken beginnt. Man stelle sich vor: jeder hatte seinen ersten, allerersten Herzschlag, - wie es schließlich auch einen allerletzten geben wird. Ab dem ersten Herzschlag ist die „Bombe“ scharf gestellt. Sozusagen. Das heißt doch Leben, oder? Und es endet, wenn diese biologische Uhr aufhört zu ticken. Dann sind wir tot.
Ich schrieb einmal, dass ich bereits tot war, nämlich, bevor ich anfing zu leben, um zu der Person zu werden, als die ich mich (heute) empfinde. Der Tod sollte uns also allen gut bekannt sein, aber wir vergessen ihn im Strudel des vorwärts gewandten Lebens. Oder besser: wir blenden ihn aus und sehen ihn nur als Ereignis in einer fernen Zukunft. Umso überraschter sind wir dann, wenn er sich im Sauseschritt nähert, - bzw. plötzlich an unsere Tür klopft. Er wird mir sagen, dass das Leben nur eine Leihgabe war, und dass nun Abgabetermin sei. Vielleicht werde ich ihn wiedererkennen …
„Aber wieso?“ werde ich ihn fragen, „wozu das Ganze? Hast du nichts Besseres zu tun?“
Und der Tod wird antworten wie mein Vater ehemals: „So ist es nunmal.“ Und ich werde dann alle Fragen meines Lebens vergessen, weil ich tot sein werde. Aha, denke ich: im Leben vergisst man den Tod, - und im Tod das Leben (mit seinen drängenden Fragen). Mal sehen, wie lange ich diesmal tot sein werde. Aber dummerweise werde ich mich nicht daran erinnern können.
Tac, tac, tac macht die Uhr Sekunde für Sekunde. 60 mal pro Minute, 3600 mal pro Stunde und 86400 mal am Tag. Unser Herz schlägt etwas öfter. Ich spüre mein Herz meist nur, wenn es stolpert, oder wenn ich mich körperlich anstrenge. Ich atme tief durch. Wie oft atme ich eigentlich? (Geheiligt sei der Gott der Suchmaschinen.) Erwachsene atmen 12-15 mal in der Minute. Den ersten eigenständigen Atemzug tat ich bei meiner Geburt. "Wääääähhh!" Ich wollte mal wissen, wer sich diese ganzen Abläufe ausdachte. Wahrscheinlich ein Karussellbauer. Oder ein Uhrwerker. Mir ist ganz schwindelig. Manchmal ist mir gar zum Kotzen. Praktiker haben einfach wenig Taktgefühl …, ich meine Taktgefühl gegenüber dem Seelenkörper.
Strange. Manche Träume sind schon ziemlich strange – und wenn sie wenigstens rudimentär im Gedächtnis haften bleiben, dann ist ein Aufschreiben beinahe verpflichtend.
Sie nannten sich „Lange Wesen“ und lebten in der oberen Atmosphäre zwischen Erde und Weltraum. Ihre Körper waren schlank, lang und blau. Vom Körperbau ähnelten sie sehr dem Menschen. Aber sie hatten nur einen Arm. Ich konnte kein Geschlecht erkennen. Und sie schienen völlig unbekleidet zu sein. Sie riefen die Menschen an, weil ihr Lebensraum bedroht war. Wenn sie nicht sterben wollten, mussten sie hinunter auf die Erde kommen. Vielleicht waren sogar die Menschen Schuld an der Zerstörung ihrer Heimat. Diese sphärischen Wesen wirkten sehr geheimnisvoll. Sie machten den Menschen keine Vorwürfe, sondern baten sozusagen nur um Asyl.
Schließlich durften die „Langen Wesen“ auf die Erde kommen …
Sie hatten seltsamerweise nur einen Arm, und das blieb mir neben ihrer blauen Farbe und ihrem grazilen Äußeren besonders in Erinnerung.
Über Geld und Verdienst
Gulp ist mal wieder zu Besuch. Er erscheint immer ohne Vorankündigung. Er braucht keinen Schlüssel. Plötzlich sitzt er in meiner Wohnung. Und genauso plötzlich ist er wieder weg.
Gulp ist so was wie ein Außerirdischer, aber kein echter. Wie soll ich ihn am Besten beschreiben? Er ist einfach nur fremd. Fremd von allem, was uns in unserer Welt total vertraut ist. Er könnte auch ein entfernt lebender Ureinwohner oder Einsiedler sein. Wenn er da ist, stellt er mir Fragen, und wir unterhalten uns ein Wenig über Gott und die Welt. Dabei reden wir nicht. Es funktioniert über Gedankenübertragung, aber der Einfachheit halber will ich es hier als Gespräch notieren.
Dieser Gulp ist schon ein merkwürdiger Bursche. Manchmal kommt er ziemlich unpassend. Aber was soll ich machen? Wahrscheinlich besucht er noch andere Menschen, denke ich ... Was rede ich für einen Unsinn?! Es muss mein persönlicher Gulp sein, denn er scheint alles von mir zu wissen. Herrje, Gulp ist eben Gulp! Ein Unikum, das dumme Fragen stellt.
Er sitzt auf meiner Bettkante und grinst sein Gulp-Grinsen. Es ist so ein verflucht gütiges Grinsen, das einen auf die Palme bringen kann.
„Hallo Gulp.“
„Hallo Boma.“
Pause. Manchmal sitzt er einfach nur da und lässt mich rätseln. Ich schaue von ihm weg und versuche ihn zu ignorieren. Vielleicht ist er beim nächsten Hinschauen bereits wieder fort …
„Hörmal Boma, was ist eigentlich Geld?“
„Geld brauche ich zum Leben. Mit Geld kaufe ich Essen, Trinken, Kleidung. Für meine Wohnung muss ich Geld bezahlen. Eigentlich brauchst du für ziemlich alles Geld.“
„Und wo gibt`s das Geld?“
„In der Bank, Gulp. Dort hole ich es mir, wenn ich es brauche.“
„Ach so, das ist ja einfach. Komische Erfindung.“
„Nicht wirklich einfach. Ich muss das Geld ja erst verdienen, bevor ich es von der Bank holen kann.“
„Verdienen?“ Gulp lacht, „das muss was Lustiges sein!“
Wenn Gulp lacht, sieht das aus, als ob sich etwas von Innen nach Außen stülpt.
„Nein, das ist gar nicht lustig, das Verdienen. Ich muss dafür hart arbeiten.“
„Dann hole dir das Geld doch einfach ohne Verdienen von der Bank!?“
„Das überlegte ich mir auch schon, lieber Gulp. Aber wenn sie mich dabei erwischen, werde ich eingesperrt. Und das ist auch nicht gerade lustig, das Eingesperrt Sein.“
„Erwischen!“ Gulp lacht nun über das Wort „Erwischen“ und wiederholt es ständig mit rollenden Augen.
„Genau. Ich betone: das ist gar nicht lustig!“
„Na gut, Boma, ich fasse zusammen: Du brauchst für alles Geld, und das musst du dir verdienen, und dann kommt das Geld auf die Bank, wo du es abholen musst. Ich finde das komisch. Verdienst du wenigstens genug für alles?“
„Für alles natürlich nicht! Aber es ist genug, um davon zu leben, die Miete zu bezahlen und ab und zu ein Bier zu trinken.“
„Aber wenn du so hart arbeitest, warum verdienst du nicht genug für alles?“
„Mein Gott Gulp! Mein Beruf wird nun mal nicht besser bezahlt.“
„Ich folgere, dass es Menschen gibt, die mehr, viel mehr als du verdienen, aber die deswegen nicht härter arbeiten. Was ist das Kriterium dafür, dass manche Menschen mehr verdienen als andere?“
„Das ist mir auch schleierhaft. Vielleicht weil sie klüger sind. Oder weil sie mehr Glück haben.“
„Das ist aber sehr ungerecht.“ Gulp scheint plötzlich so traurig, wir er vorher lustig war. Er kann mit seiner Traurigkeit den ganzen Raum ausfüllen.
„Immerhin verdiene ich genug, um über die Runden zu kommen. Es gibt Menschen, die viel ärmer sind als ich, weil sie ganz wenig verdienen oder gar keine Arbeit haben.“
„Noch viel ärmer als du, Boma. Und einige sind viel reicher als du?“
„Sehr viel reicher, Gulp, - unvorstellbar reich! Es gibt Menschen, die können sich alles kaufen.“
„Und das haben sie sich verdient?“
„Nein. Diese Menschen leben wie Könige. Könige müssen nichts verdienen. Sie lassen andere für sich das Geld verdienen.“
„Und das ist gut so?“
„Nein!“
„Wenn du das Geld einfach von der Bank nimmst, wirst du dafür eingesperrt, aber wenn die Könige andere Menschen ausbeuten, ist das normal? Niemand kümmert diese Ungerechtigkeit?“
„Doch schon. Aber man kann dagegen nichts machen. Wo das Geld ist, ist auch die Macht.“
„Boma, was du mir über das Geld erzählst, ist wirklich sehr traurig. Ihr Menschen müsst das Geld abschaffen. Es macht euch nur unglücklich.“
„Wenn das so einfach wäre, Gulp. Scheiß Geld!“
…
„Hey Gulp!?“
Ich habe nicht mehr auf ihn geachtet. Zu sehr war er in meinem Kopf und mein Blick nach Innen gerichtet. Er hätte sich wenigstens verabschieden können. Ich schaue etwas verloren in den angebrochenen Tag. Aber so ist er, Gulp. Er lässt mich stets mit meinen Grübeleien allein. Dann werde ich mal wieder Geld verdienen gehen …, – und ich lache, lache mich kaputt bei diesem Gedanken, was durchaus Gulps Verdienst ist.
Der Friedensnobelpreis wurde in Oslo an die Europäische Union überreicht. Vorher sah ich einen kurzen Bericht darüber, wie mit afrikanischen Flüchtlingen an den Grenzen Europas umgegangen wird. Ein Mann, der sich für die Flüchtlinge einsetzt, sagte süffisant in die Kamera, das man ihm es noch mal erklären müsse, für was Europa den Friedensnobelpreis bekäme.
Diese Friedensnobelpreisverleihung an eine politische Organisation ist halt mehr eine abstrakte Geschichte. Sehr viele Menschen Europas wird dieses Ereignis gar nicht tangieren, interessieren. Und viele werden es sogar als Hohn empfinden. Es ist eine Veranstaltung unter elitären Gesellschaftsgruppen. Das ist meiner Meinung nach sowieso das Problem, dass dem einfachen Bürger das politische Gebilde Europa fremd bleibt. Die Verantwortlichen wurschteln in einem administrativen Wasserkopf vor sich hin, ohne noch einen (warmen) Draht zu den Bürgern zu haben. Eigentlich schade, denn die Idee eines friedlichen, zusammenwachsenden Europas, in dem die Menschen dauerhaft gut und sicher leben können, ist eine gute. Vielleicht wuchs, wie z.B. Helmut Schmidt meint, die Europäische Union zu rasant. Die verantwortlichen Politiker gingen das Projekt blauäugig an. Nun kann man die Zeit nicht zurückdrehen, und man versucht sich durch die Probleme zu mogeln. Es ist ein Bisschen wie bei Erdbeben. Untergründig bauen sich Spannungen auf, die dann scheinbar urplötzlich ausbrechen können. Es braucht sehr viel Feingefühl und Übersicht von den europäischen Machthabern, damit solchen Spannungen und gesellschaftlichen Verwerfungen entsprechend schnell mit politischen Instrumenten entgegengewirkt werden kann. Die Verleihung des Friedensnobelpreises war insofern gut gemeint. Doch ohne eine stärkeres Ankommen Europas beim Bürger, werden die Spannungen weiter zunehmen, befürchte ich. Da hilft auch das Beharren auf den Euro nicht. Vielmehr steht der Euro symbolisch für eine Sache, die uns allen über den Kopf wächst. Ich weiß nicht, ob nur ich das so sehe.
Das Unaussprechliche unter der dünnen Haut drängt hervor. Aber es kann sich nicht in Worte kleiden. Selbst Bilder passen nicht. Natürlich könnte man drumherum reden. Bei dem Gedanken wird mir übel. Die wunde Seele schweigt. Schweigt nicht. Sie stöhnt vor sich hin. Sinnlos. Stumm. Mit den Augen. Mit der Stirn. Durch die Körperhaltung.
„There`s a house with no door“, singt Van der Graaf Generator. Der Song kam mir plötzlich in den Sinn. Vor vielen Jahren schenkte ich meiner Mutter eine selbst aufgenommene Musikkasette. Auch dieses Lied war darauf.
Letzten Samstagnachmittag saß ich neben Mutter auf der Wohnzimmercouch. Sie weiß, dass sie nicht mehr lange zu leben hat. Sie freute sich über meinen Besuch. Sie lachte und schenkte mir Kaffee nach.
Wörter flossen aus meinem Mund. Es gab viel zu reden. Noch mehr gab es zu schweigen. Eigentlich. Aber dafür war nicht die Zeit.
Die dünne Haut ist angespannt wie ein Segel im Wind. Dahinter der Tod, das Unaussprechliche.
House with no door
There's a house with no door and I'm living there
at nights it gets so cold and the days are hard to bear inside.
There's a house with no roof, so the rain creeps in,
falling through my head as I try to think out time.
I don't know you, you say you know me, that may be so,
there's so much that I am unsure of ...
You call my name, but it sounds unreal, I forget how I feel,
my body's rejecting the cure.
There's a house with no bell, but then nobody calls;
I sometimes find it hard to tell if any are alive at all outside.
There's a house with no sound; yes, it's quiet there ...
there's not much point in words if there's no-one to share in time.
I've learned my lines, I know them so well, I am ready to tell
whoever will finally come in
Of the line in my mind that's cold in the night, it doesn't seem right
when there's that little dark figure running ...somebody help me
There's a house with no door and there's no living there:
one day it became a wall ... well I didn't really care at the time.
There's a house with no light, all the windows are sealed,
overtaxed and strained
NOW NOTHING IS REVEALED BUT TIME
I don't know you, you say you know me, that may be so,
there's so much that I am unsure of ...
You call my name, but it sounds unreal, I forget how I feel,
my body's rejecting the cure .....
Won't somebody help me ......?
(Van der Graaf Generator, 1970)
"No Country For Old Men", 22 Uhr 35, ProSieben
bonanzaMARGOT
- 09. Dez. 12, 17:19
bonanzaMARGOT
- 09. Dez. 12, 12:42
Ein Wetterchen ist das! Feine Schneeflocken wirbeln im Wind wild durcheinander. Kalte, weiße Wolken weht es von den Dächern. In der Luft ein wüster Schneeschleier. Mich friert beim Rausschauen. Fasziniert von dem Naturschauspiel kann ich den Blick kaum abwenden. Der grieß-graue Himmel verwischt sich mit den Baumwipfeln. Nur die braunen Blattreste, die bemoosten Stämme und das immergrüne Efeu heben sich farblich ab.
Als Kind wartete ich auf den ersten Schnee beinahe so aufgeregt wie auf meinen Geburtstag. Dann und wann keimt die Begeisterung für solch Schneespektakel wieder in mir auf. Auch erinnere ich mich an Spaziergänge im Schnee mit der (ersten, zweiten, dritten ...) Liebe. Unsere kalten, roten Bäckchen und Nasen rieben sich aneinander. Der Hauch unseres Atems kreuzte sich, verschmolz – hin zum sinnlichen Kuss.
Ich blicke hinunter zur Straße, wo die Autos schon langsamer werden. Ich bin gespannt darauf, wie lange es noch so runter macht.
Der Fernseher läuft nebenbei. Live vom SPD Parteitag. Peer Steinbrück soll heute offiziell zum Kanzlerkandidaten gewählt werden. Mal sehen, ob ich seiner Rede etwas abgewinnen kann. Auch der greise Altkanzler Schmidt wird einen kurzen Auftritt haben. Gerade spricht Hannelore Kraft. Ich höre nur mit einem Ohr zu. Obwohl – sie wäre in meinen Augen eine bessere SPD-Kanzlerkandidatin. Sie ist authentischer, weniger steif. Kraft gegen Merkel – das wäre doch interessant geworden, oder? Zickenkrieg? Nein, ich glaube, die sind beide keine Zicken.
(Egal.) „Glück auf!“ sagt Frau Kraft am Ende ihrer Rede.
Frau Manuela Schwesig, eine bemerkenswert hübsche Blondine, die neben dem seemannsbärtigen Kurt Beck auf dem Podium sitzt, übernimmt das Wort. Sie spricht das adventliche Schneegestöber an. Und dann geht es noch um die Tagesordnung. Mein Gott, ist die Frau hübsch!
Wieder wehen Schneewolken an meinem Fenster vorbei. Irre! Ich stelle den Ton vom TV ab und höre lieber Musik. Dazu zünde ich zwei Kerzen an. Nicht wegen des Advents – sondern wegen der Atmosphäre. Es ist düster aber erst Mittag.
Heute Familientreffen und Besprechung der Angelegenheiten betr. Pflege und Unterbringung meines Vaters, Erkrankung meiner Mutter etc..
Mit leichtem Magengrummeln sehe ich dem Treffen entgegen. Aus den verschiedensten Gründen, die zu erörtern mir im Moment schwerfällt.
Gestern stieß ich zufällig auf einen Beitrag auf diesem Blog, in dem ich meine Bedenken und Sorgen bereits Mai 2008 ansprach:
Wer pflegt meine Eltern?
Nun sind die Dinge traurige Realität geworden.
Der Tag zeigt sich eisig, der Himmel in kaltem, hellen Blau. Das Schneechaos blieb gestern aus. Die Straßen sind weitgehendst frei von Schnee. Bus und Straßenbahn sollten problemlos fahren.
Super! Warum freue ich mich eigentlich so darüber? Am Ende werde ich eingeschneit und komme nicht mehr aus dem Haus ...
Also sollte ich besser demnächst durchstarten, mich von den kalten Flocken küssen lassen.
bonanzaMARGOT
- 07. Dez. 12, 12:57
Wo ist der versprochene Schnee? Reste liegen wie Puderzucker auf Boden und Bäumen. Alles liegt ruhig und trist in Warteposition. Dürre Zweige bewegen sich kaum wahrnehmbar im Wind.
Im Fernsehen porträtieren sie Karrierefrauen auf der Suche nach ihren Traumpartnern. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Es ist noch zu früh am Tag. Mein Gott. Luxusfrau sucht Luxusmann. Warum schalte ich nicht einfach auf ein anderes Programm?
Gesagt getan. Jetzt habe ich dagegen eine Dokumentation aus Ostdeutschland. Es geht um die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt, und warum die NPD dort so viele Stimmen vor allem unter den jungen Leuten abräumt. Tja.
Ich befürchte, dass das angedrohte NPD Verbot erst mal Werbung für die Braunen ist. Wenn auch Negativwerbung – so viel Medienbeachtung fanden sie schon lange nicht mehr. Ich bezweifle die Sinnhaftigkeit des Vorhabens, wo noch nicht mal sicher ist, ob das Verfassungsgericht grünes Licht gibt. Solange die Jugend in den ländlichen Gebieten Ostdeutschlands derart wenig Zukunftsperspektive hat, werden die Neonazis mit ihren simplen wie abstrusen Feindbildern und Hetzsprüchen stark bleiben.
Ich erinnere mich an einen Song von The Who „Young Man Blues“, in dem es um den verlorenen Respekt vor den jungen Männern geht. Damals fanden sie Bestätigung in den Motorradgangs. In dieselbe Kerbe hauen die Neonazis. Sie bieten den Desillusionierten und Frustrierten Anerkennung und eine Art Familie. Einzige Bedingungen: Kadavergehorsam, Gewaltbereitschaft und das Nachschwatzen der tumben Naziideologie. Wenn die Gesellschaft den jungen Menschen keine anderen Angebote machen kann, werden viele von ihnen in den Sog verbrecherischer Gruppierungen, politischen wie unpolitischen, gelangen. Das ist überall auf der Welt das Gleiche. Die Neonazis sind in meinen Augen kein besonderes Phänomen. Sie sind wie Ratten und breiten sich dort aus, wo die Gesellschaft morbide ist.
Young Man Blues
Well a young man
He ain't got nothin' in the world these days
I said a young man
Ain't got nothin' in the world these days
In the old days
When a young man was a strong man
All the people stepped back
When a young man walked by
You know nowadays
Well it's the old man's
Got all the money
And a young man
Ain't got nothin' in the world these days
You know nowadays, if you're the young man
You ain't got nothin' in the world these days
(The Who, 1970)
"Boy A", 20 Uhr 15, Einsfestival
bonanzaMARGOT
- 07. Dez. 12, 10:19