Sonntag, 25. Dezember 2011

Der schmale Grat


Phantome zahlloser Toten,
Unsichtbar andern, seid mir Begleiter fortan,
Folgt mir für immer, - verlaßt mich nicht, solange ich lebe.

(Walt Whitman, 1865)


Da man das Fernsehprogramm an Heiligabend getrost knicken kann, legte ich eine DVD ein. "Der schmale Grat" - darin geht es um die Eroberung einer Scheiß Pazifikinsel im 2. Weltkrieg durch die Amis. „Der schmale Grat“ bleibt in meinen Augen der beste Anti-Kriegsfilm – besser als „Der Soldat James Ryan“, besser als „Apokalypse Now“, besser als „Die durch die Hölle gehen“ und besser als „Full Metal Jacket“ … und jedenfalls der poetischste von allen. Laufzeit 164 Minuten und keine leichte Kost – was sich bei einem solchen Film von selbst versteht. Bereits nach wenigen Minuten war ich völlig ergriffen. Was besseres hätte ich an diesem verfickten Heiligabend nicht machen können! Und dazu Dominikaner Pils. Mir liefen die Tränen in Bächen über die Wangen. Es hatte was Reinigendes. Manche Filme scheinen wie auf mich zugeschnitten. „Der schmale Grat“ gehört dazu. Für meine Ex und meine Ex-Ex wäre er freilich nichts gewesen. Die mochten derart aufwühlende und tiefschürfende Filmkost nicht. Geschmäcker sind eben verschieden. Sie hatten außerdem nicht viel Sinn für meine Gedichteschreiberei, und also belästigte ich sie damit nicht weiter. Was sie wohl über mich dachten? Wahrscheinlich gar nichts. Jedenfalls mochten sie lieber Komödien – gegen die ich auch nichts habe, wenn sie nicht zu blöd ausfallen. Ich brauche keine 100% ige Übereinstimmung der Interessen, wenn ich eine Frau liebe. Man muss halt einigermaßen tolerant und offen gegenüber dem anderen sein. Es werden sich doch noch ein paar andere Schnittmengen als den Sex ergeben … So jedenfalls die Hoffnung bei Beginn der Beziehung. Die Euphorie überspielte mögliche Bedenken. Zwischendurch beruhigte ich mich, indem ich mir sagte, dass Gegensätze doch eine Beziehung interessant und abwechslungsreich machen können. Man lernt fremde Interessengebiete kennen, macht Sachen, die man sonst nicht unbedingt gemacht hätte, usw.
Die Praxis sah dann aber so aus, dass ich mir Filme wie „Der schmale Grat“ besser alleine anschaute, weil meine Partnerinnen weder Geduld noch Sinn dafür aufbrachten. Und im Gegenzuge distanzierte ich mich Stück für Stück von ihnen, ohne dass es mir richtig bewusst war. Bis die Leere zwischen uns immer greifbarer wurde: Wo war die Liebe geblieben? War sie nur noch Konstrukt? Machten wir uns die ganze Zeit was vor?
Meine letzte Partnerin stürzte sich in die Arbeit. Sie sagte mir indirekt: Ich liebe meine Arbeit mehr als dich. Und direkt formulierte sie es: „Ich will dich nicht ständig enttäuschen, also machen wir besser Schluss.“

Die Liebe ist ein schmaler Grat. Anfangs haben wir genug Schwung, um die Richtung zu halten, aber wenn wir nach einer Weile langsamer werden, zur Besinnung kommen, beginnen wir zu torkeln ... Ein Stupser genügt, und wir stürzen nach einer Seite ab.

Samstag, 24. Dezember 2011

Noch bitterer als der Tod ist die Frau - oder ein hundsnormaler Heiligabend


Als ich kurz vor Zwei in die Stadt radelte, war es dort "tot wie Oma“. Alle Supermärkte hatten bereits geschlossen, und das Kaffeehaus würde auch gleich zumachen – nämlich schon 14 Uhr. Also musste ich auf den Deutschen Hof ausweichen, der immerhin bis 16 Uhr geöffnet hatte. Während ich dort ein paar Export runter schüttete, kam ich auf die glorreiche Idee, dass ja auf alle Fälle noch die Tanke offen hat. Des Deutschen Lieblingskind darf auch am Heiligabend nicht ohne Sprit bleiben! Uff! So kann`s gehen, dass ich, wenn`s hart auf hart kommt, auf das Feindesland angewiesen bin – ich meine damit den Scheiß Auto-Virus. Der ist sogar noch hartnäckiger als der Weihnachts-Virus. Sollten die beiden irgendwann gegeneinander antreten, würde … der Auto-Virus gewinnen. Oder meint Ihr nicht?
Im Deutschen Hof spielten ein paar Eingeborene Darts. Ich fand bequem einen Platz an der Bar. Es ging mir nur darum, etwas Zeit totzuschlagen, damit ich nicht zu früh wieder zuhause war.
Vor ein paar Tagen hatte ich mir einen Spruch notiert: „Noch bitterer als der Tod ist die Frau“. Keine Ahnung, wo ich den aufschnappte. Wahrscheinlich aus irgendeiner TV-Doku. Ich glaube, er steht in der Bibel. Was nicht alles in der Bibel steht. Der Spruch läuft mir jedenfalls runter wie Öl. Derzeit. Nicht, dass man mich missversteht – denn ich liebe die Frauen! Sogar viel zu sehr …
Kurz vor Zappenduster verließ ich also den Deutschen Hof und fuhr mit dem Rad zur Tanke einkaufen. Ich besorgte mir ein paar Dosen Bier (Dominikaner Pils ist das billigste), eine Flasche roten Landwein und zwei Brötchen – ja, und nicht zu vergessen eine 15 Euro iTunes Karte. Ich dachte, es wäre keine schlechte Idee, wenn ich zuhause was zu tun hätte, indem ich ein paar Songs aus dem Internet runter laden würde.
Das machte ich dann auch: Einige Songs der alten Deep Purple, Led Zeppelin und Manfred Man`s Earthband … Wer die nicht kennt, sollte sich `ne Kugel ins Knie schießen. Warum? Nein, ich gehe jetzt nicht drauf ein. Ich bin gerade am Musikhören.

Geht vorbei


Gestern Abend traf ich im Petit Paris zufällig auf Moses, ein Äthiopier, der im tiefsten Odenwald aufwuchs. Wir hatten uns bestimmt was-weiß-ich-wie-viele-Jahre nicht gesehen. Ich wusste so gut wie gar nichts mehr von ihm. Er wusste noch etwas von mir. Jedenfalls hörte es sich so an. Natürlich erkannte ich ihn gleich, denn er sah aus wie damals mit seinen Rastalocken und der Brille auf der Nase, schlank, feingliedrige Hände. Eine Erscheinung, die auffällt. Eigentlich heißt er Tom, aber alle nennen ihn bei seinem Künstlernamen Moses. Er ist Musiker. Er fragte, wie`s mir geht, und ich sagte, dass es besser sein könnte. Als er nachhakte, meinte ich nur lapidar: „Weihnachten“. Er klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Geht vorbei.“ „Ja“, nickte ich. So kamen wir ins Gespräch, und ich erfuhr, dass er mit Frau und Kindern Geschenke einkaufen war. Inzwischen hatte er vier Kinder in allen Altersstufen bis beinahe erwachsen. Jedenfalls war er von dem ganzen Weihnachtsrummel auch ziemlich angeätzt. Seine Frau hatte sich wegen der Geschenke mit ihm gestritten, und er spülte seinen Ärger mit ein paar Pils hinunter. Wir redeten noch über dies und das: über die Liebe und die Kunst, über Kinder und Familie. Als er ging, war es zu spät für meinen Bus, und so stieg ich für den Rückweg in ein Taxi. Man gönnt sich ja sonst nichts.
In Heidelberg hatte ich ein altes New Yorker Autonummernschild erstanden. Ein Spontankauf. Ich werde es mir an die Eingangstür hängen. Vielleicht ein Zeichen(?) Wie auch immer - ich finde es gut. Und heute morgen klingelte der Postmann: ein Päckchen mit der „Bikerbörse“, die ich vorgestern bestellt hatte. Ein robustes Teil, das ich mit einem Karabinerhaken an der Gürtelschlaufe festmachen kann. Somit sind Geld und Kreditkarten angekettet. Ganz nützlich, wie ich finde. Auch wenn es schon sehr lange her ist, dass ich meine Geldbörse verlor oder geklaut bekam. Aber man weiß ja nie. Gerade jetzt an Weihnachten, wo ich doppelt gefrustet bin, weil mir die Freundin abhanden kam.
Nach meinem gestrigen Ausflug nach Heidelberg werde ich heute Abend wohl zuhause bleiben. Heiligabend – scheiß drauf! Allerdings werde ich gleich noch einkaufen, bevor die Geschäfte schließen. Ich muss mich für alle Fälle ausreichend mit Getränken eindecken. Die sollten wenigstens für heute und morgen reichen. Und nach dem Einkauf kann ich mir im Kaffeehaus einen reinlaufen lassen, bis sie zumachen. Die meisten Kneipen schließen 16 Uhr. Jetzt ist schon fast Mittag. Ich sollte mich nicht zu spät auf die Socken machen. Also dann. Moses hat recht: „Geht vorbei“.

Freitag, 23. Dezember 2011

Eat my Heart


Ich leere eine ganze Flasche Havana
auf ein Handtuch und presse es in die
große, blutende Mulde an meiner linken
Seite
Der Nerv liegt offen und pocht
mein ganzes Innen ist wund
Der Rauch aus der Wasserpfeife reißt
mich von den Beinen
mit Mühe schleife ich einen Eimer
an den Bettrand und würge
Wenn ich jetzt einschlafe, wache ich
nicht mehr auf, denke ich und sperre
die Augen auf
als könnte ich mich mit meinen Blicken
am Leben festhalten
Der Geschmack von Rum im Mund
und die Nase riecht den Shit
Die Mutter tröstete das kranke Kind
am Bettrand
wo ist die Mutter jetzt?
Ich beuge mich krampfhaft über
den Eimer und spucke
ich torkele durch das Zimmer
und verschließe die Türen
sie werden hier nicht reinkommen
die Genugtuung gebe ich ihnen nicht
Ich muss etwas essen!
warum ich das denke, weiß ich nicht
ich presse das mit Rum getränkte Tuch
fest in die Wunde
Wozu brauche ich ein Herz?
... wenn es nur schmerzt
muss ich es herausreißen wie einen
faulen Zahn
Das Herz liegt vor mir auf dem Tisch
hastig krame ich Messer und Gabel
aus dem Besteckkasten
Bevor ich mich an mein blutiges Mahl
mache, denke ich:
ich darf jetzt nicht einschlafen
ich muss essen
...



(1994)



Offensichtlich durchlebte ich schon schlechtere Zeiten. Ich habe also noch Luft nach unten. Zwar schmerzt das Herz - aber nicht zu vergleichen mit den damaligen Qualen. Ich weiß, dass es furchtbar war, aber ich kann es nicht mehr fühlen. Gott sei Dank. Bei aller Liebe zur Liebe ...

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Vampire`s Dream




wovon "Mann" nicht alles träumt

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Anti-Weihnacht


Nachdem sich in den Nachbarblogs die Weihnachtsbeiträge häufen, ist`s an der Zeit, ein kleines Gegengewicht in die Blogwelt zu stellen. Mir geht nämlich das gegenseitige Weihnachtsgewünsche gehörig auf den Seier. Nein, es ist nicht so, dass ich`s den Menschen nicht gönne. (Wie käme ich dazu?) Es ist mehr wie ein furchtbar schlechter Kinofilm, und das Dumme für mich ist, dass das Kino keinen Ausgang hat.
Nicht nur die Blogs ..., im TV, in den Innenstädten, auf der Arbeit, - die ganze Welt scheint wie von einem Weihnachtsvirus infiziert. Es ist ein Albtraum, - eine Mischung aus überbordendem Kommerz, Glitzerwelt und Scheinheiligkeit.
Dies ist also als Anti-Weihnachtsbeitrag zu verstehen. Ich werde niemandem Frohe Weihnachten wünschen. Die einzige Ausnahme sind die Alten im Altenheim. Aber das ist was anderes. Dort bin ich Altenpfleger und auch ein bisschen Seelsorger. Wobei ich sagen muss, dass viele der Alten kritischer gegenüber dem ganzen Weihnachtsrummel eingestellt sind als die jüngeren Generationen. Das liegt vielleicht daran, dass die heute Achtzig- bis Hundertjährigen noch schlimme Zeiten erleben mussten. Sie machten als Soldaten, Kinder und Heranwachsende die grausamen Kriegsjahre und die entbehrungsreichen Nachkriegsjahre mit. Ihnen fällt noch auf, welcher Konsum-Irrsin auf der Welt stattfindet, und wie sehr sich dieser mit dem Weihnachtsgedanken beißt. Sowieso fühlen sich viele im Altenheim auf dem Abschiebegleis – und da muss das Weihnachtsgefeiere oft wie Hohn auf sie wirken. Versteht Ihr? So geht es den vielen einsamen Menschen in unserer Gesellschaft, die sich zu Weihnachten noch einsamer und trauriger fühlen.
Bei Gott, ich würde niemandem sein geheiligtes Weihnachten wegnehmen wollen. Und ich könnte es schon gar nicht. Viel zu mächtig ist dieser Wahn auf der Welt. Doch ich komme nicht drum rum, meiner Abscheu und meinem Ärger über diesen Weihnachtswahnsinn Luft zu machen.
Ich wünschte mir, dass ich in einer Welt ohne Weihnachten aufwachte, - und diese Welt wäre eine bessere Welt! Na ja, vielleicht kann ich mir Weihnachten schön saufen(?) Schließlich kann ich machen, was ich will – ich komme aus diesem „Film“ nicht einfach raus. Gut, dass es Popcorn und Bier gibt.
In diesem Sinne: Steckt Euch Euer Weihnachten sonstwo hin!

Dienstag, 20. Dezember 2011

Nach unzähligen Anfragen

Endlich ein aktuelles Porträt





Montag, 19. Dezember 2011

Nachruf







Wenn`s denn Liebe war. Ein halbes Jahr zeugt nicht gerade von einer guten Konstitution. Wahrscheinlich krankte das Herz. Eine Operation am offenen Herzen ist nicht leicht. Ich bin nicht sicher, ob alles versucht wurde. Wo kein Wille ist, ist bekanntlich auch kein Weg. Genaugenommen begann das Siechtum bereits kurz nach der Geburt. Aber wie so oft scheute man sich vor der unangenehmen Diagnose. Das Schicksal nahm seinen Lauf - ob`s nun Liebe war oder nicht. Es muss was in der Art gewesen sein. Auch wenn alle über Liebe reden, verstehen tun wir, glaube ich, nicht viel davon. Etwas mehr Glück hätte ich mir in diesem Fall gewünscht ... Am Ende bleiben Ratlosigkeit, Trauer und Wut. Ein halbes Jahr war nicht lang. Da liegt sie die Liebe - am Arsch! Es gibt schlechtere Plätze.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Der erste Schnee


Der erste Schnee! Das heißt, es schneit. Große schwere Flocken fallen vom Himmel in die Sonntagvormittagsstille. Sieht noch etwas armselig aus, und liegen bleibt es vorerst nicht. Aber das Naturphänomen berührt mich jedes Jahr von neuem. Mal davon abgesehen, dass es wunderbar zu meiner leicht melancholischen Stimmung passt. Ich habe schöne Kindheitserinnerungen an verschneite Wintertage. Wenn der Vater uns morgens weckte und sagte, dass es in der Nacht geschneit hatte, sprang ich aufgeregt aus dem Bett, drückte meine Nase an die Scheibe der Balkontür und blinzelte hinaus in die Dunkelheit. Und waren die Dächer weiß, konnte ich`s kaum abwarten, hinauszukommen. Es war selten, dass ich mich derart auf den Schulweg freute.
Von weißer Pracht ist heute am vierten Advent leider noch nichts zu sehen. Das einzige Weiß am Boden sind die Früchte vom Knallerbsenstrauch vor meinem Fenster und die Wohnwagen auf dem Campingplatz gegenüber. Jetzt hörte es ganz auf – aber der Himmel hat noch was in petto.
Auch erinnere ich mich an schöne Schneewanderungen in Zeiten der Verliebtheit. Wenn wir uns aneinander schmiegten, sich der Hauch unseres Atems traf, die kalten roten Nasen sich liebevoll rieben, warme Küsse und neckische Spiele im Schnee. Die Liebe im Winter ist was besonderes. Wenn man sie hat. Wie der Schnee oft schnell wieder schmilzt und zu hässlichen Haufen am Straßenrand verkümmert, verschwindet auch die Verliebtheit nach einiger Zeit und hinterlässt einen miesen Nachgeschmack. Ich weiß, der Vergleich hinkt etwas, aber er gefällt mir. Es soll Menschen geben, die ein Leben lang ineinander verliebt sind. Und ebenso gibt es Regionen ewigen Schnees auf der Erde. Zum Beispiel am Südpol. Ob eine Liebe am Südpol dauerhafter wäre?
Blödsinn. Jedenfalls konstatiere ich für mich, dass ein Winter ohne Schnee trostlos wäre, und ein Leben ohne Liebe wäre ebenso trostlos. Und meist, jedenfalls in unserer Region, verhält es sich damit so, dass es schneit, taut, wieder schneit und wieder taut etc. Damit muss man leben.

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