Donnerstag, 12. Mai 2011

Gunter Sachs schoß sich in den Kopf


Gunter Sachs schoß sich in den Kopf. In seinem Abschiedsbrief nennt er das Motiv: Er fürchtete, an der Alzheimerdemenz zu erkranken.


"In den letzten Monaten habe ich durch die Lektüre einschlägiger Publikationen erkannt, an der ausweglosen Krankheit A. zu erkranken.
Ich stelle dies heute noch in keiner Weise durch ein Fehlen oder einen Rückgang meines logischen Denkens fest – jedoch an einer wachsenden Vergesslichkeit wie auch an der rapiden Verschlechterung meines Gedächtnisses und dem meiner Bildung entsprechenden Sprachschatzes. Dies führt schon jetzt zu gelegentlichen Verzögerungen in Konversationen.
Jene Bedrohung galt mir schon immer als einziges Kriterium, meinem Leben ein Ende zu setzen.
Ich habe mich großen Herausforderungen stets gestellt.
Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten.
Ich danke meiner lieben Ehefrau und meiner engsten Familie sowie meinen in tiefer Freundschaft verbundenen Weggefährten, mein Leben wundervoll bereichert zu haben.

Gunter Sachs"
(Quelle faz.net)


Mir war Gunter Sachs nur aus der Regenbogenpresse bekannt als "der letzte Playboy Deutschlands". Sicher führte er ein bewegtes Leben. Er kam viel rum und war stets gut situiert, - ein Mensch, der es gewohnt war, im Leben Regie zu führen. Nun drohte der geistige Zerfall. Zumindest glaubte er dies. Offensichtlich stellte er eine Selbstdiagnose. Wenn das mal kein Fehler war, denn es gibt z.b. auch Demenzsymptome bei Depression.
Er wollte den Moment nicht verpassen, wo er sich selbstbestimmt das Leben nehmen kann. Vielleicht war er auch lebensmüde mit 78. Hinzu kam die Angst vor einem würdelosen Greisendasein als Pflegefall, das nichts mehr mit der Person gemein hätte, als die er sich sehen -, und als die er bei den Menschen in Erinnerung bleiben wollte.
Ich habe Hochachtung vor seiner Entscheidung. Einziges Manquo ist, dass er seinen Verdacht nicht ärztlich durch eingehende Untersuchungen und Tests absichern ließ. Falls sein Leichnam obduziert wird, läßt sich feststellen, ob er tatsächlich an Alzheimer erkrankt war.

Im Altenheim betreue und pflege ich viele Alzheimerkranke. Es ist nicht einfach. Die Krankheit ist grausam. Der Geist zerfällt in seine Einzelteile, - so scheint es mir. (Ein lebenslang zusammengefügtes Puzzle bricht auseinander.) Die Menschen verlieren nach und nach die örtliche, zeitliche und situative Orientierung, ihr Sprachvermögen und die Bewegungsfähigkeit. Im Endstadium sind sie bettlägerig und werden künstlich ernährt. Der Krankheitsverlauf kann sich über viele Jahre erstrecken, wo der Betroffene intensiver Pflege und sozialer Betreuung bedarf.
Ob ich den Mut hätte, mir eine Kugel durch den Kopf zu schiessen, - gesetzt den Fall? (Diese Frage stellen sich vielleicht nun viele.)
Gunter Sachs starb aufrichtig. Wenn auch eventuell verfrüht. In den Medien wird in der Folge noch viel darüber diskutiert werden. Den Anfang machte gestern Abend die Sendung "Hart aber fair".
Als Altenpfleger wünsche ich mir, dass die Pflege gerade von Demenzkranken weit mehr finanziell unterstützt wird. Wir haben im Altenheim viel zu wenig Personal, um die Sicherheit und die nötige soziale Betreuung von demenzkranken Bewohnern zu gewährleisten. Dieser Mißstand ist zwar hinlänglich bekannt, aber seit Jahren wird nur geredet, geredet, geredet ...; auf eine entscheidende Verbesserung der Pflegesituation warten wir bis heute.
Alzheimer betrifft immer mehr Menschen. Wir können uns vorher erschießen, oder wir stellen uns ohne Wenn und Aber den Problemen, um wenigstens eine anständige Pflege leisten zu können.

Mittwoch, 11. Mai 2011

Momentaufnahmen Basel


Es war ganz schön heiß am Wochenende.



FUNK OFF auf dem Barfüsserplatz im Rahmen eines Jazzfestivals - Die Jungs sind spitze!! Die gehen richtig gut ab!



Danach ein schöner Spaziergang an der Birs.



Am Ufer etwas Abkühlung.

Donnerstag, 5. Mai 2011

Zu einem neuen Unwort - "Sicherheitsverwahrung"

oder: Fehlende Konsequenz im Denken


Ich frage mich, warum sich die Gesellschaft über ein paar gefährliche Verbrecher aufregt, die zu Recht nach der Verbüßung ihrer Haftstrafen frei kommen, sich aber kaum jemand wegen der Tötungsmaschinen auf unseren Straßen echauffiert, die jedes Jahr viel mehr Todesopfer, Schwerverwundete und Traumatisierte fordern ...
Die Befürworter der Sicherheitsverwahrung argumentieren, dass die Sicherheit der Bürger über den Freiheitsrechten des Einzelnen stehen sollte. Nun, dann wäre es aus meiner Sicht nur logisch, wenn sie ihre Autos in der Sicherheitsverwahrung ihrer Garagen beließen, denn jedes Kfz ist eine potentielle Tötungsmaschine. Dies wären wir vorallem den vielen Kindern schuldig, die jedes Jahr im Straßenverkehr sterben und verletzt werden.

Die Menschen sollten ihr Augenmerk mehr auf den Straßenverkehr richten als auf ein paar entlassene Verbrecher. Egal was diese mal in ihrem Leben anstellten - nach der Verbüßung ihrer Haftstrafen sind sie freizulassen. Wenn wir sie für länger oder gar für immer hinter Gitter haben wollen, müssen härtere Urteile ausgesprochen werden. Oder wir führen die Todesstrafe wieder ein. Was aber soll dieses Herumgeeiere mit der Sicherheitsverwahrung?

Das Leben birgt viele Risiken. Dazu gehören Verbrechen, der Straßenverkehr, Haushaltsunfälle, Atomkraftwerke, Naturkatastrophen, Terroranschläge ... Wir sollten die Risiken rational einordnen und nicht absurde kindische Diskussionen führen, je nachdem, was das Tagesgeschehen gerade vorgibt.

(Wie gesagt:) Ich plädiere für eine Sicherheitsverwahrung unserer Autos in Garagen oder auf speziellen Rennstrecken, wo sie keine Fußgänger oder Radfahrer umfahren können.

Mittwoch, 4. Mai 2011

"Die Disteln brennen" (Memed II) von Yasar Kemal


... Die Steine in der Höhle waren rot und zerbröckelten, sobald man sie berührte. Darauf wuchs eine seltsame, blaue Blume, ganz aus der Art gefallen und unförmig, jede Blüte, jedes Blatt sah anders aus. Der Höhleneingang war bedeckt mit Wasserpoleiminze. Sie roch wohltuend frisch.
Der Mensch hält sich immer für mutig. Wenn Angst ihn befällt, so findet er das nicht normal. Vor lauter Gram darüber stirbt er oder wird verrückt. Warum fürchte ich mich ... dieser Gedanke macht ihn wahnsinnig. Angst wohnt immer im Herzen der Menschen, doch sie wissen es nicht. Sie bestehen nur aus Angst, doch sie wissen es nicht. Sie wissen nichts von der Angst und wollen es auch nicht wahrhaben ...
Die Blüten der Wasserpoleiminze verströmen den besten, den frischesten Duft ... Er bleibt auf der Haut des Menschen, in seinem Haar haften, dringt bis ins Knochenmark. Der Duft der Poleiminze belebt auch dann, wenn man im tiefsten Elend steckt.
...

("Die Distenln brennen" von Yasar Kemal)

Montag, 2. Mai 2011

Die Nachricht des Tages


Da komme ich vom Nachtdienst nach Hause, schalte die Glotze ein und glaube meinen Ohren nicht zu trauen: Amerikas Staatsfeind Nr. 1, der Topterrorist Osama Bin Laden tot!? Sie erwischten ihn in Pakistan. Kopfschuss. Filmreif. (In zwei Jahren kommt es in die Kinos.)
Die Amis feiern zu Tausenden in Washington und vor Ground Zero. Unwirklich das Ganze. Wer dachte noch daran, dass sie ihn kriegen? Nach 10 Jahren ... Sie hätten ihn besser lebend gefangen. Nun ist er in den islamistischen Märtyrerhimmel eingegangen, und seine Anhänger haben ein wunderbares Rachemotiv. Mal sehen, was für perverse Anschläge sie sich ausdenken. Eine Atombombe? Giftgas? Ein tödlicher Virus?
Nun, der Gerechtigkeit ist Genüge getan. Präsident Obamas Rede. Die vom 11. September traumatisierte us-amerikanische Volksseele hat sich von einer Last befreit. Die Guten haben gewonnen. Sie kamen mit Hubschraubern. Spezialeinsatz. Neue Helden. Hollywood.
Mir steckt der Nachtdienst noch in den Gliedern. Alles wirbelt durcheinander in meinem Kopf. Nun hörte ich, dass der Leichnam Bin Ladens bereits auf See bestattet wurde (?) Warum denn das? Vielleicht alles eine Inszenierung? Aber wieso? Sein Sohn soll auch getötet worden sein. Die Nachricht ist für mich kein Anlaß zur Freude. Die Besorgnis überwiegt. Und: Wie entwickelt sich der Brandherd Nordafrika? Wie geht es mit Libyen weiter? Mit Gaddhafi? Angeblich verlor er einen seiner Söhne bei einem Luftangriff der NATO. Die libyschen Rebellen feierten dessen Tod ähnlich wie heute die Amerikaner die Tötung Osama Bin Ladens. (Zufall?)
Was kann man glauben? Was glauben die Menschen? Psychologische Kriegsführung?
Es bleibt Verwirrung und ein gruseliges Gefühl. Das Geschehen weit weg, aber auch auf unheimliche Weise nah. Der Wahnsinn ist so unsichtbar wie die radioaktive Verstrahlung. Der Frühling läßt sich nichts anmerken. Die kleinstädtische Biedermeierlichkeit unberührt.

Sonntag, 1. Mai 2011

Seyran Ates, eine mutige Frau


1. Mai. Sonntag. Ich schlief in den Vormittag. Es ist sehr ruhig. Ab und zu höre ich den kleinen Racker von unten durch die Wohnung toben. Ich habe Phoenix eingeschaltet. Es läuft eine Doku über die türkischstämmige Frauenrechtlerin Seyran Ates. Ich bin beeindruckt von dieser Frau, von ihrem Lebenslauf, ihrem Mut, ihrem Temperament und Ehrgeiz.

Sie schrieb Bücher wie Der Islam braucht eine sexuelle Revolution und erhielt daraufhin Morddrohungen. Die Frau ist in meinem Alter. Fast schäme ich mich, wie wenig ich in meinem Leben auf die Beine stellte. Dabei hätte ich alle Chancen gehabt, allein es mangelte mir am nötigen Ehrgeiz.

Seyran Ates, den Namen werde ich mir merken. Ich glaube, sie repräsentiert etwas von dem, was ich gern gemacht hätte. Nur eben auf anderen Gebieten.
Außer an Ehrgeiz fehlt es mir aber auch an Mut und Biss. Denn hätte ich den, würde ich nicht in der Altenpflege versauern. Ach ja, heute Abend muß ich wieder ran. Vier Nächte. Am Ende habe ich weder Kraft noch Lust, mich mit meinen Vorgesetzten zu streiten. Ich glaube, die wüßten gar nicht, was ich eigentlich will. Ich hatte ja schon die ein oder andere Auseinandersetzung. Leider war ich damals in der Defensive.

Es ist, wie es ist. Und es ist noch nicht aller Tage Abend.
Ich wünsche Seyran Ates auf ihrem Weg weiterhin viel Mut und Erfolg.

Donnerstag, 28. April 2011

Wir sind die Frontschweine


"Wenn ich nach einer zehnseitigen Gebrauchsanleitung einen Nagel in die Wand schlagen soll, kommt 100%ig Murks dabei raus, - aber nach dieser Methode wird heutzutage gepflegt." (boma, 28.04.2011)

Wir sind die Frontschweine. Wir halten die Köpfe hin, während die Technokraten, Bürokraten und Kapitalisten im Hintergrund Pläne entwerfen mit immer neuen Standards, so als könne man unsere Arbeit in der Theorie vorweg nehmen. Aber wir produzieren in den Altenheimen keine Maschinenteile, - sondern wir pflegen und betreuen Menschen.
Durch die Bürokratie und Qualitätssicherung wird die Dokumentation immer umfangreicher und komplizierter. Wenn die Menschen nicht den vorgestellten Standards entsprechen, werden sie (also die Menschen nicht die Standards) passend gemacht. Die alten Menschen werden abgemessen und eingestuft. Jede Ausnahme muß begründet und schriftlich abgesegnet werden. Falls z.B. eine Bewohnerin in der Nacht nur einen Windelwechsel wünscht, weil sie am frühen Morgen nicht aus dem Schlaf gerissen werden will, muss die Gesundheitsbetreuerin damit einverstanden sein, und zusätzlich muss die Bewohnerin eine Erklärung unterschreiben. Nein, es geht in diesem Beispiel nicht um eine dekubitus-gefährdete Bewohnerin, und sie ist auch nicht dement.
Behörden unterminieren nach und nach unsere pflegerische und menschliche Kompetenz . Ich sehe Zeiten kommen, wo ich nur noch am Computer sitze und dokumentiere ..., egal ob eine Leistung stattfand oder nicht. Es wird heute schon viel zu viel gelogen, weil das Personal die in der Pflegeplanung festgeschriebenen Leistungen gar nicht erfüllen kann. Natürlich wird das kaum jemand offen zugeben.
Anstatt somit für die alten Menschen eine höhere Lebensqualität zu gewährleisten, versickert lediglich ein hoher Arbeitsaufwand in gekünstelten Dokumentationsformulierungen. Bei den Menschen kommt davon so gut wie gar nichts an. Wie sagt man so schön: Papier ist geduldig.
Seit 2-3 Jahrzehnten beobachte ich eine schleichende Entmenschlichung in der Pflege. Der menschliche Anspruch, wie er so schön im Pflegeleitfaden der Altenheimeinrichtung geschrieben steht, liest sich als bittere Realsatire, - dabei sollte er die Seele unserer Arbeit bedeuten.

Montag, 25. April 2011

Die Sonne lachte





Es ist immer die Frage, was man daraus macht.

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