Donnerstag, 20. Dezember 2007

Die Versuchung des heiligen Antonius


(1878, Félicien Rops)

Auch ich bin manchmal versucht.

Mittwoch, 19. Dezember 2007

Vorprogrammierte Altersarmut

Gestern bekam ich Post von der Rentenkasse. Sie teilte mir meine zu erwartende Altersrente mit. Ab dem 15.08.2029 darf ich eine Rente in Höhe von 829,55 Euro monatlich beziehen. Davon werden Steuern sowie Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge abgehen. Wenn ich Glück habe, kann ich mir mit dem, was übrig bleibt, im Jahre 2029 eine 2 qm Zelle leisten, wie es sie z.B. bereits in Hongkong gibt.
Schon mal davon Bilder gesehen? Die Menschen leben dort mit ihren wenigen Habseligkeiten in abschließbaren Käfigen, übereinander gestapelt, in denen gerade mal eine Pritsche Platz hat.
In dem Schriebs werde ich darauf hingewiesen, dass ein zusätzlicher Vorsorgebedarf besteht.
"Da die Renten im Vergleich zu den Löhnen künftig geringer steigen werden und sich somit die spätere Lücke zwischen Rente und Erwerbseinkommen vergrößert, wird eine zusätzliche Absicherung für das Alter wichtiger (Versorgungslücke). Bei der ergänzenden Altersvorsorge sollten Sie - wie bei Ihrer zu erwartenden Rente - den Kaufkraftverlust beachten."
Wenn ich diese Zeilen lese, kriege ich einen imaginären Lachanfall, der mir real im Halse stecken bleibt.
Wenn ich mich z.B. mit der Riesterrente zusätzlich absichere, bekomme ich doch auch nur ein paar müde Euro mehr. Spielt es eine Rolle, ob ich im Jahre 2029 mit 800 oder mit 1000 oder wegen mir mit 1200 Euro rumkrebse? In jedem Fall werde ich zum Sozialfall. Wieso sollte ich also von meinem schon spärlichen Gehalt noch etwas für eine Altersvorsorge abzweigen? Kinder habe ich keine, denen ich zur Last fallen könnte, und meine Eltern werden bis dann wohl das Zeitliche gesegnet haben.
Gar nicht auszudenken, wie vielen Altersgenossen mein Schicksal wahrscheinlich teilen. Wir, die zukünftigen Rentengenerationen, werden immer stärker in die Altersarmut rutschen. Ich frage mich, wer das dann finanzieren soll.
Der Wohnkäfig ist gar nicht so unrealistisch. Oder vorher umbringen? Ich denke schon, dass ich mich lieber umbringe, bevor ich den letzten Rest Menschenwürde verliere. Man sollte zu diesem Zweck Suizidgemeinschaften bilden. Gemeinsam lässt es sich bestimmt leichter sterben - (tut mir ja leid um die Altenpfleger(innen) der Zukunft ... man wird einfach zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben trennen ... und von je her, so ist`s in der Natur angelegt, müssen sich jene aus der Gesellschaft verabschieden, die sich nicht mehr selbständig versorgen können. Besser würdig sterben als unwert leben.)
Aber noch ist es nicht so weit, nicht wahr? Mir geht es gut, und ich habe jetzt einen Grund mehr, mich zu besaufen. Ich werde die mir zugestellte "Renteninformation" rahmen und in den Flur hängen - ich verschlucke mich so gern an meinem Lachen.

Dienstag, 18. Dezember 2007

Es weihnachtet

"... der Rettungssanitäter sagte, dass er am Wochenende neun Tote hatte, alles Selbstmorde. Auch hatte sich eine alte Frau auf ihren Balkon gelegt in der Absicht zu erfrieren."
"Bei uns (im Altenheim) sind sie wenigstens nicht allein", sagte ich zu meiner Kollegin.
Wir hatten morgens um vier Uhr den Notarzt gerufen, weil eine Bewohnerin akute Atemnot hatte. Sie war bereits blau im Gesicht, und ihre Hand, als ich sie berührte, kalt. Sie brodelte und konnte kaum sprechen. An den Mundwinkel und Nasenlöchern hatte sich Schaum gebildet. Wir säuberten sie und gaben ihr Sauerstoff, bis der Notarzt kam. Meine Kollegin kümmerte sich darum, während ich den Rest vom Windelrundgang erledigte. Die Frau wurde abtransportiert. Der junge Notarzt war sehr ungehalten. Er kannte unsere Bewohnerin schon. "Es ist immer dasselbe", sagte er, warum wir nicht den Hausarzt angerufen hätten. Meine Kollegin zuckte mit den Schultern. Es war 4 Uhr in der Nacht. Wir waren ziemlich müde, denn wir hatten viel Lauferei und einige Betten zu beziehen. Bestimmt riefen wir nicht aus Jux und Tollerei den Notdienst.
Der Rettungssanitäter erzählte meiner Kollegin von den sich häufenden Selbstmorden zur Weihnachtszeit. Währenddessen wechselte ich die letzten Windeln und machte einen Einlauf ... .
Der Mond war hinter dem Haus aufgegangen, direkt über dem Krankenwagen.

Sonntag, 16. Dezember 2007

Der Bettgalgen


einfach, stilvoll, zweckmäßig

Samstag, 15. Dezember 2007

Der Verdacht

Die Welt ist ein Riesenschwindel, nicht nur dass Stefan Raab und Mario Barth ein und dieselbe Person sind ...

Montag, 10. Dezember 2007

Verlorenheit

der Mensch fällt wie ein Puzzleteil aus dem Bild / wo ist mein Bild? / nichts passt mehr / die Zeit erlischt wie eine Kerze / die Orte fremd / dein Gesicht ist ein lachender Stern / deine Hand legt sich auf meine Seele / wo bin ich? / seit wann bin ich hier? / du führst mich und bist sehr freundlich / ich bin dir dankbar / wo bin ich? / seit wann bin ich hier? / auch grobe Hände kommen zu mir / und Gesichter wie Teufel / in meinem Niemandsland / in meinem Labyrinth bin ich verloren ohne die Liebe / die Nacht macht mich besonders verloren ...

Samstag, 8. Dezember 2007

Gewalt in Altenheimen


Neben dem Waschbecken war eine senkrechte Verstrebung. Die alte, ausgezehrte Frau hing in ihrem Nachthemd, das der Pfleger hochgezogen hatte und mit der Stange verknotet hatte. Sie trat auf der Stelle, knurrte vor sich hin, während er sie unten herum abschrubbte. Er gehörte zu den älteren Semestern unter den Pflegekräften, ca. fünfzig, ein kerniges Mannsbild, echte deutsche Kernseife, kerngesund. Wie hieß er noch mal? "Die Sau bleibt nicht ruhig stehen", erklärte er mir seine Maßnahme. Ich war Zivi in der ersten Woche und lief morgens mit ihm mit. Ich werde das Bild nie vergessen, wie die alte Frau in ihrem Nachthemd an der Stange hing und schäme mich noch heute dafür, dass ich damals nicht eingriff.
Ein anderes Erlebnis fieser Art hatte ich, als ich im selben Altenheim als Nachtwache arbeitete, um meine Studentenkasse aufzufüllen. Ich hatte mit einer älteren Krankenschwester Dienst, die einen Hass auf Männer hatte, ganz besonders auf Alkoholiker. Sie war von der Marke "alte Jungfer", und es machte ihr Spaß, besonders die männlichen Bewohner zu ärgern, die ihr Leben versoffen hatten und deswegen im Pflegeheim gelandet waren. Klaus war ein besonders armseliges Exemplar; er konnte nur noch heißer krächzen, man verstand ihn kaum. Sein ganzer Körper war von eitrigen Geschwüren übersät. Wir mussten ihm nachts die Windel wechseln, und wenn das eine Frau machte, kriegte er schon mal eine Erektion. Meine Kollegin verzog dann angewidert das Gesicht und schüttete ein Glas Wasser über seinen Schwanz. Mir war das Ganze nur peinlich.
Eine andere Altenpflegerin, mit der ich manchmal nach Feierabend ausging, hatte dagegen Mitleid mit Klaus und erzählte mir einmal, schon etwas angesäuselt, dass sie es ihm mit der Hand besorge ...

Das ist nun zwanzig Jahre her, und ich bin inzwischen selbst Altenpfleger, nachdem es mit dem Studieren nicht klappen wollte. Tagtäglich erlebe ich die viel subtileren Formen der Gewalt gegen Bewohner(innen) in Altenheimen. Dazu gehören die Vernachlässigung, die Verletzung der Intim- und Privatsphäre, verbale Einschüchterungen, unerlaubte und unsachgemäße Fixierungen, das Eintrichtern von Trinken und Essen, unsanfte Transfers (z.B. vom Rollstuhl ins Bett), unsanftes Drehen im Bett (so dass der Bewohner z.B. mit dem Kopf gegen die Wand knallt), Duschen und Baden gegen den Willen des Bewohners, das nächtliche "Kaltstellen" von Bewohnern, indem man im Winter die Fenster aufreißt (wörtliche Aussage einer Kollegin: "Mit frischer Luft schläft es sich besser"), Bewohner(innen) nachts "abtopfen" und sie im kalten Zimmer halbnackt auf dem Klostuhl sitzen lassen, Bewohner(innen) willkürlich in andere Zimmer verlegen, Bewohner(innen), die aufmucken, werden mit Medikamenten ruhig gestellt ...
Die Liste der Gewalt in Altenheimen ist lang. Unter den Mitarbeitern herrscht ein Schweigegelübde. Oft sind jene Pflegekräfte, die hart durchgreifen, bei ihren Chefs besonders beliebt, weil bei ihnen die Alten kuschen, und es keine Pflegeprobleme gibt. Mit der Zeit lässt dann auch die Sensibilität gegenüber solcherlei Übergriffen nach, und man hält es für vollkommen normal. Außerdem will man es nicht mit seinen Kollegen verderben; und ich erlebte bereits Fälle, wo diejenigen gehen mussten, die Gewalt am Bewohner beim Chef meldeten und nicht etwa der (mutmaßliche) Täter. Die Täter streiten natürlich den Vorwurf ab, und die Opfer sind meist die Demenzkranken, die sich nicht mehr äußern können ...

Es wäre schön, wenn sich die Verantwortlichen in Gesellschaft und Politik etwas mehr über diese Missstände Gedanken machten. Ich stehe ohnmächtig vor dieser Problematik, und vielen Kollegen/Kolleginnen geht es ebenso. Auch gegen das Personal gibt es eine subtile Form der Gewalt, indem man mit dem Arbeitsplatz droht, oder indem man unbequemen Mitarbeitern durch dienstliche Schikanen das Leben erschwert.

(Mist, ich muss los, habe noch eine Nachtwache ...)

Donnerstag, 6. Dezember 2007

das imperium schlägt zurück



antonia berichtete aus
bagdad
von den ersten hörbaren explosionen
lichtblitze wie bei einem seltsamen
gewitter
am horizont
wir hatten unseren rundgang im
pflegeheim gerade beendet
und setzten uns mit frisch desinfizierten
händen
vor die glotze
der präsident der vereinigten staaten
redete
ich mochte sein gesicht und den
pathos, als er von den mutigen
kämpfern sprach
patriots starteten
wie feuerbälle in den nachthimmel
tausende matrosen wie ein ameisenvolk
unter deck der schwimmenden
festungen taten das ihre
und die piloten, die kämpfer warteten
auf ihren ersten einsatz
mit scharfen waffen

wie gebannt starrten wir auf den
bildschirm, die kulisse
einer stadt mit minaretten und
palästen aus tausend und einer nacht
virtualität und wirklichkeit verknüpften sich
zu einem komischen theater
„antonia, hören sie mich ...?“
nein, das war keine science fiction
die jedi-ritter griffen an
meine kollegin und ich dämmerten dem
feierabend entgegen, um
das geisterschiff der alten und gebrechlichen
verlassen zu dürfen
tausendfach wurde von korrespondenten
fachleuten und politikern meinungen
über den äther transportiert
eine millionenstadt im zweistromland
vibrierte unter
den enthauptungsschlägen




(boMA, 21.03.2003)

ein literarisches Tagebuch

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