Samstag, 8. Dezember 2007

Gewalt in Altenheimen


Neben dem Waschbecken war eine senkrechte Verstrebung. Die alte, ausgezehrte Frau hing in ihrem Nachthemd, das der Pfleger hochgezogen hatte und mit der Stange verknotet hatte. Sie trat auf der Stelle, knurrte vor sich hin, während er sie unten herum abschrubbte. Er gehörte zu den älteren Semestern unter den Pflegekräften, ca. fünfzig, ein kerniges Mannsbild, echte deutsche Kernseife, kerngesund. Wie hieß er noch mal? "Die Sau bleibt nicht ruhig stehen", erklärte er mir seine Maßnahme. Ich war Zivi in der ersten Woche und lief morgens mit ihm mit. Ich werde das Bild nie vergessen, wie die alte Frau in ihrem Nachthemd an der Stange hing und schäme mich noch heute dafür, dass ich damals nicht eingriff.
Ein anderes Erlebnis fieser Art hatte ich, als ich im selben Altenheim als Nachtwache arbeitete, um meine Studentenkasse aufzufüllen. Ich hatte mit einer älteren Krankenschwester Dienst, die einen Hass auf Männer hatte, ganz besonders auf Alkoholiker. Sie war von der Marke "alte Jungfer", und es machte ihr Spaß, besonders die männlichen Bewohner zu ärgern, die ihr Leben versoffen hatten und deswegen im Pflegeheim gelandet waren. Klaus war ein besonders armseliges Exemplar; er konnte nur noch heißer krächzen, man verstand ihn kaum. Sein ganzer Körper war von eitrigen Geschwüren übersät. Wir mussten ihm nachts die Windel wechseln, und wenn das eine Frau machte, kriegte er schon mal eine Erektion. Meine Kollegin verzog dann angewidert das Gesicht und schüttete ein Glas Wasser über seinen Schwanz. Mir war das Ganze nur peinlich.
Eine andere Altenpflegerin, mit der ich manchmal nach Feierabend ausging, hatte dagegen Mitleid mit Klaus und erzählte mir einmal, schon etwas angesäuselt, dass sie es ihm mit der Hand besorge ...

Das ist nun zwanzig Jahre her, und ich bin inzwischen selbst Altenpfleger, nachdem es mit dem Studieren nicht klappen wollte. Tagtäglich erlebe ich die viel subtileren Formen der Gewalt gegen Bewohner(innen) in Altenheimen. Dazu gehören die Vernachlässigung, die Verletzung der Intim- und Privatsphäre, verbale Einschüchterungen, unerlaubte und unsachgemäße Fixierungen, das Eintrichtern von Trinken und Essen, unsanfte Transfers (z.B. vom Rollstuhl ins Bett), unsanftes Drehen im Bett (so dass der Bewohner z.B. mit dem Kopf gegen die Wand knallt), Duschen und Baden gegen den Willen des Bewohners, das nächtliche "Kaltstellen" von Bewohnern, indem man im Winter die Fenster aufreißt (wörtliche Aussage einer Kollegin: "Mit frischer Luft schläft es sich besser"), Bewohner(innen) nachts "abtopfen" und sie im kalten Zimmer halbnackt auf dem Klostuhl sitzen lassen, Bewohner(innen) willkürlich in andere Zimmer verlegen, Bewohner(innen), die aufmucken, werden mit Medikamenten ruhig gestellt ...
Die Liste der Gewalt in Altenheimen ist lang. Unter den Mitarbeitern herrscht ein Schweigegelübde. Oft sind jene Pflegekräfte, die hart durchgreifen, bei ihren Chefs besonders beliebt, weil bei ihnen die Alten kuschen, und es keine Pflegeprobleme gibt. Mit der Zeit lässt dann auch die Sensibilität gegenüber solcherlei Übergriffen nach, und man hält es für vollkommen normal. Außerdem will man es nicht mit seinen Kollegen verderben; und ich erlebte bereits Fälle, wo diejenigen gehen mussten, die Gewalt am Bewohner beim Chef meldeten und nicht etwa der (mutmaßliche) Täter. Die Täter streiten natürlich den Vorwurf ab, und die Opfer sind meist die Demenzkranken, die sich nicht mehr äußern können ...

Es wäre schön, wenn sich die Verantwortlichen in Gesellschaft und Politik etwas mehr über diese Missstände Gedanken machten. Ich stehe ohnmächtig vor dieser Problematik, und vielen Kollegen/Kolleginnen geht es ebenso. Auch gegen das Personal gibt es eine subtile Form der Gewalt, indem man mit dem Arbeitsplatz droht, oder indem man unbequemen Mitarbeitern durch dienstliche Schikanen das Leben erschwert.

(Mist, ich muss los, habe noch eine Nachtwache ...)

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