Donnerstag, 3. Oktober 2013

TV-Tipp:

"Down by Law", 20 Uhr 15, ZDFkultur

Gedanken nicht zum sondern am Tag der Deutschen Einheit


Eine makabere Vorstellung, dass die Eltern unter der Erde in ihren Särgen liegen und langsam verwesen. Ich werde in mein Testament schreiben, dass ich verbrannt werden will. Es sollte eigentlich egal sein. Tot ist tot. Viele können sich gar nicht wünschen, was mit ihnen nach ihrem Tod passiert. Das heißt, wünschen können sie es sich schon, aber dann werden sie z.B. in Massengräbern irgendwo verscharrt. Ich denke an die vielen Soldaten, die auf Schlachtfeldern fielen. Oder an die Menschen, die ethnischen Säuberungen zum Opfer fielen. Oder an jene, die in Konzentrationslagern umkamen. Auch gibt es sehr viele Menschen, die sich nur ein Armenbegräbnis leisten können – sie haben keine Wahl.
Mir als Atheisten sollte es egal sein. Trotzdem ist es ein komisches Gefühl, sich vorzustellen, dass da plötzlich nur noch die körperliche Hülle von einem liegt. Schließlich war man mit der ein Leben lang verbunden. Sie ist was anderes als ein Auto, in das man einfach einsteigt und wieder aussteigt. Obwohl selbst solche Dinge wie ein Auto nach jahrelangem Gebrauch beinahe physisch mit uns verwachsen. Wir empfinden dann sogar etwas wie Trauer, wenn wir es verschrotten lassen. Das gilt für viele Dinge des täglichen Gebrauchs.
Im Falle unseres Todes geht es um unseren Körper – das "Ding", ohne welches wir nicht leben können, mit dem wir originär von Geburt an verwachsen sind. Ganz normal finde ich es darum, dass man sich um diese Hülle auch nach dem Ableben sorgt. Dummerweise ist man dann aber tot. Der Körper überlebt einen – so paradox das klingt. Also, falls der Tod nicht zu gewaltsam war. Der Körper kann als Echo von uns verstanden werden, das noch ein wenig nachhallt. So lassen sich vielleicht auch die Riten mancher Kulturen verstehen, wo man den Körper der Verstorbenen konserviert, oder zumindest eine Totenwache abhält.
Im Zuge meiner Arbeit als Altenpfleger sah ich einige Menschen sterben. Und ich musste die Toten anfassen und neu betten. Ich kann schwer erklären, was ich dabei empfand. Jedenfalls waren sie für mich mehr als leblose Hüllen. Vielleicht auch deswegen, weil ich die Menschen zu Lebzeiten kannte.
...
Dass meine Eltern auf dem Friedhof langsam in ihren Särgen verwesen …, könnte zur Horrorvorstellung werden. Kein Mensch will sich so etwas ausmalen. Dabei gibt es nichts Natürlicheres. Es ist der Lauf der Dinge. Erde zu Erde, Staub zu Staub. Das würde auch passieren, wenn wir Menschen uns gar nicht darum kümmerten. Wir sind Natur wie alles. Nicht mehr und nicht weniger. Im Tod verlieren sich alle unsere Hirngespinste. Nichts als ein Echo bleibt. Wer weiß, was es damit auf sich hat.

Sinnfrei - zum Weiterspinnen


Ich liebte dich in Jülich
habe dich verloren auf den Azoren
reiste um die Welt im Zelt
suchte nach dir in Agadir
saß fest in Brest
verschluckte mich an einer Aspirin in Wien
nahm den nächsten Flieger zum Niger
fand deinen Schal im Senegal
landete schließlich wieder in Jülich
folgte deiner Spur bis Eschnapur
saß im Sand bei Samarkand
krepierte fast in Belfast
wurde wieder gesund in Dortmund
musste lügen auf Rügen
sehnte mich nach glücklicheren Tagen in Kopenhagen
sah dich kurz von hinten in Minden
...

ein literarisches Tagebuch

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