Als Gebüsche noch Gebüsche waren

Samstag, 14. Juli 2018

Detlef


Hat der Anteil der Arschlöcher auf der Welt zugenommen? Nein, kann eigentlich nicht sein in solch kurzer Zeit. Die Wahrnehmung liegt wahrscheinlich daran, dass es auf der Welt immer enger zugeht und einem so die Arschlöcher dichter auf den Pelz rücken. Sowieso sind Arschlöcher meist am lautesten. „Hey Mann, Platz mache, Arschloch kommt!“ Ich lernte in meinem Leben nur wenige liebenswerte Arschlöcher kennen. Eines davon entstammt Walter Moers passend betitelten Comic „Das kleine Arschloch“. Auch real begegneten mir vereinzelt Arschlöcher, die die Quadratur des Kreises schafften und sympathisch rüberkamen. Ich nenne sie die „harmlosen Arschlöcher“*. Eines davon war Detlef. Er fiel mir sogleich auf, als ich meine Stammkneipe betrat. Er hob sich augenscheinlich von den anderen Gästen ab mit seinen Einsneunzig, den dunklen Haaren, der Strähne die ihm ins markante Gesicht fiel. Auf seiner hohen furchigen Stirn prangte eine Narbe, die unterstrich, dass er schon einiges durchlebt hatte. Ich fand, dass er etwas Ähnlichkeit mit Falco hatte, nur sah er viel interessanter aus als dieser österreichische Pop-Fuzzi. Keine Frage, er war ein Frauentyp und hatte trotz seines lasziven Auftretens nie Probleme, eine Dame für die Nacht aufzureißen. Normalerweise mag ich solche Typen nicht, weil sie widerwärtige Arschlöcher sind: arrogant, selbstgefällig und schleimig. Detlef war da ganz anders. Ihn umgab eine gewisse Aura – schwer zu erklären. Er nahm sich nicht ernst. Wir tranken an der Bar, spielten Billard und machten Blödsinn. Ab einem bestimmten Alkoholpegel, konnte er nicht mehr an sich halten und brüllte in den Raum: „Ihr kleinen Arschlöcher!“ Ich wartete schon immer auf diesen Moment. Auf Fremde wirkte er einschüchternd, aber wer ihn kannte, wusste, dass man ein großes Kind vor sich hatte, welches einem niemals an den Kragen gehen würde. Ich mochte ihn und konnte ihm nicht wirklich böse sein, auch wenn sein Verhalten mich dann und wann in Verlegenheit brachte. So rauchte er im vollbesetzten Kino, und es blieb freilich nicht aus, dass er verbal ausfällig wurde. Ich konnte ihn immerhin dazu überreden, das Rauchen zu unterlassen. Meine Freundin und ich hatten ihn mit in den Film „Hanussen“ geschleppt. Keine Ahnung, wie es dazu kam. Wir überlebten es.
Ob Detlef noch lebt? Sein Lebenswandel war selbstzerstörerisch. Nicht immer kam er ohne Blessuren davon. Eines Tages traf ich ihn ziemlich ramponiert in Heidelberg. Er war in einer Disco zusammengeschlagen worden, wegen einer Frau… Mit Frauen flirten kann mitunter gefährlich sein. Wir leben in einer Welt voller Arschlöcher. Detlef wusste es. Niemals würde ich über die Theke einer Kneipe hinweg brüllen: „Ihr seid alle kleine Arschlöcher!“ Nicht mal besoffen. Eher würde ich in die Ecke kotzen. Ich bewunderte diesen besonderen Kerl, diesen enthemmten, kindlichen Hünen mit dem Herz auf dem rechten Fleck.



* harmlose oder liebenswerte Arschlöcher sind äußerst selten - gewissermaßen ein Antidot zu den echten ätzenden Arschlöchern

Samstag, 7. Juli 2018

Die Wanne ist leer


Was mache ich nur mit diesem angefangenen Bild? grübele ich, schaue immer wieder zur Staffelei… und bin unzufrieden. Motiv ist ein Embryo im Zentrum eines schneckenförmigen Gebildes mit nach außen gerichteten Stacheln, die sich aber (zumindest gedacht) an ihren Enden zu Spiralen winden. Mich faszinieren fraktale Strukturen. Schon als Kind schaute ich gern auf den Strudel, wenn das Wasser aus der Badewanne im Abfluss verschwand. Viel zu schnell war die Wanne leer. Das gebastelte Papierschiffchen saß auf dem Trockenen. Der samstägliche Badespaß. Danach durfte ich Raumschiff Enterprise gucken und mit Captain Kirk und seiner Crew Abenteuer in den unendlichen Weiten erleben. Am liebsten fläzte ich mich mit ein paar erbettelten Süßigkeiten auf den Wohnzimmerteppich. Ich mochte den Teppich mit seinen orientalischen Mustern. Auf ihm spielte ich gern mit meinen Matchboxautos. Ich war zehn Jahre alt, liebte meine Mama, Spielzeugautos, TV und Comics. Nicht zu vergessen Lego, Cowboys, Indianer und Soldaten…

Inzwischen änderten sich einige Dinge in meinem Leben. Ich befinde mich selbst in einer Art Strudel und bewege mich unaufhörlich auf den Abfluss zu. Alles wird in die Tiefe gerissen. Wie bei einem Schwarzen Loch. Gegen Ende geht es immer schneller. Ganz schwindlig kann einem werden. Und danach Stöpsel drauf.
Ich blicke zurück in die Vergangenheit, die immer blasser und komischer vorm geistigen Auge erscheint. Was ist das für eine Kreatur, frage ich mich, die hier mit Mitte Fünfzig auf ihr Dasein in der Welt schaut? Warum durfte ich nicht einfach vorm TV liegen bleiben und unendlich lange Raumschiff Enterprise gucken, dabei Schokolade essen und mein Lieblingsspielzeugauto auf dem Teppich spazieren fahren? Warum stattdessen jeden Tag zig Tumorfälle in ein Dokumentationssystem kloppen*? Oder auf ein Bild auf einer Staffelei starren, welches mit tausend Fragezeichen versehen ist? Oder über die letzte Liebe ärgern?

Unwillkürlich entfährt mir ein glucksendes Lachen. Schreibt mir doch diese Person letzte Woche per SMS, dass sie bewundere, woher ich so viel Energie zum Jammern nähme. Außerdem wolle sie nicht, dass ich schlecht über sie schreibe. Mache ich das? Und jammere ich wirklich so viel? Scheiße. Irgendwann im Leben kamen mir meine Eier abhanden, falls ich je welche hatte. Captain Kirk hatte jedenfalls welche. Das steht außer Frage. Ich wollte damals wie die Helden in den Fernsehserien und Comics werden. War wohl nichts. Stattdessen sitze ich hier und jammere über die Welt, das Leben und eine verlorene Liebe.
Was wollte diese Frau eigentlich von mir?



* oder als Altenpfleger Arschwischmaschine sein

Donnerstag, 8. März 2018

Das Band der Liebe


Wie unfassbar stark kann das Band der Liebe sein… Ich denke an meine verstorbenen Eltern. Fünf Jahre gingen seit ihrem Tod ins Land. Wie sehr muss er sie geliebt haben… Augenblicklich steigen mir die Tränen in die Augen. Ich sehe ihn in seiner letzten Lebensphase vor mir, als die Demenz ihn noch nicht völlig von seiner Umwelt getrennt hatte. Ich erinnere mich an die Zeiten, als er nächtelang am Bett seiner nervenkranken Frau ausharrte… Er hätte ohne sie nicht leben können. Sie vielleicht schon ohne ihn. Aber sie war zu krank, - viel zu lange krank. Ich hätte meiner Mutter damals gewünscht, noch mal ganz neu durchzustarten. Sie war eine intelligente Frau mit vielen Interessen. Sie war ungeheuer feinfühlig. Sie war ehrgeizig. Sie war in meinen Augen eine Blume, die sich in der Verbindung mit meinem Vater nie richtig entfalten und ausleben konnte. Ich weiß nicht, wie viel fehlte, um meine Mutter auf eine andere Bahn zu bringen. Immer wieder siegte die Krankheit. Eigentlich lebten meine Eltern zu dritt. Die Krankheit wich bis zum Schluss nicht von ihrer Seite. Sie war die unsichtbare bestimmende Kraft hinter allem.
Ich flüchtete derweil in ein anderes Leben. Ich entwickelte meine ganz eigene Krankheit. Ist es nicht so, dass wir oft nur von einem Teufel zu einem anderen wechseln? Niemand kann einem bei dem Kampf gegen diese Teufel helfen. Als Bild fällt mir ein von Efeu umschlungener Baum ein. Der Efeu nimmt nach und nach Besitz von den Lebenskräften des Baumes… Trotzdem sehe ich in diesem Bild auch noch die Kräfte der Liebe wirken. Meine Eltern sind der Beweis. Ich sehe sie am anderen Ufer stehen, wo sie den ganzen Mist von sich abschütteln konnten, und mir gütig zuwinken…

Samstag, 7. Oktober 2017

Sonntagskind


Ich könnte mit dem Heute zufrieden sein. Materiell gesehen bin ich satt. Nach allem, was in meinem Leben passierte, darf ich mich glücklich schätzen, dass ich heute (für meine Verhältnisse) gut dastehe. Ein Wunder, dass ich noch hier bin, ehrgeizlos wie ich bin – Tunichtgut, Tagträumer, faule Ratte, hoffnungsloser Trinker und Weltabgekehrter.
Womit habe ich eine liebende hübsche Frau verdient? Wie kam ich zu der Wohnung in der Mitte Berlins? Wie zu dem Job, der mir wieder ein sicheres Einkommen sichert? Warum bin ich nach den vielen Alkoholexzessen nicht schon längst am Arsch?
Ich bin ein echtes Sonntagskind. Am dritten Advent 1962 in die Welt berufen. Eigentlich hatte ich gar keinen Bock, aber der Arzt gab meiner Mutter Spritzen, damit die Wehen einsetzten. Er wollte rechtzeitig in seinen Winterurlaub starten (erzählte mir meine Mutter). Die Folge war, dass die Milch, die meine Mutter im Überfluss hatte, abgepumpt und weggeschüttet werden musste. Wegen der Spritzen war sie schlecht. So wurde ich zum Flaschenkind - und bin es heute noch.
Nein, meinen Alkoholismus will ich damit nicht entschuldigen. Blödsinn. Für alles, was ich in meinem Leben verbrockte, trage ich allein die Verantwortung. Die Umstände des Lebens kann man sich gerade als Kind nicht aussuchen. Sicher lief viel falsch. Wie in anderen Familien auch. Familiengeschichten sind eine Sache für sich…
Irgendwann hat man es geschafft und sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen. Und von diesem Zeitpunkt an sagt man sich, dass man damit leben muss, was passierte, und für sein Leben selbstverantwortlich ist. Das leuchtet doch ein, oder?
Wenn ich unzufrieden bin, liegt es allein an mir. Und ich habe verdammt noch mal keinen Grund, unzufrieden zu sein. Wozu hechte ich einer imaginären Freiheit hinterher, die ich nie erreichen kann?
Woher kommt der verfluchte Drang, von allem davonlaufen zu müssen? Ist die Welt so schlecht?

Donnerstag, 16. Februar 2017

Ritchie


Wie alles anfing. Das Wasser floss noch schneller, und Gebüsche waren noch Gebüsche. Ritchie fuhr einen Fiat 500 mit Faltdach. Er war der erste von uns mit einem Auto. Wir waren Schüler des Ottheinrich-Gymnasiums. Die Schule lag in einem weitläufigen Komplex mit anderen Schulen und den Sportstätten am Stadtrand. Sie hatte nichts Besonderes, außer dass sie unsere Schule war. Tausend Pennäler wurden von mehr oder weniger dazu begabten Paukern unterrichtet. Jahr für Jahr wurden wir durch diese Wissensmühle gezogen, und plötzlich standen wir kurz vorm Ende. Zehn Jahre lang (inklusive Ehrenrunde) war diese Schule für mich zu einer meist ungeliebten Pflichtübung geworden. Andererseits entwickelten sich dort Freundschaften, die erste Liebe… Als mittelmäßiger Schüler am unteren Rand schlug ich mich so leidlich durch. Dementsprechend gehörten meine Kumpels nicht zu den Klassenbesten, sondern eher zu den Außenseitern. Was wir gemeinsam hatten: wir schissen auf die Schule (und überhaupt alles). Aber wir waren zu gut erzogen, um nicht eine Restdisziplin aufzubringen. Instinktiv wussten wir, dass ein Abbruch nur noch mehr Probleme brächte. Wir waren abhängig von den Eltern. Wir wussten nicht viel vom Erwachsensein und Geldverdienen. Was uns die Eltern vorlebten, erschien jedenfalls nicht sehr begehrenswert.
Ritchie war ein pummeliger, kleiner Typ, dem sehr früh die Haare ausgingen. Ich mochte sein Lachen, und er hatte schöne Augen. Und: er war kein Schwätzer. Schwätzer und Angeber waren mir schon immer ein Gräuel. Ritchie mochte Levis Jeans, Led Zeppelin und Fußball.
Endlich konnten wir unsere Entschuldigungen selbst schreiben! Den Sportunterricht am Nachmittag ließen wir gern ausfallen und unternahmen stattdessen eine Sause nach Heidelberg. Alles was weiter als fünf Kilometer von unserem Zuhause entfernt lag, bedeutete damals noch Abenteuer. Auf der Fahrt öffneten wir das Faltdach des Fiat 500 und sangen lauthals Beatles Songs nach oder französische Chansons, die wir bei unserem Französischlehrer gelernt hatten, einer der wenigen guten Pauker, ein Kettenraucher. Seine Stimme klang danach, und er lief ziemlich schlampig durch die Gegend. Aber wir hingen an ihm. Bei ihm fühlten wir uns verstanden.
In der Oberstufe hatten wir jede Menge Freistunden zwischen den Kursen (oder wegen Krankheit einer Lehrkraft). Ritchie fuhr oft für den Hausmeister mit der markanten Säufernase zum Supermarkt und besorgte dessen Lieblingswein für einen Obolus von zwei Mark. Das reichte für ein Sixpack Bier, das wir schnell noch vorm nächsten Unterricht vernichteten. Die Zeit bis zur nächsten Schulstunde musste dabei genau kalkuliert werden. In jedem Fall waren wir danach lustig drauf. So fing es damals an. Der Beginn meiner Alkoholkarriere.

Sonntag, 27. November 2016

Aller Anfang ist schwer


Mit smarten Siebzehn trug ich eine Zeitlang die Tageszeitung aus. Der Bezirk, den ich übernahm, bestand hauptsächlich aus einer großen Psychiatrie, parkähnlich auf der Anhöhe über der Stadt angelegt. Das Gelände hatte die Größe von einem Dorf. Zum Einlernen fuhr ich hinten auf dem Moped meines Vorgängers mit, als er seine letzten Touren machte. Für ihn war es längst Routine, aber ich sollte mir alles genau einprägen, während wir von Backsteinhaus zu Backsteinhaus knatterten, vor deren Türen oft schon jemand auf die Zeitung wartete. Mein Vorgänger verriet mir einige Abkürzungen und gab mir Tipps – ich nickte nur und duckte mich hinter ihm auf dem Moped. Es war bereits November und frühmorgens frostig kalt und dunkel.
Schließlich hatte ich meine erste Woche, wo ich selbstständig losfuhr. Ich machte den Job, bevor die Schule Zehn vor Acht begann. Eine knappe Stunde musste ich dafür planen. Wie verändert das Gelände plötzlich aussah! Und die Häuser schienen alle gleich auszusehen. Diese Psychiatrie war ein verdammter Irrgarten! Fast die Hälfte der Zeitungen konnte ich nicht zustellen. Es war eine Katastrophe für mich. Natürlich erhielt ich einen Rüffel von meinem Chef, bei dem die Beschwerden der Zeitungskunden eingingen.
Beschämt erzählte ich meiner Mutter davon, und sie schlug vor, dass wir am Wochenende zusammen die Tour zu Fuß abgehen sollten. Wir zeichneten außerdem einen Plan. Ich glaube, wir verwendeten den halben Sonntag dafür, durch die Psychiatrie zu spazieren. Langsam kam für mich Licht ins Dunkel. Akribisch gingen wir jedes Haus ab, wo ich eine Zeitung (oder mehrere) zu liefern hatte.
Die zweite Woche lief danach wesentlich besser! Ich hatte eine Orientierung und verfranzte mich seltener.
Der Winter wurde kalt und glatt. Meine Mutter machte sich Sorgen, wenn ich frühmorgens auf meinem Moped losschnurrte. Aber alles ging gut. Schon bald hatte ich dieselbe Routine wie mein Vorgänger. Ich war stolz auf meinen ersten Job und das erste selbstverdiente Geld.


Meine Klassenkameradin sagt zu mir: „Das wird schon. Ich dachte anfangs auch „ob ich da jemals durchblicke?“ – aber vieles wiederholt sich mit der Zeit. Ich finde, du wurdest beim Dokumentieren schon schneller.“ Sie sitzt im Unterricht neben mir und kann mit einem Auge mitverfolgen, was ich ins GTDS* eingebe.
Ich bin ihr dankbar für die aufmunternden Worte. Nach zwei Wochen spüre ich erste Fortschritte. Unendlich viele Fragezeichen bleiben aber. Jede Tumorentität hat ihre Spezialitäten. Auch die Anamnesen zu den Fällen können außerordentlich kompliziert und darum schwer abzubilden sein.
Ich werde noch viel Geduld und Anstrengung investieren müssen, bis ich in der Tumordokumentation eine Art Routine bekomme.
Mit der Geschichte von meinem ersten Job als Zeitungsausträger mache ich mir selbst Mut. Ich stehe nicht das erste Mal in meinem Leben am Anfang einer Sache, die mir völlig unmöglich erscheint.


*Gießener Dokumentationssystem

Sonntag, 15. März 2015

Unvergessliche Lehrer (1)


Frau M. machte ihrem Namen alle Ehre. Sie moserte viel herum mit uns Kindern in der Sexta. Ihre Strenge war legendär. Erst im Gymnasium lernte ich Lehrer wie sie kennen, die mir die Schule nachhaltig verleideten. An die Lehrer in der Grundschule habe ich im Großen und Ganzen keine negativen Erinnerungen. Frau M. machte uns Kindern überdeutlich, dass Schule und Spaß nicht zusammengehörten. Ihre Pädagogik bestand in der Hauptsache aus dem Notenbuch und Demütigungen. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie einmal von Herzen lachte oder uns Kinder ermunterte. Ich war von ihr eingeschüchtert. Die Schule machte mir immer mehr Bauchschmerzen. Und als die Noten schlechter wurden, ging es im Prinzip nur noch ums Überleben - also um das Erreichen des Klassenziels. Nur bei wenigen Lehrern war ich im Unterricht wirklich entspannt. Warum zum Teufel hat Frau M. uns zarten Kinderseelen derart zugesetzt? Ich wurde immer in mich gekehrter und gehörte schon bald zu den Außenseitern in der Klasse.
Sowieso war ich ein schüchternes Kind und brauchte Lehrer, die ein wenig auf mich eingingen. Demgemäß fielen oder stiegen meine Leistungen im selben Fach je nach Lehrer. Frau M. werde ich nie vergessen – leider im negativen Sinne. Einige Jahrgangsstufen lang hatte ich Ruhe vor ihr. Aber in der Oberstufe erwischte ich sie wieder. Inzwischen hatte diese alte Jungfer geheiratet, ausgerechnet Herrn A., den ich als Religionslehrer kannte. Herr A. ist auch so ein Thema meiner Schulzeit. Er war der einzige, der mir in Religion ein Mangelhaft im Zeugnis verpasste. Normalerweise war die denkbar schlechteste Note in diesem Fach ein Befriedigend. Mit der "Fünf" konnte ich vor meinen Mitschülern prahlen! Eigentlich war Herr A. recht lustig. Er kam zur Tür herein und setzte sich mit Schwung aufs Pult. Da saß er dann im Schneidersitz ähnlich wie ein Buddha und zitierte am Liebsten den Luther-Spruch „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz“. Herr A.s Namen besaß auch eine Affinität, nämlich zu dem Zwerg Alberich – aber das nur nebenbei. Er war bestimmt einen Kopf kleiner als Frau M. und kokettierte gern mit seinem kugeligen Bauch. Er gefiel sich selbst am besten. Warum auch immer. Mit Frau M. fand er sein Liebesglück. Ich mag mir die Details nicht vorstellen.
In der Oberstufe hatte ich also Frau M. wieder. In Gemeinschaftskunde. (Sie hieß inzwischen A.-M..) Mein bester Kumpel und ich saßen in der ersten Reihe, und wir machten über ihren Riesenarsch Witze, wenn sie sich zur Tafel drehte. Wir waren eben blöde Teenager. Die Große Pause und jede Freistunde nutzten wir, um zum Auto meines Kumpels zu gehen und Alkoholisches in uns hineinzuschütten. Die Schule und ihre Lehrer hatten uns bestens auf das Leben vorbereitet...

Samstag, 28. Februar 2015

"Faszinierend"


Leonard Nimoy ist tot*. Wir kennen ihn wahrscheinlich alle aus der Science Fiction Serie „Raumschiff Enterprise“. Er verkörperte den Charakter Spock, einen Halbvulkanier, der durch seinen scharfen Verstand und seine scharf geschnittenen Ohren auffiel. Ohne Spock hätte, glaube ich, die Serie nie Kultstatus gewonnen. Ich erinnere mich gern an seinen Ausspruch „Faszinierend“ und seinen trockenen Humor. Leonard Nimoy schlüpfte perfekt in die Rolle "des Logikmonsters mit menschlichen Zügen". Unvergesslich sein stoischer Gesichtsausdruck, das Hochziehen der Augenbraue, die abgespreizten Finger des Vulkanier-Grußes, oder wie er mit einem speziellen Griff in den Nacken seine Gegner schachmatt setzte. Spock repräsentierte als Mischwesen außerirdischer sowie irdischer Herkunft eine höchst ambivalente Figur - die Tiefe und gesellschaftliche Brisanz besaß. Man muss sich vorstellen, dass Raumschiff Enterprise in den USA in einer Zeit produziert wurde, als Martin Luther King ermordet wurde... (na ja, wenigstens war Spock nur halb ausserirdisch und kein Schwarzer)
Das alles interessierte uns Kinder natürlich wenig, wenn wir am späten Samstagnachmittag vor den TV-Bildschirmen hingen. Wir waren frisch gebadet und warteten auf den legendären Vorspann:
“Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung 5 Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“
Ich machte es mir auf dem Wohnzimmerteppich bequem und bettelte meine Mutter um Süßigkeiten an. Wir schrieben damals das Jahr 1972, und Fernsehen war noch etwas besonderes. Es gab weder Computer noch Handys. Gut vierzig Jahre gingen seitdem ins Land. Ich kriege rückblickend nicht mehr alles zusammen, was mit mir passierte, wie rasant sich die Welt veränderte. Doch die Reise durch die Jahre geht dem ungeachtet weiter. Irgendwann werden wir alle Vergangenheit sein – für zukünftige Generationen. Und so weiter und so fort. Wir Menschen strecken uns in unserem kurzen Leben nach vielen Dingen: nach Reichtum, Macht, Geld, Erfolg … nach den Sternen und nach Erkenntnis. Wo wollen wir hin? Wofür opfern wir unser Leben? Ist nicht die Liebe das einzig entscheidende? Mr. Spock?


*Leonard Nimoy gehörte derselben Generation wie meine vor zwei Jahren verstorbenen Eltern an. Merkwürdig ... Bei Gelegenheit muss ich mir mal Gedanken darüber machen, warum ich es merkwürdig finde.

Samstag, 16. August 2014

Bald ist wieder Winzerfest


„Bald ist wieder Winzerfest“, sagten wir jedes Jahr Ende August. Wir waren eine Clique von jungen Männern und hatten nur Saufen, Feiern und Frauen im Kopf. Unser Schulabschluss lag noch nicht lange zurück. Ein paar waren bei der Bundeswehr, studierten oder gammelten herum. Ich machte eine Berufsausbildung. An den Wochenenden trafen wir uns in der Bier-Börse, spielten Skat und stellten Blödsinn an. Wenn Winzerfest war, spitzte es sich zu. Im Nachhinein weiß ich nicht mehr, was wir an dem Rummel so aufregend fanden. Es lief immer gleich ab: Umso später der Abend, desto betrunkener waren wir ...
Das Festzelt wich irgendwann der „Eishalle“. Damit ging etwas Flair verloren – andererseits bescherte uns die Eishalle mit den Stufen vor ihren Eingängen eine Art Tribüne, auf der wir uns ausbreiteten und unseren mitgebrachten Wein tranken. Meine Kumpels gingen öfter auf die Runde durch den Rummel, während ich am liebsten auf den Stufen sitzen blieb und die vorbeiziehenden Leute beobachtete. Irgendwann würden alle wieder vorbeikommen. Mich reizte das Abtauchen in das Menschengetümmel nie. Später am Abend wurde es freilich gefährlich auf den Stufen, weil Gläser und Flaschen durch die Gegend flogen.
"Bald ist wieder Winzerfest". Damit war auch klar, dass der Sommer sich seinem Ende zuneigte. Wir verbrachten die letzten Tage im Schwimmbad oder am Baggersee. Ich erinnere mich daran, als hätte es in einem anderen Zeitalter stattgefunden, als noch die Dinosaurier auf der Erde herrschten.
Aber das Winzerfest findet immer noch statt. Es sieht aus wie damals: der Messplatz und die Eishalle. Als im letzten Jahr meine Eltern starben, ging ich nach den Beerdigungen in meiner Heimatstadt spazieren. Alles kam zurück wie auf einer Zeitreise – andererseits fühlte ich mich deplatziert. Ich blieb nicht lange. Ohne viel Wehmut konnte ich das Kapitel abschließen. Die Geister der Vergangenheit grinsten mir nach.
Wen interessiert es auch, wo ich aufwuchs und meine Schulzeit verbrachte …, wo ich meine erste Liebe kennenlernte und mit meinen Kumpels Besäufnisse abhielt?

Ich sitze auf den Stufen vor der Eishalle und warte darauf, dass sie alle wieder vorbeikommen ...

Samstag, 12. Juli 2014

Im Gedenken


Meine Mutter ertrug die ganzen Grausamkeiten nicht mehr, die auf der Welt passieren. Sie konnte keine Filme mehr schauen, in denen es grausam oder gewalttätig zuging, und auch die schlimmen Nachrichten nicht mehr hören. Sie liebte ihren Garten, in dem sie sich an dem Wachstum und Gedeihen der Pflanzen erfreute. Sie wollte nicht mehr hin sehen auf Gewalt und Krieg und Elend. Die Ängste waren zu groß und marterten sie dann vor allem nachts. Ihre Seele war ein zartes Pflänzchen, das an der Rohheit des Lebens langsam zugrunde ging. So verstehe ich es zumindest heute. Meine Mutter starb im letzten Jahr, ohne das Frühjahr mit seinem unbedingten Lebenstrieb noch einmal in seiner Gänze zu erfahren. Sie starb, weil sie keine Kraft mehr hatte, weil sie es sinnlos fand, noch eine Runde zu drehen (nachdem ihr Mann schon gegangen war).
Es ist wohl ein Naturgesetz, dass die schwachen Pflanzen eingehen. Ich frage mich, wer diese scheiß Naturgesetze machte – was übrigens auch ein Grund ist, warum ich nicht an Gott glauben will. Ganz anders als meine Mutter, die still bis zuletzt an ihrem Glauben festhielt.
Ich weiß, dass ich ihr auch ganz schön Sorgen machte. Wie gesagt, ich kann nicht wegschauen. Darum stelle ich oft unsensible Fragen. Darum trinke ich mehr, als mir gut tut. Und darum fühle ich mich oft einsam und unglücklich ... Frühling, Sommer, Herbst und Winter – keine Jahreszeit existiert für sich. Wir drehen uns alle im Rad des Lebens. Ich liebe dich, Mutter, und gedenke deiner. Ich bin dein Sohn. Mama, hier bin ich, und wandle weiter über den Erdboden, ohne recht zu wissen wohin.




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