„Es ist immer dasselbe“, sagt sie zu mir und lächelt müde. Ich flüchte auf die Station im oberen Stockwerk. Die Stationsleitung erscheint eine Stunde vor ihrem regulären Dienstanfang. Wenn sie zur Übergabe kommt, hat sie bereits alles mögliche vorbereitet, die Tropfen gerichtet und wenigstens einen Bewohner geduscht. Obwohl ich sie schon sehr lange kenne, regt mich ihre übermäßige Dienstbeflissenheit immer wieder auf, vor allem wenn sie dann auch noch schlecht gelaunt ist. Morgens nach einer durchwachten Nacht, wenn ich in Ruhe meine Eintragungen machen will, vertrage ich das nicht. Es macht ihr außerdem Freude, mir Fragen zu stellen, die ich gar nicht beantworten kann; oder sie schimpft über irgendwelche Unordentlichkeiten vor sich hin, weil eine Kaffeetasse am falschen Platz steht, oder weil … die Butter nicht draußen liegt. Sie findet immer etwas. Ganz schlimm wird es, wenn ich ihr sage, dass sich ein Kollege krank meldete. Dann weicht die letzte Farbe aus ihrem Gesicht. „Soll ich deinen Blutdruck messen?“ frage ich mitfühlend. Schon lange leidet sie unter Bluthochdruck und nimmt dagegen allerlei Pillen ein. Auf ihrer Nase und Stirn bilden sich Schweißperlen. Sie tut mir wirklich leid. Andererseits könnte ich sie auf den Mond schießen.
Wie gesagt, ich flüchte dann lieber auf die andere Station und komme erst zur Übergabe wieder runter. Inzwischen hat sich das Dienstzimmer gefüllt, und ich versuche zu Wort zu kommen. Wenn die Pflegedienstleitung dabei ist, ist es ziemlich aussichtslos. Ich schaue dann hilflos in die Runde und hoffe, dass eine der beiden Stationsleitungen sich meiner erbarmt und endlich die Übergabe entgegen nimmt. Die PDL (also die Pflegedienstleitung) hat das Wort. Sie gibt zu allem ihren Senf dazu. Ich schaue auf die Uhr. Endlich sehe ich eine Lücke und lege los. Ich rassele die wichtigen Sachen herunter und hoffe, dass ich nicht unterbrochen werde. Manchmal, wenn die PDL gutgelaunt ist, erinnert sie sich und die anderen daran, dass ich doch morgens auf den Bus müsse, und man sich deswegen mit dem Zwischenreden etwas zurückhalten solle. Sie selbst hält sich freilich nicht daran.
Endlich geschafft! Ich rufe ihnen „Tschüss“ zu und eile Richtung Umkleiden.
Dann die Treppen hinunter, vorbei an der Dönerbude. Leicht echauffiert erreiche ich die Bushaltestelle. Ein azurblauer Streifen am Horizont kündigt die Morgenröte an. Die Ereignisse der Nacht wirbeln noch durch meinen Kopf. Ich atme ein paarmal tief durch und schaue mich um.
Bevor ich die letzten Treppen hoch zum Altenheim steige, sitze ich in der Dönerbude und schlage bei einem Imbiss die verbleibende Zeit tot. Der Bus kommt eine Stunde vor Dienstbeginn an, und der nächste wäre etwas zu spät. Das türkische Geschäft läuft gut. Die meisten Kunden sind Selbstabholer. Es ist immer was los. Ich sitze meist mit dem Rücken zum Eingang und schaue auf den Fernseher an der Wand. Es laufen türkische Sender. Drei oder vier junge bis mittelalte Türken schmeißen den Laden. Zwei davon sind offensichtlich Brüder, und der mit dem Schnauzbart ist der Boss. Ich weiß gar nicht, warum ich das glaube. Es ist einfach so. Sie arbeiten flink, Hand in Hand. Es flutscht. Ständig klingelt das Telefon, und neue Bestellungen kommen rein.
Derweil ich auf mein Essen warte, überlege ich mir, was das für ein Leben ist: Tag für Tag hier diese Routine in der Dönerbude ab zu spulen. Sie haben täglich von 11 bis 23 Uhr geöffnet. Nur über Silvester hatten sie geschlossen. Ich notiere: „Immer dasselbe: wohltuende Routine oder Horror?“ Und was ist eigentlich mit meiner Arbeit? Sie ist auch mehr oder weniger immer dasselbe, nur habe ich zwischen den Nachtdienstblöcken eine Menge freier Tage. Schließlich kommt das Essen: ein höllisch scharfes Nudelgericht, Nummer 81. Ich liebe die Abwechslung. Mal esse ich Pommes, mal einen Salat, Nudeln oder Pizza. Ich esse immer schön langsam, damit ich nicht zu früh fertig bin. Also spieße ich jede Nudel einzeln auf die Gabel. Um mich abzulenken, lese ich. In der letzten Zeit war das „Herr Lehmann“. Ab und zu schaue ich auch hoch auf den TV und lese die türkischen Bildunterschriften. Oder ich schaue den türkischen Nachrichtensprecher an. Manchmal ist auch die ein oder andere hübsche Türkin zu sehen. Die Bedienungen sprechen untereinander türkisch. Ich verstehe natürlich nur Bahnhof. Wenn da nicht die deutschen Kunden wären, würde ich meinen, ich wäre in der Türkei. Irgendwann zwischen der zwanzigsten und dreißigsten Nudel überlege ich mir, wie ich wohl eine deutsche Wurstbude in der Türkei führen würde. Ich wäre der Boss und würde mir einen Schnauzbart wachsen lassen. Ich würde den Laden zusammen mit meinem Bruder und zwei Cousins schmeißen. Und an der Wand hinge ein Fernseher, auf dem deutsche Bundestagsdebatten den ganzen Tag rauf und runter liefen …
Mein Gott, denke ich nach der vierzigsten Nudel, das darf nicht sein. Nein, Sarrazin darf nicht recht haben!
Jedenfalls brummt die Dönerbude, und der Kundschaft ist es scheiß egal, wie integriert die Besitzer sind. Das Essen ist gut, billig und wird schnell zubereitet. Ich schaue auf die Uhr. Der Dienstanfang rückt näher. Mist. Alles kommt, wie es kommen muss. Man wird von einer unsichtbaren Kraft geführt. Immer dasselbe. Wie in einem Uhrwerk. Ich packe meine Lektüre ein und gehe zur Kasse. Ich lächele. Die Bedienung lächelt. Ich gebe dasselbe Trinkgeld wie immer.
„Tschüss!“
Die Treppen hoch. Es sind einige hundert Stufen. Vielleicht sind es auch Millionen. Ich schaue nach oben in den Nachthimmel. Herrlich, die Sterne – eine ganz andere Welt. Das Altenheim erscheint in meinem Blickfeld. Im Büro des Chefs brennt noch Licht. Der kennt auch keinen Feierabend, denke ich ärgerlich. Seine Sache …
Die Schiebetür am Eingangsportal öffnet sich, und ich bin drin.
Ach, ist das schön! Die Sonne scheint, Joachim Gauck wird der nächste Bundespräsident, und ich träume von … einer Reise.
Die Welt ist schön. Die Welt ist verrückt. Die Welt ist grausam. Die Welt ist ein Mysterium. Wie alles kommt, wie es sich fügt, wie der Himmel auf einmal aufreißt, und die Bienen summen …
Alles ist ungeheuer fragil: wie es sich zum Guten wendet, kann es auch – plötzlich - in die Binsen gehen.
„Dem Mutigen gehört die Welt!“ Da ist was dran. Nur wer sich selbst wieder aufrafft, ist für das Wunder des Lebens empfänglich.
Der Frühling gibt heute ein Gastspiel – als hätte eine obere Instanz meine Gebete erhört.
Wer weiß, wohin das Herz springt. Das Herz ist ein scheues Reh. Und ich renne ihm wie verrückt hinterher, bis ich ganz außer Atem bin. Heute, wo die Sonne scheint ...
Bleistiftzeichnung, DIN A 4, 1979
Heute:
Ich bin müde. Ich bin erschöpft. Die Batterien sind leer. Stumpfheit, Verwirrung, Traurigkeit. Der Winter zieht sich. Wäre da wenigstens etwas Wärme von außen. Ich warte auf Impulse, die in mir Lebensgeister wachrufen. Ich höre Vogelgezwitscher und träume vom Frühling, der mich in seine Arme nimmt, mit dem ich auf Reisen gehe.
Ich bin k.o.. Ich bin ausgelaugt. Die Gedanken fliegen davon – in alle Richtungen. Der einzige Halt ist die eigene Schwere. Gefesselt in Apathie. Die Hoffnung ist grau. Das Tageslicht farblos. Meine Hände gefaltet im Schoß, die Arme schwer und kraftlos, - bete ich für ein Wunder. Ich, der Ungläubige, was weiß ich schon von Gott, von all diesen Mächten, die sich der Ratio entziehen(?)
„Liebe“, ich flüstere dieses Wort, ein zweites, drittes Mal, „Liebe“, „Liebe“.
Ich weiß nichts. Ich glaube nichts. Die Bedeutungen brachen auf und ergossen sich in den endlosen Raum.
"Boxen", 22 Uhr 45, RTL
bonanzaMARGOT
- 18. Feb. 12, 16:26
"Henry & June", 22 Uhr 25, auf 3sat
bonanzaMARGOT
- 17. Feb. 12, 16:53
Häßlich und doch nicht ohne Ästhetik
Eine politische Hängepartie nimmt ihr Ende. Es ist kalt in der Wohnung. Meine Finger sind klamm, mein Kopf rammdösig von der Erkältung. Wie sagte man früher? Katarrh. Tolles Wort, was viel eher nach dem klingt, wie ich mich fühle. Herr Wulff hatte seinen Rücktritt verschleppt (bzw. verschlafen). Nun ist es vollbracht. Hin zur nächsten Krankheit!
Vor mir liegt aufgeschlagen ein Leitz-Ordner, in dem meine ersten Gedichte und Texte abgeheftet sind. Ich blättere darin. Meine Anfänge als Dichter. Alles noch handschriftlich. Mit Illustrationen dazwischen. Etwas krakelig manchmal. Nicht ausgereift. Aber Zeugnisse eines jungen Geistes, der sein eigenes Ding machen und nicht nur nachplappern wollte, was ihm vorgebetet wurde. Damals vor über 30 Jahren ging es los mit dem drängenden Fragen und Suchen: Ein Katarrh des Geistes, der Seele, welcher bei mir chronisch wurde.
Ich sehe den jungen Menschen vor mir, der ich einmal war. Er ist noch in mir – wie eine kleine Matroschka Puppe.
Hier ein Text, der bezeichnend für meine damalige Seelenlage ist. Ich spüre es, als hätte ich es gestern geschrieben:
Flucht
Nette Leute sind das,
wenn sie mich in Ruhe lassen,
fange ich nicht an, sie zu hassen,
und ich liebe sie wie mich,
und ich liebe sie wie mich …
Er weicht den Leuten aus, er schaut nicht gerne in ihre Gesichter, denn er liest sein eigenes Schicksal, entdeckt sich selbst mit all seinen Schwächen und seiner Glanzlosigkeit. Nur einer unter diesen vielen? Was bin ich wert? Meine Welt ist so klein.
Die Leute haben Appetit auf Bequemlichkeit. Sie überfüttern sich damit. Sie essen und essen, sie fressen und bekommen den Geschmack nicht mehr vom Gaumen. Sie konsumieren künstliche Süße, künstliches Glück und lassen die wahren Werte verschimmeln.
Er ist immer noch zwischen ihnen. Sein Schicksal ist: er verträgt dieses künstliche Zeug nicht. Es macht ihn krank. Er weicht den Leuten aus und schaut ihnen nicht ins Gesicht.
Da hupt ein Auto, dort schreit einer, noch mehr Schreien und Hupen, Lärm. Schneller gehen, hastig. Das Herz klopft. Aufregung, so viele Eindrücke. Er will sich nicht erdrücken lassen.
Der Lärm lässt nach, die Luft ist klarer. Er geht langsamer und atmet leichter. Die Sonne scheint.
Mit jedem Schritt, mit dem er sich dem Stadtrand nähert, werden seine Gedanken freier und verdrängen die Schatten dieser künstlichen Welt.
Er erfreut sich an den Vorstadtgärten, an den natürlichen Farben und Formen. Es ist sein Kinderbettchen, das ihn einhüllt und wärmt. Er kuschelt sich mit Behagen in diese ungeschminkte Welt und träumt den Traum der Bäume und der Gräser, der Wolken am Himmel.
Seine Gedanken verstummen. Es sind da nur noch Gefühle, auf die sich eine Phantasiewelt aufbaut.
Er ist schon weit außerhalb der Stadt und sitzt im Schatten eines knorrigen, sterbenden Baumes. Am Horizont jenseits der Wiesen und Felder ist Beton.
„Komm zurück in die Kälte und Angst. Komm, ich führe dich. Folge meinem Geruch, meinen grauen Schwaden ...“
Der Ruf bleibt ungehört.
Er sitzt unter dem knorrigen, sterbenden Baum. Seine offenen Augen glänzen in die Ferne, verhöhnen die künstliche Süße. Es ist nur noch Traum.
Er ist tot, denn er hat sich den Magen verdorben.
(1980)
Ganz schön viel Pathos, gel? Aber wenigstens nicht künstlich.
Ich lebte trotz verdorbenem Magen weiter. Die Empfindungen gegenüber der Welt, die mich umgibt, blieben weitgehend dieselben. Ich wurde nur etwas reifer mit den Jahren und bin heute geübter im geistigen Spagat, um die Widersprüche und die Ungerechtigkeiten besser auszuhalten. Außerdem bekam ich ein dickeres Fell. Man stellt sich auf einen solch chronischen Katarrh der Seele irgendwie ein. Man hat seine Mittelchen.
Prost!
32 Jahre später verschlafe ich den Rücktritt des Bundespräsidenten. Es ist ein hässlicher Wintertag. Nass und kalt. Die Autos brausen munter das Tal hoch und hinab. Der König ist tot, es lebe der König! Das Karussell dreht sich weiter. Wenn ich nur all diesen Scheiß verschlafen könnte. Auf der anderen Seite würde ich auch die Glücksmomente verschlafen und die Orte, wo es schön ist.
Ich entschied mich für das Leben. Die Flucht endet hier.
Eine braun-weiß gescheckte Katze springt auf das Fenstersims, schaut mich kurz an und huscht scheu zurück ins Gestrüpp. Ich kann hinunter auf die Straße sehen. Im Sommer ist die Sicht verdeckt vom Blätterwald. Ein riesiger alter Baum, umrankt von Efeu, seine nackten Äste moosbedeckt, zieht immer wieder meine Blicke an. Ich blinzele durch seine kahle Krone in den Himmel – ein dünnes Grau inzwischen wie ein Vorhang mit dunklen Flecken.
„Das Leben riecht.“ Ich denke über diesen Satz nach. Was rieche ich denn? Ich bin verschnupft. Aber es stimmt schon: man kann das Leben riechen. Es ist mehr ein Riechen über dem Riechen wie ein Sehen des Sehens. Oder wie das überraschende Auftauchen des eigenen Spiegelbilds in einem Schaufenster, so dass man fast zurückschreckt. Oder wie wenn man sich in den Augen eines anderen verliert und aufwacht und sich wundert und lächeln muss und eigentlich gar nicht weiß, warum man lächelt, und nur spürt, dass jemand Brennholz auflegte, und man sitzt allein in einem Tag, hört den Minuten zu, fühlt sich aber nicht (ganz) allein, und einem ist warm ums Herz.
Gestern war ich auf einer Erste Hilfe Fortbildung. Alle zwei Jahre müssen wir die wiederholen. Ich reanimierte in den 20 Jahren als Altenpfleger noch nie
einen Menschen und hoffe, dass ich es nie machen muss. Auch der Tod riecht. Ein Blick reicht, und ich sehe, dass alles Leben aus einem Menschen gewichen ist. (Natürlich überprüfe ich es sicherheitshalber, indem ich Atmung und Puls kontrolliere.) Juristisch gesehen müsste ich ihn solange wiederbeleben, bis er offensichtliche Todesmerkmale aufweist wie Leichenflecke oder Leichenstarre.
Wir übten noch mal die ganzen Handgriffe: stabile Seitenlage, Herzmassage, Beatmung …
Wir lachten viel. Es war eine nette Runde. Der Kursleiter war cool. Er betete sein Programm herunter, - aber nicht langweilig. Auch er war verschnupft, und deshalb machte er eine Stunde früher Schluss, was von allen begrüßt wurde. Einige hatten bereits einen anstrengenden Frühdienst hinter sich.
Das Leben riecht. Es riecht wunderbar. Und ich rieche es, obwohl ich verschnupft bin. Und dafür bin ich dankbar heute.
"Der Duft der Frauen", 21 Uhr, ZDFneo
bonanzaMARGOT
- 14. Feb. 12, 18:42