Samstag, 25. Februar 2012

Zehn Stunden später


„Es ist immer dasselbe“, sagt sie zu mir und lächelt müde. Ich flüchte auf die Station im oberen Stockwerk. Die Stationsleitung erscheint eine Stunde vor ihrem regulären Dienstanfang. Wenn sie zur Übergabe kommt, hat sie bereits alles mögliche vorbereitet, die Tropfen gerichtet und wenigstens einen Bewohner geduscht. Obwohl ich sie schon sehr lange kenne, regt mich ihre übermäßige Dienstbeflissenheit immer wieder auf, vor allem wenn sie dann auch noch schlecht gelaunt ist. Morgens nach einer durchwachten Nacht, wenn ich in Ruhe meine Eintragungen machen will, vertrage ich das nicht. Es macht ihr außerdem Freude, mir Fragen zu stellen, die ich gar nicht beantworten kann; oder sie schimpft über irgendwelche Unordentlichkeiten vor sich hin, weil eine Kaffeetasse am falschen Platz steht, oder weil … die Butter nicht draußen liegt. Sie findet immer etwas. Ganz schlimm wird es, wenn ich ihr sage, dass sich ein Kollege krank meldete. Dann weicht die letzte Farbe aus ihrem Gesicht. „Soll ich deinen Blutdruck messen?“ frage ich mitfühlend. Schon lange leidet sie unter Bluthochdruck und nimmt dagegen allerlei Pillen ein. Auf ihrer Nase und Stirn bilden sich Schweißperlen. Sie tut mir wirklich leid. Andererseits könnte ich sie auf den Mond schießen.
Wie gesagt, ich flüchte dann lieber auf die andere Station und komme erst zur Übergabe wieder runter. Inzwischen hat sich das Dienstzimmer gefüllt, und ich versuche zu Wort zu kommen. Wenn die Pflegedienstleitung dabei ist, ist es ziemlich aussichtslos. Ich schaue dann hilflos in die Runde und hoffe, dass eine der beiden Stationsleitungen sich meiner erbarmt und endlich die Übergabe entgegen nimmt. Die PDL (also die Pflegedienstleitung) hat das Wort. Sie gibt zu allem ihren Senf dazu. Ich schaue auf die Uhr. Endlich sehe ich eine Lücke und lege los. Ich rassele die wichtigen Sachen herunter und hoffe, dass ich nicht unterbrochen werde. Manchmal, wenn die PDL gutgelaunt ist, erinnert sie sich und die anderen daran, dass ich doch morgens auf den Bus müsse, und man sich deswegen mit dem Zwischenreden etwas zurückhalten solle. Sie selbst hält sich freilich nicht daran.
Endlich geschafft! Ich rufe ihnen „Tschüss“ zu und eile Richtung Umkleiden.
Dann die Treppen hinunter, vorbei an der Dönerbude. Leicht echauffiert erreiche ich die Bushaltestelle. Ein azurblauer Streifen am Horizont kündigt die Morgenröte an. Die Ereignisse der Nacht wirbeln noch durch meinen Kopf. Ich atme ein paarmal tief durch und schaue mich um.

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