Freitag, 28. Mai 2010

Das Glück ist eine leichte Dirne


Das Glück ist eine leichte Dirne,
Und weilt nicht gern am selben Ort;
Sie streicht das Haar dir von der Stirne
Und küßt dich rasch und flattert fort.

Frau Unglück hat im Gegentheile
Dich liebefest ans Herz gedrückt;
Sie sagt, sie habe keine Eile,
Setzt sich zu dir an`s Bett und strickt.



(Heinrich Heine)


- eines meiner Lieblingsgedichte von Heine.

Montag, 24. Mai 2010

Das Ei einer Krähe








Das Ei - in meinen Augen die ästhetischste Form in der Natur. Es ist sozusagen der Grundbaustein des Lebens. Fasziniert schaue ich mir das Bild eines Eis einer Krähe an. Minutenlang könnte ich davor meditieren und über das Leben sowie über seine Entstehung nachsinnieren. Die Natur ist voller Schätze und Wunder.
Wenn es Gott gibt ..., wenn es etwas Letztes gibt, dann sollte es die Form und Magie eines Eis haben, denke ich bei mir.

Freitag, 21. Mai 2010

Ein scharfes Adverb

(Ein Beitrag auf Lawes Blog machte mich scharf auf dieses Wörtchen.)



scharf schließen - Schloss

scharf schießen - Waffe

scharf sehen - Optik

scharf machen - Bombe

scharf aussehen - Style

scharf essen - Gewürz

scharf denken - Intelligenz

scharf machen - Sex

scharf sein - Libido

scharf sein - Klinge

...



Wem fallen weitere Verknüpfungen ein?

Montag, 17. Mai 2010

Bergfest

Über den Daumen gepeilt dauert ein langes Leben vierunddreißigtausend Tage, wovon ich gut die Hälfte hinter mir habe. Ich hatte Bergfest. Woody Allen sagte, dass man sich selbst belügen muss, um glücklich - am Leben - zu sein. Ich selbst befinde mich in einem scheinbar unauflösbaren Zwiespalt: Einerseits möchte ich noch möglichst lange leben und habe Angst vorm Sterben, andererseits hätte ich am Liebsten alles hinter mir: Jeden Tag die Kraft aufzubringen, im Leben zu bestehen mit all den Belastungen von Beruf und Familie, Krankheit ... Ich hangele mich von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, Monat zu Monat, durch den Urwald der Jahre. Wenn ich zurückblicke, verschwimmen die Bilder vor meinem geistigen Auge: Bin das wirklich Ich? Wohin ging meine Liebe? Die Vergangenheit wurde mir fremd. Selbst Dinge, die erst wenige Jahre zurück liegen, sind wie abgeschnitten von mir im Dickicht eines früheren Lebens. Doch fühle ich mich keineswegs unbeschwert. Ich spüre die Last der siebzehntausend Tage.
Siebzehntausend Mal wach werden, um ein Tagewerk vor sich zu haben: mit Bedürfnissen, Pflichten, Verantwortung, abwechselnd Leid und Freude, Hektik und Lethargie ...
Meine Gedanken entführen mich in die Zukunft, wo der Tod auf mich wartet. Die Greisin, die ich in der Nacht auf die Toilette führe, sagt, sie sei zu alt geworden. Gebückt schlurft sie am Rollator an meiner Seite, sie trägt die doppelte Last an Jahren. Ihr Lächeln hat einen schalkhaften Anstrich. Ich weiß, dass sie von dem Unabänderlichen weiß: So ist es also am Ende des Lebens, wenn man den Felsen wie Sisyphos in der Sage Tag für Tag den Berg hoch rollte.

Der Tag holt mich. Meine Sinne sind im Hier und Jetzt. Sonnenstrahlen brechen durch die Wolken, als würden sie mir zuzwinkern: Wir haben alle dasselbe Schicksal. Es ist vielleicht gar nicht so schlimm, wenn man sich selbst belügt. Life goes on. Nächste Woche bekomme ich neue Schneidezähne. Die Eitelkeit hat gesiegt. Ich freue mich auf den Sommer, auf die Biergärten, auf fröhliche Gesichter und laue Abende. Auf dem Fahrrad werde ich wieder ein Stück Welt erobern.

Dienstag, 11. Mai 2010

Rohstoff (43)


... und dann hatten sie mich in der Mangel, paß auf, dass du nicht zu Boden gehst, dachte ich noch, ich hielt die Brille fest und kriegte noch einen Tritt in den Magen ab, dann lag ich draußen. Das war also das Pflaster. Es schmeckte nicht schlechter als vieles andere, aber gewöhnen wollte ich mich auch nicht daran. Ich suchte meine Brille, bis ich feststellte, dass ich sie in der Hand hielt. Ich setzte sie auf. Aus der Nähe sah dieses Pflaster interessant aus, es gab sogar einen Riß, der durch den Asphalt lief, und in dem Riß sproß ein Grashalm. Wenn das so ist, dachte ich, kannst du auch aufstehn.
(Jörg Fauser)





Samstag, 8. Mai 2010

Die Verwandlung


AAAAAaargh!! Was passiert mit mir?? Hölle noch`mal, das darf nicht sein!! Aaaarrrrggghhh!!! Ich verwandle mich! Himmel! Was soll das?? Was passiert mit mir???!! Neeeeeiiin! Unmöglich!!
AAAAAAArrrghhhhh-Würg-Spuck!
Ich sterbe! Nein, ich sterbe nicht ...
Wer bin ich?
Verdammt ... aaarrgghhhh ... seufz ... kratz




... hat mir da jemand was ins Bier?

Mittwoch, 5. Mai 2010

Wir sind Kohl

Da begeht einer seinen 80 sten, heute öffentlich, er führte 16 Jahre die Republik und ging als Kanzler der Deutschen Einheit in die Geschichte ein. Wenn ich diesen Menschen, alt und gebrechlich geworden, in der ersten Reihe sitzen sehe, habe ich Mitleid mit ihm, wie ich mit jedem meiner Altenbewohner(innen) Mitleid empfinde, weil ich jenseits von allem, was als böse oder gut gilt, einfach das Menschliche sehe.
Ich gönne ihm diese Feierlichkeiten, weil er sie, glaube ich, sehr genießt. Genau genommen werden die Grabreden und Lobhudeleien vorweggenommen. Nein, ich meine das nur halb zynisch, Herr Kohl. Sie wurden ein großer Mann der deutschen Geschichte, weil sie 4x die Wahlen gewannen. Ich wählte Sie nicht. Ich wählte auch Angela Merkel nicht. Durch Ihre Person und Kanzlerschaft wurde mir ... bewusst, wie es mit der deutschen Volksseele bestellt ist. Leidvoll erkannte ich, dass ich in meiner Heimat ewig zu den Verlierern gehören werde, weil die Mehrheit in diesem Land einfach anders tickt (ich ticke da irgendwie falsch). In den Siebzigern war Willy Brandt mein politischer Held, weil er sich nicht verbiegen ließ. In den Achtzigern war ich für Die Grünen, weil sie für mehr Umweltbewusstsein und Gerechtigkeit stritten. Helden sehe ich schon lange nicht mehr in der Politik. Aber ich hoffe, dass Die Linke sich etabliert und als Gegengewicht zu den kapitalistischen und konservativen Kräften peu à peu an Statur gewinnt.
Ich habe wenig Ahnung vom politischen Geschäft, aber was ich als durchschnittlich gebildeter Bürger über die Medien mitbekomme, lässt mich schaudern. Es bleibt nach wie vor das Gefühl, dass wir an der Nase herumgeführt werden. Vier Amtsperioden lang fühlte ich mich damals als Mensch und Bürger Deutschlands nicht repräsentiert - es war ein elendes Gefühl der Ohnmacht. 1983 durfte ich zum ersten Mal meine Stimme abgeben. Das Wählen wurde mir sehr früh vergällt. Wir reden heute von zunehmender Politikverdrossenheit - sehr geehrter Herr Kohl, für die Politikverdrossenheit, vor allem der jüngeren Generationen, tragen Sie die Verantwortung! Noch in den Siebzigern gab es gesellschaftsübergreifend ein größeres politisches Interesse als heute. Inzwischen sind wir müde, und Angela Merkel repräsentiert schon optisch diese Müdigkeit.
Aber, wie gesagt, Herr Kohl, Sie wurden gewählt! Meine Heimat ist Spießerland geblieben. Der Geist der 68 er ist heute kaum noch erkennbar. Die Grünen wurden immer schwärzer. Die SPD zahlt bitter dafür, dass sie die Kleinen Leute im Stich ließ. Und die CDU war für mich schon immer die Partei der Ewiggestrigen, welche sagt: "Solange du die Füße unter meinen Tisch streckst ..." Kein Wunder, dass sie (normalerweise) mit der katholischen Kirche gut kann: Oberflächlichkeit und Materialismus werden gelebt, während man Werte wie Gerechtigkeit und Menschlichkeit vorheuchelt.
Alles Gute zum 80 sten, Herr Kohl! Ich gratuliere und verneige mich vor Ihnen. Es ist ihr Durchstehvermögen, vor dem ich Respekt habe. Sie sind für mich ein "Monster deutscher Politik", inzwischen durch Ihre Vergreisung harmlos und mitleidenswert erscheinend, doch damals in den aktiven Zeiten hätte ich Sie am Liebsten mitsamt Oggersheim auf den Mond geschossen (nun werden mich wahrscheinlich die Oggersheimer lynchen).

Helmut Kohl ist ein sehr kranker, alter Mann. Er hat seinen Auftritt - wahrscheinlich den letzten. Das Publikum klatscht. Ich schaue in die betroffenen Gesichter.
Kohl sagt: "Der liebe Gott hat es mit mir gut gemeint." Er redet aus seinem Leben. Es ist wahrscheinlich das Bedeutendste und Ehrlichste, was er jemals zu sagen hatte.
Ich muss das jetzt abschalten.
Ich weiß nicht, ob mir gleich schlecht wird vor Abscheu ... oder Rührung.

Sonntag, 2. Mai 2010

Der Nach-Nachtwachen-Blues


Es ist der typische Nach-Nachtwachen-Blues. In den Tag gespült, sitze ich wie neben mir, funktioniere, mache mir um 16 Uhr den Morgenkaffee. Der Tag ist trüb. Der Tag ist außerdem ein Sonntag. Die Vegetation trinkt vom Nieselregen. Sonntag, denke ich, und habe keinen Plan. Dabei waren die Nächte im Altenheim ruhig. Da war nur Rübezahl, der mal wieder auf den Boden pinkelte, und das Nachtgespenst, das im Nachtgewand mit dem Rollator über die Station schlurfte. Die Reihen haben sich gelichtet. Viele Zimmer stehen inzwischen leer. Einsam drehte ich meine Runden durch das Haus und wechselte Windeln, leerte Urinflaschen und geleitete alte, brüchige Wesen zur Toilette. Dazwischen vorm TV die Beine hochgelegt. Es lief ein Horrorfilm. Ich bohrte in der Nase. Die Müdigkeit legte sich wie Senkblei auf meine Augendeckel. Ich funktionierte zombiegleich. Auch die Alten hatten ihren genauen Ablauf. Es kamen dieselben Fragen, derselbe Smalltalk, die immergleichen Verrichtungen: das Wechseln der Windeln, das Unterschieben der Steckbecken. Ich schaute in ihre Augen. Ich sah Leben. Aber die Nacht warf graue, fahle Schatten: Jeder lebte, gefangen in sich, und ich sah mir dabei zu, wie ich funktionierte: Was verwalte ich da eigentlich? Es geht immer weiter. Seit 15 Jahren sehe ich sie kommen und gehen, sterben. Ich spüre die Gleichgültigkeit. Ich spüre sie nicht nur bei mir. Vielleicht ist das der Anfang vom Tod, denke ich. Der Horror im TV lebt von Blut und Effekten, der Horror hier kommt wesentlich subtiler ...

Es ist der typische Nach-Nachtwachen-Blues. Mein Denken funktioniert irgendwie. Noch.
Letzte Woche stand ich wie konsterniert vorm Geldautomaten und konnte meine Geheimzahl nicht mehr abrufen. Wie war das möglich? Jahrelang hatte ich dieselbe Ziffernfolge automatisch eingetippt, und plötzlich stand ich vor dem Automaten wie ein ... Idiot! Mir fiel die Geheimzahl auch in den folgenden Tagen nicht ein, und nach einigen vergeblichen Versuchen beantragte ich eine neue Bankkarte. Es war, als ob ich etwas reales verloren hatte - einfach unbegreiflich, weil es bisher immer abrufbar da war.

Ich fühle mich müde. Das fette Grün grinst mir von Draußen zu. Es dringt noch durch zu mir wie die Blues Musik. Die Nachtdienste liegen hinter mir, und ich sortiere am Sonntagnachmittag meine Matschbirne, trinke inzwischen Cola-Weiß, auch wenn das wahrscheinlich nicht förderlich ist ...
Doch da scheiß ich drauf.

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