Montag, 30. März 2009

Ein Song,



der mich zum Weinen bringt.

Mittwoch, 18. März 2009

Allein in der Nacht

Die Nächte sind gezählt, dass wir unsere nächtlichen Runden zu Zweit machen.
Vor mir liegen vier Nachtdienste, wo ich das letzte Mal die Gesellschaft meiner lieben Kolleginnen genießen darf. Danach habe ich Urlaub, und wenn ich zurückkehre, werden wir nächtlich Soloplayer im Altenheim sein. Jedenfalls ist es so geplant. Wie das Kaninchen vor der Schlange harren wir der Tatsachen, der da sind. Solange die Nächte ohne besondere Vorfälle laufen, mag es vorstellbar sein, die Arbeit alleine zu leisten. Aber wenn ich mir Notfall-Situationen vorstelle oder Sterbefälle oder einfach eine betriebsame Nacht, kommt mir das Grausen. Ich stelle mir die Frage, ob ich dann noch guten Gewissens die Bewohner in der Nacht pflegen und betreuen, ihnen die notwendige Sicherheit bieten kann.
Sie machen es an der Bewohnerzahl fest. Wenn es unter fünfzig sind, kann mit einer Nachtwache der Dienst abgedeckt werden. Ich finde es vollkommen irrational, dass es unter Umständen an einem Bewohner hängt, ob man alleine oder zu Zweit die Nachtarbeit leistet. Man reduziert doch auch den Tagdienst nicht um die Hälfte. Außerdem wandern sowieso eher die leichten und weniger aufwendigen Pflegefälle ab, während die schweren "Brocken" bleiben. Es ist also völlig absurd zu denken, dass wir mit knapp fünfzig Bewohnern weniger Arbeit haben werden als mit gut fünfzig.
Hinzu kommt die psychische Belastung, die man nachts haben wird. Auf zwei Schultern verteilt sich die Verantwortung doch leichter als auf einer. Dann gibt es Bewohner, die in ihrer penetranten Art furchtbar nervig sein können. Bisher konnten wir sagen: "Komm geh du mal zu Frau M.. Ich kann sie nicht mehr ertragen!" In Zukunft werden wir diese schwierigen Belastungen ganz alleine schultern müssen. Aber bekommen wir deswegen mehr Gehalt? Pustekuchen! Ich bin nur mal gespannt, ob sie uns dann immer noch eine dreiviertel Stunde Pause abziehen, wie bisher.
Es ist gerade so, als müssten wir ab 1. April einfach die doppelte Arbeit leisten. Aber es geht nicht darum, dass irgendein Fließband halt doppelt so schnell läuft, und sich dadurch ein höherer Ausschuss an toter Materie ergäbe; sondern wir pflegen und betreuen Menschen - wir gießen auch nicht Pflanzen oder füttern Tiere - es geht um Menschen, die ein Recht auf eine bestmögliche Versorgung, eine größtmögliche Sicherheit und eine würdevolle Behandlung haben. Die Bewohner, die wir pflegen, das könnten wir selbst sein!
Ich verstehe nicht, wie ein kirchlicher Träger einen solchen Einschnitt in die Versorgung der Alten und Hilfebedürftigen machen kann. Es ist schon jetzt schwer genug, im Sinne der Nächstenliebe die belastende Arbeit der Altenpflege zu leisten. Ich weiß, dass die Sache bereits abgemacht ist. Nächsten Montag werden sie uns in einer Besprechung vor vollendete Tatsachen stellen. Sie werden uns vor die Wahl stellen. Viele von uns sind von ihrem Arbeitsplatz abhängig. Ich habe einen unbefristeten Arbeitsvertrag, den ich ungern aufs Spiel setzen würde. Die psychische Daumenschraube ist längst angelegt. Meine Bedenken werde ich vortragen, im Sinne meiner Kollegen und Kolleginnen und im Sinne der Alten. Wie oft wurde uns doch von denselben, die diesen markanten Einschnitt vornehmen, gepredigt, dass es allein um die Bedürfnisse der Alten geht?! Die Bedürfnisse des alten Menschen stehen unbedingt im Vordergrund ...
Einmal mehr werde ich in meiner Meinung bestätigt, dass wir nicht in Deutschland sondern in "Heuchelland" leben.

Sonntag, 15. März 2009

Boom, Boom




John Lee Hooker, ein Original.

Samstag, 14. März 2009

Wie eine Schnecke ohne Haus

Nein, ich bin nicht der Typ Schnecke mit Haus. Ich schleppe so wenig wie möglich mit mir rum. Den Hausrat kann man regelmäßig ausmisten, die Kleider zur Altkleidersammlung geben, das Geschriebene redigieren - gut die Hälfte kann ich getrost wegfeuern; man kann regelmäßig zum Friseur gehen, die Zehennägel schneiden und Staub putzen, damit man in seinen vier Wänden nicht erstickt. Und ganz wichtig: Regelmäßig den Abfall rausbringen und den Elektroschrott nicht horten!
Mist, ich habe schon wieder zu viele Kaffeetassen. Die geklauten mag ich besonders gern. An ihnen hängen Erinnerungen. Die letzte nahm ich aus dem Krankenhaus mit, wo ich eine Woche mit einer Epiditymitis lag und um meine Eier bangte. Aber alles ging Gott sei Dank gut. Nein, ich sammele nicht gern. Irgendeine Kaffeetasse wird heute dran glauben müssen. Die Krankenhaustasse? Oder das Paar von der Ex? Ich mache mir die Entscheidung nicht leicht. Dann ist da noch die mit der Werbeaufschrift www.uromed.de - Katheterismuszubehör ...; außerdem habe ich noch zwei Glühweintassen ...

Okay, ich kam ganz weg von dem, was ich sagen wollte. Ich werfe gern Ballast ab. Das Leben macht einen mit der Zeit immer schwerer. Vorallem wenn man auf der Stelle sitzt/tritt. Deswegen fahre ich gern los, mit dem Fahrrad oder mit dem Zug. Wenn ich unterwegs bin, fallen viele Sachen an mir ab wie eine Kruste, die mich total überzieht, wenn ich zuhause bin. Kind und Kegel würden mich umbringen. Ich genieße mein Nacktschnecken-Dasein, auch wenn es Stunden des Sehnens nach sozialer Wärme und Geborgenheit gibt. Die Beziehung zu einer Frau kann ich mir dauerhaft nur sehr freizügig vorstellen.
So sehr wollte ich dann auch nicht Einsiedler sein, dass ich ganz ohne die Lust und die Wärme eines anderen, geliebten Menschen auskommen wollte. Auch liebe ich anregende Unterhaltungen und gemeinsame Unternehmungen. Was ich aber nicht mag, ist, dass man aufeinander hockt wie paarende Kröten. Dann kommt zu bald der Mief des gemeinsamen Alltags auf, und die Partnerin verwandelt sich nach und nach in ein Paar alte Socken oder in eine Kaffeetasse, aus der man, wenn man ehrlich ist, gar nicht mehr gern seinen Kaffee trinkt.

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wohl wäre, wenn ich von heute auf morgen eine Amnesie bekäme.
Ich wache auf und kann mich an mein vorheriges Leben nicht mehr erinnern: Nicht an meine Eltern, nicht an meinen Bruder und meine Kindheit, nicht an die Schulzeit, an die alten Kumpels, die alten Lieben, die versoffenen Tage, die nicht fertig gebrachten Studiengänge, meine Jahre als Altenpfleger ...; alles wäre wie weg. Ich wache auf, erkenne mich zwar, aber außer mir selbst ist mir nichts mehr vertraut. Ich wundere mich über die Bücher im Regal und kann mich nicht entsinnen, sie gelesen zu haben; ich stöbere in meinen Aufzeichnungen und Gedichten und schüttele den Kopf - das soll ich geschrieben haben? Dann die Bilder: meine Bilder und die Photos aus der Vergangenheit - ich würde nichts mehr aus meinem früheren Leben erkennen. Wie frei würde ich mich mit einer solchen Totalamnesie fühlen? Könnte ich wieder von Null mit meinem (Erwachsenen-)Leben beginnen? Wäre ich noch ich?
Man muss es mit dem Ausmisten ja nicht gleich übertreiben. Meine Vergangenheit gehört zu mir. Gerade die Wunden und Dummheiten brachten mich zu dem Bewusstsein, das ich heute habe. Der Wunsch nach einem neuen Leben ist, glaube ich, ganz normal. Er ist wie der Wunsch nach Jugend, nach Unverbrauchtheit.

Fazit: Man kann sich von Vielem trennen, aber nicht von sich selbst, auch wenn man danach das Bedürfnis hat - wenigstens an Tagen, wo einem die eigene Identität wie eine lästige Kralle im Nacken sitzt und einen nieder drückt. Ich belasse es bei befristeten Ausbruchsversuchen, um meinen Träumen Nahrung zu geben. Es sind Träume vom Fliegen und von der Liebe. Es sind Träume aus Büchern und Filmen. Ich will nicht immer aus der selben Kaffeetasse trinken. Ich bin auf der Suche.
Der Roman des Lebens ist in Episoden geschrieben. Die Kunst besteht wahrscheinlich darin, dass man den Mut zum Abschluss und die Geduld für einen neuen Anfang aufbringt.



Montag, 9. März 2009

Die dritte Entsagung

"Er lag in einem Sarg, bereit, beerdigt zu werden, und wusste trotzdem, dass er nicht tot war. Hätte er sich aufrichten wollen, er hätte es mit aller Leichtigkeit zu tun vermocht. Zumindest >>geistig<<. Doch es lohnte nicht die Mühe. Es war besser, sich hier sterben zu lassen; am >>Tode<< zu sterben, der seine Krankheit war."

(Gabriel Garcia Marquez, "Die Erzählungen", - aus "Die dritte Entsagung")

Mittwoch, 4. März 2009

Passt zwar nicht zur Jahreszeit ...



Gebrüder Herbst (1985, Aquarell 560 x 760)

Montag, 2. März 2009

Sonne, komm ...



... komm endlich raus!

Montag, 23. Februar 2009

Der Gedanke


Gerade kam mir ein Gedanke in den Kopf. Er schoss mir nicht in den Kopf wie ein Geistesblitz, vielmehr kam er einfach daherspaziert, und schaukelt dabei mit dem Spazierstock, und schaut geziert und tut unschuldig, als wäre er ein Gedanke wie jeder andere: Tja, da bin ich nun - hast du mich etwa noch nie gedacht? Stelle dir einen vierzigjährigen Menschen vor, Mann oder Frau, egal, einen führenden Angestellten meinetwegen, oder eine Mutter von drei Kindern, nebenbei berufstätig, eine Krankenschwester oder einen Altenpfleger, einen Baggerfahrer, eine Politikerin ... mit Vierzig auf der Höhe seines Lebens, in der Mitte seines Lebens, voll ausgebildet, mehr oder weniger erfolgreich; interagiert mit seiner Umwelt, als wäre das Peanuts. Selbstverständlich hat er seine Orgasmen, und längst alle Stellungen ausgetestet. Über den Bauchansatz redet man nicht. Selbstverständlich hat er Familie, Freunde und Bekannte, und er feiert jedes Jahr Weihnachten und Geburtstage und sonstige Jubiläen oder Feste. Selbstverständlich betrachtet er stirnrunzelnd seine Kontoauszüge und fährt an den Wochenenden mit seiner Familie in den Vergnügungspark oder zu den Eltern. Voll ausgebildet sind diese Vierzigjährigen. Mit wenigen Ausnahmen haben sie auch reichlich hinter die Binde gegossen. Was für eine erstaunliche Entwicklung, findest du nicht?! sagt mein Gedanke fordernd, und wirbelt dabei mit dem Spazierstock. Von der befruchteten Eizelle - einem Nichts quasi - hin zu diesen voll ausgebildeten ... Monstern, entschuldige bitte, mein Gedanke räuspert sich, in nur vierzig Jahren, das heißt in vierzig mal dreihundertfünfundsechzig Tagen oder in vierzig mal dreihundertfünfundsechzig mal vierundzwanzig Stunden, was nach Adam Riese nicht mal dreihundertfünfundsechzigtausend Stunden sind, so viele Stunden wie eine mittlere, deutsche Großstadt Einwohner hat. Ich befürchte, dass mein Gedanke jetzt abschweift, aber er lässt mich nicht los. Reihe eine erlebte Stunde, wegen mir die Mittagspause, dieser Großstadtbewohner hintereinander - was ist schon eine Stunde? Die erste Halbzeit eines Fußballspiels plus Pause, oder die Zeit, um gemütlich an einer Bar zwei Bier zu trinken, oder zwei Drittel einer Psychologievorlesung ..., - dreihundertfünfundsechzigtausend mal zeitlich hintereinander gesetzt ergibt diese eine belanglose Stunde die Lebensdauer eines Vierzigjährigen. Ist das nicht verrückt? Da steht dieser voll ausgebildete Mensch und war vor dieser Stunde nichts als eine befruchtete Eizelle ...
Ich weiß nicht, ob der Gedanke nun ausgereizt ist. Oder hat er sich verloren? Alles ist doch furchtbar normal. Was wollte ich eigentlich sagen?
Der komische Gedanke wendet sich ab, kratzt die Kurve. Das Letzte, was ich von ihm zu sehen bekomme, ist sein Hüftschwung, und wie sein Spazierstock federleicht durch die Luft wirbelt.


(boma, 2003)

ein literarisches Tagebuch

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