Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung; dieses Recht umfaßt die Freiheit, Meinungen unangefochten anzuhängen und Informationen und Ideen mit allen Verständigungsmitteln ohne Rücksicht auf Grenzen zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.
Aus:Allgemeine Erklärung der Menschenrechte - verkündet von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948
Ich bin traurig. Der Tag umschließt mich wie ein Wattebausch. Ich denke an die letzten Jahre, und wie viel Glück ich hatte, wie viel Schönes unwiederbringlich vorbei ist. Ich denke an die Liebe, die ich verlor und an die neu gewonnene Liebe. Ich denke an das, was ich aufgeben musste und an die vielen, vielen vergangenen Tage und Eindrücke. Ich stehe im Wind. Der Wind verwurstelt mein kurzes Haar und streichelt mein Gesicht. In meinem Herz ist Unruhe. Bilder fliegen an meinem geistigen Auge vorbei. Ich sehe mich an einem sonnigen Tag in einem Bachlauf stehen, die Hosen hoch gekrempelt ... Ich sitze auf dem Fahrrad und fahre über Stock uns Stein, fahre an endlosen Deichen entlang, an unzähligen blökenden Schafen. Ich sehe die Liebe, wie sie weint. In meinem Herz ist Unruhe ...
Die Trauer ist nicht leicht vom Tisch zu wischen. Sie muss mich erinnern, nicht um mich zu quälen; sie will mir sagen, wer ich bin; sie will mich reinigen ...
Danke. Danke für alles. Es ist nicht leicht, den Weg wieder aufzunehmen, weiterzumachen; es ist nicht leicht, diesen Platz zu verlassen. Ich stehe auf und strecke mich. Mein Blick schweift über die Landschaft, eine schöne Landschaft - aber traurig - ; ich steige auf mein Fahrrad und fahre langsam los. Der Fahrtwind beißt in meinen Augen. Tränen rinnen aus den Augenwinkeln.
Ich schreibe "Ich liebe dich". Mein Herz bebt. Nichts bleibt an seinem Platz.
Der Wind bringt Wolken und Sonnenschein. Die Luft riecht nach frischer Erde. Es war Zeit.
Wenn ich die dicken Autos sehe, die mich überholen, derweil ich mit dem Fahrrad die Talstraße hoch nach Hause fahre, werde ich automatisch zum Sozialisten. Ich komme mir vor wie der letzte Arsch, wenn ich höre, wie sie hinter mir anbrummen; und ich fahre schon ganz am Rand der abgelederten Talstrasse, aber die Idioten schaffen es nicht, mich mit ihren dicken Karren zu überholen. Mit dem Fahrrad holpere ich durch die Schlaglöcher am Straßenrand, ansonsten wäre ich auf der Straßenmitte tatsächlich eine Verkehrsbehinderung. Ich fluche auf die Wichser, wenn sie an mir vorbeibrausen, während ich mich den Berg hoch "abjanke".
Ich janke mir also einen ab auf meinem Fahrrad, während die dicken Karren an mir vorbeirauschen und mir von oben entgegenkommen. Ich frage mich, wo die arbeiten, dass sie sich diese PS-Monster leisten können. Wahrscheinlich nicht im Altenheim. Wie gesagt, wenn ich so auf den Straßen Deutschlands unterwegs bin, werde ich automatisch zum Sozialisten. Ich verstehe nicht, wie man für diese kapitalistische Perversion blind sein kann - aber na gut, wahrscheinlich bin ich nicht ganz normal.
Ebenso denke ich, wenn ich im Supermarkt, am Besten Freitags oder Samstags einkaufen gehe und in der langen Schlange vor der Kasse warte, und in die Einkaufswägen der anderen Einkäufer gucke - ehrlich, da könnte mir kotzübel werden! Ich sehe Einkaufswägen au masse angehäuft mit Scheißdreck.
Meine Liebe zu meinen Mitmenschen nähert sich dem unteren Schwellenwert, wo die Liebe schon mal leicht in Abneigung umschlagen kann. Aber ich komme nicht drum rum, denn auch ich brauche mein Bier, Nudeln und etwas Käse. Ich stehe also im Supermarkt an einem Wochenende (womöglich noch am Osterwochenende) in der Schlange vor der Kasse und werde automatisch zum Sozialisten - angesichts des Holocausts an Gehirnmasse , welchen ich beim Einkaufen beobachte (auch ich bleibe da nicht verschont).
Auf dem Parkplatz sehe ich dann, wie sie das ganze Zeug in ihre dicken Karren einladen. Da werde ich nochmals zum Sozialisten - echomäßig. Ich packe meinen Gram auch weg - in die Gepäcktasche meines Fahrrads. Irgendwie wieder mal der falsche Film, denke ich: Da wirst du wegen der kapitalistischen Konsumscheiße zum Alki, kommst davon nicht mehr weg; und du musst dir den Horror ewig angucken, musst dir den Schmerz geben!
Dieser Tag kommt daher wie eine dunkle, feuchte Arschritze. Ich wasche meine Wäsche und trinke die erste Flasche Bier. Draußen wie drinnen Waschküchenstimmung. Die Natur kotzt grün. Fositzien blühen knalle gelb. Es regnet permanent. Gestern schon, da ging ich ins Kino, in Crank 2. Der Film ist eine Actionorgie, wie ich sie selten sah. Ich amüsierte mich köstlich. Crank 2 ist total abgefahren, schräg, krank - fiesester, bester Pulp - natürlich nichts für zarte Gemüter.
Das Kino war so gut wie leer, und der Film hatte das richtige Tempo für geile Sexspielchen mit einer Partnerin. Ist schon wieder ein paar Jahre her, dass ich Sex im Kino hatte. Mein Gott, wie die Zeit vergeht! Mir fällt der Name des Films grad nicht ein ... Er handelte von einem Pferderennen durch die Sahara. Meine damalige Freundin hatte ein Faible für Wüsten.
Crank 2 ist ein Film, den man getrost (wie die Pornos im Sexkino) als Endlosvorstellung laufen lassen könnte. Also vielleicht gehe ich noch mal rein, und dann mit Partnerin. Am besten fand ich die Szene, wo es Statham (der Hauptdarsteller) mit seiner Filmpartnerin mitten auf der Pferderennbahn wunderbar animalisch treibt, und die Pferde kommen angetrabt, und das Publikum grölt ... und dann die Einstellung, als die Pferde das Liebespaar überrennen: die Frau, die unter Statham liegt, reißt die Augen auf, als der riesige Pferdekörper über sie hechtet - man sieht nicht oft einen Pferdeschwanz aus dieser Position.
Das Bier ist leer. John Lee Hooker singt den Blues, und Bukowski grinst vom Bücherregal. Entschuldigt mich also kurz, bis ich mit einem neuen, kalten Bier zurück bin.
Dieser Tag ist Crank, ist Crank 2. Dieser Tag ist wie Bierflasche leer. Dieser Tag ist wie eine feuchte Muschi hinter einem Keuschheitsgürtel. Nichtsdestotrotz muss ich raus, bevor die Läden zumachen. Ich werde mich wohl oder übel vollpissen lassen,,,
(Da fällt mir doch noch der Name des Wüstenepos ein: "Hidalgo", hieß der Film damals. Die "Rahmenhandlung" - puuuuh! - werde ich nie vergessen.)
Manche Tage fühle ich mich wie ein abgestandenes Bier. Oder wie eine holzige Kohlrabi. Ich komme nicht recht hoch. Der Himmel ist ein Spucknapf, und ich brüte auf dem Scheißhaus des Lebens vor mich hin. Findet Ihr das lustig? Ich komme mir vor wie in einem leeren Wartezimmer und frage mich, warum ich warten muss. Die Zeitschriften nehme ich kurz in die Hand und lege sie gleich wieder zurück. Ich bin total lustlos. Die immer wieder aufbereiteten Themen öden mich an. Ich atme und warte. Es ist vollkommen irre, dass ich hier bin. Ich bin nicht krank. Außer - das Leben ist eine Krankheit. Was meint Ihr? Ist das Leben eine Krankheit? Ich vergaß zu sagen, dass ich einen Arzttermin habe. Es muss ein Arzttermin sein. Jedenfalls sieht es hier nicht aus wie auf dem Finanzamt.
Natürlich ist das alles fiktiv wie die holzige Kohlrabi. In Wirklichkeit ist es völlig egal, wo ich gerade bin. Ich fühle mich nur so, als wäre ich bei einem Arzt wegen einer Hauterkrankung, und er erzählt mir vom Sezessionskrieg und zeigt mir ein Prospekt mit alten Repetiergewehren. "Das ist für unartige Patienten und Türken", sagt er, "raten Sie mal, was ich für diese Sitzung mit Ihnen bekomme?" Ich zucke mit den Achseln. Der Arzt zeigt mir auf dem Computerbildschirm eine Leistungsliste. "Nichts!" sagt er mit sarkastischem Unterton. Er scrollt hoch zu meinem letzten Termin - "Für den auch nichts! Ich bekomme 13 Euro 82 für Ihren ersten Besuch, egal wie oft ich Sie behandle."
"Dann komme ich doch noch ein paar Mal", sage ich süffisant lächelnd.
Mein Arzt zieht unter dem Schreibtisch eine Art Dolch hervor. "Doppelklinge, die eine Seite wie eine Säge geriffelt", sagt er, "ein echtes Notfallmesser. Es gibt nichts besseres." Ich bewundere das scharfe Messer und nicke. Er legt das Messer zurück.
"Und Sie meinen, der Hautausschlag wird nicht wieder aufblühen?" frage ich abschließend.
Er beschwichtigt: "Es kann noch ein paar Wochen dauern, bis er endgültig abgeheilt ist. Sie brauchen Geduld."
Manche Tage denke ich, dass die ganze Welt die Krätze hat, aber nur mich juckt es.
Die Arschwischmaschine ist krank. Und was hat sie? Die Krätze! Wir kennen alle die Milben durch die Hausstaubgeschichte. Milben sind kleine Spinnentierchen (ca.0,3 mm), und einige Sorten bevorzugen das menschliche Hautkostüm als Wirt. Zu solchen Viechern kommt man nicht wie die Jungfrau zum Kinde. Wir hatten wenigstens zwei Fälle von Krätze unter den Altenheimbewohnern. Sie überträgt sich z.B. bei engem Hautkontakt. Und der kommt schon mal vor, wenn ich die Alten nachts durch die Betten ziehe oder die Windeln wechsele.
Als die Krätze endlich bei den Bewohnern diagnostiziert wurde, hatten zwei-drei Kollegen/Kolleginnen und ich uns wahrscheinlich bereits infiziert. Bis die ersten Symptome auftreten, dauert es zwei bis sechs Wochen. Und dann denkt man ja auch nicht gleich, dass man die Krätze hat. Man will das gar nicht denken.
Nachdem sich bei mir der Hautausschlag ausweitete, und das Jucken immer dramatischer wurde, zählte ich Eins und Eins zusammen. Meine ebenso betroffenen Kollegen waren erleichtert, als ich ihnen von meinem Hautproblem erzählte. "Gott sei Dank", sagten sie, "da bin ich also nicht der einzige, den es erwischte.
Das Salbenmittel der Wahl ist, wir kannten es bereits von den Bewohnern, Infectoscab 5% und muss auf den ganzen Körper aufgetragen werden. Von den Fußsohlen bis zum Nacken schmierte ich mich also vor dem Schafen ein mit dem Zeug. Es sollte wenigstens acht Stunden einwirken, bevor man es wieder abduscht. Nach zweimaliger (korrekter) Anwendung gilt man dann eigentlich als krätzefrei. Das bedeutete aber leider nicht Beschwerdefreiheit. Der stark juckende Hautausschlag weitete sich bei mir nach der Behandlung erst richtig aus! Wenn ich im warmen Bett lag, brach die Juckhölle über meinen Körper herein, und statt zu schlafen, wälzte ich mich kratzender Weise hin und her. Die Antihistaminika, die ich parallel einnahm, bewirkten keine nennenswerte Linderung.
Zufällig hatte ich zwei Wochen Urlaub, als ich wegen der Krätze in Behandlung war. Neben den körperlichen Qualen durch das Jucken und den hässlichen, großflächigen Ausschlag wuchsen mit der Zeit die Verunsicherung durch unterschiedliche ärztliche Meinungen sowie die Nervenzerreißprobe bedingt durch Schlafentzug, den hartnäckigen Krankheitsverlauf und Schamgefühle. Der Hit war, als die PDL (Pflegedienstleitung) lapidar zu einem betroffenen Kollegen meinte, er solle die Sache nicht hochspielen - womöglich wäre das alles nur psychisch!
Meinen Urlaub verbrachte ich also mit Kratzen und Arztbesuchen. Zur Absicherung schmierte ich mir noch zwei Tuben Infectoscab auf die Haut. Und wieder wurden der Ausschlag sowie das Jucken noch schlimmer. Der (etwas ominöse) Hautarzt am Ort meinte, das seien Ekzeme bedingt durch allergische Reaktionen. Unter Umständen müsste ich die Symptome noch wochenlang ertragen. Die Krätze jedenfalls könne es nach der Anwendung mit dieser "Wundersalbe" nicht mehr sein. Schön. Ich bin gern guter Hoffnung. Nun hätte ich über Ostern Nachtdienst schieben müssen ... Fuck! Wie soll ich fünf Nächte ohne nennenswerten Schlaf durchstehen? Mein Urlaub ging schon drauf!
Drum sitze ich also heute hier, eine Woche krank geschrieben, und erzähle Euch von meiner kleinen Leidensgeschichte. Also, ich wünsche niemandem die Krätze an den Hals. Hoffentlich helfen die Kortisonpillen, die ich ab heute schlucke. Das ins Bett gehen könnte sich sonst zu einer echten Horrorvorstellung auswachsen. Womöglich träume ich von einer Riesenmilbe mit menschlichem Gesicht und riesigen Scherenhänden ...
(PS: Ich vergaß ganz zu erwähnen, dass parallel die ganze Wäsche entseucht werden muss, also täglicher Wechsel der Körperwäsche, der Bettwäsche ... Ich lebe seit Wochen zwischen Waschorgie und (Kratz-)Wahnsinn.)