Freitag, 26. August 2011

Schadensbegrenzung


Ich glaube, dass es viel mehr Hobby-Philosophen gibt, als es zugeben wollen. Wobei das Wort "Hobby" eigentlich in diesem Zusammenhang eine Beleidigung ist.
Komisch, da fällt mir ein, wie mich meine Klassenkameraden in der Grundschule, wir waren damals gerade mal acht oder neun Jahre alt, Professor nannten. Süß. Ich empfand es als Ehrung, weiß aber nicht mehr genau warum. Also, warum sie mich Professor nannten. Ich gehörte zwar zu den Besten (damals noch), aber ich war eben, wie ich war. Ich focht Kämpfe mit der Großmäulin der Klasse aus, die sowas wie eine Leitwolffunktion hatte. Ja, auch wir kleinen Knöpfe sortierten uns. Und es wurden regelrechte Kriege geführt. Ich stand auf der Seite der Außenseiter: damals waren das Ausländer, Zigeuner, Asoziale ... Die waren meistens mutiger als der Rest der Klasse aber rettungslos in der Minderzahl. Ich fühlte mich zu ihnen hingezogen. Keine Ahnung. Jedenfalls verstand ich bereits damals nicht, warum Menschen von der Gemeinschaft ausgegrenzt werden. Es dauerte eine Weile, bis der Dreck von Lüge und Heuchelei auch mein Bächlein verschmutzte. Es war noch ein Bächlein. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Lüge. Vorher war ich zu naiv zum Lügen. Ich verlor die Kontrolle wie alle anderen. Jedenfalls sehe ich es heute so. Das Leben nahm mich und wusch mir den Kopf. Ich wechselte ins Gymnasium und begann die Schule zu verfluchen. Den Spaß gab es nur noch beim Spiel. Ich war sehr verspielt. Ich verlor langsam den Anschluss ...
Einige Jahre später befand ich mich in der Pubertät, hatte meine erste Erektion, den ersten Orgasmus, die erste Freundin, schrieb meine ersten Gedichte (hatte Pickel). Und ich philosophierte gern. Löcherte jeden mit der Frage: "Wieso?" Ich war der Meinung, dass diese Frage viel zu wenig gestellt wurde. Wieso gab es mich eigentlich? Wieso mußte man in die Schule gehen? Wieso wurden die Kinder von den Erwachsenen nicht ernst genommen? Wieso sollte ich mich konfirmieren lassen?
Wieso?
Die Eltern hatten ihre eigenen Probleme. Die Lehrer hatten ihren Lehrauftrag. Es war eben, wie es ist. Wieso? Dafür gab es die Note 6. Also, wenn man zu viel fragte ...
Ich fragte dann auch nicht mehr. Außer wenn ich betrunken war. Ich fing mit Fünfzehn mit dem Trinken an. Sowieso stellte ich mir selbst die Fragen. Ich schrieb sie auf. Ich kleidete sie in Gedichte. Heute noch zu lesen.
Wieso konnte ich nicht wieder so naiv ehrlich sein wie damals als kleiner Bub?
Für den Rest meines Lebens war ich verdorben. Aber ich versuchte es mit Schadensbegrenzung. Ich nahm mir vor, wieder ehrlicher zu werden. Ehrlich. Nur mit dem Trinken konnte ich nicht aufhören.
So verlief mein Leben ...

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