Als Gebüsche noch Gebüsche waren
Na ja, man darf träumen. Und nun fragt euch, wie frei eure Träume sind. Sind es wirklich eure Träume - oder sind es die Träume, die euch eingepflanzt wurden?
Vielleicht gibt es keine wirklich eigenen Träume ...
Vielleicht wird ein Traumkonto bei der Geburt eingerichtet. Die Eltern und Großeltern zahlen darauf ein, deine Kindergärtnerin, deine Lehrer, deine Bekannten und Freunde ...
Die Gesellschaft wird deine Familie, und sie bestimmt fortan deine Träume.
Aber wo sind meine Träume, meine ganz eigenen?
Ich suche. Und bei dieser Suche komme ich manchmal in Konflikt mit den Doktrinen unserer Gesellschaft. Denn viele zahlten auf mein Traumkonto ein, und nun habe ich plötzlich Zweifel und will mir mein eigenes Ding überlegen.
Man sagt mir auch, dass ich völlig frei bin, dass ich aber, falls ich meine eigenen Wege gehe, nicht mehr selbstverständlich mit einer Unterstützung rechnen dürfe.
Nun, entschuldigt, das klingt in meinen Ohren wie Hohn - denn schließlich hatte ich doch von Anfang an keine Wahl.
Sie tauften mich, bevor ich überhaupt sprechen konnte. Ich musste Kindergarten und Schule über mich ergehen lassen, zusammen harte 17 Jahre lang. Ich wurde von dumpfbackigem Religionsunterricht geplagt und von sadistischen Lehrern vorgeführt. Ich hatte deswegen eine Menge Albträume.
Meine Eltern liebe ich. Ich liebe sie. Ich liebe sie sehr. Auch sie hatten keine Wahl. Sie träumten lange nicht ihre eigenen Träume - ich mache ihnen keine Vorwürfe. Ihre Kindheit erlebten sie im Krieg.
Mein Gott! Seit zwanzig Jahren arbeite ich als Altenpfleger. Ich sehe Menschen leiden und sterben, manchmal qualvoll sterben ...
Wohin soll das führen?
Die Träume verbrennen wie trockenes Papier. Es gibt keine Chance zu entkommen.
Frage:
Warum haben wir es mit so viel Intriganten und Ignoranten zu tun, die nicht nur ein freies Träumen verbieten, sondern noch weiter gehen und die Mitmenschen mit anderen Träumen demütigen, quälen und umbringen?
Warum darf ich selbst heute nicht alles aussprechen, was ich denke?
Ansonsten verlöre ich meinen Arbeitsplatz.
Und ich brauche doch meine Arbeit.
Warum muss ich immer Stärke zeigen? Warum ist Schwäche so schlecht angesehen?
Nein, ich wollte diesen Beruf nicht unbedingt. Er war nicht mein Traumberuf. Ich hatte keinen Traumberuf. Es war meine Neugier auf das, was sonst in unserer Gesellschaft ausgegrenzt ist. Es ist ein großer Unterschied zu wissen, dass man irgendwann sterben muss, oder ob man das Sterben wirklich miterlebt - und die ganzen Phasen davor.
Unsere Gesellschaft hat zu wenig Geld, damit wir Altenpfleger unseren Ansprüchen gerecht werden können. Doch hat die Gesellschaft genug Geld, um Soldaten nach Afghanistan zu schicken und (unfreiwillig) zu Kindsmördern werden zu lassen!
... Und nun fragt euch, wie frei eure Träume sind, und ob ihr euch überhaupt schon mal danach gefragt habt.
Brasko hat mal wieder nichts zu tun, als über sein nutzloses Leben nachzudenken. Er wollte niemals Karriere machen, und heute ist er auch nur ein drittklassiger Detektiv, der abführmittelsüchtig ist. Zum Dichter reichte es auch nicht. Erstens traute er sich nicht, zweitens blieben seine Gedichte dilettantisch und zusätzlich depressiv. Er war von Illusionen besessen. Immerhin sah er besser als Humphrey Bogart aus. Und überhaupt fühlte er sich sau intelligent.
Man konnte nie wissen. Wer hätte denn gedacht, dass er, als er mit Fünfzehn seinen Schulranzen pimperte, irgendwann in echtes, mehr als lebendiges Fleisch eindringen würde. War das nicht auch eine Karriere? Und ganz ohne Steuerkarte und Sozialversicherungsausweis.
Brasko schrieb als Sechzehnjähriger seine ersten Gedichte. Mitte Zwanzig war er Alkoholiker. Und zehn Jahre später wurde er durch Zufall Detektiv. Mit dem Honorar für seinen ersten Fall konnte er seine aufgelaufenen Schulden bezahlen. Es gibt genug Verrückte, die anderen Verrückten Geld dafür bezahlen, dass sie gesagt bekommen, was sie eigentlich sowieso wissen. Und Brasko hatte so was an sich - wie eine Krankheit. Aber wie ein sympathische Krankheit. Die Leute, wenn sie es wollten, konnten sich in ihm widerspiegeln, als wäre er der Schwanz zu ihrer Möse. Jedenfalls war es unverbindlich, man fickte die Wahrheit für ein paar Momente, und damit genug. Braskos Auftraggeber wollten keine Lösung zu einem Fall - sie instrumentalisierten Brasko, damit der den Kübel ihrer Lebensscheiße über sie ausleerte, dieses dann aber als Fake abtun zu können ...
Reiche und Spinner denken sich solche Sachen aus. Es ist dann nur eine Frage der Zeit, bis die Morbidität eine ungeheure Anziehungskraft auf sie ausübt. Nicht wegen der Gegensätzlichkeit, absolut nicht! Diese Betrachtungsweise ist viel zu oberflächlich. Satte Menschen kommen an einen Punkt, wo sie nicht mehr wissen, wer sie eigentlich sind, und wofür ...; sie benutzen dann Verrückte oder Künstler dafür, diese innere Hohlheit wenigstens fiktiv wieder aufzufüllen. Das klappt natürlich so wenig, wie ein Alkoholsüchtiger mit Alkohol glücklich werden kann.
Brasko ist aus ganz anderen Gründen süchtig, wenn man dies so sagen kann. Genau ist er sich nicht darüber im Klaren. Jedenfalls hat er die Selbstverarsche der meisten Menschen durchschaut. Nun schlägt er für sich Kapital daraus. Moralisch ist das nicht verwerflicher als alles, was sowieso im Rahmen des Kapitalismus an Ausbeutung und Betrug läuft. Man gibt den Menschen, was sie wollen.
Brasko gehört zu den Spinnern, und er weiß, dass er dieses Image behalten wird, solange er die Wahrheit schreibt. Außerdem lügt er schlecht, sehr schlecht.
Die vierundzwanzig Stunden eines Tages werden zu einem Tautropfen an einem Zweig. Die Sonne geht auf und unter, viele Male, und die Tage summieren sich zu Jahren; und die Jahre fließen in den Stamm zurück. Brasko macht sich nichts vor. Sein Herz ist wie eine moosige Weide - manchmal schmuseweich, und dann abgewetzt und hart.
Ach ja, nicht, dass Ihr denkt, Brasko wäre mein Alterego, er ist eine Farce auf das Leben, nicht mehr.
Aus Geschichte werden Geschichten, um so länger sie zurück liegt. Die Mondlandung ist nun auch schon 40 Jahre her. Ich erinnere mich, wie wir von den Eltern aus dem Bett geholt wurden, um uns die spannenden Momente im TV anschauen zu können. Damals noch Schwarz-Weiß. Solche nächtlichen oder frühmorgendlichen Fernsehsitzungen gab es sonst nur bei Kämpfen von Mohammed Ali. Ich weiß nicht mehr, was mein Kinderherz fühlte. Jedenfalls war es ungeheuer wichtig, etwas einmaliges. Wir konnten gar nicht fassen, dass Menschen wirklich auf dem Mond spazierten. Es war auch das erste Mal, dass wir die Erde einfach als Planeten sahen - eine Kugel, auf deren Oberfläche unser Leben, unser Alltag, unsere Kriege stattfinden, einfach alles. Ich konnte es nicht begreifen, und ich weiß nicht, ob es die Erwachsenen begriffen. Vielleicht wären wir heute eher bereit zu verstehen, was es bedeutet, auf dem Mond zu landen, und die Erde auf- und untergehen zu sehen.
Ich überlege, ob ich den Mond vermissen würde, wenn er nicht mehr da wäre. Wie oft schaue ich noch in den Himmel zu den Sternen und suche den Mond? Die Dinge verlieren im Laufe des Lebens an Faszination. Man muss sie mit der Phantasie wieder aufpäppeln in unserer rationalen, technokratischen Welt. Man gewöhnt sich an ganz absurde Sachen - wie die Schwerkraft, oder wie den Krieg, oder wie die Liebe. Wir müssen mal wieder zum Mond fliegen. Ich meine damit nicht nur den Trabanten, der unsere wunderschöne Erde umkreist, sondern ich meine "die Mondreise" sinnbildlich, um die Wunder und die Dinge des Lebens nicht im Sumpf des Alltags zu verlieren - wieder Kind sein und den Mond und alles um sich neugierig betrachten ... Schaffen wir das, oder sind wir bereits auf dem entscheidenden Auge blind?

Gebrüder Herbst (1985, Aquarell 560 x 760)
Heute Nacht zählten meine Kollegin und ich, wir sind etwa gleichaltrig, die Fernsehserien auf, die wir in unserer Kindheit und Jugend gern sahen und im laufenden Programm vermissen. Wir waren einer Meinung: Es flimmert so viel Schotter über die Kanäle, da könnten doch die Fernsehmacher öfter mal wieder gute alte Sachen ausgraben. Das TV kann inzwischen auf einige Jahrzehnte Geschichte zurückblicken, in denen sich einige Highlights ansammelten - im Vergleich zur heutigen Dutzendware immer noch sehenswert. Technische Professionalität kann Originalität und Phantasie nicht ersetzen. Okay, nicht alles ist Müll, was heute produziert wird, aber die Qualität verlor doch augenscheinlich gegen die Quantität. Schade, dass sich Marcel Reich Ranitzky bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises vor ein paar Wochen derart zum Affen machte, dabei hatte er völlig recht. Seine Kritik wurde vom Medienmoloch ausgeschlachtet und geschluckt. Er wurde selbst Opfer der TV-Fastfood-Mentalität. Aber was soll`s.
Meine Kollegin und ich hatten Spaß daran, in der Erinnerung an die ganzen alten Serien zu schwelgen, die sich mit einem ganzen Lebensabschnitt für uns verbinden - damals, als die Welt noch überschaubar war, insbesondere das Fernsehen: Drei Programme und ein Funkbild während der Nacht.
"Erinnerst du dich noch an "Die Leute von der Shiloh Ranch?" fragte ich meine Kollegin, "Trampas war meine Held. Und natürlich Little Joe bei Bonanza."
Sie lachte und sagte, dass ihr am Besten "Tarzan" gefiel, gespielt von Johnny Weissmüller.
Die einzige Serie, die später bis zum Erbrechen weiterlief, war "Raumschiff Enterprise". Wir freuten uns als Kinder schon im Voraus, wenn im Vorabendprogramm "Daktari" anstand oder "Rauchende Colts". Das war ein ganz anderer Fernsehgenuss.
"Oder erinnerst du dich an "Ein Herz und eine Seele?". Dieter Krebs startete damals seine TV-Karriere. Was war das für eine Zeit?" Wir schauten andächtig. Es hatte sich in den letzten vier Jahrzehnten eine Menge getan. "Verrückt", meinte ich. Meine Kollegin nickte.
"Nicht jeder Fortschritt ist wirklich ein Fortschritt."
Zwischen den Rundgängen saßen wir im Aufenthaltsraum der Station und zappten durch die Fernsehkanäle. Es kam wirklich viel Mist. Ich glaube, es ist leichter, sich an den Niveauzerfall zu gewöhnen als umgekehrt. Die Entropie schlägt in der Welt voll zu. Alles zerfällt irgendwie. Die Alten liegen in ihren Betten und warten, dass sie abgeholt werden. Manchmal zählen wir die Verstorbenen auf, die uns noch einfallen und wundern uns, wie viele es wurden - über die Jahre. "Kannst du dich noch an Frau M. erinnern? Oder Herrn H., der unten in Zimmer 17 lag?"
"Mein Gott, ja ..."
Und wie bei den alten Fernsehserien fallen uns noch eine Menge Bewohner ein, die von der endlosen schwarzen Nacht verschluckt wurden, die aber noch in unseren Köpfen und Herzen herumspuken.
"Ich würde gern wieder ein paar Folgen "Bonanza" sehen."
"Und ich "Die kleinen Strolche", entgegnete meine Kollegin.
"Oder "Dick und Doof."
""Die Adams Family"".
Wir lachten. Die Nacht ging in die zweite Kurve. Es war eine kalte Mondnacht. Die Erinnerungen wärmten uns.
Gesichter gefangen in Blättern - Millionen Gesichter gefangen in Blättern im Buschwerk vor meinem Fenster - Millionen Gesichter gefangen in Blättern im Buschwerk vor meinem Fenster am frühen Abend - Gesichter gefangen in Blättern im Buschwerk vor meinem Fenster am frühen Abend sehe ich - Gesichter gefangen in Blättern im Buschwerk vor meinem Fenster sehe ich von meinem Bett aus - Millionen Gesichter gefangen in Blättern im Buschwerk vor meinem Fenster am frühen Abend sehe ich von meinem Bett aus, während ich Radio höre - Millionen Gesichter gefangen im Buschwerk vor meinem Fenster, während ich Radio höre und es langsam dämmert - Gesichter gefangen in meinem Fenster sehe ich am frühen Abend, während ich Radio höre und in einem Buch blättere - Gesichter gefangen in der Dämmerung sehe ich von meinem Bett aus, während ich Radio höre und in einem Buch von Dir blättere - Gesichter gefangen in Deinen Blättern - Millionen Gesichter gefangen in Deinen Blättern im Buch, in Deinem Busch, in Deinem Fenster, an Deinem Abend, in Deinem Bett - Stimmen gefangen im Radio - Millionen Stimmen gefangen im Radio, bevor ich einschlafe - Millionen Stimmen gefangen im Radio, bevor ich einschlafe in der Nacht - Millionen Stimmen gefangen im Radio, gefangen in der Nacht ...
(25.07.2000)
Ich vergleiche das Leben mit einem Haus. Mittlerweile wurde das Haus zu einem Hochhaus, und ich lebe in der 45. Etage. Stehe ich auf dem Balkon und beuge mich über die Brüstung, wird mir ganz schön schwindelig. Lieber hefte ich meinen Blick an den weiter werdenden Horizont. Ich registriere: In dieser Höhe ist nicht mehr ganz so viel los wie ehemals, dafür wuchs der Ausblick.
Im Hintergrund laufen "The Lords" - das waren noch Zeiten. Damals begeisterte mich Tarzan, und ich verschlang Tibor-Comics und Gespenstergeschichten. Mein Vater schickte mich in den Keller, um eine Kanne Öl für den Wohnzimmerofen hoch zu holen oder Kartoffeln aus dem Kartoffelbunker. Die Gerüche sind fast wieder präsent in meiner Einbildung. Es müffelte dort nach meinem Vater. Er war oft im Keller. Ich musste ihn holen, wenn meine Mutter mit dem Essen fertig war. Zeitweise war das Leben eine heile Welt. Die Mutter war die Mutter, der Vater der Vater; und ich träumte mich weg in die Abenteuer meiner Comichelden. Ich hatte sogar eine Zeit lang Spaß in der Schule. Es gab viel zu entdecken, und mir war noch gar nicht bewusst, dass sich das Leben bald in eine Spaß- und eine Ernstseite splitten sollte. Es war für mich gleich, und ich war von Geburt an ehrlich. Drum erinnere ich mich auch so gut an meine ersten Lügen. Ich log umso mehr, desto ernster das Leben wurde.
Inzwischen sind alle diese Erinnerungen wie die Kartoffeln damals verstaut im Keller des Hauses, das sich "mein Leben" nennt. Heute greife ich in den Bunker meiner Erinnerungen und hole ein paar hoch. Ich bekomme Lust auf Pellkartoffeln, der Vater schälte sie uns mit seinen Arbeiterhänden. Es gab viele solcher Gesten, an die ich gerne denke. Deswegen legte ich auch "The Lords" auf den Plattenteller. Mit ihrer Musik fällt mir das Zurück in die Vergangenheit leichter. Ein komischer Zustand ist das, als würde ich mit einem Bein in der Gegenwart stehen und mit dem anderen hinunter in den Keller steigen.
Eine Menge Stockwerke überspringe ich, bis ich in meiner Kindheit ankomme. Es ist noch alles da, aber ich weiß gar nicht, wo ich hinfassen soll. Vor mir die Werkbank meines Vaters, Sägen, Feilen und allerlei Werkzeug. Stundenlang war ich manchmal im Keller, um aus einem Holzscheit den Rumpf eines Schiffes zu sägen. Es klappte nicht immer besonders gut - wie jetzt, wenn ich an Texten und Gedichten feile. Aber trotzdem übte der Platz an der Werkbank eine magische Anziehungskraft auf mich aus.
Ich versank in andere Welten. Der Keller gehörte meinem Vater - wo würde einmal mein Platz sein? Der Ernst des Lebens saß mir zusehends im Nacken, da halfen mir alle Tibors und Tarzans nicht. Ich kämpfte in einem anderen Dschungel, wo das Böse nicht einfach von dem Guten zu trennen war. Ebenso verwischten sich Lüge und Wahrheit.
Zurück kann ich nicht. Ich weiche einen Schritt von der Balkonbrüstung zurück. Der direkte Weg wäre tödlich. Ich will lieber noch aufstocken. Aber mir ist bange, wenn ich an das Dachgeschoss denke. Schließlich bin ich Altenpfleger.

"Pubertät"
Ich bekam Hausverbot. Martinas Vater war tierisch eifersüchtig. Wenn Klassenpartys waren, holte er seine Tochter Punkt Zehn am Abend ab. Da half auch das charmante Betteln von Martinas Freundinnen nichts. Erst nach und nach lockerten sich die Verbote. Martina würde ja in nicht allzu ferner Zeit Achtzehn werden. Unsere Liebesbeziehung entromantisierte sich zusehends. Ich hatte den Alkohol als Abenteuer für Männer entdeckt und besoff mich das ein ums andere Mal mit meinen Kumpels. Auch fiel mein Blick auf die vielen anderen Mädchen, die ich reizvoller und hübscher als meine Martina fand. Wir waren zwei Jahre zusammen und standen kurz vorm Abi. Die Pubertät tobte sich in den Hormonen aus. Pickel sprießten in meinem Gesicht wie Blumen auf einer Frühlingswiese. Und ich hatte null Bock auf Lehrer, Eltern und die Zukunft, für die ich angeblich lernte. Meine Helden waren die Aussteiger, die Rock-Stars, die Gescheiterten und die Gerechten, während die Gesellschaft verlogen, arrogant, autoritär und korrupt langsam ihre Spinnenarme nach mir ausstreckte. Ich sollte erwachsen werden. Ich sollte werden wie sie. Dagegen wehrte ich mich. Ich soff. Ich soff vor der Schule. Ich soff in den Freistunden. Ich soff nach der Schule. Niemandem schien es großartig aufzufallen. Mein Kumpel hatte schon ein Auto, und wir schwänzten zusammen die Schule. Im Auto tranken wir Wein und alles, wofür der Geldbeutel reichte.
Es kam, wie es kommen musste: Martina trennte sich von mir. Ich hatte meinen ersten handfesten Liebeskummer. Mein Gott, da soff ich natürlich erst recht. So bitter und schmerzhaft es war, genoss ich dieses Gefühl auch, passte es doch gut zu meinem erträumten Anti-Helden-Dasein. Ich war jetzt einer von ihnen. Ich war abgrundtief verzweifelt und spielte mit Selbstmordgedanken. Nein, es war nicht nur Pose.
Da lief mir eines Abends Veronika über den Weg. Ich saß mit meinen Kumpels im "Loch Ness", einem Jugendkeller. Es lief die Rockmusik der 68er, und die Flasche Bier kostete nur 1 DM.
Es weihnachtet sehr. Gestern Abend schlappte ich über den Weihnachtsmarkt und kaufte mir Tigerbalsam. Es war ziemlich Betrieb. Ich kam hauptsächlich wegen des feil gebotenen Kunsthandwerks, denn ich kann mich an Tüchern, Schals, Taschen und solchem Klimbim kaum sattsehen. Ich bin ein Augen- und Nasenmensch. Auch die Gerüche von Zimt und Exotik locken mich.
Aus dem Weihnachtsfest selbst mache ich mir nichts. Im Gegenteil hasse ich regelrecht das weihnachtliche Getue der Menschen, welches in Familien- und Geschenkeorgien an Heiligabend und den Feiertagen seine Krönung , seinen Climax findet. Ich halte Weihnachten für das Spießerfest schlechthin.
Bereits als Kind fand ich schnell, dass die familiäre Weihnachtsfeierlichkeit nur aufgesetzt war. Hinter der Fassade von gegenseitiger Abschleckerei und Schöngetue verbargen sich eine Menge Dämonen, die da sprachen: Hoffentlich ist der Zirkus bald vorbei; oder man war von den Geschenken so gar nicht begeistert, heuchelte aber Freude vor. Ich fühlte mich in dieser gedopten Weihnachtsheiterkeitsstimmung nie recht wohl - abgesehen von den ersten Jahren, als ich wirklich noch an Märchen glaubte.
In der Pubertät machte ich meinen Eltern klar, dass ich mit Weihnachten nichts am Hut habe; und bald saß ich ihnen zum Gefallen nur noch ein Stündchen nach der Bescherung zusammen mit der Verwandtschaft im Wohnzimmer ab. Natürlich bei einschläfernden Weihnachtsliedern; meine Mutter war der Meinung, die müssten sein. Peinlich fand ich es, wenn sie gar noch mitsang. Nachdem ich in ausreichendem Maße den Erzählungen meiner Großeltern gelauscht hatte, verzog ich mich mit den Geschenken auf mein Zimmer und legte Hard Rock auf. Als ich 18 war, ging ich mit meinen Freunden an Heiligabend auf die Piste. Fürs Taxi legten wir zusammen, wir hatten schließlich dicke Geldbörsen; uns interessierten schon lange nicht mehr die Sachgeschenke sondern die Geldumschläge, die ihnen beilagen. Sollten die Spießer doch zuhause vorm Weihnachtsbaum klönen, wir machten die Kneipen, die offen hatten, unsicher. In einigen Wirtschaften konnte man bis zum Morgen des 1. Feiertags saufen. Es ging ja auch später los, und das Geld in den Gesäßtaschen saß sehr locker.
Heute, das heißt seit einigen Jahren, verbringe ich Weihnachten einfach wie jeden anderen Tag. Manchmal habe ich im Altenheim Nachtdienst; und wenn ich zuhause bin, trinke ich gemütlich eine Flasche Wein mit mir selbst und weiß, dass in ein paar Tagen alles vorbei sein wird, spätestens nach dem irrsinnigen Silvesterkult - denn ich bin außerdem Silvestermuffel. Für mich sind solche Festivitäten Ausdruck bürgerlichen Spießertums. Nicht dass ich überhaupt nicht feiern würde. Ich lasse mir nur nicht durch doofe Traditionen vorschreiben, wann ich lustig zu sein habe und wann nicht. Zum Feiern brauche ich keinen vorgegebenen Anlass. Anstandshalber gratuliere ich einigen Menschen, die mir nahe stehen noch zum Geburtstag. Für mich zelebriere ich auch diesen Tag seit Jahren nicht mehr. Ich wüsste auch nicht, was es da zu feiern gäbe, dass man geboren wurde.
Nein, ich bin nicht destruktiv, ich bin ein lebenszugewandter Geist. Ich sage mir halt: Wenn ich schon lebe, dann will ich so frei wie möglich von all diesen gesellschaftlich und religiös auferlegten Konventionen und Bräuchen sein. Ich habe doch nur dieses eine Leben, um mich wenigstens als autonom denkender Mensch von der Masse der Spießer zu emanzipieren. Ich führe fort, was die 68er begannen - nur eben auf meine Weise. Es geht mir nicht um äußerliche Stilbrüche sondern um eine innere Befreiung. Wie viele Hippies und Punks erlebte ich, die wenigstens so spießig waren wie ihre Elterngeneration, also jene, gegen die sie eigentlich revoltierten. Nur einige wenige Originale lebten wirklich ihre "Ideologie".
Apropos Ideologie: Ich bin der Meinung, dass der Sozialismus aufgrund des herrschenden Spießertums den Bach runter ging. Außerdem glaube ich, dass der Faschismus durch Spießer erst eine "Normalität" gewinnen kann - Eichmann z.B. war ein astreiner Spießer und Bürokrat. (Der Beziehung zwischen Bürokraten und Spießern gebührt eine spezielle Betrachtung.)
Inzwischen erlebe ich in der Gesellschaft einen besorgniserregenden Rückwärtstrend, was spießige Lebensformen angeht. Es gibt viele Errungenschaften, welche die 68er, später die Friedensbewegung und die daraus resultierenden Grünen für das zivile Leben erkämpften, z.B.: Geschlechteremanzipation, Toleranz gegenüber Homosexuellen, Abnahme der Obrigkeitshörigkeit, Gewöhnung an exzentrische Erscheinungsformen in der Öffentlichkeit, Reduzierung von Vorurteilen gegenüber Fremden und Andersartigkeit ...
Ich weiß schon, dass es Generationen braucht, um verstaubte Gewohnheiten und Denkweisen abzulegen. Die Bevölkerung ist eine träge Masse, und das Spießertum scheint ihr im Blut zu liegen, bzw. in den Genen. Oder sind die "Meme" dafür verantwortlich?
An Weihnachten jedenfalls sehe ich jedes Jahr überdeutlich die Spießerfratze vor mir, die ich, solange ich atme, in mir bekämpfen werde. Ich tauge nicht zum Revolutionär alter Schule. Ich will meine Mitmenschen weder geißeln noch missionieren; niemand soll sich genötigt fühlen, nach meinen Prämissen zu leben. Ich kämpfe mit mir, da habe ich genug zu tun.
Mein "Weihnachtsgeschenk" an euch: Ein Einblick in meine Gedankenwelt.
"first cut was the deepest"
Als ich gerade ein Jahr alt war, da fühlte ich mich wie frisch geboren. Das wundert nicht besonders, nicht wahr? Auch mit zehn Jahren fühlte ich mich noch jung und unschuldig. Okay, ich hatte bereits ein paar Mal gelogen, und meine erste schlechte Note nach Hause gebracht, aber im Großen und Ganzen war die Welt noch in Ordnung. Die Welt sollte ein Abenteuer sein, und mit meinen Cowboys, Indianern, Legos und Matchboxautos spielte ich die Abenteuer. Einige Qualquappen und Heuschrecken mussten dafür mit ihrem Leben bezahlen.
Als ich Fünfzehn war, kam Martina. Martina hatte eine Löwenmähne und trug eine äußerst große und dicke Brille, die nicht viel übrig ließ von ihrem Gesicht, bis auf ihr verschmitztes Grinsen. Sie war wie geschaffen für meine erste große Liebe. Es gibt ein Photo, auf dem ich sie im Klassenzimmer umarmte. Wenn ich es mir anschaue, denke ich: Wie viele Pickel hatte ich damals, und, mein Gott, diese junge Frau hatte einen opulenten Arsch! Übrigens, sie fand schon damals meine Gedichte gut.
Wir tätigten in den Freistunden ausgiebige Waldspaziergänge. Neben der Schule waren der Stadtwald und die Tongrube. Ich werde nie vergessen, wie ich mich langsam unter ihrem Pullover vortastete, um ihren BH zu öffnen. Bestimmt brauchte ich ein dutzend Anläufe, aber eines Tages hatte ich es geschafft.
Ich war in Martina bis über beide Ohren verliebt. Manchmal gab ich ihr noch Mathe-Nachhilfe, aber meistens trafen wir uns zu ausgiebigen Spaziergängen in der Natur. Es gab für uns noch einiges zu entdecken. Wir ließen uns Zeit und lasen gemeinsam über Verhütung und Sexpraktiken in Büchern aus der Stadtbibliothek. Ich begeleitete Martina zum Frauenarzt, und wir holten gemeinsam die Pille in der Apotheke. Nun muss ich aufpassen, dass ich chronologisch nichts durcheinander bringe. Wir machten nämlich erstmal ein paar Monate nur an uns rum. Petting nannte man das damals.
(Fortsetzung folgt.)