Trotz verschiedener Welten


Man hat`s nicht leicht. Heute geht es nach einer Woche Frei zurück in den Nachtdienst. Das Ganze bei Regenwetter. Es ist so düster, dass ich ein paar Kerzen anzündete.
Gestern saß ich nochmal vorm Kaffeehaus. Ich setzte mich neben Klaus. Wir lästerten eine Weile über die nachlassende Aufmerksamkeit der Bedienungen. Mein Tisch war noch nass vom letzten Regenguss. Ich musste die Bedienung auffordern, einen Lappen zum Abputzen zu holen. Dabei kam ich mir vor, als hätte ich etwas Unmögliches verlangt. Ich maßregele ungern. Klaus ist schon frecher. Aber was heißt da frech? Man will ja lediglich ordentlich bedient werden. Der Service ist schließlich im Preis enthalten, und das Bier kostet inzwischen einiges. Wenn auch noch nicht so viel wie in der Schweiz oder in Österreich. Also, darüber unterhielten Klaus und ich uns ein Weilchen. Wir kamen zu dem Schluss, dass man in Deutschland noch ganz gut leben kann.
Das Wolkenloch über uns wurde größer. Und schließlich trocknete der Tisch von ganz alleine ab. Die Bedienung hatte nur fahrig darüber gewischt.
Zwei Bekannte von Klaus setzten sich dazu. Beide schon jenseits der Fünfzig. Sie gehören zu einer Clique, die sich vorm Kaffeehaus regelmäßig trifft. Meistens halte ich mich von ihnen fern. Einige sind gestandene Geschäftsleute. Außerdem mag ich keine Cliquen. Vor einigen Jahren rasselte ich mal mit ihnen aneinander. Ich saß an der Bar, und sie drängten mich indirekt von meinem Platz, weil sie anscheinend auf ein Gewohnheitsrecht pochten. Sie umringten mich und quatschten über meinen Kopf hinweg, bis ich mich freiwillig woanders hinsetzte. Okay, gegessener Käse.
Seitdem bekannt ist, dass ich Altenpfleger bin, wendet sich ab und zu der eine an mich. Wegen seiner Eltern oder Schwiegereltern. Ein paar Ratschläge kann ich schon geben. Es sind fast immer dieselben Probleme.
Gestern freute ich mich, dass ich etwas Gesellschaft hatte vorm Kaffeehaus. Sie witzelten über meine kurzen Hosen. Zugegeben, es war bereits etwas zu kühl, um in kurzen Hosen draußen zu sitzen. Vor uns saß ein Betrunkener, der ständig den Blickkontakt zu mir suchte. Im WC war ich zufällig neben ihm gestanden. Am liebsten hätte ich ihn ignoriert, wie es Klaus und die anderen taten. Betrunkene können auf eine unangenehme Art anhänglich werden. Ständig lamentierte er: „Ich bin 71 …“ Und Blablabla. Er fixierte mich und sagte: „Du bist ein edler Mensch“, das sähe er. Ich wollte mich von ihm abwenden, aber er legte nach: „Du bist mir sympathisch ...“ Nein, ich nahm nicht ernst, was er von sich gab. Aus Anstand hörte ich ihm weiterhin zu. Ich hoffte, dass er bald gehen würde. „Ich bin 71!“ krakeelte er.
Klaus und ich schauten uns an. Ich versuchte wieder in die Unterhaltung mit den anderen hineinzukommen.
Schließlich verabschiedeten sie sich. Der Betrunkene ging bald darauf. Ich trank das Hefeweizen aus. Mich fröstelte. War es falsch von mir, dass ich dem Betrunkenen zuhörte? Er tat mir nichts. Und doch war es eine peinliche Situation gewesen. Vielleicht sah er den Trinker in mir. Weiß der Teufel! Oder er sah den Altenpfleger … mit dem sozialen Gewissen. Es steht mir nicht auf der Stirn geschrieben, hoffe ich.

Lange-Weile - 14. Sep. 13, 10:32

ausgehöhlt

Hallo Bo.,

vielleicht sah er beides in dir ;-) ?

Es ist schon traurig, was aus einem Menschen werden kann, wenn sie ihre mentale Kraft verlieren und diese Lücke mit Alkohol schließen. Vielleicht war er auch mal ein Kerl wie ein Baum..doch der Stamm ist nun schon lange ausgehöhlt und was bleibt ist vielleicht eine brüchige Weide mit hohlem und gespaltenem Stamm.

Wenn ich keine emotionale Bindung zu dieser Person habe, kann ich mich freier verhalten. Grade wenn es um alte Männer geht, dessen verlorene Seelen man ihnen schon an den Augen ansiehst. Ihre Traurigkeit siehst man ihn ja schon an der Körperhaltung an. hab auch schon mal einen nach Hause geschleppt. ;-) Da war mein Mitleid besonders groß.

Bei jüngeren Betrunkenen würde ich dann doch mehr auf Abstand bleiben. Die Wut über sich selbst kann bei ihnen auch in Aggression umschlagen.

So gut es geht, versuche ich auch bei einem Betrunkenen den Respekt gegenüber der Person zu behalten.

ich denke, dass diese Menschen sich unendlich allein fühlen müssen, denn ab einem bestimmten Stadium, wenn das Gehirn langsam verblasst, kommen sie in eine familiäre und gesellschaftliche Isolation.

Ich wünsche dir noch eine schönes Woche..hoffe, die Nachtschichten waren nicht zu anstrengend. Der herannahende Herbst mit seinem Nebelschwaden in der Nacht machen den Alten ja oft zu schaffen.

Morgen begebe ich mich dann auf Reise. Ein Zwischenstation bei meiner Tochter, um den 4. Enkel zu begrüßen. Er kam gestern, am Freitag den 13. zur Welt. Am Dienstag liege ich dann schon in der warmen Sonne von Spanien.

LG LaWe


bonanzaMARGOT - 14. Sep. 13, 10:56

guten morgen lawe,
in meiner letzten nacht, also donnerstag auf freitag, hatte ich mal wieder einen sterbefall. eine alte frau lag bereits seit wochen im sterben, lehnte alles essen und trinken ab. sie war ... überfällig. und bei mir in der nacht nahm sie der tod mit seinem schwarzen umhang in die arme.

ja, ich spüre die traurigkeit in den augen dieser menschen. es müssen nicht immer alkoholiker sein. etwas in ihnen ist gebrochen. sie verlieren sich und suchen halt. aber niemand will sie ... ich habe oft mitleid, aber helfen kann ich ihnen auch nicht.
durch meine eigene trinkerei hatte ich freilich viele erlebnisse mit betrunkenen. ab einem bestimmten alkoholisierungsgrad werden sie anstrengend, d.h. penetrant, selbstmitleidig, weinerlich, laut, verzweifelt, verwirrt ... da hilft nur noch rausch ausschlafen.

schön, dass es nun mit der geburt deines enkels hinhaute, und dass mutter und kind wohlauf sind!

wenn ich aus dem fenster schaue, würde ich am liebsten mit dir in die sonne fliegen ...

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