Tod und Sterben

Ich werde mich mit dem Tod und dem Sterben nie abfinden. Es ist nicht die Trauer. Die Verluste schreibt nicht nur der Tod. Wenn ich nach ein paar Tagen Frei ins Altenheim zurückkomme und in den Betten mancher Bewohner(innen) liegen fremde Gesichter; Gesichter, die mir bald ebenso vertraut sind wie die der Verstorbenen - so ist das an sich nichts Ungewöhnliches im Altenheim, sogar staune ich über die Alltäglichkeit des Todes - warum ich mich mit ihm nicht abfinden will, ist die Absurdität der Existenz, welche mir durch sein Auftreten wie ein überdimensionales Fragezeichen ins Bewusstsein rückt. Wozu die ganzen Mühen und Qualen, wozu der Ehrgeiz und das Suchen nach Glück, wenn der Tod allem mit einer fahrigen Handbewegung schlicht ein Ende setzt, als wäre nichts von alledem von Bedeutung, höchstens als Durchhaltestrategie ersonnen. Wozu? Wie viele Menschen sah ich sterben in den 20 Jahren Altenpflege? Zahllose Gesichter und Namen sehe ich vor mir. Einige starben wie vom Blitz getroffen und andere warteten Monate, sogar Jahre an der Rezeption des Todes. Kein Flehen und kein Bitten half, der Tod wollte sie lange nicht zu sich holen, als hätte er sie vergessen, oder als hätten sie etwas abzubüßen. Und als wir es schon gar nicht mehr erwarteten, nahm er sie doch zu sich. Wie viel Leiden sah ich in diesen Jahren? Menschen litten grausam, ohne dass sie eine Sprache hatten. Ich stand an ihren Betten und fragte mich: Wozu? Der Tod und das Sterben machen das Leben absurd. So denke ich, weil ich ein Mensch bin. Nur Menschen schreiben darüber Gedichte.
Ich arbeite an der Rezeption des Todes. Das ist ein Ort, an dem es nicht wirklich eine Zeit gibt. Der Tod ist grausam, wenn er die Menschen warten lässt. Das Leben ist nur ein Haus. Und der Tod rückt vor. Das eine Mal plötzlich und das andere Mal wie ein Schatten, der sich beinahe unmerklich ausbreitet. Wenn ich ihn wachsen sehe in den Menschen, wie seine Hand in ihnen wühlt - als würde er sie bei lebendigem Leibe ausweiden - dann wird mir klar, wie klein ich bin, und wie achtlos und dumm als Mensch ... . Auch ich werde eines Tages an der Rezeption des Todes ankommen, ohne Dienstkleidung, nackt, alt, krank und gebrechlich. Dann soll er mich nehmen, der Hund! Wozu sich wehren?
Bis dahin sehe ich mit an, wie die Anderen sterben, und grübele ..., und erinnere mich an ihre Wärme und den Glanz ihrer Augen, so wunderbar, jedes Leben.
irie_ways - 01. Jan. 08, 19:14

Mir stellte sich beim Lesen deines Textes die Frage, ob es so etwas wie einen richtigen Zeitpunkt zum Sterben gibt. Mit achzig in einem Altenheim dahinsiechend scheint mir kein besonders angenehmer Zeitpunkt zum Sterben zu sein. Man ist allein, alt und schwach. Manch einer wird wohl mit Angst dem Tod entgegensehen, manch anderer erwartet ihn schon sehnsüchtig - wie du schreibst - und muss dennoch (viel zu) lange darauf warten. Mit zwanzig von einem LKW überrollt zu werden ist wohl aber auch nicht der richtige Zeitpunkt, denn viele Dinge hat man noch nicht erlebt, viele Erfahrungen noch nicht gesammelt.
Ob es wohl der bessere Weg ist zu sterben, wenn man gerade glücklich ist oder wenn einen die Verzweiflung nach dem Tod rufen lässt?

bonanzaMARGOT - 01. Jan. 08, 19:43

Ich weiß es nicht

Zumeist hängt der Mensch mehr am Leben, als er es nach außen Glauben machen will, z.B. wenn er alles zum Kotzen findet. Man sagt vieles so dahin, wenn man bemitleidet werden will. Im Falle von Siechtum und starken Schmerzen sowie totaler Immobilität erscheint mir allerdings ein geäußerter Sterbewunsch glaubwürdig.
Niemand will auf unwürdige und/oder grauenhafte Weise sterben. Ebenso will niemand aus dem Leben gerissen werden, wenn er noch jung ist und voller Tatendrang.

Tod und Sterben sind schicksalhaft und kein Wunschkonzert. Vielleicht sollte man angesichts dieser Tatsache jeden Tag mit größerer Demut begegnen.

ein literarisches Tagebuch

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