"Himmel über der Wüste", 22 Uhr, BR
bonanzaMARGOT
- 07. Dez. 13, 16:58
Leben! Leben! Leben!
Flammen der Revolution wünsche ich in unsere Herzen
Auf den Schlachtfeldern sind die Herzen gläsern
Gesichter, drückt euch aneinander
Schaut nur, die Erde ist rund
Wie? Die Erde ist rund?
Was wissen wir davon?
Die Berge sehen die Flüsse fließen
Und Wolken fliegen gen Horizont
Über die Wasser und das Land
Über die zahllosen Schlachtfelder
Vielfältig! Vielfältig! Vielfältig!
Gesichter, drückt euch aneinander
Was sehe ich, was nicht gleich wäre?
Im Leben wie im Tod - zu allen Zeiten
Und in allen Räumen und Dingen
In der Gesamtheit und in der Nichtigkeit
In allen Größen ...
Dabei -
Zerspringen unsere Herzen auf den Schlachtfeldern
Der Ideen
Wohlan! Wohlan! Wohlan!
Wie die Tropfen Teil der Fluten
Und die Fluten Teil des Ozeans
Gesichter! Wir sind die Tropfen und vewenden
Uns darauf, die Fluten, vielleicht den Ozean
Zu erobern
Es ist alles Wasser ...
Leben! Leben! Leben!
Tod dem Schlachtfeld des Materialismus
Tod dem Schlachtfeld des Kapitalismus
Tod den Schlachtfeldern aller -ismen und Religionen
Tod allen Schlachtfeldern auf dem Erdball!
Es lebe die Revolution in unseren Herzen
(1985)
Ab und zu mache ich mir Gedanken über meine Motive, warum ich blogge, warum ich auf meinen Blogs meine Gedichte, Gedanken und Geschichten zum Besten gebe. Am Zuspruch der Leserschaft und anderer Blogger kann es nicht liegen, denn der fällt recht bescheiden aus – von ein paar Highlights abgesehen. Sicher klage ich auf relativ hohem Niveau, wenn ich auf viele andere Blogs schaue, auf denen noch weniger los ist. Wir alle vergleichen uns doch, nicht wahr?
Manchen mag es zu negativ, grüblerisch oder schwermütig sein, was ich auf meinen Blogs schreibe. Manche finden bestimmt einiges zu provokativ oder gar unverschämt. Und manchen sind meine Gedanken wahrscheinlich schlicht zu anstrengend, oder ihnen gefällt mein Stil nicht, oder sie finden meine Meinungen und meine Lebenshaltung abstoßend. Manche haben vielleicht sogar Angst, dass sie von mir angeschnauzt werden.
Wenn man sich selbst einschätzt, liegt man nicht selten überraschend daneben. Außerdem erfüllt es mich mit einigem Unbehagen, mir vorzustellen, wie mich meine Mitmenschen sehen könnten. Natürlich finde ich mich geistreich. Auch finde ich, dass ich ganz gut schreiben kann. Und wirklich niemand braucht vor mir Angst zu haben. Ich kenne kaum einen friedfertigeren Menschen als mich. Nein, ich finde mich wirklich nicht schlimm. Wie alle Menschen neige ich dazu, meine Person lieber positiv darzustellen.
Insgeheim weiß ich es natürlich besser. Ich weiß, dass ich ziemlich eigenbrötlerisch bin. Und faul bin ich. Mein Gott, was für ein fauler Hund! Für mich wurde die Arbeit nicht erfunden! Dabei kann ich ziemlich viel Energie für Sachen aufwenden, die ich wirklich aus freien Stücken machen will. Schon immer störte mich das Pflichtgehabe in unserer Gesellschaft. In der Schule demotivierte es mich total. Ich will nicht müssen! Verdammt noch mal! Ich will mir nichts vorschreiben lassen!
Das ist meine Dickkopf-Seite, die, glaube ich, auch häufig auf meinen Blogs zu lesen ist. Mein Dickkopf wurde mit den Jahren zahmer. Auch ich muss mich anpassen und kann nicht nur Galle spucken. Ich liebe die Menschen und will ihnen nicht ständig vorhalten, wie doof sie eigentlich sind. Ja, man könnte es für Arroganz halten. Dabei sind es mein Dickkopf und meine Sucht nach Freiheit und zumindest geistiger Unabhängigkeit. Wenn ich etwas hasse, dann sind es Einstellungen wie: Das mache ich so, weil alles es so machen, weil es Tradition ist, weil es sich so gehört. Ihr könnt euch jetzt gut vorstellen, wie ich zu Weihnachten stehe. Ich hasse es! Darum ist die alljährliche Weihnachtszeit für mich nicht gerade leicht zu ertragen. Der oberflächliche Charakter menschlicher Umtriebe schält sich an Weihnachten besonders hervor. In meinen Augen zumindest.
Aber ich wollte nicht über Weihnachten reden. Davon habe ich mich längst emanzipiert. Trotzdem kann ich meine Verärgerung darüber nicht ganz verbergen.
Ich wollte über meine Motive schreiben, warum ich blogge. An der Resonanz kann es nicht liegen. Ihr entschuldigt: Ich schreibe mir hier einfach viel von der Seele, egal ob euch das gefällt oder nicht. Sorry, wenn ich dann und wann mit einem Beitrag oder Kommentar die Gefühle von jemandem verletze. Ich habe wirklich Achtung vor jeder Person, jedem Menschen, aber ich kann nicht auf jede dämliche Lebenseinstellung Rücksicht nehmen – sonst ginge doch nie etwas vorwärts auf unserer Welt, wenn wir uns ständig nur Honig ums Maul schmierten, oder? Meint ihr, dass die Mächtigen Rücksicht auf uns „Kleine Leute“ nähmen, wenn wir sie nicht ständig mit Ermahnungen und Kritik bei Laune hielten?!?
Meine Blogs sind nicht nur eine persönliche Abkackerei sondern beinhalten auch einen Aufruf. Ich will nicht nur schreiben, sondern etwas sagen. Das eine ist die Kunst und das andere die Botschaft.
Beides liegt mir am Herzen. Es ist untrennbar. Wozu sollte Sprache sonst verwendet werden, als um Verständnis zu werben und um dem kritischen, aufgeklärten Geist zuzuarbeiten? Dies bedingt, dass man den Mund aufmachen muss, egal wo. Und wenn es nur auf den Blogs ist …
Mein Dickkopf verlangt es. Er ist ein Schatz!
"Der elektrische Reiter", 22 Uhr 35, 3sat
bonanzaMARGOT
- 06. Dez. 13, 19:22
Einer der ganz Großen starb. Es gibt nicht viele, von denen man das sagen kann. Vor allem in der Gegenwart.
Nelson Mandela kann im selben Atemzuge mit menschlichen Größen wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Albert Schweitzer genannt werden.
Er war erfolgreich in seinem Kampf gegen die Apartheid in Südafrika, gegen Ungerechtigkeit und Diskriminierung. Dies ist ein Kampf gegen eine vielköpfige Hydra, deren abeschlagenen Köpfe stets nachwachsen. Es braucht mutige und gute Menschen, um diesen Kampf auch in Zukunft beharrlich fortzuführen. Nicht mit Brutalität und tödlichen Waffen sondern mit Umsicht, Klugheit und menschlichem Gewissen.
Menschen wie Nelson Mandela lehrten uns, dass Gewalt immer nur Gegengewalt erzeugt. Man muss die Hydra der Gier, des Rassismus und der Intoleranz dort packen, wo sie wirklich verwundbar ist - und das ist die Hoffnung, dass in jedem Menschen letztlich eine gute Seele wohnt; das heißt mit gutem Beispiel voran gehen und menschlich sein, was eine urchristliche Tugend sein sollte. Aber unabhängig von Glauben, Nationalität und politischer Gesinnung gibt es diesen Geist, der alle Menschen friedvoll zusammenführen kann. Überall auf der Welt. Und er wurde von Menschen wie Nelson Mandela aufgenommen und erfolgreich weitergereicht. Weit über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus.
Nelson Mandelas wahre Lebensleistung kann ich nicht erfassen. Auch lernte ich ihn (natürlich) nicht persönlich kennen. Vielleicht ist er nur ein Wunschtraum von mir. Vielleicht lege ich in Menschen wie ihn meine Hoffnung, damit ich nicht ganz an der Welt verzweifle, wie sie leider mit Kriegen, Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten immer noch ist.
Es gibt Menschen, die an seiner Seite waren, die ihn viel besser kannten und auch besser würdigen können.
Für die Südafrikaner wünsche ich mir, dass sie nicht in alte Muster und Dummheiten zurückfallen und weiter an der Demokratisierung und an einer gerechten Gesellschaft arbeiten. Für alle Menschen, egal welche Hautfarbe sie haben. Nelson Mandela sollte sich nicht in seinem Grabe umdrehen müssen.
„Ich wusste ganz klar, dass der Unterdrücker ebenso frei sein muss wie der Unterdrückte. Ein Mensch, der einen anderen Menschen seiner Freiheit beraubt, ist Gefangener seines Hasses, er ist eingesperrt hinter den Gittern seiner Vorurteile und seiner Engstirnigkeit. (... ) Als ich die Türen des Gefängnisses durchschritt, war dies meine Mission: Zugleich den Unterdrückten und den Unterdrücker befreien.”
(Mandela in seiner Autobiographie)
(aus einem unvollendeten und unvollendbaren Brief)
...
Ich pflege, wie ich dir gesagt habe, ein Buch mitzunehmen, jedoch um nicht in ihm zu lesen. Kennst du nicht den Reiz, ein Buch zur Hand zu haben, um nicht in ihm zu lesen? Es ist köstlich. Es höchstens aufzuschlagen, ein paar Worte zu lesen und es wieder zu schließen.
...
Um die Stunde, wenn die Kühe an den Fluß zum Trinken herunterkommen, begebe ich mich zu der stillen Stelle in der Nähe der Mühle, die wie ein großer Tümpel aussieht, und sehe sie, wie sie sich im Wasser spiegeln, als wären es zwei Kühe, die einander trinken. Und da ich sie am Ufer liegend anschaue, befreit von unserer normalen Stellung des Hochaufgerichtetseins - Du wirst dich sicher erinnern, dass der Mensch, unserem Freund zufolge, nichts anderes als ein vertikales Säugetier ist -, erlangt dies alles einen merkwürdigen Eindruck von Unkörperlichkeit. Es ist, als verwandle sich die gesamte Landschaft in ein bloßes Gewand des Raumes, der Unermeßlichkeit Gottes, nach unserem Philosophen.
Und so ist es mit allen Dingen, die direkt durch die Sinne in mich eindringen: dem Rauschen des Flusses und der Blätter, dem Grün der Wiese und der Bäume, den Kühen, den Käfern, der Mühle, den Wolken; all dies dient mir als Gewand der Begriffe, die ich im Winter im Schatten der Bibliothek lernte. Es gab einen Augenblick, unlängst, in dem ich unseren Freund L., den Wissenschaftler, nicht wie einen Menschen anschaute, das heißt, nicht wie ein rationales Wesen voll von Gedanken, Affekten und Wünschen, sondern wie ein Tier, wie den Ochsen, der aus dem Fluß trinkt. Am liebsten hätte ich ihn umarmt.
...
Hast du je darüber nachgedacht, was man einen Charackter nennt? Die Menschen, von denen man sagt, sie seien ein Charakter, sind so, dass man ein ganzes Jahr über sie lachen kann, ohne aufzuhören. Ihre nahezu einzige Sorge ist es, ihrem Typus getreu zu bleiben. Denn sie haben einen Typus. Oder wie unser guter P., der Paradoxist, sagt, sie imitieren sich selbst. Und wieviele gibt es nicht von der Sorte, die nichts tun, als sich selbst zu imitieren!
...
(Miguel de Unamuno)
Viel Xaver kam hier im Südwesten nicht an. Ein strenges Lüftchen weht, das ich gestern auf der abschüssigen Straße ins Tal zu spüren bekam. Dafür ließ sich der Heimweg mit dem Wind im Rücken leichter meistern. Ich war seit längerem wiedermal mit dem Fahrrad unterwegs. Es war an der Zeit. Ich musste endlich die Flaschen zum Flaschencontainer schaffen. Danach einkaufen. In die zwei Satteltaschen passt eine ganze Menge.
Im Kaffeehaus wärmte ich mich auf. Ein älteres Ehepaar saß neben mir an der Bar. Mitte Sechzig schätze ich sie. Sie kommen immer Donnerstags am frühen Abend. Ich finde sie goldig. Ihre Augen funkeln so schön. Vor allem die der Frau. Wille und Rolf. Gestern stellten wir uns einander mit Namen vor. Ich liebe Unterhaltungen mit netten, weltoffenen Menschen. Rolf ist etwas knorrig und will immer das letzte Wort haben, aber seine Frau Wille kann gut damit umgehen. Wir beobachteten eine Geburtstagsgesellschaft und rätselten über das Alter des Jubilars sowie über die verwandtschaftlichen Verhältnisse der Gratulanten. Ziemlich schnell hatten wir raus, wer Schwiegersohn, wer Tochter, und wer die Geschwister waren. Bestimmt wurde ein runder Geburtstag gefeiert. Der Sechzigste, schätzten wir. Alles war sehr feierlich arrangiert. Sie hatten sogar einen Teil der Bar reserviert, um die eintreffenden Gäste mit Sekt zu empfangen. Der Barkeeper sagte, dass später Gans aufgetischt würde.
Nachdem Wille, Rolf und ich uns gegenseitig vorgestellt hatten, wollten wir auch den Namen des Barkeepers wissen und erfuhren, dass er Kei heißt und einen japanischen Vater hat. Kei stellte uns Erdnüsse auf die Theke. Es war ein fröhliches und unterhaltsames Zusammensitzen. Wille trank Strawberry Margarita aus frischen Erdbeeren und Rolf Pils. Wenn es nichts mehr zu sagen gab, las ich in Miguel Unamunos Essays. Rolf wurde neugierig auf meine Lektüre. Ich umriss kurz den Inhalt und verlor ein paar Worte über Unamuno, - was mir bei ihm gefällt. Ich glaube, sie waren beeindruckt. Hätte ich dagegen Bukowski dabei gehabt, hätten sie sicher gegrinst. Nächsten Donnerstag werde ich etwas von Bukowski mitnehmen, um ihre Reaktion zu testen.
Ich erfuhr, dass Wille und Rolf seit 548 Monaten zusammen sind. Sie konnten es so genau sagen, weil sie jeden Monat ihr Zusammensein feierten. Sie hatten sich in ihrer Studentenzeit kennengelernt.
„Ihr feiert bald Goldene Hochzeit“, sagte ich.
„Nein, wir sind seit 548 Monaten zusammen“, berichtigte mich Rolf.
„Ach so. Dann feiert ihr Goldenes Zusammensein.“
„Goldenes Zusammmensein gefällt mir“, lachte Wille.
Und Rolf meinte: „Bis dahin geht noch etwas Zeit hin.“
Ich rechnete schnell im Kopf: „Keine Fünf Jahre mehr.“
„Ob wir das noch erleben?“ fragte Wille.
„Sicher werden wir es erleben!“ antwortete Rolf beinahe vorwurfsvoll, als wäre es ein Unding, daran zu zweifeln.
Ich beglückwünschte die Beiden zu ihrer langjährigen Partnerschaft.
„Es ist einfach so gekommen“, sagte Wille.
Wir kamen überein, dass sich die Länge einer Liebesbeziehung nicht planen lässt. Gern hätte ich mit Wille und Rolf weiter geplaudert, aber Rolf schaute auf die Uhr und blies zum Rückzug. Wille wäre wahrscheinlich noch geblieben. Sie hatte mehr noch als ihr Mann Geschmack an unserer Konversation gefunden.
Nachdem sie gegangen waren, bestellte ich bei Kei noch ein Bier. „Nette Leute“, sagte er. „Ja“, stimmte ich zu, „trifft man nicht so oft.“ Ich redete mit Kei noch ein Weilchen darüber, an was man nette und aufgeschlossene Menschen erkennt. Er meinte, dass er sich auch schon getäuscht hätte. Nicht wenige behandelten ihn von oben herab. Anscheinend sind Rolf und Wille eher eine Ausnahmeerscheinung. Ich trank mein Bier und beobachtete die Gäste. Es kam eine Gruppe Männer an die Bar, die mich von meinem Platz verdrängten. Aber ich war nicht sauer. Ich hatte an diesem Abend zu viel Gutes erlebt.
"Der Mann, der vom Himmel fiel", 22 Uhr 25, 3sat
bonanzaMARGOT
- 05. Dez. 13, 17:55
Ich weiß, warum ich besser nicht auf Betriebsfeste gehe. Früher oder später rede ich Mist, das heißt, ich bin ehrlich. Zu ehrlich. Hier auf den Blogs ist das kein Problem. Doch mit Kollegen und Chefs wird`s brenzlig. Wenigstens erinnere ich mich noch an alles. Es kann also nicht ganz so schlimm gewesen sein. Aber an was ich mich erinnere, ist schlimm genug. Für manche sicher amüsant, mich so zu erleben. Als das Buffet eröffnet wurde, hätte ich etwas essen sollen. Stattdessen hielt ich mich an den Rotwein, der massenweise auf den Tischen stand. Ich vertrage eine ganze Menge, - gestern war es eindeutig ein Glas zu viel. Vor allem das Gespräch mit dem Heimleiter hätte ich mir besser verkniffen. Und dann war da noch ein dicker Pfarrer mit schlechten Zähnen. O je. Ich hoffe, dass die auch schon halb knülle waren. Lustig war es streckenweise. Aber ich schwöre: Es reicht wieder für die nächsten zehn Jahre. Ich bin zu alt für so was. Auch für den dicken Kopf danach.
Toiletten sind oft im Keller. Und so sehen sie manchmal aus. Ich musste es einfach fotografieren. Den Geruch dazu kann man sich vorstellen.
Oben tummeln sich die Erfolgreichen und Schönen oder die, die sich dafür halten. Man bezahlt 6 Euro für einen Longdrink und wird von Ausländern und Studenten bedient, die von 6 Euro Stundenlohn träumen.
Der Laden brummt. Hauptsache, die Fassade und das Styling stimmen; und alle kommen sich ungeheuer wichtig vor.
"An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser."
(Charlie Chaplin)
bonanzaMARGOT
- 04. Dez. 13, 11:08
Oberflächlich erscheinen mir meine Worte nach wiederholtem Lesen. Wo hört die Oberflächlichkeit auf? Jedes Eindringen in die Tiefe bringt nur neue Oberflächen hervor.
Ich höre alten Blues Rock - „Cream" - Live in der Royal Albert Hall (May 2005). Ich entschied, dass ich heute nicht mehr aus dem Haus gehe. Im Kühlschrank stehen zwei Bier und eine Flasche Ramazzotti – allerdings dreiviertel leer. Dann steht da noch seit einigen Monaten einsam und verlassen ein Four Roses Bourbon im Regal. Aus dem Nachlass meiner Eltern. Er war im Keller neben anderen Spirituosen, die meine Eltern geschenkt bekamen, gelagert. Sie tranken nur wenig Alkohol. Leider verhalf ihnen diese Tugend nicht zu einem längeren Leben. Aber sie lebten wenigstens gesünder.
Ich rief also das Altenheim an. (Ich erkläre hier nicht die Einzelheiten.) Ich hatte eine Kollegin am Apparat, die mir nur sagte, was ihr aufgetragen wurde. Es lief auf eine Erpressung hinaus …
Die Kollegin brachte es nicht übers Herz, mir die Hintergründe der Erpressung zu verschweigen.
„Tja“, sagte ich zu ihr, „dann komme ich doch lieber auf die Betriebsfeier, als eine Nachtwache zu schieben.“
„Tut mir leid“, sagte sie.
„Es braucht dir nicht leid zu tun“, sagte ich.
„Ich gebe also weiter, dass du dich auf die Feier morgen freust.“
„Ja.“
„Okay.“
„Bis morgen.“
„Tschüss!“
Wir redeten etwas mehr drumherum als hier wiedergegeben. Die Details sind uninteressant. Wie meist.
Die größte Angst, die ich habe, ist, dass man mich auf der Feier morgen fotografieren wird.
Vorsorglich werde ich meinen Colt mitnehmen. Obwohl eine Kalaschnikow bei dieser Gelegenheit sicher besser wäre.
Ich denke an Wellen, die am Strand auslaufen, an ihren Schaumkranz auf dem Sand. Am Horizont die schmale Rauchfahne eines Bananendampfers. Meine Eltern schauen mich an, während ich mich umziehe. An der Wand hängt ein Bild von ihnen, das sie mir nach ihrer Goldenen Hochzeit schenkten. Ich schaue zu ihnen rüber, als ich in die Hose schlüpfe. Ich kann gar nicht nicht hinschauen. Ich sollte das Altenheim zurückrufen. Vorhin klingelte das Telefon. Die Sonne blinzelte durch die Rollladenschlitze. Ich ließ es klingeln. Wann schlafen Nachtwachen? Diese Frage fiel mir spontan ein. Mein Herz klopfte. Ich wälzte mich im Bett hin und her. An Einschlafen war nicht mehr zu denken. Eine Stunde später klingelte das Telefon erneut. Es ist noch zu früh, dachte ich, und ließ es klingeln.
Ich laufe am Strand entlang, gerade so dicht am Wasser, dass die Ausläufer der größeren Wellen meine Füße umspülen. Gestern notierte ich: „Wir schlafen auch, wenn wir nicht schlafen. Darum erscheint uns das Leben oft wie ein Traum.“ Ich weiß, dass ich keine Ruhe bekomme, wenn ich das Altenheim nicht zurückrufe. Schattenarme umklammern mich. Die Nacht lässt mich nicht los. Die Alten lassen mich nicht los. Das Altenheim verfolgt mich. Konsterniert schaue ich auf den Bildschirm meines Computers.
...
Es gibt kein Aufwachen aus diesem Schlaf. Oder? Mir fallen die Alten ein, wie sie dem Tod entgegentreiben. Ich setze mich auf einen Stein und schaue aufs Meer. Der Bananendampfer verschwand hinterm Horizont und nahm meine Sehnsüchte mit. Jedenfalls einen guten Teil von ihnen. Dann greife ich zum Telefon und rufe das Altenheim an –
"Nader umd Simin - Eine Trennung", 20 Uhr 15, Einsfestival
bonanzaMARGOT
- 02. Dez. 13, 15:48
Die Zeit ist schneller als der Wind. Wir fliegen mit ihr durchs Weltall. Mit Geheul. Die Erinnerung ist ein Nebel, aus dem sich die Welt und die Figuren schälen. Gespenstern gleich. Die Zeit nimmt uns alles. Bis wir selbst Gespenster sind. Nur sichtbar für die, die es noch nicht sind.
Ich helfe einer Kollegin, die alte Frau zu waschen, weil ich noch Zeit habe, bis mein Bus fährt. Meine Kollegin ist eine fleißige Arbeiterin. Wir sind vollkommen unterschiedlich, und trotzdem mögen und achten wir uns. Die Bewohnerin, die wir waschen, hustet zähen Schleim ab. Sie liegt schon seit Jahren wie eine dicke Heuschrecke im Bett und wird künstlich ernährt. Kein Wort kommt mehr über ihre Lippen. Sie hustet und ächzt. Manchmal zuckt sie unwillkürlich und verdreht die Augen, als hätte sie einen Stromschlag bekommen. Der Sabber läuft aus ihrem Mundwinkel und schäumt. Sie würgt. Meine Kollegin cremt sie von Kopf bis Fuß ein wie ein Baby.
Wir ziehen ihr ein neues Nachthemd an, lagern sie, und ich schließe sie wieder an die Ernährungspumpe an. Die Pumpe surrt monoton.
Ich schaue auf die Uhr. Mein Bus kommt in wenigen Minuten. Sonntags hat er andere Fahrzeiten. Ich verabschiede mich von meiner fleißigen Kollegin. Sie bedankt sich für meine Hilfe. Wir kennen uns schon lange und kennen uns nicht.
Es ist noch dunkel. Die Straßen menschenleer. Die Menschen schlafen sich aus. Sie träumen. Ich stehe an der Bushaltestelle und blicke zum Himmel. Die Erde fliegt mit uns durchs Weltall. Wir merken es gar nicht. Es ist still. Ganz still. Ab und zu ein Auto.
Ich glaube, ich spüre etwas ... wie Liebe.
"Die unbarmherzigen Schwestern", 20 Uhr 15, Tele 5
bonanzaMARGOT
- 01. Dez. 13, 16:49
Karussell fahre ich schon lange nicht mehr, aber man kann ja zuschauen - schlürf