Montag, 16. Dezember 2013

Mehr als eine Zeitrechnung


612 Minuten, das sind 10 Stunden und 12 Minuten. Was macht man in 10 Stunden? Der Nachtdienst dauert 10 Stunden. Meist komme ich abends ein paar Minuten früher zum Dienst, um mich in Ruhe umziehen zu können, und damit die Dienstübergabe nicht so eilig abgehandelt werden muss. 10 Stunden und 12 Minuten kann ich also getrost als die Dauer meiner Nachtwache ansetzen.
Wie ich darauf komme? Ich vollführe gern solche Rechnungen, um einen Zeitraum fassbarer zu machen, den ich mir sonst schwer vorstellen kann. Denn es ging nicht um 612 Minuten sondern um 612 Monate oder 51 Jahre. Heute Abend im Nachtdienst kann ich daran denken. Jede Minute werde ich dann einen Monat älter, und wenn ich nach Hause gehe, werde ich 51 Jahre alt sein. Genaugenommen 51 Jahre und eine Nacht.
Schon verrückt: Wenn etwa alle zwei Sekunden ein Tag verginge, dann liefe meine Lebensuhr doch schon seit 10 Stunden und 12 Minuten! Ich mag solche Rechnungen. Aber richtig vorstellbar ist es trotzdem nicht, so alt geworden zu sein.
Manchmal zweifle ich daran, ob es ein und dasselbe Leben war oder nicht vielmehr einige Leben waren, die sich aneinanderreihten, bzw. ineinander übergingen. Bin ich noch das Kind von damals, der Jugendliche, der junge Mann? Diese Figuren meines Lebens sind unwiderruflich Vergangenheit. Man könnte sogar sagen, dass sie starben. Was bleibt, ist das „Ich“ mit den Erinnerungen, das staunend beim Durchstöbern alter Photos denkt: Bin ich das? Bin ich das wirklich? Wer schaut mir da entgegen? Könnte diese Person aus dem Photo heraustreten, ich glaube, sie würde in Ohnmacht fallen, wenn sie mich sähe. Nein, nicht weil ich so schlimm ausschaue, sondern weil ich ihr Opa sein könnte. Niemals dachte ich, so alt zu werden. Dabei sind 51 Jahre in einer überalterten Gesellschaft wie der unseren kein Alter. Viele Männer haben noch mal Hummeln im Arsch. Und erst mal Frauen um die Fuffzig – wow! - einige gehen ab wie Raketen!
Wie auch immer – ich bin nicht mehr der junge Mann. Eine neue Figur* nimmt langsam Besitz von mir. Wie soll ich diese Figur nennen? Ein Mann im besten Alter – lach! Es ist ja nicht so, dass man aufwacht und plötzlich ein anderer ist. Oft ist es ein schleichender und quälender Prozess, in dem sich die Identifikation ändert. Vom Kind zum Mann wurde man verhältnismäßig schneller. Nicht umsonst redet man von der Midlife-Crisis. Keine ganz einfache Lebensphase.
Uff! Heute fühle ich mich, als hingen die Jahre wie ein schwerer Rucksack an mir.
Die Sonne lacht zu mir in die Bude. Sie altert in anderen Dimensionen. Für sie ist ein Menschenleben kaum eine Sekunde. Ich kratze den Rest Schlaf aus meinen müden Augen und klopfe mir selbst auf die Schulter: „Alter Hund! Alles Gute!“


* Randnotiz: Mir fiel erst nach wiederholtem Lesen (lustigerweise) auf, dass man Figur auch anders interpretieren kann - nämlich als die körperliche Figur - die natürlich auch nicht im Verlaufe eines Lebens gleich bleibt.

Sonntag, 15. Dezember 2013

TV-Tipp:

"Kottan ermittelt", 22 Uhr 5, 3sat

ausserirdisch <2>




Speckstein (100 x 100 x 40)

Samstag, 14. Dezember 2013

TV-Tipp:

"Die Brücken am Fluss", 22 Uhr 15, RBB

Herzlichen Glückwunsch!

I remember Spliff



fickt Euch!

Die SPD feiert


Sigmar Gabriel fliegt (nicht raus, sondern er hebt engelgleich ab unter dem Applaus - ich stelle mir eine Karikatur vor: der dicke Sigmar Gabriel mit Engelsflügeln und einem Lorbeerkranz um den Kopf, auf dem SPD steht - oder so ähnlich). Gerade wurde das Ergebnis verkündet. Es fiel weniger knapp aus, als ich annahm. Ca. 76% stimmten für die Große Koalition.
Nun denn.

Statement aus der Waschküche


Die Schwerkraft und ihre Schwester Schwermut halten mich fest. Das Adergeflecht der kahlen Äste zeichnet sich auf dem matt leuchtenden Grau des Himmels ab. Kleine Tropfen glänzen an den Zweigenden wie Perlen. Es regnet seit Stunden. Das Rauschen der Autoreifen auf dem nassen Asphalt jagt mich. Die Straße zerschneidet mein Herz. Mir ist zum Schreien! Der Mensch steigt in ein Auto und verliert sein Menschsein …
Ich lenke mich ab, indem ich einer Dokumentation über das New Yorker Künstlerviertel Bushwick lausche. Ich liebe kreative Menschen und die Atmosphäre, die sie schaffen. Aber ich hasse Vernissagen. Kunst und Künstlichkeit passen in meinen Augen nicht zusammen. Kreativität und Authentizität verlieren an Boden, wenn sie zu arrangiert und aufpoliert daherkommen. Auf einer Vernissage wäre mir genauso zum Kotzen wie auf einer Betriebs- oder Familienfeier. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Ich habe ein verdammt feines Gespür dafür, wenn etwas aufgesetzt daherkommt - und reagiere im Allgemeinen darauf allergisch, indem ich Worte auskotze, nicht immer schöne Worte.
Früher oder später dreht sich alles nur noch ums Geld, und das Geld und die Menschen hinter dem Geld kaufen sich die Künstler und Kreativen. Auch in Bushwick.
Der Geist der Kunst ist mir heilig. Er bedeutet Freiheit und nicht Leistungsdruck. Er unterscheidet nicht zwischen guter und schlechter Kunst. Er gibt den Menschen eine Plattform, um sich auszudrücken, auszutoben – wonach ihnen auch immer der Sinn steht. Der Geist der Kunst atmet Anarchie aus. Er liebt die Freiheit des Wortes. Er macht die Menschen im besten Sinne menschlich.
Er ist wie die Liebe.

Die Welt ist eine Waschküche, hier und heute besonders. Ein Tag ist wie eine Rutschbahn, auf der man langsam hinunterrutscht. Abends fallen wir ins Bett, und in der Nacht klettern wir die Leiter wieder hoch. Ich fühle die Nässe, obwohl ich im Trockenen sitze. Ebenso fühle ich Wut bei manchen Nachrichten, obwohl es weit weg passiert. Ein Diktator, ein Hanswurst, im fernen Nordkorea lässt nach Gutdünken politische Gegner eliminieren. Ein anderer mächtiger Hanswurst in Russland erklärt in seinem Land Homosexuelle quasi für vogelfrei. Und das Beste: die Bevölkerung macht den Scheiß mit. Jedenfalls ein beachtlicher Teil der Bevölkerung. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht wütend werde über das, was sich auf der Welt abspielt. Manches geschieht direkt vor meinen Augen. Dann ist mein Hosenboden, auf dem ich den Tag hinunterrutsche, echt nass (oder gar aufgerissen).
Unablässig tönt das Rauschen des Autoverkehrs zu mir hoch in mein Zimmer. Ich zünde drei Kerzen an, als könnte ich damit einen guten Geist beschwören - etwas Hilfe gegen die Dunkelheit auf der Welt herbeirufen.
Die Schwerkraft und ihre Schwester Schwermut geben niemals auf. Wenn sie mich eines Tages loslassen, fliege ich zu den Sternen, weit weg von Menschen und Straßen, weit weg von Geld, Macht und Willkür, weit weg von Tag und Nacht ...

Freitag, 13. Dezember 2013

Ja oder Nein?


Morgen also werden wir erfahren, ob die SPD Mitglieder dem von ihrer Führung mit der Merkel-CDU ausgehandelten Koalitionsvertrag zustimmen oder die Große Koalition ablehnen. Die SPD Führung ist sehr zuversichtlich, allen voran Sigmar Gabriel. Ich weiß nicht, wie ich mich als SPD Mitglied entschieden hätte. Mein Bauch würde eher Nein sagen. Auf der anderen Seite: Was wäre die Alternative zu der Großen Koalition? Eine Koalition zwischen der CDU und den Grünen? Eine Minderheitsregierung der CDU? Am Ende Neuwahlen? Und wie würden die dann ausgehen? Wäre die Zeit bereits reif für eine linke Mehrheit? Ich bezweifle es. Womöglich würde die FDP knapp über 5% kommen – mit Leihstimmen der CDU - , und dann hätten wir die Fortsetzung der alten Regierung. Oder die Alternative für Deutschland käme ins Parlament, was noch scheußlicher wäre.
Es ist vertrackt. Ein echter Politikwechsel ist nur möglich, wenn sich SPD und Die Linke annähern. Vor allem die SPD muss ihre stereotypen Vorbehalte abbauen.
Pragmatisch gesehen ist die Große Koalition für die nächsten vier Jahre wohl das Beste. Wenn sich die SPD Elite von Frau Merkel vorführen lässt, ist sie selber schuld. Ich hoffe, dass sie als Koalitionspartner gescheiter agieren wird als die FDP. Spürbar mehr soziale Gerechtigkeit dürfen wir Bürger kaum erwarten, aber wenigstens keine wesentlichen Verschlimmerungen. Die Frage ist, wie sich die SPD in dieser Regierung profilieren wird, um bei den nächsten Wahlen zu punkten. Unter einer Regierungschefin Merkel, deren Beliebtheit ungebrochen hoch bei den Bürgern und Bürgerinnen ist, wird es nicht einfach sein. Vernünftiger wäre es meiner Meinung nach aus SPD Sicht, wenn sie sich als starke Opposition von der Merkel-CDU abgrenzen könnte.
Schön, wenn Bauch und Kopf einer Meinung sind. Aber ich bin ja kein SPD Mitglied.
Sigmar Gabriel will das Ergebnis des Mitgliedervotums morgen am späten Nachmittag verkünden.
Es darf noch gewettet werden.
Ich schätze, es geht knapp für eine Große Koalition aus.

Donnerstag, 12. Dezember 2013

ausserirdisch




Speckstein (100 x 100 x 40)

Mittwoch, 11. Dezember 2013

4:1


Es lief darauf hinaus, dass ich mich für mein unangemessenes Verhalten auf dem Betriebsfest entschuldigen sollte. Darum extra eine Besprechung. Man sagte mir vorher nicht, worum es gehen würde. Ich war der Gegenstand – mehr musste ich nicht wissen - den Rest konnte ich mir denken. Aber natürlich grübelte ich Tag und Nacht und malte mir aus, wie ich den Chefs am Besten meine Meinung sagen könnte.
Als ich kam, lag Nebel um den Bergkamm, wo das Altenheim steht. Ich glaube, sie warteten schon auf mich. Oberchef und Chef begrüßten mich sogleich.
„Haben Sie den Nebel mitgebracht?“ fragte der Oberchef.
„Nein.“ Pause. „Ich glaube, es wird deutlich, wie hoch das Altenheim doch liegt.“
Ich sollte schon mal vorgehen. Kein Problem. Es gab sowieso kein Zurück mehr.
Kurze Zeit Später saßen wir da.
4:1.
Der Oberchef, der Chef (respektive Heimleiter), der Pflegedienstleiter, ein Kollege von der Mitarbeitervertretung und ich – der Gegenstand.
Ich will hier nicht auf die Einzelheiten des Gesprächs abheben. Logischerweise befand ich mich in der Defensive. Die meiste Kritik an meinem Verhalten brachte der Heimleiter vor. Ich wollte nicht widersprechen. Erst als angemerkt wurde, dass einige Kollegen und Kolleginnen (angeblich) äußerten, sie hätten an jenem denkwürdigen Abend Angst vor mir gehabt, bzw. ich hätte sie angeblich verbal beleidigt, kräuselte sich meine Stirn. Sie kräuselte sich erheblich …
Sogar der Kollege von der Mitarbeitervertretung, der gar nicht auf dem Fest war, bestätigte die Aussagen meiner Chefs. (Sie nannten freilich weder die Namen der Kollegen oder Kolleginnen, die sich von mir dumm angemacht fühlten, noch sagten sie mir um welche Beleidigungen es ging. Ich sollte also mehr oder weniger zugeben, dass ich betrunkener Weise all diese Sachen, die sie nicht nannten, sagte - was aber selbst dann, wenn ich betrunken bin, nicht mein Stil ist.)
Darum 4:1. Das war die Lage. Ich hatte kaum Zeit, mir irgendeine Strategie auszudenken. Offensichtlich war ich mir nicht klar darüber, wie ich auf meine Mitmenschen wirke, wenn ich dann mal so bin, wie ich bin. Also ohne Maske. Alkohol hin oder her. Mir blieb nichts anderes übrig, als diese Farce bzw. dieses Spiel mitzumachen. Ich konnte weder leugnen noch zugeben, was mir vorgeworfen wurde. Da ich ein netter Mensch bin – wirklich! - entschuldigte ich mich bei der (neuen) PDL und dem Heimleiter. Danach war die Geschichte auch für den Oberchef gegessen.
Sie meinten, ich müsse nun meinen Ruf im Altenheim wiederherstellen … hmmm …, also gegenüber meinen Kollegen und Kolleginnen. Nicht gegenüber den Alten. „Gott sei Dank erlebte sie keiner der Bewohner so“, sagte der Heimleiter noch.
Man kann die Heuchelei auf die Spitze treiben. Ich glaube an mich. Und ich glaube, dass niemand vor mir wirklich Angst haben muss. Die Alten am wenigsten.
Die neue und die alte PDL, der Kollege von der Mitarbeitervertretung und ich standen nach dem Gespräch noch eine kleine Weile auf der Terrasse im Nebel. Sie rauchten. Ich wünschte der alten PDL einen guten Ruhestand …
Ich lief hinunter zur Bushaltestelle.

Inzwischen überlegte ich mir, dass ich zur Entschuldigung zwei Pralinenschachteln kaufe, eine für jede Station, dazu eine Karte, auf der ich mich für mein unmögliches Benehmen auf dem Betriebsfest entschuldige. Ich bastele noch an dem genauen Wortlaut.
Ach ja, und was die Pralinen angeht – Arsen?

Mittwochs-Weisheit

Ich gehe nie wieder auf ein Betriebsfest.

Dienstag, 10. Dezember 2013

Abseits


Lichtjahre gehimmelt
Luftwochen verflogen
Wassertage durchschwommen
Steinstunden besessen.

Sonntag, 8. Dezember 2013

Aus "Die Pflicht und die Pflichten" v. Miguel de Unamuno


...
Gibt es denn etwas Schrecklicheres als eine Idee? Der Leser hat wahrscheinlich noch nie darüber nachgedacht, was es bedeutet, wenn man von einem sagt, eine Idee habe sich ihm in den Kopf gesetzt. Was in der Mehrzahl der Fälle nichts anderes bedeutet, als den Kopf in eine Idee zu versetzen. Und ein Mensch, der darauf verfällt, einer dieser Ideenmenschen, ist schrecklich. Das sind die Menschen des wildesten, des kalten Fanatismus. Der wiederum ist der disziplinierte und gehorsame Fanatismus.
Denn es gibt tatsächlich das, was wir kalte Leidenschaft nennen könnten. Ja sogar eiskalte. Und eine dieser kalten Leidenschaften ist die der großgeschriebenen PFLICHT.
Gott möge uns dagegen unreine, unphilosophische, sentimentale, anekdotische und nicht kategorische Menschen geben, mit denen wir Umgang haben können, mitleidige und nicht gerechte, Träumer, Sorglose, wenn man will, wenig bis gar nicht diszipliniert im absurden militärischen Sinn der Disziplin, aber wirklich diszipliniert im anderen Sinn, im Sinne der Disziplin des „discipulus“*, des Jüngers, der von Herzen und aus eigenem Antrieb die Meisterschaft – des Meisters – fühlt, denn die wahre Disziplin oder „discipulina“** erfordert Meisterschaft und nicht Autorität. Gott möge uns Menschen mit einem feinen Gespür für ihre Pflichten, jedoch keinerlei Verständnis für die großgeschriebene PFLICHT schenken. Und aus der Philosophielosigkeit dieser Menschen und der Unreinheit ihrer Seelen wird eine lebendigere Philosophie entstehen, eine Philosophie, die keinen Platz hat in Systemen logischer Begriffe.


(Miguel de Unamuno)

* discipulus - auch Schüler, Lehrling
** discipulina - Unterricht, Lehre

ein literarisches Tagebuch

Kontakt



User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

deine Gedanken und Geschichten
und nicht ein einziger Kommentar darunter ist schon...
kontor111 - 30. Jan, 10:18
alien-lösung? da ging...
alien-lösung? da ging was an mir vorbei. ist aber eh...
bonanzaMARGOT - 17. Nov, 13:08
richtig. ich dachte nur,...
richtig. ich dachte nur, dass ich es meinen lesern...
bonanzaMARGOT - 17. Nov, 13:05
Wo ist denn das Problem?...
Wo ist denn das Problem? Durch die „Alien-Lösung” von...
C. Araxe - 7. Nov, 22:06
Wenn du ohnehin eine...
Wenn du ohnehin eine neue Blogheimat gefunden hast...kann...
rosenherz - 2. Nov, 13:51
Liebe Leser(innen)
Dieser Blog ruht fortan. Leider ist die Resonanz hier...
bonanzaMARGOT - 02. Nov. 19, 13:39

Archiv

März 2026
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
 
 
 
 
 
 
 
 

Neues in boMAs prosaGEDICHTE-Blog

Suche

 

Extras



prosaGEDICHTE (... die Nacht ist gut für die Tinte, der Tag druckt die Seiten ...)

↑ Grab this Headline Animator


Von Nachtwachen und dicken Titten

↑ Grab this Headline Animator



Status

Online seit 6767 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 30. Jan, 10:18