" Zerrissene Umarmung", 22 Uhr 25, 3sat
bonanzaMARGOT
- 28. Nov. 13, 16:54
Eine meiner ersten Amtshandlungen im Nachtdienst ist das Abreißen der Tage vom Abreißkalender. Wir haben jeweils einen auf jedem Stockwerk hängen. Drei also.
Was wollte ich schreiben? Ach ja, die Dinger sind riesig, und es steht auf ihnen jeden Tag in großer Schrift, so dass sogar Blinde sie lesen können, ein dämlicher Spruch, oft ein christlicher oder eine Binsenweisheit. Den Kalenderspruch vom Dienstag notierte ich mir: „Genießt ein Jüngling ein Vergnügen, so sei er dankbar und verschwiegen.“ (Von einem gewissen Friedrich von Hagedorn.) Ich lese den Spruch kurz durch, reiße das Kalenderblatt ab, das etwa DIN A 2 Format hat, zerknülle es und werfe es in den nächsten Papierkorb. (Es fällt natürlich daneben.) Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Mal überlegen …
Ach ja, mit solchen Blödheiten beginnt mein Nachtdienst. Keine Ahnung, ob die Sprüche außer mir noch jemand liest. Ich kann`s mir kaum vorstellen.
„Und was gilt für die Vergnügungen von alten Säcken?“ frage ich mich. Egal.
Es ist gefühlte 200 Jahre her, als ich einmal vergaß, eines der Kalenderblätter abzureißen. Meine Chefin polterte deswegen am Morgen los: „Leben wir im Gestern?!“ … „Seid ihr zu dumm zum Abreißen von Kalenderblättern?!“ (Damals waren wir noch zu zweit in der Nachtwache.)
Was ich damit sagen will … Ja, was?
Ach so, Stirnklatsch! Ich bin seit diesem morgendlichen Anschiss meiner Chefin traumatisiert. Niemals wieder vergaß ich seitdem das Abreißen der Kalenderblätter. Eher würde ich alle anderen Arbeiten vergessen. Sogar meinen Kopf. Es kam vor, dass ich im letzten Moment, bevor meine Chefin die Station betrat, zum Abreißkalender hechtete (olympiareif), das Kalenderblatt abriss, zusammenknüllte und in meinen Mund schob, weil die Zeit nicht mehr reichte, es anderswo verschwinden zu lassen. Uff!
„Genießt ein Jüngling ein Vergnügen, so sei er dankbar und verschwiegen.“ Was soll einem dazu in einem Altenheim einfallen? Meine Gehirnwindungen kriegen beim Lesen eine spastische Lähmung. Wenigstens konnte ich den Spruch noch notieren. Und darum wisst ihr jetzt davon.
"Die Geburt ist ein natürlich traumatisches Ereignis, welches einem ein Leben lang nachgeht; darum ist es, glaube ich, ganz gut, dass man sich nicht daran erinnert."
(bonanzamargot sinnierend an der Bushaltestelle, und der Bus kommt nicht)
bonanzaMARGOT
- 27. Nov. 13, 17:27
"Menschen bei Maischberger - Schluss mit dem käuflichen Sex: Kann man Prostitution verbieten?", 22 Uhr 45, Das Erste
bonanzaMARGOT
- 26. Nov. 13, 16:25
...
Was war denn Sokrates anderes als ein Müßiggänger? Es ist uns kein einziges Zeugnis einer Skulptur bekannt, die er hinterlassen hätte, obwohl er doch Bildhauer war. Und wenn er nichts geschrieben hat, so nehme ich an, dass dies auf seine Bequemlichkeit zurückzuführen ist, weil er sich nicht die Mühe nehmen wollte, zur Feder zu greifen. Die Zeit, die er aufs Schreiben hätte verwenden können, verwandte er darauf, durch die Straßen zu schlendern auf der Suche nach dem nächstbesten Jüngling, mit dem er über Gott und die Welt plaudern konnte. Wenn er heutzutage lebte, würdet ihr ihm bestimmt in irgendeinem Café beim Klatsch mit anderen Müßiggängern seinesgleichen begegnen. Und wie viele Sokrates sterben wohl, ohne dass wir von ihrer enormen Leistung hören, weil ihnen ein Plato oder Xenophon fehlt, die ihn uns schriftlich erhalten würden!
Ein Schriftsteller, der zu Geld gekommen ist mit ein paar Stückchen der leichten Muse, in denen sich mehr oder weniger witzige Witze aneinanderreihen, sagte einmal von einem armen Bohémien, der im Elend starb, er sei "ein Nichtsnutz gewesen"; dabei hatte er die meisten Witze, die ihm zu seinem Ruf und seinem Geld verholfen hatten, von jenem, dem Verschwender, dem Nichtsnutz, gehört. Sowas soll öfter vorkommen.
Überall, aber vor allem dort, wo das Fieber der Geschäftemacherei verheerende Wirkungen zeigt, muss man lernen, Achtung vor den Müßiggängern zu haben. Sie sind es deshalb, damit sich andere den Genuß des Arbeitens leisten können.
(Miguel de Unamuno)
"Nokan - Die Kunst des Ausklangs", 23 Uhr, RBB
bonanzaMARGOT
- 24. Nov. 13, 14:25
Wie oft habe ich mir schon überlegt, meinem Chef die Meinung zu geigen und dabei meinen Job zur Disposition zu stellen. Sogar an der Wortwahl feilte ich in Gedanken. Gestern klingelte das Telefon, und ich nahm nicht ab. Heute Morgen wieder, und diesmal griff ich zum Hörer, wohl wissend, worum es gehen wird. Ich sollte einspringen. Eine Kollegin ist krank. Nach kurzem Zögern sagte ich zu. Ich hatte zwar eine ganze Nacht Zeit, um mir eine Ausrede zurecht zu legen, warum es mir unmöglich sei, heute Abend einen Nachtdienst zu schieben …, aber so was liegt mir einfach nicht. Ich hätte ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Kollegen gehabt und den freien Tag nicht wirklich genießen können. In der Nacht träumte ich vom Altenheim, und es war nicht angenehm. Jetzt fluche ich an diesem sonnigen Totensonntag leise vor mich hin: Scheiße! Bereits das zweite Mal innerhalb einer Woche springe ich ein. Der Tag ist futsch! Das Hin und Her geht mir gehörig auf den Geist! Die Nachtdienste sind anstrengend und nervenaufreibend. Ich brauche jeden verdammten Tag, um mich von ihnen zu erholen. Darum arbeite ich bewusst nur 70%.
Ich warte auf den Tag, an dem aus mir herausplatzt, was ich mir oft im Geiste zurecht lege – wie ich den Job hinschmeiße und gegenüber meinem Chef ordentlich Druck ablasse. Etwa so, wie ich es vorgestern bei der Dame hinter Schalter 2 des Reisezentrums machte. (Badamm! Mitten zwischen die Augen!)
Warum hänge ich so sehr an dieser Arbeitsstelle? Als Altenpfleger wäre ich sicher nicht allzu lange arbeitslos; und ich könnte mir zur Zeit die drei Monate finanziell leisten, bis ich Arbeitslosengeld bekomme. Ich könnte mir sogar ein ganzes Jahr Auszeit gönnen. Wovor habe ich Angst? Wäre es nicht eine Erlösung? Außerdem geht es um meine Gesundheit. Offensichtlich ist das Altenheim, obwohl ich mich häufig über die Arbeitsbedingungen aufrege, so was wie ein Haltepunkt in meinem Leben, der mir Sicherheit, Wertschätzung und soziale Kontakte gibt. Ich müsste andere Wege einschlagen und auf diesen Wegen erst das Gehen lernen. Wichtig wäre auch, überhaupt eine andere Perspektive zu haben!
Die Sonne scheint in meine Bude, doch in meinem Kopf bleibt es düster. Ich grübele vor mich hin, als könnte ich eine Lösung herbei denken. Heute Abend werde ich wieder funktionieren, und morgen früh wird man mir danken, dass ich einsprang; und ich werde froh sein, weil ich Feierabend habe und wieder einen Nachtdienst schaffte. Hinterher überwiegen die Erleichterung … und die Müdigkeit. Ich werde die Morgenluft einsaugen und den Mond suchen, hinunter zur Bushaltestelle schreiten und mich bei den Wartenden einreihen, die zur Schule und zur Arbeit fahren. Ich werde wie immer im Bus neben der Lehrerin sitzen, die in einer Behindertenschule arbeitet, und sie wird mich fragen: „Ich habe Sie erst Dienstag erwartet?“ Und ich werde antworten: „Ich hatte es im Gefühl, dass ich einspringen muss.“ Und sie wird sagen: „Ja, das sagten Sie das letzte Mal.“ Und ich werde sie nach ihrem Wochenende fragen, und dann werden wir wie so oft über die beschissenen Arbeitsbedingungen in unseren Berufen reden.
In der Altstadt kaufte ich mir coole Winterstiefel (die ich gleich an den Füßen behielt) und ging ins Coyoté ein Bier trinken. Es regnete. Es regnete schon den ganzen Tag. Man kann im Coyoté auch günstig essen – American Fastfood. Aber ich aß dort noch nie. Ich mag die gemütliche Atmosphäre, die Bedienungen, und dass fast immer ein Platz an der Bar frei ist. Ich saß etwas verloren herum und schaute durch das Fenster auf die Hauptstrasse und die Fußgänger. Es dämmerte bereits.
Kurzentschlossen nahm ich den Bus zum Hauptbahnhof. Ich wollte mir beim Ausfüllen des Fahrgastrechte-Formulars helfen lassen. Als die Bahnbedienstete mir vorrechnete, dass ich keinen Rückerstattungsanspruch hätte, weil 25% vom halben Fahrpreis meiner Hin- und Rückfahrt nach Frankfurt (das ist der Wert, den man bei Verspätungen ab 60 Minuten geltend machen kann) unter fünf Euro lägen, aber dummerweise nur Beträge ab fünf Euro ausbezahlt werden, rastete ich aus. Zudem bezichtigte sie mich auch noch falscher Angaben. Ich griff in meine Umhängetasche, holte den Colt hervor und drückte einmal gezielt ab – zwischen ihre Augen. Es war ziemlich unspektakulär. Sie blieb einfach mit aufgerissenen Augen und offenem Mund sitzen. Die anderen Schalterbeamten sahen nur kurz zu uns herüber. Allem Anschein nach war man solche Ausfälle gewohnt. Im Weggehen sagte ich: „Viel Spaß noch in Ihrem Beruf, Lady!“ Kein Mensch hielt mich auf.
Ich steuerte auf direktem Wege das Bahnhofsrestaurant Zapato an. Mein Stammplatz an der Bar war von zwei jungen Geschäftsleuten belegt. Ich überlegte, ob ich die auch umnieten sollte, weil - mir war gerade danach. Aber ich wollte lieber in Ruhe mein Bier trinken und setzte mich auf einen Hocker an einem Stehtisch. Der Kellner grinste mich derart oberschwul an, dass ich beinahe das Bier ins Glas zurück gekotzt hätte. Nein, ich habe nichts gegen Schwule. Nicht direkt. Auch nichts gegen die Bediensteten im Reisezentrum – die machen nur ihren Job. Aber ich bin auch nur ein Mensch mit Nerven. Also griff ich erneut nach dem Colt in meiner Umhängetasche (nachdem ich bezahlt hatte) und schoss dem oberschwulen Kellner in den Arsch. Ich glaube, er grinste daraufhin noch breiter, doch das sah ich nicht. Ich eilte durch die Bahnhofshalle, schielte nach links zum Reisezentrum, wo die Lady immer noch mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen hinter Schalter 2 saß. Beim Chinesen besorgte ich mir China Nudeln mit Gemüse zum Mitnehmen. Eigentlich war es noch zu früh für die Heimfahrt. In Bahnhofsnähe befindet sich eine Café-Bar. Ich ergatterte einen Platz an der Bar. Die Bedienung, die ganz alleine die Suffköppe versorgte, erinnerte mich an Liz Taylor, als sie noch bessere Tage hatte. Der Chef, ein fetter Pakistani mit Schnäuzer, stand wichtigtuerisch an der Bar herum. Liz Taylor kam indes kaum der Arbeit hinterher. Die Gaststube war verqualmt. Es saßen fast nur Kretins herum, die noch nie Gehirnzellen zum versaufen hatten. Ich beeilte mich mit dem Trinken und gab Liz Taylor ein ordentliches Trinkgeld. Im Rausgehen jagte ich dem widerlichen, pakistanischen Chef eine Kugel in seinen fetten Wamst.
Die Nacht blendete mich. Mit den neuen coolen Stiefeln an den Füßen flitzte ich hinüber zum Taxistand. Es regnete immer noch, und ich wollte nicht nass werden.
"Herzen", 23 Uhr 40, WDR
bonanzaMARGOT
- 23. Nov. 13, 10:29
Die Besten gelangten nicht immer an die Spitze, weder in der Literatur noch in der Musik, der Malerei, beim Film, in der Politik oder sonstwo. Das war in der jahrhundertelangen Geschichte der Menschheit nichts Neues.
(Buk)
bonanzaMARGOT
- 22. Nov. 13, 16:20
manchmal lasse ich mich nur von meinen Augen tragen