Jeder Schrank, jede Schublade überladen mit Dingen und Klamotten. Bei der Durchsicht des Hauses wurde mir bewusst, wie altersgebrechlich meine Eltern bereits seit Jahren gewesen waren, - wie viel Kram sich angesammelt hatte. Wahrscheinlich würde nur eine Entrümpelung helfen. Ich kam zum ersten Mal seit ihrem Tod ins Elternhaus. Der Vertrag mit dem Makler musste unterschrieben werden. Alles in dem Haus wirkte noch vertraut – aber auch wie aus einer anderen Welt.
Photoalben voller Bilder aus der Vergangenheit. Ich wollte sie mir noch nicht anschauen. Vielleicht würden sich Unterschiede zu meinen Erinnerungen ergeben, oder es würden längst verschüttete Erinnerungen wachgerufen …
Das Haus bedeutete die Welt meiner Eltern. Es war ihr Dreh- und Angelpunkt während der letzten Jahrzehnte. Unter der Oberfläche war diese Welt längst in Unordnung geraten. Meine Eltern wahrten die Fassade. Ihr Stolz und ihre Ängste nahmen ihnen die Sicht auf die unabwendbare Realität des Alterns und der damit zusammenhängenden Konsequenzen. Ich kann sie verstehen. Ich verstehe, dass sie sich an ihre kleine Welt klammerten und bis zuletzt hofften, sie würde noch eine Weile halten.
Es ist das Haus meines Großvaters. Als wir einzogen, war ich bereits Teenager. Ein wirklicher Hort der Geborgenheit wurde es mir nicht. Als der Makler über den Verkauf sprach, spürte ich keine Wehmut. Ich wünsche mir, dass sich schnell ein Käufer findet. Damit Gras über alles wachsen kann. Ein paar Erinnerungsstücke und für mich brauchbare Sachen werde ich mitnehmen. Nicht mehr als eine Kiste voll.
"Hotte im Paradies", 22 Uhr, Einsfestival
bonanzaMARGOT
- 11. Mai. 13, 16:50
bonanzaMARGOT
- 10. Mai. 13, 14:46
Es ergab sich an einem kühlen Maitag, er sah gerade „How I met your mother“ im Vormittagsprogramm, als ihm ein Gedanke durch den Kopf schoss, der mit all den anderen Gedanken gar nichts zu tun hatte – als käme er aus der „Oortschen Wolke“ seines Kopfes, wenn man den dem Sonnensystem gleichsetzte. Der Gedanke raste kometenhaft auf sein Bewusstsein zu, bis er nicht mehr wegzudenken war. „Ich bin zu faul zum böse sein“, dachte er. Der Einschlag dieses Satzes auf sein Bewusstsein war gewaltig. Er nahm von der Außenwelt nichts mehr wahr. Sie rückte weit weg. Sogar „Two and an half men“ hätte ihn nicht ablenken können. Ein ganzer Wust an Überlegungen wurde initiiert:
„Ich bin zu faul zum böse sein. Wie wahr! Alle meine Exfreundinnen leben noch. Einen harmloseren Menschen wie mich kann ich mir gar nicht vorstellen. Das war schon immer mein Problem. Darum wurde aus mir nichts gescheites. Selbst Lügen sind mir zu anstrengend. Und es ist absolut notwendig zu lügen, wenn man etwas erreichen will. Ich bin ein fauler Hund. Am Liebsten würde ich in der Ecke liegen, die Tage verträumen und mir ab und zu das Fell streicheln lassen. Gut, dann und wann würde ich aufstehen, mich schütteln und in die Welt hinaus bellen, einfach um mal loszuwerden, was mir durch den Kopf geht. Warum wurde ich nicht als Hund geboren? Aber im Ernst: ich frage mich schon lange, was mich von meinen Mitmenschen unterscheidet.“
So grübelte er vor sich hin und vergaß darüber die Zeit. Vielleicht vergingen Stunden oder gar Tage, Monate, Jahre … Es war nicht wichtig. Er hatte eine Erklärung gefunden. Für alles. Jedenfalls aus seiner Sicht.
„Wissen Sie was?“
„Hm?“
„Wäre da nicht der große Altersunterschied, würden wir gut zusammenpassen.“
Ich grinste sie verlegen an. Die kleine 90jährige Greisin lachte herzhaft. Sie saß auf der Bettkante und ich war vor ihr in die Hocke gegangen, um ihr die Bettsocken anzuziehen.
„Stimmt“, sagte ich, „es ist schön, wenn man sich in der Gegenwart von einem Menschen wohlfühlt.“
„Das ist wahr!“ Die alte Dame kicherte immer noch vergnüglich. Ich fand sie zum Knuddeln. Sie hat zwar wie alle Alten ihre Malessen, über welche sie immer wieder klagt, aber im Oberstübchen tickt sie schon noch richtig. Ihr größter Kummer ist sowieso die Einsamkeit.
Nicht mit allen Altenheimbewohnern kann sich solch ein warmherziges Verhältnis ergeben. Tja, wäre sie 50 Jahre jünger …
Ich richtete mich auf. Mein Piepser tönte – ein anderer Bewohner benötigte meine Hilfe.
„Vergessen Sie nicht Ihre Dose!“ meinte sie zum Abschied. Ihr ist es zur Angewohnheit geworden, mir Kekse in einer kleinen Blechdose mitzugeben. "Als Proviant für die Nacht, und damit Sie an mich denken."
Oft esse ich gar keine ihrer Kekse. Beim letzten Rundgang betrete ich dann vorsichtig und leise ihr Zimmer und stelle die Dose zurück auf ihren Platz.
Der Urwald vorm Fenster wuchs. Ich sehe nur noch durch Lücken hinunter auf die Straße. Heute ist ein himmlischer Frühlingstag …, wäre ich nicht müde vom Nachtdienst, und hätte keinen mehr vor mir ... Ich reiße das Fenster auf und lasse die Frühlingsluft herein, leider damit auch den Verkehrslärm. Ein leichter, angenehmer Wind weht. Die Vögel zwitschern munter. Auch wenn ich nicht ganz in dieses Frühlingswunder eintauchen kann, will ich meine Seele dafür öffnen – "vom Beckenrand aus" sozusagen.
Im Altenheim sterben die Alten – was nicht ungewöhnlich ist. Die Reihe des Todes wird nie abreißen. Nur weiß man selten genau, wer als nächstes drankommt. Ich spüre die Angst bei den Altenheimbewohnern, wenn wieder einer aus ihrer Mitte gerissen wurde. Auch mich lassen die Schatten des Todes nicht kalt … Immer nur funktionieren müssen – das kotzt mich an! Den Altenheimbetreiber interessiert in der Hauptsache die Belegungsbilanz. Trotz der weiteren krankheitsbedingten Ausfälle unter den Pflegekräften wird nicht für Ersatz gesorgt. Man sagt: Es sind zu viele Zimmer frei – das können wir uns nicht leisten. Und die Mitarbeiter resignieren und/oder melden sich krank …
Ich will versuchen, bis zum Urlaub durchzuhalten.
"Forbidden Voices", 22 Uhr 55, ARTE
bonanzaMARGOT
- 07. Mai. 13, 15:32
Eine kalte Hand greift nach meinem Herzen. Ich wollte, ich wäre schon auf der Strecke. In der Wärme des Tages unter freiem Himmel. Gedanken an Alter und Tod abschüttelnd. Jeder Atemzug ein köstliches Geschenk. Eintauchend in fremde Landschaften. Vom Wind gestreichelt.
Heute Vormittag 10 Uhr begann der NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht in München. Auf Phoenix laufen zahlreiche Berichte dazu. Es bleibt ein Rätsel, wie das NSU-Trio über 10 Jahre lang die zahlreichen Verbrechen und Morde in der ganzen Republik verstreut begehen konnte, - unbehelligt von den Strafverfolgungsbehörden, offensichtlich unterstützt von einem ganzen Netzwerk von Sympathisanten, obwohl vom Verfassungsschutz beobachtet …
Es ist zu hoffen, dass der lange und schwierige Prozess noch etwas Licht ins Dunkel bringt.
Für die Angehörigen der Opfer ist zu hoffen, dass ihnen der Prozess bei der Aufarbeitung ihres Traumas hilft, dass ihr Leid und ihre Geschichten angehört werden.
Und für die Angeklagten ist zu hoffen, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt.
Meiner Meinung nach waren diese ungeheuerlichen Vorgänge nur in einer Gesellschaft möglich, wo in weiten Teilen der Bevölkerung eine latente Ausländerfeindlichkeit herrscht oder wenigstens Vorurteile gegenüber Ausländern bzw. Bürgern mit Migrationshintergrund bestehen. Anscheinend gibt es gerade im Osten Deutschlands ein hohes Potential an Rechtsextremismus.
Und die Ermittlungsbehörden müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, auf dem rechten Auge blind gewesen zu sein. Sie handelten nach der Devise: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.
Begleitend zum Prozess sind die gesellschaftspolitischen Hintergründe dieses Rechtsterrorismus zu eruieren. Hierbei stehen Medien und Politik in einer hohen Verantwortung.
- Eintritt frei - die Jungs von
"The Hamburg Blues Band" spielten klasse auf! Die Atmosphäre im Bahnhof tat ihr Übriges. Der Gig fand auf der Brücke über den Gleisen statt, während der ganz normale Zugverkehr ablief.