Samstag, 2. März 2013

Der Himmel hat es leichter


Irre, die Sonne scheint! Gefühlt das erste Mal in diesem Jahr. Sie scheint aber auch so richtig, - dass mich das Licht blendet. Die Augen sind noch klein nach dem Nachtdienst. Scheußlich, wie alt man im Sonnenlicht aussieht. Und erst die Wohnung – an solchen Tagen verstehe ich den Sinn des Frühjahrsputzes. Einen Putzfimmel würde ich bestimmt nie kriegen, aber es ist ein gutes Gefühl nach einer Grundreinigung. Ich fühle mich wie ein Wald nach einem Waldbrand, der noch dampft. Der Himmel hat es leichter. Er glänzt wie ein Affenarsch, als hätte es die düstere Zeit nie gegeben.
Die nächsten Tage vielleicht. Neben Beerdigung und Betriebsarztbesuch. Putze ich halt mal durch.
Ich freue mich auf die Fahrradzeit und Biergartensaison, wenn es im Freien wohnlich wird. Immer diese Wände um einen herum machen mürbe. Wenn ich an die Altenheimbewohner denke, die so gut wie nie raus kommen … Manche wollen gar nicht mehr raus, als fürchteten sie sich vor der frischen Luft.
Die letzten Schneereste schmelzen, - funkeln in der Sonne. Die Natur erwacht. Vogelgezwitscher. Langsam kehren auch in mir die Lebensgeister zurück. Der Druck im Schädel lässt nach. Ich warte auf mehr.

Freitag, 1. März 2013

TV-Tipp:

"Pollock", 3 Uhr 45, ProSieben

Rechnungen zur Genesung der Seele


Wenn man mich rund 3.539.444-mal aufeinander stellte, käme man auf die Strecke zum Erdmittelpunkt. Wie groß bin ich?
Beschissen klein – jedenfalls im Vergleich zum Erdradius.
Man müsste ca. 41 Tage lang Sekunden zählen, um auf denselben Faktor zu kommen. In Stunden gezählt 404 Jahre. Diese Rechnung ging mir heute Nacht durch den Kopf, als ich zwischendurch aufwachte. Ich wollte mir die Größe der Erdkugel verdeutlichen – wie winzig wir Menschen darauf sind. Zum Vergleich auch: auf dem Kopf haben wir nur etwa 100.000 Haare. Die Einwohnerzahl Berlins würde halbwegs passen.
So klein sind wir Menschen – und machen so viel Wind! Gerade läuft auf Phoenix eine Bundestagsdebatte. Man glaubt nicht, was es alles zu regeln gibt. Wir wuseln kleiner noch als Ameisen über die Erdoberfläche und sind mit furchtbar wichtigen Dingen beschäftigt. Schätzungsweise sind wir für die Erde nichts anderes als lästige Mikroben oder Krätze-Milben. Nur kann sich die Erde mangels Gliedmaßen nicht kratzen. Sie hätte uns sonst sicherlich schon herunter gekratzt.
Landläufig heißt es ja „abkratzen“, wenn man sein Leben verliert. Übrigens kratzen jeden Tag weltweit ca. 150.000 Menschen ab, und etwa doppelt so viele werden geboren.
7.000.000.000 Seelen zählen wir inzwischen auf der Erde. Ich rechne weiter: wie weit käme man, wenn man alle aufeinander stellte? Ich nehme eine Durchschnittsgröße von einem Meter an. Kinder sind schließlich auch dabei. Immerhin wären das stolze 7.000.000 Kilometer! Zum Mond kämen wir mit diesem Menschenturm 10-mal hin und zurück. Und zum Erdmittelpunkt reichte er gar über 500-mal hin und zurück. Ich hoffe, mir unterlief kein Rechenfehler. Die Werte sind überschlägig erstellt und gerundet.
Solche Rechnungen verdeutlichen mir die Dimensionen des Menschen. Er ist nicht nur winzig klein, er verliert sich zudem in der Masse seiner Mitmenschen. Der einzelne Mensch bewegt sich in der Größenordnung von nicht mehr als einer Sekunde in 222 Jahren gemessen an der gesamten Weltbevölkerung.
Und hier sitze ich Menschlein an meinem Computer und stelle solche aberwitzigen Überlegungen an. Zum Totlachen.
Apropos: Mich würde interessieren, wie es sich anhörte, wenn alle Menschen auf der Erde zum selben Zeitpunkt anfingen zu lachen … Sagen wir fünf Minuten lang. Das wäre doch mal ein Event! Durch das Internet und Massenmedien wie TV sollte es zu organisieren sein. Es würde beweisen, dass die Menschheit als Ganzes Humor besitzt, und es wäre bestimmt friedensstiftend.

Donnerstag, 28. Februar 2013

TV-Tipp:

"The Royal Tenenbaums", 22 Uhr 25, 3sat

It`s all over now Baby Blue




... ich liebe diesen Song.

Im Bann des Todes


Ich traf Klaus auf dem Weg ins Kaffeehaus. Er kam gerade vom Kaffeehaus. Als ich ihm vom Tod meines Vaters berichtete, ging er noch mal mit. Dafür spendierte ich ihm ein Baby-Weizen.
Klaus ist Anfang Sechzig und steuert auf die Rente zu. Er erzählte mir von einem Vortrag in der Stadtbücherei, der ihn sehr betroffen machte: Sven Kuntze (Journalist im Ruhestand und Buchautor) redete über das Altern. Wer wünscht sich nicht einen schönen letzten Lebensabschnitt? Nur machen einem oft Alterserkrankungen, Vereinsamung und Armut einen Strich durch die Rechnung. Es ist nur eine Frage der Zeit. Meine Eltern hatten immerhin fünfzehn Jahre, die sie gemeinsam in ihrem kleinen Häuschen mit Garten genießen konnten. Aus meiner Betrachtung war es ihre entspannteste Zeit, und ich hätte ihnen noch viele schöne Jahre gewünscht. Aber in nur wenigen Monaten überschlugen sich die Ereignisse … An Klaus gewandt:„Weißt du noch, es ist ein Jahr her, da fuhrst du mich zu Vaters achtzigstem Geburtstag. Die Demenz war zwar schon merkbar, aber im Großen und Ganzen war Vater wohlauf.“ Während ich das sagte, dachte ich daran, was im letzten Jahr alles passierte – an Schönem und Schrecklichem. Ich erzählte Klaus vom Ende meiner Liebe in Kärnten. Er war noch nicht auf dem neuesten Stand. Ich hatte mich bisher darum gedrückt. Klaus klopfte mir auf die Schulter und meinte, dass es so besser wäre. „Stelle dir vor, ihr hättet euch erst nach deiner Übersiedlung getrennt“, sagte er, „da hättest du ganz schön blass ausgesehen!“ Dem konnte ich nicht widersprechen. „So oder so, es ist eine persönliche Niederlage“, entgegnete ich und bestellte mir noch ein dunkles Weizen. Klaus musste dann gehen, und ich blieb alleine zurück an der Bar mit meinem Bier und einem gedankenschweren Kopf.

Vater ist tot. Ich versuche zu begreifen, was dies mit mir macht. Eine alte Mail-Freundin schrieb mir folgendes Zitat des Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry :

„Der Tod ordnet die Welt neu.
Scheinbar hat sich nichts geändert,
und doch ist die Welt anders geworden.“


Mittwoch, 27. Februar 2013

Mein Vater


Ich hätte meinen Vater gerne als jungen Mann erlebt
er erzählt nicht viel von sich
aber einige Prinzipien wiederholt er ständig
alles muss seine Ordnung haben
vor anderen sollte man nie schlecht dastehen
er hatte früher immer einen Fünfzigmarkschein
im Geldbeutel, erzählte er mir
nicht um ihn auszugeben, sondern
um ihn dabei zu haben
mein Vater wuchs in Pommern auf
es müssen ziemlich raue Sitten gewesen sein
auf den Höfen, im Dorf
dann die Flucht vor den Russen
bevor er meine Mutter kennenlernte
entdeckte er seine Liebe zu den Traktoren
er arbeitete sich zum Kfz-Meister hoch
ich erlebte ihn als einen Mann, der
seinen Prinzipien treu war
Wenn ich ihm heute begegne
bewundere ich seine Standfestigkeit bis ins Alter
sein Jähzorn verrauchte, und ich höre
ein gutes Stück Weisheit, wenn
er wieder von seinen Prinzipien anfängt
- es darf nur nicht überhand nehmen


(2004)





Ich höre seine Stimme, sehe sein Gesicht vor mir
sein Blick wurde in den letzten Jahren etwas unsicher
auch sanfter
er war ein Mann der Tat
ein Schaffer
er gab meiner Mutter Halt in Zeiten der Krankheit
und Not
er gab auch mir oft Halt, wenn ich mal wieder Mist gebaut hatte
über seine Gefühle und Gedanken redete er nicht gern
ich mochte den Geruch der Werkstatt an ihm
ich bewunderte sein handwerkliches Können
seine starken Hände, mit denen er auch weh tun konnte, wenn
der Zorn ihn überwältigte
er war mir fremd und nah zugleich
ganz ohne viele Worte
sozusagen unter Männern
Schwäche passte nicht in seine Welt
was er nicht verstand, tat er mit einer Handbewegung ab
aber sein Herz war weicher, als er zugeben wollte
mein Vater
er schloss heute Morgen für immer die Augen


(27.02.2013)

Dienstag, 26. Februar 2013

TV-Tipp:

"Smoke Signals", 21 Uhr 50, ZDFkultur

Vorzeichen


Es ist erstaunlich, was wir Menschen technisch und baulich zu leisten in der Lage sind (z.B. die Golden Gate Bridge).
Im zwischenmenschlichen Bereich bauen wir dagegen jede Menge Mist. Ich sage voraus, dass wir die sozialen Aufgaben eher von Robotern erledigen lassen, als dass wir selbst bessere soziale Kompetenzen erlangen. Mit der Technisierung nehmen, meiner Meinung nach, Fähigkeiten wie Empathie und Mitmenschlichkeit ab. Permanent.

In der Altenpflege beobachtete ich in den letzten Jahren eine zunehmende Standardisierung und Reglementierung bei gleichzeitigem Personalabbau. Anders ausgedrückt: Auf dem Papier sind wir alle super, doch in der Praxis fehlt es oft am Notwendigsten – nämlich dem Menschen. Wir sitzen am Computer und lügen uns über die vollbrachten Leistungen in die Tasche. Oder wir sitzen in Qualitätszirkeln zusammen und reden über die Optimierung der Pflege, während ein einziger Kollege sich auf der Station die Hacken abläuft. Wir sollen uns fortbilden, ohne dass wir das Gelernte im Pflegealltag je umsetzen können. Hauptsache, der Arbeitgeber steht nach außen hin gut da und kann auf eine „qualifizierte Pflege“ verweisen.
Als Arbeitnehmer hat man drei Möglichkeiten: 1) man kämpft gegen das System; 2) man stumpft ab und sucht sich eine Nische; oder 3) man wird zum Arschkriecher.
Eine Zeit lang dachte ich wirklich, ich könnte mit guten Argumenten widersprechen. Ich war naiv. David gewinnt nur in der Bibel gegen Goliath. In den 25 Jahren Altenpflege erlebte ich so manche kleine Palastrevolution, die nur damit endete, dass die „Rädelsführer“ aussortiert wurden. Währenddessen änderte sich an den Arbeitsbedingungen nichts zum Positiven.
Man muss wirklich aufpassen, was man auf Dienstbesprechungen sagt. Ich sage nichts mehr. Den Kopf hinhalten ist nicht mein Ding. Ich wäre kein guter Revolutionär.
Aber ich bin auch kein guter Speichellecker.
Offensichtlich ist der One-Man-Nachtdienst genau die passende Stellung für mich.

Nun kam ich etwas vom Thema ab.
Ich werde es wahrscheinlich nicht mehr erleben, aber ich glaube, dass pflegerische Tätigkeiten noch in diesem Jahrhundert zunehmend von Robotern übernommen werden. Da Roboter ohne menschliche Fehler arbeiten, also z.B. keine Zigarettenpausen machen, können die Pflegestandards sicher und perfekt umgesetzt werden. Ein Orgasmus für das Qualitätsmanagement! Die alten Menschen werden dann die "optimale" Pflege erfahren.
Am Besten optimiert man aber den Menschen ganz weg. Er ist nur ein Kostenfaktor!
Es reicht aus, wenn einige Herrenmenschen über die Erde herrschen, und die übrige Menschheit wird ihnen als Sklaven und Ersatzteillager dienen.

Nein, man muss es nicht derart pessimistisch sehen … Der Mensch ist doch in Wahrheit ein ganz Netter.
Alles kann sich auch ganz anders entwickeln. Klaro.

Montag, 25. Februar 2013

TV-Tipp:

"Women without Men", 22 Uhr 5, Arte

Beziehungen sind erdbebengefährdetes Gebiet


Brüche in Beziehungen passieren ähnlich wie Erdbeben. Dieser Gedanke kam mir soeben, und ich finde, er stellt ein gutes Bild dar. Im Untergrund bauen sich peu à peu Spannungen auf, die sich eines schönen Tages entladen und die Zerstörung des geliebten Lebensraums bewirken. Weil diese Spannungen sich im Verborgenen über einen längeren Zeitraum aufbauen, sind wir nicht selten über die Ausmaße des Bebens überrascht, ja geschockt. Auch das Wissen, dass man in einer erdbebengefährdeten Region lebt, bereitet uns nicht wirklich auf das Unglück vor.
In Beziehungen ist es ganz ähnlich. Man kann das Maß der Spannungen im Untergrund schwer abschätzen. Während die Erdbeben geologisch unvermeidbar sind, könnte man in Beziehungen oft durch Maßnahmen, welche die Spannung auflösen, dem Zerwürfnis entgegenwirken. Seltsamerweise verhalten wir uns aber in solchen Situationen konsterniert und regungslos wie im Visier der Schlange. Als wäre das Ende unausweichlich. Wir befinden uns schon vor dem großen Knall in einer Art Schockstarre. Wir lassen es passieren.
Möglicherweise folgen wir dabei nur unbekannten Gesetzmäßigkeiten unserer Psyche. Die Analyse danach wird sowieso feststellen: Es musste so kommen. Es war das Beste. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende u.ä..
Während wir sicher wissen, dass die Naturkatastrophe unausweichlich passierte, werden wir nie erfahren, ob die Spannungen in der Beziehung wirklich irreversibel waren. Obwohl wir selbst Teil dieser „Naturkatastrophe“ waren. Das ist das Vertrackte. Wir wissen über uns selbst nicht Bescheid. Uns fehlt der Überblick über all die inneren Bewegungen und Vorkommnisse. Bewusst ist uns meist nur die Oberfläche, auf der wir es uns gemütlich machen.
Zum Schluss bemühe ich noch ein anderes Bild zu diesem Thema. Cesare Pavese, einer meiner Lieblingsautoren, notierte in seinem Tagebuch „Das Handwerk des Lebens“:
„Alles das, was unser Körper über die Übung der Sinne hinaus tut, bleibt unwahrgenommen. Von den lebenskräftigen Funktionen (Blutzirkulation, Verdauung usw.) wissen wir nichts. Ebenso ist es mit unserem Geist: wir wissen nichts von all seinen Bewegungen und Veränderungen, seinen Krisen usw., außer der oberflächlichen, schematisierenden Begriffsbildung. Erst eine Krankheit enthüllt uns die funktionellen Tiefen unseres Körpers. So ahnen wir auch die des Geistes erst, wenn wir aus dem Gleichgewicht gebracht sind.“

Sonntag, 24. Februar 2013

I remember Wolle Kriwanek




und es schneit und schneit und schneit und schneit ... immer noch

Vortasten im Nebel des Selbst


Ich behaupte: die meisten Menschen gehen gedanklich nicht an ihre Grenzen. Lieber erklimmen sie Berge, stürzen sich mit dem Fallschirm in Schluchten oder lassen sich ins All katapultieren.
Ich las Autoren, die gedanklich an ihre Grenzen gingen. Nicht alle hielten es aus. Einige schossen sich in den Kopf – was als das Naheliegende erscheint.
Klar, wir Menschen sind unterschiedlich, und darum testet jeder andere Grenzen aus.
Mich interessiert schon immer die Eroberung des Geistes, weil ich glaube, dass ich nur darüber zu neuer Erkenntnis über mein Dasein in der Welt gelangen kann. Was bringt es mir, wenn ich auf dem Mount Everest stehe, und gar nicht kapiere, wo ich bin, und was mit mir geschieht? Was bringen mir körperliche Höchstleistungen, wenn dabei geistig nichts raus springt? Einfach des Spaßes wegen das Leben riskieren? Das ist nur töricht.
Ja, ich behaupte, dass viele Menschen gedanklich weitgehendst an der Oberfläche kleben. Die genauen Gründe dafür kenne ich nicht. Denn für mich war es ein Ur-Bedürfnis, immer tiefer zu schürfen bis zu meinen Grenzen, bis zur Verrücktheit. Und mit der Zeit verhält man sich bei solch inneren Exkursen immer gekonnter. Man schätzt Risiken ab und rüstet sich demgemäß aus. Das heißt, man geht am besten auf den eigenen Pfaden und lässt sich nicht von Scharlatanen und Dummschwätzern (religiöser oder ideologischer Ausrichtung) belabern. Natürlich bleibt immer ein Restrisiko. Die inneren Exkurse hin zu den Grenzen des bewusst Erfahrbaren sind darum besonders gefährlich, weil man sich im Nebel voran tasten muss. Es gibt genau genommen nur an der Oberfläche nebelfreie Zonen.
Vielleicht befassen sich deswegen viele Menschen nicht gern mit ihren eigenen geistigen Abgründen. Sie haben Angst vor den Monstern, die unter Umständen in ihnen wohnen. Oder sie haben Angst davor, nicht mehr zurückzufinden in ihr normales Leben. Allerdings, die Gefahr besteht, wenn man einfach so los tigert – ebenso wie man besser nicht ungeübt und unvorbereitet auf eine Bergtour geht.
Ich verstehe das schon: wir Menschen wollen lieber die Aussicht von einer Bergspitze genießen, als in den undurchdringlichen Nebel unseres Selbst hinabzusteigen. Es ist ja nicht so, dass ich nicht die Aussicht auf einem Berg toll finde. Das letzte Mal in Kärnten. Es war wirklich fulminant!
Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Mir ist es auf Dauer zu wenig. Ich glaube, dass wir nichts in unserem Leben begreifen können, wenn wir nicht etwas mehr in uns gehen. Jegliche Kreativität hat ihre Wurzeln in uns. Kann sein, dass ich etwas zu weit gehe. Doch ich kann nicht anders. Ich bin getrieben von der Sehnsucht nach Freiheit. Und die finde ich letztendlich nur im Nebel meines Selbst. So paradox es klingt.
Man kann freilich auch auf Bergspitzen im Nebel stehen; und man kann auf Berge steigen und dabei auf der Suche nach den inneren Grenzen sein. Wie Reinhold Messner z.B.. Sicher gibt es noch viele andere, weniger populäre Globetrotter und Abenteurer. Denen zolle ich großen Respekt. Ihre Unruhe ist, glaube ich, der meinigen ähnlich.
Ich liebe es, mit dem Fahrrad alleine quer durch Deutschland zu fahren. Auch ich brauche diese äußeren Reize und die Herausforderung. Auch ich brauche ab und zu die körperliche Anstrengung. Wobei es oft eine psychische Überwindung darstellt, - nämlich bei Schwierigkeiten nicht aufzugeben …
Hintergrund bildet dabei aber stets der Nebel meiner Identität, den ich erforschen will.
Ich kann es schwer in Worte fassen. Manche Gefühle sind derart außergewöhnlich, dass man sie schwer mit jemandem teilen kann.

Das Verpacken meiner geistigen Exkurse in Sprache bedeutet für mich etwas Halt. Auch wenn es nur unvollständig funktioniert. Darum schreibe ich.

Der einäugige Vampir-Schal




Ups! War wohl ein Drink zu viel?!

Samstag, 23. Februar 2013

TV-Tipp:

"King of California", 22 Uhr 5, sixx

Subcutaneously


The Jazz got me. The rhythm me, the saxophone has me, the bass me. The snow me, fine as needle tips, tenderly as your fingertips. At that time back then in another winter, in another life, on another planet, felt ages away from me. Your saxophone from another galaxy. My heart a radio telescope. Nothing escapes me.

Django Unchained


Nachdem ich die Überweisung für die GEZ Gebühren eingeschmissen hatte, ging ich ins Kino. Die Luft war eisig. Meine Nase lief. Eine Methode, über den Nachmittag zu kommen. Mit dem neuen Tarantino: "Django Unchained". Ich liebe leere Kinosäle. Außer mir nur ein paar Studentinnen. Wie immer saß ich in der Reihe ganz außen, um den kürzesten Weg zur Toilette zu haben. Alter Mann hat schwache Blase. Der Film dauert schließlich ganze 165 Minuten.

Yeah! Geht gleich gut los. Blut spritzt wie Tomatenketchup. Ich öffnete mein erstes Bier. Ich kann`s vorweg sagen: Der Film ist sehr unterhaltsam! Besser als „Inglourious Basterds“ - der letzte Streifen, den Tarantino abdrehte. Vielleicht liegt`s daran, dass das Feindbild Nazi bereits so abgedroschen ist. Irgendwie auch ein Western. Oder eine Art Märchen. Ähnliches Strickmuster. Nur ist Christoph Waltz diesmal bei den Guten. Er spielt den Kopfgeldjäger Dr. King Schultz aus Düsseldorf, der Django, toll gespielt von Jamie Foxx, aus den Fängen der Sklavenhändler befreit, weil er ihn braucht, einige Verbrecher zu identifizieren und zur Strecke zu bringen. Waltz ist fantastisch. Ich liebe diesen Zynismus in Tarantinos Filmen. Und Waltz setzt den unheimlich gut um. Nur durch diesen Zynismus sind die Gewaltexzesse überhaupt erträglich. Einige Male musste ich lauthals lachen. Allerdings als einziger im Kino.
Der Film war einfach süß. Wie ein grinsender Silberrücken-Gorilla.
Ich öffnete das nächste Bier. Nachdem Django seine Lehrzeit bei Dr. King Schultz als Kopfgeldjäger absolviert hat, machen sich die beiden, inzwischen Freunde, auf die Suche nach Djangos Frau Broomhilda, um sie freizukaufen. Die Suche führt sie nach Candyland, wo der sadistische Plantagenbesitzer Candie herrscht. DiCaprio mimt den eingebildeten Herrenmenschen Candie sehr überzeugend. Mit vielen Nazi-Parallelen. Nur sind hier die Schwarzen die Untermenschen (und nicht die Juden). Ich hörte noch nie so oft in so kurzer Zeit das Wort Nigger.
Ach, es ist einfach herrlich, wie die Bösen nach und nach abgeschlachtet werden. Ein rauschendes Blutfest. Könnte man doch alle Arschlöcher und Schreihälse der Welt so einfach umnieten. Natürlich kommen die Guten auch nicht ohne Opfer weg. So muss Dr. King Schultz aus Düsseldorf gegen Ende ins Gras beißen, nachdem er den Bösewicht Candie mit seinem im Ärmel verborgenen Derringer ins Jenseits befördert hat. Seine letzten Worte zu Django: "Ich konnte es mir nicht verkneifen." Sniff. Ich öffnete das nächste Bier …
Erwähnen will ich auch Samuel L. Jackson, der den schlauen, alten Sklaven-Kapo Stephen spielt. Einfach nur pervers gut.
Und dann die kurze Szene, als sich Franco Nero neben Django an die Bar setzt, einen Drink bestellt, und ihn nach seinem Namen fragt. Der Film hat einige solcher köstlichen Details zu bieten. Wie gesagt, ich musste einige Male laut lachen.
Schließlich kann Django in einem letzten infernalen Showdown seine geliebte Frau Broomhilda befreien, und sie reiten beide stolz in die Dunkelheit. Der viktorianische Herrensitz liegt in Schutt und Asche. Sniff. Ja, dann und wann kullerten einige Tränen über meine Wangen.
„Django Unchained“ - der beste Tarantino, den ich bisher sah.
Ach ja, und die Filmmusik ... Spitze!

Draußen empfing mich wieder eisige Luft. Ich tauchte ein in den nicht abreißenden Menschenstrom der Fußgängerzone. In einer Apotheke kaufte ich Abführtropfen. Und bog ab auf ein Bier im Café Petit Paris.

ein literarisches Tagebuch

Kontakt



User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

deine Gedanken und Geschichten
und nicht ein einziger Kommentar darunter ist schon...
kontor111 - 30. Jan, 10:18
alien-lösung? da ging...
alien-lösung? da ging was an mir vorbei. ist aber eh...
bonanzaMARGOT - 17. Nov, 13:08
richtig. ich dachte nur,...
richtig. ich dachte nur, dass ich es meinen lesern...
bonanzaMARGOT - 17. Nov, 13:05
Wo ist denn das Problem?...
Wo ist denn das Problem? Durch die „Alien-Lösung” von...
C. Araxe - 7. Nov, 22:06
Wenn du ohnehin eine...
Wenn du ohnehin eine neue Blogheimat gefunden hast...kann...
rosenherz - 2. Nov, 13:51
Liebe Leser(innen)
Dieser Blog ruht fortan. Leider ist die Resonanz hier...
bonanzaMARGOT - 02. Nov. 19, 13:39

Archiv

März 2026
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
 
 
 
 
 
 
 
 

Neues in boMAs prosaGEDICHTE-Blog

Suche

 

Extras



prosaGEDICHTE (... die Nacht ist gut für die Tinte, der Tag druckt die Seiten ...)

↑ Grab this Headline Animator


Von Nachtwachen und dicken Titten

↑ Grab this Headline Animator



Status

Online seit 6770 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 30. Jan, 10:18