"Flags of Our Fathers", 23 Uhr 15, NDR
bonanzaMARGOT
- 13. Jan. 13, 12:37
Das Erwachen des Monsters
Das Geäst zentimeterdick beladen
mit Schnee
die Heiligen Drei Könige stehen vor der Tür
ich rasiere mir die Fußrücken
unter lauwarmem Wasser
warum nicht mal wieder irische Folklore?
und barfuß im Schnee
die Welt besteht aus Uhren
zusammen ticken sie wie ein wildes
disharmonisches Orchester
meine Pauke schlägt fast unmerklich
in meiner Brust
einen einsamen Takt
die Menschen als Augen des Universums
Augen eines Riesen, der
bis zu seinen Füßen nicht blicken kann
geschweige denn auf den Boden
auf dem er steht
ich erinnere mich nicht an meine Geburt
nicht an mein Brüten im warmen
Wasser
ich erinnere mich nicht an den Moment, als
meine Uhr zu schlagen begann
meinen ersten Schrei
als ich in fremden Händen lag
meine Geburt ist datiert
während mein Bewusstsein wie ein langsames
Erwachen
fortdauert
die Sprache wuchs mir zur Seite
die Liebe hielt mein Blut warm
die Gedanken wurden zum Fundament für mein
geistiges Zuhause
die Gefühle sind der wilde Garten meiner Seele
wann erwache ich aus diesem Traum?
um endlich zu fliegen
meine klebrigen Flügel auszubreiten
auf dem Weg
ins Licht
05.01.2003
die Kunst des Hinauszögerns
Der erste Schnee in diesem Jahr. Ein weißes Aufblitzen. Ein weißes Lächeln der Natur vor meinen Fenstern. Meine Zukunft erscheint in alternierendem Licht: Schwarz – Weiß.
Als Kind hüpfte ich den Bürgersteig hoch und runter, bis die Mutter mich ermahnte. Auch das Springen durch Pfützen war ein Highlight. Die Vergangenheit erscheint in Schwarzweiß. Ich muss meiner Zukunft wieder Farbe geben. Das bisschen Lebenslust in mir konservieren und in einen Boden pflanzen, wo sie zu einem richtigen Pflänzchen wachsen kann.
Der Himmel wie ein schmutziges Laken. An einer Stelle über den Baumwipfeln scheint die Sonne durch. Vereinzelt fallen schwer Schneeflocken von den Zweigen. Es taut. Die Straße schaut hoch zu mir. Der dunkelgraue Asphalt, die Lebensader urbanen Lebens. Die Straße sagt: „Alles geht weiter.“
Der erste Sonnentag in diesem Jahr. Unwirklich. Gleißend hell, als ich aufwache. Ein Nachtdienst wie tausende liegt hinter mir. Allein mit den schlafenden Geistern des Hauses. Wenn sie denn schlafen. Manchmal erschrecke ich vor meinem eigenen Spiegelbild hinter der Scheibe des Dienstzimmers. Ich murmele vor mich hin: „Was mache ich hier?“ „Bin ich das?“ „Ist das meine Stimme? Mein Schatten?“ Als ich den Flur entlang gehe, wird der Weg immer länger …
In der Routine eile ich mir selbst im Geiste voraus, sehe mich bereits die Windeln wechseln, die Urinflasche anlegen oder die Bettpfanne unterschieben.
Dann öffne ich die Zimmertür, lächele unwillkürlich.
„Ach, Sie sind es. Wie spät haben wir denn?“
„Zwei Uhr.“
„Dann muss ich ja noch schlafen.“
„Noch ein paar Stündchen.“
„Kann ich etwas zu Trinken haben?“
„Aber natürlich.“
Ich blicke durch das Fenster in die Dunkelheit, hinunter zu den Lichtkegeln der Laternen und fülle den Schnabelbecher mit Wasser, reiche ihn der Greisin.
„Danke.“
Es reicht, dass ich da bin. Der kleine Raum ist vollgestellt mit Rollator, Toilettenstuhl und Tisch. Vor ihrem Bett eine Urinlache. Es kommt immer häufiger vor, dass sie es nicht rechtzeitig auf den Toilettenstuhl schafft. Ich wische auf.
„Oh je“, sagt sie, „nun müssen Sie auch noch den Boden putzen.“
„Macht nichts. Schon erledigt.“
Ich bleibe noch kurz bei ihr am Fußende des Pflegebettes.
„Wie spät ist es?“
Freundlich erkläre ich ihr nochmals die nächtliche Stunde. Sie hat Angst, dass am Morgen niemand zu ihr kommt. Wenn sie eine schlechte Nacht hat, klingelt sie vier- oder fünfmal und fragt nach.
Früher erzählte sie viel von ihrer Familie und aus ihrem Leben. Nun fallen ihr die Worte nicht mehr ein. Urplötzlich kommt ihr ein altes Gedicht in den Sinn, und sie sagt eine Strophe auf, stockt. „Weiter weiß ich nicht“, lacht sie.
... aus vergangenen Tagen.
Vieles liegt einfach so rum. Ich nehme ein altes Notizbuch in die Hand und schlage es willkürlich an einer Stelle auf.
"Der Bauch des Architekten", 23 Uhr 35, MDR
bonanzaMARGOT
- 10. Jan. 13, 15:39
Schon mal von Cyberchondrie gehört? Es wird mal wieder deutlich, wie sehr wir Menschen von unseren Einbildungen gesteuert und gegängelt werden können. Bis hin zu physischen Symptomen wie Herzrasen, Schlaflosigkeit etc.. Und das alles nur, weil wir uns in Krankheitsängste hineinsteigern. Der Cyberchonder nährt seine Befürchtungen und Ängste mit Informationen aus dem Internet. Ansonsten kein wesentlicher Unterschied zum althergebrachten Hypochonder.
Ich glaube, dass jeder mal zu hypochondrischen Tendenzen neigt. Jedenfalls zu übertriebenen Ängsten z.B. Krankheiten gegenüber, die gerade von den Medien groß herausgebracht werden. Wie damals bei AIDS und Krebs. Oder etwas aktueller Burnout. Ich erinnere mich noch gut an den Satz meiner Mutter: „Wenn ich Brustkrebs habe, bringe ich mich um.“ Es verging damals bestimmt kein Tag, an dem sie sich nicht die Brüste abtastete.
Wie komme ich auf das Thema? Ich sah eine Doku im Fernsehen über Cyberchondrie. Und die gezeigten Probleme der Betroffenen erinnerten mich fatal an die Krankheitsgeschichte eines nahen Familienmitglieds. Aber ohne Einsicht keine Therapie, oder jedenfalls kein Therapieerfolg. So ist das allgemein vor allem bei psychischen Erkrankungen. Ich weiß nicht, ob ich viel Einsicht zeigen würde. Als Nicht-Erkrankter hat man leicht Reden. Mit rationalen Argumenten braucht man da, glaube ich, gar nicht erst zu kommen.
Wenn ein Mensch von einer wie auch immer gearteten Einbildung total überzeugt ist, dann wird er sie unter Umständen sogar mit seinem Leben verteidigen. Schwer nachzuvollziehen? Wie verhält es sich mit den Religionen, den Ideologien und der Vaterlandsliebe? Wo ist die Grenze zwischen einer „normalen“ Anhängerschaft und Fanatismus zu ziehen? An welchem Punkt setzt der Verstand aus?
Der Hypochonder sucht verzweifelt nach Anhaltspunkten, die seine Ängste vor einer Krankheit bestätigen. Oberflächlich betrachtet könnte man fast annehmen, dass er krank sein will. Dummerweise findet kein Arzt je etwas, und so rennt der Hypochonder von einem Doktor hin zum nächsten, bis er endlich womöglich bei einem Quacksalber die ersehnte Bestätigung findet …
Ich würde Hypochondrie mit Sucht nach Krankheit übersetzen.
Nun bin ich kein Psychologe und fabuliere lieber nicht weiter zu diesem Thema herum.
Auch ein Hypochonder wird irgendwann richtig erkranken. Ein einfacher Patient wird er sicherlich nie sein.
Einbildungen können von außen in uns gepflanzt werden. Sie können Ausdruck einer psychischen Erkrankung sein. Einbildungen können durch prägende Erfahrungen erzeugt werden. Oder sie entstehen einfach aus Hilflosigkeit und Ohnmacht. Jeder Mensch sieht sich mit den Verführungskräften mannigfaltiger Einbildungen konfrontiert. Die einen wollen sich größer machen, als sie sind. Die anderen kleiner. Die einen sehen sich als Helden. Die anderen als Anti-Helden. Tausend materialistischen, politischen und religiösen Einflüssen sind wir tagtäglich ausgesetzt. Es ist nur allzu verständlich, dass sich mancher nach einem einfachen Weltbild sehnt. Gut versus Böse. Verstand versus Herz. Aktiv versus Passiv.
Unsere Intelligenz macht es uns dabei keineswegs leichter, wie man annehmen könnte. Als Werkzeug dient sie lediglich unserer vorherrschenden Einbildung. Sie bringt uns keineswegs davon ab.
Die Frage ist, wann Einbildungen dem Menschen schaden. Die Einbildung der Liebe ist eine sehr schöne. Sie kann viel bewegen und Kraft schenken. Sie ist wichtig für soziales Empfinden. Ab welchem Punkt würden wir aber z.B. vom Helfersyndrom reden?
Auch unsere Ängste vor Krankheit und Gefahr sind wichtig. Sogar überlebenswichtig. Aber ab welchem Punkt wird diese Einbildung hypochondrisch?
Religionen können dem Menschen auf der Suche nach Sinn und Ethik helfen. Doch wann wird religiöser Eifer gefährlich?
Das Vaterland gibt dem Menschen das Gefühl von Zugehörigkeit und Heimat. Lohnt es sich aber für das Vaterland im Krieg zu sterben?
Die Erfindung des Geldes erleichterte den Handel. Inzwischen wird allerdings die gesamte Welt vom Geld regiert. Sind wir damit wirklich glücklich?
Die Wissenschaften setzten durch ihre Entdeckungen von Naturgesetzen eine technische und industrielle Revolution in Gang. Wir befinden uns immer noch mittendrin. Ist wirklich alles davon verheißungsvoll? Einiges doch eher verhängnisvoll – mit bis jetzt noch nicht absehbaren Auswirkungen … Ich denke z.B. an die Atomkraft. Nein, blind wissenschaftsgläubig will ich nicht sein.
Und nun? Ich brauche nicht viel Einbildungskraft, um mir vorzustellen, wie es weitergeht. Mit allem hier auf der Erde in der Zeit der Menschen.
"vincent will meer", 20 Uhr 15, SAT. 1
bonanzaMARGOT
- 09. Jan. 13, 15:14
empfehlenswert zur Massage von Stirn und Schläfen bei Kopfschmerz
"Der Soldat James Ryan", 20 uhr 15, kabel eins
bonanzaMARGOT
- 08. Jan. 13, 18:55
„Alles was Sie sagen, kann gegen Sie verwendet werden.“ Dieser Satz gilt nicht nur für gefasste Verbrecher sondern auch für Liebende.
Ich blicke aus dem Fenster und sehe eine kleine Maus im Gestrüpp verschwinden. „Frieren eigentlich Mäuse?“ denke ich. Kurz versuche ich mir die Welt der Maus vorzustellen, wie sie zwischen braunen verrottenden Blättern herum wuselt.
Zeige mir den Menschen, der sich nicht im Laufe seines Lebens tausendmal widerspricht. Es ist verdammt leicht, einen Menschen auf irgendwas Gesagtes aus seinem Munde festzunageln.
Besser wäre, wenn man sich mit den eigenen Widersprüchen beschäftigt, bevor man sie anderen ankreidet. (Auch hier nehme ich mich freilich nicht aus.)
Die Maus lacht sich einen und verkriecht sich in ihr Loch.
Zukünftig sollte ich besser überdenken, was ich sage. Zukünftig sollte ich meine Worte absichern.
Am Besten schwätzte man wie ein Politiker – zumeist nichtssagend. Einlullend. Schizophren.
Ich kann mich nicht ändern. Die Welt wird sich nicht ändern. Aber erstaunlich ist es schon, dass ein Lebewesen Flugzeuge und Atomkraftwerke baut. Womöglich ist das im Universum wirklich einmalig.
Die Maus in ihrem Erdloch interessiert das nicht. Sie knabbert an ihrem Wintervorrat.
Ich zweifle an meiner Liebesfähigkeit. Dunkel erinnere ich mich an dieses Gefühl, das mich wie ein geheimnisvoller Stern am Himmel führte. Hin zu einem Universum hinter zwei fremden Augen.
Es kommt mir vor wie ein Traum. Und ich erwache in einer tristen grauen Wirklichkeit.
„Alles was Sie sagen, kann gegen Sie verwendet werden.“ Seufz. Bei solchen Sätzen stelle ich mir ab und zu die Frage, ob der Mensch die Sprache beherrscht, oder umgekehrt. Ich schätze, das ist ein großes Problem.
Das Wort Liebe wurde längst gevierteilt. Nur wir wundern uns, dass jeder was anderes darunter versteht.
Wie liebt eine Maus? Was ist Maussprache? Genetisch sind wir den Mäusen sehr ähnlich.
Mir ist die Maus vor allem darum sympathisch, weil sie ohne Heirat und Friedhöfe auskommt.
"Master and Commander", 20 Uhr 15, SUPER RTL
bonanzaMARGOT
- 07. Jan. 13, 18:03
Ein Derwisch tanzt in meinem Kopf. Rockmusik läuft. The Sensational Alex Harvey Band. Meine Augen noch verklebt vom Tagesschlaf. Ich sinniere über einen Wortbrocken. Die Quelle der Kälte. Ich greife in meine Brust und halte mein pochendes Herz. Kalt ist es nicht. Es ist ein Tier. Blind.
Dann klappe ich meinen Schädel auf und hole mein Hirn heraus. Ehrlich, das gibt es. Aber auch nicht kalt, nur gruselig wie ein hässliches Baby. Vorsichtig lege ich es zurück in meinen Kopf.
Ich starre auf den Wortbrocken und sehe, dass er vereist ist. Na, da haben wir doch die Quelle der Kälte! Worte können auf ihrem Weg durch die Finsternis zu Eis erstarren, wenn man sie einfach so losziehen lässt - wie einen Atemhauch im sibirischen Winter und blind wie Herzen. Sie brauchen Bahnen, auf denen sie den Empfänger erreichen. Brechen jedoch diese Bahnen weg, gefrieren die Worte zu Eisbrocken … und strahlen nur Kälte ab.
Zu viel Kryptonit auf der Welt. Superman hat ausgefickt. Der Weihnachtsschmuck ist abgeräumt, - Jesus schon 2000 Jahre tot. Schlimmer als das Leid ist das Leiden. Die Altenheime sind voller Leiden. Ich will es nicht mehr verstehen. Das Klo ist verstopft. Wer will schon gerne sterben?
Wäre doch endlich Ruhe. Die Menschheit ist grausam laut. Seltsam, dass man bei alldem noch Appetit hat. Die einen ertragen ihr Leid und sterben leise. Das sind mir die Liebsten. Die anderen leiden lautstark, als würden sie bereits in der Hölle schmoren. „Gemach, gemach“, sage ich, „habt Geduld.“
Die Menschen werden nicht so sehr von Krankheit und Siechtum gequält - vielmehr von ihren Ängsten und ihrer Verzweiflung. Ihr Flehen nach dem Tode stinkt (mir) zum Himmel.
Verzeiht, ich weiß, dass es grausam klingt. Womöglich habe ich den falschen Beruf. Ich bin kein Superman im Altenpfleger-Dress. Ich funktioniere und stelle meine Seele auf Standby.