Es gibt Tage, an denen mir nichts einfallen will. Alles wurde gesagt. Die Erde dreht sich um ihre Achse. Tag für Tag. Menschen werden geboren, Menschen sterben. Die Nachrichtensprecher reden in Endlosschleifen. Die Welt ist ein Wartesaal. Ich warte auf den Frühling, auf Wärme, auf bessere Zeiten. Die Bewohner des Altenheims warten auf das Essen, auf das Ende der Nacht, auf ihren nächsten Stuhlgang … Wir warten auf den Feierabend. Vielleicht warten wir auf Sex oder auf einen TV-Film am Abend. Oder wir warten auf den Pizza-Service. Derweil geht alles seinen Gang. Es wird geredet und geschwiegen, umarmt und weggestoßen. Menschen warten auf Nachrichten. Menschen warten vergeblich. Die Worte und Gesten wiederholen sich. Doch die Sehnsucht bleibt. Die Sehnsucht lässt mich immer weitermachen.
Der Verstand kotzt auf Worte wie Sehnsucht. Und Liebe. Der Verstand spielt in einer anderen Liga. Dieser Ballast Leben macht ihn mürbe. Die Leidenschaft versiegt. Wozu das alles?
Ich durchsuche meine Erinnerungen nach glücklichen Tagen. Es gab sie. Nur scheinen sie unendlich weit weg. Wie unwirklich. Aber es muss sie gegeben haben.
Treppe zum Altenheim
... aus dem kleinen Schatz meiner ersten Gedichte und Texte:
Jetzt liegt es
ganz einsam
irgendwo
jetzt schweigt es
in mir
schreit es schmerzvoll
irgendwo
ich suche in Gedanken
alles andere
ist mir egal
meine Sehnsucht
nach ihm
kennt keine Schranken
ich suche
mein Lineal
(1981)
"Grasgeflüster", 20 Uhr 15, ZDFneo
bonanzaMARGOT
- 04. Jan. 13, 15:11
Meine erste Sesselliftfahrt seit geschätzten tausend Jahren.
Sessellift Gerlitzen
Landschaften und Städte gleiten an mir vorbei. Mannigfaltig. Reisende steigen ein, steigen aus. Auch die Schaffner wechseln mehrmals. Nur der Ober im Restaurantwagen ist noch derselbe. Und ich.
Jedes Zuhause ein anderes, jeder Weg ein anderer. Jedes Schicksal anders. Die Lebenslinien treffen sich und laufen wieder auseinander. Dazu Krankheit und Tod, die im Verborgenen lauern. Die Sonne ist dunkel. Der Tag eine Illusion. Die ganze Welt Staffage.
Schließlich kommt auch für mich die Ansage: „Ausstieg in Fahrtrichtung rechts!“
Ich schwimme mit dem Getümmel in Richtung Bahnhofshalle. Anfangs- und Endpunkt. Ich fühle mich verloren, - will mir aber nichts anmerken lassen. Pause im Bahnhofsrestaurant. Ein Lächeln. Ein Bier. Tage, Wochen, Monate ziehen an meinem geistigen Auge vorbei. Wofür?
Es bleiben Schatten für die Schattensammlung.
auf der Gerlitzen
"Zombieland", 22 Uhr 30, ProSieben
bonanzaMARGOT
- 01. Jan. 13, 18:09
Nun noch Silvester, und der alljährliche Feiermarathon ist endlich vorbei. Danach kehrt die Normalität wieder (etwas) ein. Dazu werden die Tage langsam wieder länger. Die Hälfte des Winters haben wir bald geschafft. Ich wünsche mir, dass der Frühling 2013 neue Hoffnung, neue Kraft und Glück bringt. Die letzten drei Monate waren alles andere als aufbauend. Die Nerven sind angespannt, der Geist ist verwirrt, und die Gefühle spielen verrückt. Ich lebe von geheimnisvollen Kraftreserven. Meine angegriffene Psyche sehnt sich nach Ruhe und Licht.
Für wenige Tage fahre ich zu meiner Freundin nach Österreich. Wir werden zusammen einen gemütlichen Silvesterabend verbringen. Gleich Anfang Januar schlägt das Altenheim mit fünf Nachtwachen zu. Aber daran will ich jetzt noch nicht denken.
Diesmal fährt mein Zug erst am Nachmittag, so dass ich im Dunkeln durch die Alpen fahre. Ich bin gespannt auf das Reisegefühl. Die Strecke kenne ich inzwischen im Schlaf.
Der zweite Weihnachtsfeiertag zeigt sich grau und düster, ein Tag zum Verstecken in den vier Wänden bei Kerzenlicht und Fernsehen. Ich fühle mich nach den Nachtdiensten noch matt und antriebslos.
Also, auf ein Neues. Aufraffen!
Guten Rutsch!
"Shutter Island", 23 Uhr 25, Das Erste
bonanzaMARGOT
- 25. Dez. 12, 20:00
Er starb zwei Tage und Nächte. Als ich nach ein paar freien Tagen zum Dienst kam, war ich über die Entwicklung überrascht. Ein Infekt schaffte ihn.
Ich denke an die Kämpfe, die ich nachts mit ihm hatte. Er akzeptierte die Windeln nicht und zerrupfte sie in hartnäckiger Kleinarbeit. Durch die Kontrakturen konnte er sich kaum noch bewegen. Seltsam verrenkt lag er im Bett. Es war nicht viel an ihm dran, aber er kämpfte immer wacker gegen mich, wenn ich ihn sauber machte und die Windel wechselte. Ich war über das Chaos, das er im Bett veranstaltete natürlich wenig erfreut. Es tut mir leid. Ich sehe seine aufgerissenen Augen vor mir und höre sein Knurren. Reden konnte er schon lange nicht mehr. Irgendwie erinnerte er mich von Anfang an eine Figur aus der Verfilmung von Tolkiens „Herr der Ringe“, - wie er mich anschaute, knurrte und sich im Bett räkelte.
Zwei Tage lang fragte jeder, der seinen Dienst antrat: „Lebt er noch?“ Schließlich fand er in meiner Nacht seine Ruhe. Im Sterben lag er fast entspannt da, seine Augen halb geschlossen, seine Atemfrequenz durch das Fieber erhöht. Ich schaute häufig nach ihm und verzieh ihm alle zerrissenen Windeln und Kämpfe der letzten Jahre. In den frühen Morgenstunden fand ich ihn tot. Er war noch warm. Ich schloss seine Augen und stand eine Weile an seinem Bett. Ich seufzte. Als ich ihn schließlich zurecht machte, seufzte er auch noch mal ...
Dann einen Arzt zur Leichenschau anfordern, das Telefonat mit dem Sohn, den ich als Nachtwache nicht kannte, von dem ich nur die Telefonnummer hatte.
Er war seit längerer Zeit wieder ein Sterbefall in meinem Nachtdienst. Ich kann gar nicht sagen, wer der vor ihm war. In den letzten fünfundzwanzig Jahren waren es eine ganze Menge. Einige blieben im Gedächtnis haften, andere verschwanden wie Gespenster, als hätte ich sie nie erlebt.
Heiligabend. Für mich wird es ein anstrengender Nachtdienst werden mit nichts Heiligem in Sicht. Einige Bewohner werden von ihren Angehörigen abgeholt und kommen dann erst später am Abend zurück, so dass ich sie an der Backe habe. Wie ich das machen soll, weiß ich noch nicht. Dann kursiert im Altenheim eine fiebrige Erkältung. Ganz davon abgesehen, sind die Bewohner zu solchen Daten besonders unruhig und durchgedreht oder deprimiert.
Nicht mal meinen üblichen Abendimbiss vorm Dienst kann ich einnehmen, weil natürlich weder Döner Kebab noch irgendeine Gaststätte am Ort geöffnet hat. Ich werde mich bei dem weihnachtlich milden Wetter auf eine Bank setzen und `ne Runde beten, bevor ich die Treppen hoch zum Altenheim steige.
„Stairway to Heaven“ - haha!
Das Beste ist der Blick, den man von da oben hat. Und wenn es dazu sternenklar ist, genieße ich den Aufstieg sehr, - bevor sich vor mir zischend die automatische Schiebetür auftut ...
Die Stationsleitung stöhnte heute Morgen über die viele Arbeit und sagte zu mir, dass sie froh ist, wenn Weihnachten vorbei ist. Ich konnte ihr nur beipflichten.
Drum wünsche ich (aus Solidarität) zuerst allen Arbeitern und Angestellten, die arbeiten müssen, einen guten und ruhigen Dienst. Danach denke ich an alle Einsamen und Vergessenen, wo immer sie auch sind. Ganz besonders denke ich an meine Eltern.
Und auch allen anderen schöne, möglichst sorgenfreie Festtage!
"Hotel New Hampshire, 23 Uhr 20, 3sat
bonanzaMARGOT
- 24. Dez. 12, 11:43