Gestern Abend noch Eisregen, heute Morgen weiße Märchenlandschaft. Der Himmel sieht aus, als hätte er noch was in petto. Der Winter ist noch lange nicht vorbei und zeigt sich mit Wetterkapriolen.
Müde und verfroren harre ich der Dinge, die da kommen. Die Flammen der Kerzen spiegeln sich im Fenster – als würden sie mitten im Schnee stehen. Witzig.
Im Fernsehen die Besprechung der gestrigen Niedersachsenwahl. Es war ein Wahlkrimi, an dessen Ende SPD und Grüne jubeln durften. Politik und politische Parteien – zu hoch dosiert bekomme ich das Kotzen. Ich lausche lieber verträumt der Waschmaschine, die im Hintergrund läuft.
In mir hegt sich der Wunsch nach Kreativität. Irgendwas will ich machen, denke ich. Ein Bild malen, oder was schreiben, oder im Schnee Fotos machen. So richtig habe ich keinen Plan.
Erst mal ein Bier. Ich warte auf den besonderen Einfall, die Inspiration. Ist der Anfang gemacht, ergibt sich das Folgende von selbst. Fast von selbst, würde ich sagen.
Wäre es nur nicht so kalt. Am Schlimmsten ist es, wenn die Füße nicht warm werden.
Traurigkeit betäubt mich. Sie kommt in Wellen immer wieder.
Wie spät ist es eigentlich? Noch immer nicht Mittag. Ich warte, bis die Wäsche fertig ist, und gehe hinaus. Muss mich halt warm anziehen. Sollte man sich sowieso im Leben ...
„Auch wenn man weiß, dass der Tag kommt, ist man dann doch überrascht, wenn es so weit ist“, sagt die alte Frau. Ich stehe neben ihr am Bett ihres verstorbenen 97 jährigen Mannes. Vor der Tür warten die Bestatter, um ihn abzuholen. Sie berührt seine gefalteten Hände. „Er hatte schon die letzten Tage so kalte Hände. Ach!“ seufzt sie, „wir müssen ja alle mal sterben.“ „Ja“, erwidere ich, „das wird auf uns alle zukommen.“
Es ist bereits spät am Abend. Tochter und Schwiegersohn stehen auch draußen. Sie machen Druck. Sie sind bereits vier Stunden da, - wollten noch warten, bis die Bestatter kommen. Ich sehe sie als Nachtwache zum ersten Mal. Die wenigsten Angehörigen kenne ich und begegne ihnen erst bei einem Sterbefall. Sie erzählen mir, dass sie auf der Fahrt nach Tirol waren. Der Tod des Vaters kam schließlich doch schneller als gedacht „Aber sollen wir deswegen unsere ganzen Pläne ändern?“, sagt mir die Tochter. Sie hat rot-verweinte Augen. Ich antworte, dass ich Verständnis dafür habe, wenn man als Angehörige nicht rund um die Uhr verfügbar ist.
Ich stehe mit Frau B am Bett ihres verstorbenen Mannes und spüre, dass sie zwar weiß, was passierte, es aber noch nicht fassen kann. Sie sträubt sich ein wenig dagegen, dass er nun abgeholt wird. Von draußen erklingt die ungeduldige Stimme des Schwiegersohns, dass sie nun kommen solle, damit die Bestatter ihre Arbeit machen können. Nein, so drastisch sagt er es nicht. Auch ich bin unter Druck, weil inzwischen einige Klingeln aufleuchten.
Schließlich folgt Frau B unter gutem Zureden. Ich halte ihre Hand.
Als ich von den Klingeln zurückkomme, ist alles erledigt. Ich bringe Frau B zu Bett. „Wir waren sehr lange zusammen“, sagt sie, „warum lässt uns der Herrgott am Ende so leiden? Warum nimmt er uns nicht früher zu sich?“ „Ich weiß nicht“, sage ich und helfe ihr in den Schlafanzug, „den Plan des Herrgotts kenne ich nicht.“ „Ja, den kennt niemand“, meint sie.
Es ist fast Mitternacht, als ich endlich etwas Luft habe, um mich auszuruhen. Die Müdigkeit kommt wie eine dunkle Wand auf mich zu. Ich versuche mich mit Fernsehen abzulenken. Ich sehe im Laternenlicht Schneewehen: Der Wind zaubert gespenstische Skulpturen in die Nacht. Das TV-Programm läuft an mir vorbei. Die Altenheimbewohner sind unruhig und lassen eine längere Verschnaufpause kaum zu.
Am Morgen, als die Kollegen mich ablösen, setzt Eisregen ein. Noch eine Nacht, denke ich.
Ein fettes Herz wollte himmelwärts fliegen und war zu schwer. Drum machte es, wie ich erfuhr, eine Schlankheitskur. Kein Scherz. Es hungerte sehr. Liebe stand fortan nur noch selten auf dem Speiseplan. Das Herz blieb leer, bis es dünn war wie ein Strich, zum Fliegen zu schwach. Ach, war das elendiglich!
„Pech im Spiel – Glück in der Liebe“? Dämlicher Spruch. Und wie ich googelte, auch falsch übersetzt. Eigentlich geht es herkömmlich um die Bedeutung, dass ein Mensch, der sein Glück im Spiel sucht, den häuslichen Frieden gefährdet, bzw. Haus und Hof verspielt.
Ich spiele schon lange nicht mehr. Obwohl, wenn die Umkehrung dieser Redensart zuträfe, ich Glück im Spiel haben sollte. (Aber was heißt schon Glück in der Liebe?)
Man kann auch die Liebe als Spiel ansehen, in welches man mit einem gewissen Risiko einsteigt. Der Gewinn ist quasi jeder Tag, an dem die Sache gutgeht. Meist geht das Ganze in die Hose, wenn man sich an die guten Seiten gewöhnte – oder gerade weil man sich daran gewöhnte. Hernach der übliche Katzenjammer, wo man sich selbst nicht leiden mag. Schließlich hatte man auf die Liebe gesetzt und investierte gewisse Anstrengungen, Zeit, Leidenschaft ...
Nein, ein guter Spieler bin ich wahrlich nicht. Beim Würfeln auf der Kneipentheke gewann ich selten. Obwohl es welche gab, die noch schlechter abschnitten. Und dann gab es einige wenige Glücksbolzen, die regelmäßig gewannen. Die hatten nicht nur Glück im Spiel sondern auch in der Liebe. Jedenfalls waren sie bei der Damenwelt begehrt.
Einer davon war Heidelberg Peter. Wir nannten ihn so, weil er aus der Richtung kam. Wir lieferten uns regelrechte Würfel- und Billardschlachten. Auch Streitgespräche. Heidelberg Peter war damals schon so alt wie ich heute und hatte reichlich konservative Ansichten. Sein Hau bei der Damenwelt fuchste mich, muss ich gestehen. Ich konnte mir nicht erklären, was die an dem alten Sack fanden. Oh ja, er konnte reden! Auch erlebte ich ihn nie richtig betrunken. Er vertrug eine ganze Menge und schaffte immer rechtzeitig den Absprung. Außerdem trat er meist gepflegt auf wenn auch in spießigen Klamotten, also z.B. mit Hemd plus Pullunder.
Nachdem das Billard Cafe geschlossen hatte, sah ich ihn nie wieder. Wie lange ist das her? Heidelberg Peter müsste heute bereits um die Siebzig sein. Wir zeigten mehr als Respekt voreinander. Mit der Zeit mochten wir uns gar. Wäre er mir sonst nach so vielen Jahren wieder in den Sinn gekommen? Er war eine der beeindruckendsten Figuren während meiner damaligen Sturm und Drang Zeit. Viele Gesichter verliert man aus dem Gedächtnis, aber ihn sehe ich noch gut vor mir. Er hatte einen Bart, wie ihn die Musketiere in den Filmen tragen. Dunkelbraun seine glatten Haare mit Seitenscheitel. Er war ein Spieler und hatte Erfolg. Ein Krösus, an dem ich mich oft abarbeitete.
Tja, Schnee von gestern.
Apropos Schnee: Ein weißer Märchenwald ist heute meine Fensterkulisse. Er wird nicht lange liegen bleiben. Wie immer. Kann die Liebe wie Schnee tauen?
Jedenfalls müsste meiner Meinung nach die Redensart richtigerweise heißen: „Glück im Spiel – Glück in der Liebe“.
„honour … honour … honour … ahhhhhhhh ...“ stöhnte ein gespenstisches Wesen in Abständen immer wieder. Ich konnte es nicht abstellen und wälzte mich im Schlaf unruhig hin und her. Schließlich wachte ich auf. Wahrscheinlich hatte ich mich selbst schnarchen gehört. Die Nase war zu und die Schleimhäute im Mund widerlich trocken. Seit Tagen macht mir eine Erkältung zu schaffen, die ich eigentlich im alten Jahr gelassen wähnte. Pustekuchen. „honour … honour … honour … ahhhhhhh ...“ Mein Gott, war das schauderhaft!
Endlich hatte ich mich aufgerafft, meine Mutter im Krankenhaus zu besuchen. Das Gebäude befand sich noch teilweise im Umbau, ein Altbau schön am Neckar gelegen. Ich schlich um das Baugerüst herum. Jemand bemerkte meinen suchenden Blick und wies mir den Weg zum Eingang. Alles wirkte noch renovierungs-neu und etwas ungeordnet. Die Rezeption war nicht besetzt, und ich ging den Flur einmal hoch und runter. Schließlich kam die Dame von der Rezeption heran geeilt und nannte mir die Zimmernummer. Ich hatte mir das Krankenhaus größer vorgestellt. Schnell fand ich das Zimmer, wollte schon anklopfen und eintreten, da mahnte mich die Stimme einer Frau, dass die Ärztin gerade Visite machte. Also wartete ich neben der Tür. Die Frau wartete auf der anderen Seite der Tür und fragte: „Ich besuche Frau B. Sind Sie Herr B?“ Ich erwiderte knapp und freundlich: „Ja.“ Ich kannte die Frau nicht, und sie stellte sich mir nicht vor. Nach kurzer Zeit verließen Ärztin und Schwester das Zimmer. Die Frau trat vor mir ein. Meine Mutter saß auf dem Bett, noch mit halb heruntergelassener Hose. Die Frau verabschiedete sich hastig und meinte im Hinausgehen ernst zu mir: „Wissen Sie, dass ihre Mutter sehr krank ist?“ „Das weiß ich“, sagte ich scharf. Natürlich spielte diese Frau darauf an, dass ich mich so wenig kümmerte.
Da war ich. Der Sohn und die kranke Mutter. Wir begrüßten uns. Sie ordnete ihre Kleider und zeigte mir die blauen Flecken am Bauch von den Heparinspritzen. Eine Kochsalzlösung lief intravenös am Handgelenk ein. Sie saß schmal und knochig auf der Bettkante, ich auf einem Stuhl, den ich heranrückte. Wir waren allein in dem Dreibettzimmer. Die neue Bettnachbarin, eine alte, störrische Türkin, wie mir meine Mutter anekdotisch berichtete, war gerade mit Angehörigen unterwegs. Meine Mutter hatte viel zu erzählen. Ich hörte ihr zu. Draußen schneite es leicht. Es tat weh, sie so sitzen zu sehen. Trotzdem lachten wir zwischendurch. Ohne Humor wäre es schon gar nicht zu ertragen, meinte sie.
Die Zeit verflog nur so. Wir redeten über die übermächtige Walze von Krankheit, Altersgebrechen und Demenz meines Vaters, welche das Elternhaus in den letzten Monaten überrollt hatte. Sie habe versagt, sagte meine Mutter. „Wir haben alle versagt“, erwiderte ich. Ich versuchte ihr zu erklären, warum ich mit dem ganzen Geschehen überfordert war, - noch bin. Zumindest riss ich es an, ohne alles auszusprechen, was in mir vorging. Und sie reagierte verständig. Sicher wollten wir uns gegenseitig nicht weh tun. Was würde es auch für einen Sinn machen?
Inzwischen war die alte Türkin zurück und hatte sich auf ihrem Bett eingerollt. Ich hielt die Zeit für gekommen, mich zu verabschieden. Es war schwer, sie dort zurückzulassen wie ein Häufchen Elend. Immerhin lächelnd. Wie sieht eine Mutter ihren Sohn?
Verwirrt aber zielgerichtet verließ ich das Krankenhaus und tauchte in den Menschenstrom der nahen Fußgängerzone ein. Im Cafe Petit Paris ließ ich das Erlebte bei einem Weizenbier sacken.
Die forsche Frau an der Tür des Krankenzimmers kam von der Nachbarschaftshilfe, erfuhr ich im Laufe des Gesprächs von meiner Mutter. Sie hatte sich in den letzten Wochen sehr um meine Eltern bemüht und sich mit meiner Mutter angefreundet. Ihre vorwurfsvolle Haltung mir gegenüber empfand ich allerdings als Grenzüberschreitung …, wenn auch verständlich aus ihrer Sicht.
Bin ich gefühlskalt? Oder feige?
Vielleicht. Ich kann es nicht sagen. Der Besuch war wichtig.
Ja, der Besuch war wichtig.
Bams bims bums. Menschen zu Fuß, Menschen in Autos, Menschen in Flugzeugen, Menschen in Häusern. Menschen in Kleidern. Wie angezogene Ameisen mit Tragetüten und Taschen. Schaufensterpuppen stehen Spalier. Winken. Zwinkern mir zu. Mir wird es zu eng, und ich hebe ab. Ganz ohne Jetpack. Oder mit? Vielleicht befinde ich mich in der Zukunft. Ich schwebe über dem bunten Menschenstrom. Relativ ziellos. Ich steige höher über die Dächer und sehe links von mir den Neckar silbern in der Sonne funkeln. Rechts vor mir das alte Gemäuer des Heidelberger Schlosses. Mit wie vielen Frauen ging ich dort spazieren? Im Sommer. Im Herbst. Im Winter. Im Frühling. Oder in der fünften Jahreszeit. Ich habe meine ganz eigenen fünften Jahreszeiten. Unwillkürlich weine ich, und die malerische Kulisse verschwimmt vor meinen Augen. Sanft lande ich auf dem Universitätsplatz. Unweit liegt eine Sparkasse, und ich tätige eine notwendige Überweisung. Noch immer seufze ich, ausgefüllt von sentimentalen Bildern und Gedanken. Ich nehme nicht wahr, dass sich die Welt um mich verändert. Bims bums bams. Alle Menschen sind verschwunden, und ich befinde mich ganz alleine in der Stadt. Ich gehe ins Coyote Cafe. Auch dort keine Menschenseele. Nach einer Weile an der Bar denke ich: „Nun muss ich mir mein Bier auch noch selbst zapfen ...“ Ein großes Gefühl der Trostlosigkeit überkommt mich. Ich erinnere mich an einen Science Fiction Film „Quiet Earth“ von 1985. Da wacht ein Typ morgens auf, nachdem er sich eigentlich umbringen wollte, und er scheint plötzlich ganz allein auf der Erde zu sein. Mich beeindruckte der Film sehr – mehr das Szenario absoluter Einsamkeit und weniger die Auflösung dieser Absonderlichkeit.
Bums, bims bams. Plötzlich sind alle wieder da. Die Kellnerin fragt mich, was ich trinken will. Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch, lächele und stottere ein wenig: „Ein ... dunkles – äh - Hefe, bitte.“ Erleichtert krame ich in meiner Umhängetasche. Ich will eine Postkarte schreiben, wie ich es oft an der Bar des Coyote Cafes machte. Ich habe immer ein paar Postkarten dabei. Ich suche bereits nach einer passenden Karte, da fällt mir ein, dass es keine Adresse mehr gibt, der ich schreiben könnte …
Die Kellnerin stellt das Bier vor mich auf die Theke. Ich packe den Kartenstapel wieder ein. Gegenüber ist ein Spiegel, in dem ich meine linke Hälfte sehe. Ich sehe mir dabei zu, wie ich trinke. Beinahe verschlucke ich mich. Aus.
Wann ist eine Lüge eine Lüge? Wann ist Rot Rot? Wenn man wirklich alles hinterfragt, muss man auch Lüge und Wahrheit auf den Prüfstand stellen. Leben wir nicht sowieso in einer Lügenwelt? Schließlich sehen wir nur einen Ausschnitt der ganzen Welt. Gibt es eine halbe oder eine viertel Wahrheit? Ist die Lüge da nicht viel ehrlicher, weil sie die wahrgenommene Realität weit besser beschreibt? Und die Wahrheit beschreibt lediglich ein Lügenextrem … Die Wahrheit als die extremste aller Lügen.
Wann ist Grün Grün? Wann Groß Groß und Klein Klein? Alles ist durch unsere spezifische Wahrnehmung der Umgebung bestimmt. Daraufhin sind wir sozusagen biologisch geeicht.
Wie weit macht es Sinn, die Dinge zu hinterfragen? Ist die Abkürzung zu einem Gottwesen nicht pragmatischer? Schaue in die Menschheitsgeschichte, und du findest die Antwort. Können Milliarden Seelen lügen?
Schaue in dein eigenes Leben. Du bleibst in deinem Hirn gefangen. Du kannst dich noch so sehr auf die Hinterfüße stellen, niemals kannst du über deinen biologisch vorgesehenen Horizont hinaus blicken. Die Ameise bleibt die Ameise. Das Reh das Reh. Der Vogel der Vogel. Und Mensch bleibt Mensch. Es braucht viele viele Sonnenumrundungen, bis sich eine Kreatur evolutionsbedingt ändert. Oder es braucht gewaltige Ereignisse wie Meteoriteneinschläge, damit sich die Welt neu ordnet. Oder es braucht ein Wunder. Aber Wunder sind Lügen.
Wann ist Blau Blau? Wann ist ein Berg ein Berg, wann ein Tal ein Tal? Es mutet komisch an, aber es ist wahr, dass nichts wirklich bestimmt ist. Kann das wahr sein?
Die Grenze ergibt sich von selbst. Macht es Sinn, an die Grenze zu stoßen? Um zu verlieren wie Robert Falcon Scott am Südpol? Oder wie ein einsamer Dichter, der sich die Kugel gibt? Oder wie Napoleon bei Waterloo?
Ich bin der am meisten verzweifelte unverzweifelte Mensch der Welt. Über so einen Kack kann ich sogar lachen. In der Vorstellung.
Wann ist Gelb Gelb? Wann ist tot tot? Wann ist hier hier und dort dort? Wann ist eine Lüge eine Lüge? Ich weiß es nicht. Ich schwafle nur. Es macht Spaß. Obwohl es keinen Sinn ergibt. Ich hebe das Glas auf Leben und Tod. Auf die Absurdität des Daseins!