Aschermittwoch - die Narren sind von den Straßen verschwunden. Die politischen Parteien tagen traditionell. Gestern war der 100ste Weltfrauentag. Achselzucken. Die Rebellen sterben in Libyen, weil ein durchgeknallter Diktator nicht weichen will. Man redet viel. Über Benzin. Bio-Benzin. Graue Wolken schoben sich vor die Sonne. Das übliche Programm. Im Altenheim hängen noch die bunten Luftballons an den Zimmertüren. Frauenquote ja oder nein. Jahr für Jahr. Man redet. Und redet. Und redet. Die Chinesen werden kommen. Ihr werdet es noch erleben. Na, und die Afrikaner, die nicht im Mittelmeer ertrinken. Ab und zu ein neues Gesicht in der Politik, das aufsteigt und wieder verschwindet. Ab und zu ein neuer Geschmack. Ein neuer Skandal. Verlieben, Entlieben. Sonne und Regen. Wir sitzen mittendrin im Teig - wie Rosinen. Maulhelden, die wir sind. Nach dem Nachtdienst ist vor dem Nachtdienst. Zuende gefickt. Die Tür fällt ins Schloß. Wieder und wieder. Verdaungsstörungen. Schlechte Luft im Bus. Haltestelle Irgendwo. Der Döner-Imbiss gegenüber. Warten auf Godot.
solange es umsonst ist
Gestern, als ich die Miete löhnte, sagte mein Vermieter, er habe einen Anschlag auf mich vor. Der Mann im Erdgeschoss sei endlich ausgezogen. Der hatte dort gehaust wie ein Mietnomade und schon monatelang keine Miete mehr bezahlt. Also, er fragte mich, ob ich mir die freigewordene Wohnung nicht mal anschauen wolle. Das Dachgeschoss, wo ich wohne, ist irgendwann für seinen Sohn geplant, hatte er bereits damals, als ich einzog, kundgetan.
Ich hatte mir die Erdgeschosswohnung nicht so geräumig vorgestellt. Natürlich ist alles ziemlich altbacken, aber die Zimmer waren bereits leergeräumt und die Wände geweißelt, was den Eindruck aufhellte.
Der Eingang ist ein Glasbau, den ich als Wintergarten gestalten könnte; und bevor es in die Natur geht, ist vor dem Haus ein Fleck Wiese, wo ich im Sommer sonnenbaden kann.
Insgesamt würde ich fast doppelt so viel Platz haben! In meinen jetzigen 11/2 Zimmern ist`s doch etwas beengt - vorallem wenn ich Besuch habe.
Mein Vermieter hofierte mich geradezu mit Angeboten, dass er mir beim Umzug helfen -, und auch Geld bei nötigen Anschaffungen zusteuern wolle. Und das bei gleicher Miete! Ich solle es mir durch den Kopf gehen lassen. Nach einer halben Stunde Besichtigung gab ich ihm eine Quasi-Zusage. Aus der Wohnung ist was zu machen, dachte ich bei mir, und ich würde endlich Platz für meine Bilder haben, und könnte mir sowas wie ein kreatives Arbeitszimmer einrichten.
Ich sagte ihm, dass mir Mai für den Umzug recht sei; und wir verabschiedeten uns freudestrahlend voneinander. Mein Vermieter weiß halt, was er an mir hat ... Seit fünf Jahren wohne ich unter seinem Dach, und wir hatten nie Probleme. (Ich bin halt ein Braver.)
Beschwingt von den Neuigkeiten radelte ich in die Stadt. Im Kaffeehaus träumte ich mich beim Bier in meine neuen Vier Wände, - malte mir aus, wie schön ich‘s mir machen kann.
Nun würde ich lieber heute als morgen umziehen.
Mal sehn. Mein Vermieter will sich da ganz nach mir richten.
Das war die erste gute Nachricht für mich in diesem Jahr. Vielleicht wird ja alles noch besser! Es gäbe da noch ein paar Sachen ...
Mein Schlaf ist schon eine Weile aus dem Ruder. Abends, wenn ich nach Einkauf und Kaffeehaus zuhause ankomme, habe ich Appetit und mache mir schnell was zurecht.
Manchmal schlafe ich danach vorm TV ein. Was kriegte ich eigentlich gestern vom Abendprogramm mit? Ja, ich entsinne mich: ich hörte mir alle möglichen Diskussionen um den Guttenberg-Rücktritt an. Auch heute wird das Ganze medial durchgekaut. Man ist damit noch nicht durch.
Ich döste jedenfalls ein, und kam alle viertel-, halbe-, ganze Stunde zu mir, um in ein anderes Programm zu zappen, oder mich einfach auf die andere Seite zu wälzen. Irgendwann, es war bereits nach Mitternacht, Phoenix lief, hörte ich im Halbschlaf immer wieder das Wort „Falafel“. Ich kriegte gerade so viel mit, dass es etwas mit Essen zu tun haben muss. Dann gegen Morgen hatte ich endlich eine längere Schlafphase und sponn andere Träume ...
Als ich nun aufgestanden war, fiel mir das Wort erst nicht ein. Also googelte ich im Internet das Phoenix-Programm der Nacht und stieß dort sofort auf das entfallene "Falafel" (- ist ja auch nicht ganz so leicht zu merken).
Wikipedia schreibt: „Falafel sind frittierte Bällchen aus pürierten Bohnen oder Kichererbsen, Kräutern und Gewürzen, die vor allem als Imbiss beliebt sind.“ Mehr dazu:
http://de.wikipedia.org/wiki/Falafel .
Mal schaun, ob die Döner-Imbisse der Umgebung „Falafel“-Bällchen in ihrem Angebot haben. Ich glaube, die könnten mir richtig gut schmecken!
Guttenberg ist weg, d.h. er trat zurück von seinem Amt als Verteidigungsminister. Rein menschlich habe ich Mitleid. Ansonsten war es ein überfälliger, konsequenter Schritt. Aber (wie bereits in einem anderen Beitrag gesagt), er wird nicht zu tief fallen. Nach dem Selbstvertrauen, dass er öffentlich zur Schau trägt, wird er es auch psychisch/seelisch überstehen. Er ritt auf der Medienwelle hoch, und musste nun erkennen, dass es auch tiefe Wellentäler gibt. Jeder Star, jeder Prominente erlebt dies im Verlaufe seiner Karriere.
Also, Thema Guttenberg ist erstmal abgehakt. Heute freilich noch nicht, wo der Rücktritt frisch ist. Aber langsam wird das Gequatsche darum abebben ...
Viele kommen jedoch davon. Vielen kommt man nicht auf die Schliche. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele das sind. Sie hocken überall. Nicht nur in der Politik. Sie hocken in der Wirtschaft, in den Gewerkschaften, in Kirchenämtern, in Schulen und Universitäten; sie hocken in Familien, in Vereinen, in Altenheimen ... Und sie kommen davon. Ihre Kartenhäuser stehen noch. Ihre Intrigen laufen noch. Ihre Lügen wurden nicht entlarvt.
Guttenberg ist weg. Das Ganze ist wie Völkerball. Wir dürfen darauf gespannt sein, wer als nächster getroffen wird.
... nach längerer Zeit wieder am Hören von The Who - „Quadrophenia“. Ich strapaziere die Zimmerlautstärke und hoffe, dass die Vermieterfamilie, die unter mir wohnt, dadurch nicht belästigt wird. Mein Gott, die Platte kam 1973 raus! Ende der Siebziger sah ich den Film „Quadrophenia“ im Kino und war begeistert - auch jetzt, mehr als drei Jahrzehnte später, habe ich noch dieses Gänsehaut-Gefühl. Meiner Meinung nach ist solche Musik einfach zeitlos!
Jedenfalls passt die Rockmusik von The Who wunderbar in einen Sonnntag des deutschen Spießerwunderlands. Es wäre sonst fast Friedhofsstille hier im Haus. Was sagte damals in der Eichbaumstube ein älterer behäbiger Barkeeper desöfteren: „Und kitzelt mich niemand, kitzele ich mich selbst.“ Ist auch schon ein gutes Weilchen her, und normalerweise kann ich mir Sprüche nicht merken - aber dieser prägte sich mir ein. Jetzt darf ich nur nicht losheulen bei dieser Musik und all den Erinnerungen ...
Die Eichbaumstube war in Stadtnähe, eine Flasche Export kostete dort nur ca. die Hälfte von dem, was man in den Cafés im Zentrum bezahlen musste. Ich machte damals die Ausbildung zum Altenpfleger, berufsbegleitend, und vor dem Nachmittagsunterricht ging ich in diese abgerissen wirkende Kneipe, trank ein paar Bierchen und studierte meine Unterlagen - wenn z.B. eine Prüfungsarbeit anstand. Nüchtern ging ich selten in den Unterricht. Mit Mitte Dreißig nochmal die Schulbank zu drücken, war nicht gerade nach meinem Geschmack. Doch war es so gekommen - dies zu erörtern, vielleicht ein andermal.
Die drei Jahre zogen sich ganz schön in die Länge. Richtig motiviert blieb ich nur im ersten Ausbildungsjahr. Irgenwie war ich während meiner gesamten Schulzeit selten länger als ein Jahr durchgehend motiviert. Wenigstens hatte ich als Erwachsener ein ganz anderes Selbstbewusstsein, und war nicht mehr so scheu wie als Kid in Grundschule und Gymnasium. (Das lag nicht nur am Bierkonsum in der Eichbaumstube.) Ab und zu ließ ich es die Lehrkräfte spüren, was mir im Nachhinein schon etwas leid tut. Vieles, was man über die Altenpflege lernt, ist bis heute einfach zu abstrakt und wird dem tatsächlichen Pflegealltag und den Problemen nicht gerecht - eben der uralte Konflikt zwischen Theorie und Praxis.
Trotz meiner kritischen Haltung und meiner Besäufnisse blieb ich lange Zeit der Klassenbeste. Erst im dritten Jahr ließ ich etwas nach, weil ich zunehmend die Schulstunden schwänzte. Einige schmissen die Ausbildung vorzeitig (berufsbegleitend ist nicht gerade Zuckerschlecken), so dass wir gegen Ende nur noch 16 waren, ich als einziger Mann unter einer Schar gackernder Hühner. Lediglich zu einer Frau, die im Unterricht neben mir saß und das ganze ähnlich locker sah, hatte ich ein besonderes Verhältnis. Sie hatte den Charme und die große Klappe dazu, fast alle Lehrer, insbesondere die männlichen (vorallem den Gerontologielehrer) um den Finger zu wickeln. Sie war einfach ungeheuer ungezwungen in ihrem Auftreten und dem Zeigen ihrer fraulichen Reize - die sie hatte ... wow!
Wir hielten Händchen und kokettierten miteinander, während der Gerontologielehrer seine endlosen Tafelanschriebe verfasste. Eigentlich hätten wir früher oder später im Bett landen müssen, aber da funkte mir ein Typ aus der Parallelklasse dazwischen, mit dem sie ständig Dope rauchte und ein Verhältnis einging.
Als 1998 die letzten Prüfungen überstanden waren, nahm ich nicht an der Abschlussfeier teil und sah meine Mitschülerinnen nie wieder. Ähnlich wie nach den Abiturprüfungen fühlte ich mich gar nicht sonderlich besser. Es war etwas rum, was mir sowieso lange keinen Spaß gemacht hatte. Es fiel von mir ab wie ein schon vorher abgestorbenes Körperteil.
Die Eichbaumstube besuchte ich dann auch immer seltener. Neben des Spruchs des beinahe greisen Barkeepers („Und kitzelt mich niemand, kitzele ich mich selbst.“) erinnere ich mich an die „Drei Affen“, die als kleine goldene Figur auf dem Regal gegenüber dem Tresen standen und an die griechische Chefin, die immer hautenge Hosen trug, dazu ein verdammt weites Dekolleté ...
Noch drei Songs von „Quadrophenia“. Ich weiß, dass ich damals im Kino bei den letzten Titeln „The Real Me“ und „I Am The See“ die Tränen nicht zurückhalten konnte.
Nein, es gibt kein Happy End.
Du bist ein Würfel mit unbestimmter Seitenzahl. Du bist ein Paket, in dem ich stets neue Sachen finde. Deine Welt ist eine Parallelwelt. Nähe und Ferne wohnen zusammen in einem Haus. Traurigkeit und Freude reisen uns hinterher. Du lebst in mir. Du bist ein Mond am Himmel, den nur ich sehe. Du bist wie ein zweites Herz, das in meinen Träumen schlägt. Gestern sah ich dich in der Fremde. Ich kannte dich nicht. Der Verrat wohnt der Liebe inne. Judas war beim ersten Kuss dabei. Es gibt keine Liebe ohne Gift.
Du bist das Glas Wein in meiner Hand. Du bist der Hafen einer fernen Welt. Ich trauere mein Leben lang. Der Weg des Lebens ist labyrinthisch. Ein Getriebener bin ich. Verirrt in der eigenen Seele. Wo bist du?
Oder: Was ist eigentlich noch echt?
Endefebruarschneerieseln während der Bundestag über die Wehrdienstreform debattiert.
Gestern noch wurde der Verteidigungsminister wegen seiner geschummelten Doktorarbeit von der Opposition aufs Korn genommen. Der gute zu Guttenberg tat mir fast leid, wenn er nicht selbst noch in seiner Entschuldigung irgendwie selbstgefällig bis arrogant gewirkt hätte. Außerdem glaubt ja kaum jemand mit Verstand, dass es sich nur um Fehler durch Schlamperei und Überbelastung handelte, wie er zu seiner Entschuldigung ins Feld führte. Der gute kupferte gehörig ab! Man kann sich fragen, was an seiner Doktorarbeit überhaupt noch sein geistiges Eigentum ist, beziehungweise: ob er sie überhaupt selbst schrieb. Er betonte, dass er 6-7 Jahre an ihr saß - ganze Abende und Nächte lang, wo ihn seine Familie entbehren musste. Mir kommen die Tränen. Nein, seine Entschuldigungen und Erklärungen wirkten nicht echt auf mich. Doch er zehrt von einem großen Sympathiepolster in der Bevölkerung. Das hatte er sich durch gekonnte Medienauftritte in den letzten ca. zwei Jahren erarbeitet. Und vielleicht auch durch seinen guten Draht zur Bildzeitung. Mir war der gute zu Guttenberg nie ganz geheuer. Zwischendurch fiel es aber auch mir schwer, mich der Sympathiewelle für ihn, welche übers Land schwappte, zu entziehen.
„Was ist überhaupt noch echt in diesem Land?“ frage ich mich oft. In den Nahrungsmitteln ist selten drin, was drauf steht. Was in den Zeitungen zu lesen ist, muss man kritisch beäugen (- was in Prospekten von Altenheimen angepriesen wird, sowieso). Das Dopen bei Sportlern ist beinahe Normalität. Prominente lassen sich ihre Bücher und Doktorarbeiten von anderen schreiben. Brüste, Hintern und Gesichter sind geliftet. Millionäre kaufen sich Adelstitel. Die meiste Arznei, die wir schlucken, ist ihr Geld nicht wert. Die Ärzte sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Kernkraftwerke bekommen das Prädikat "sicher" - der hochstrahlende Atommüll wird spazieren gefahren. Schnitzel sind keine echten Schnitzel mehr, - Tomaten genmanipuliert. Politiker versprechen viel und wissen nach der Wahl nichts mehr davon. Und dann dieser zu Guttenberg ... ein aalglatter Hund!
Inzwischen schneit es stärker. Der Schnee sollte noch echt sein. Obwohl ich vor Kurzem eine Dokumentation im TV über bereits praktizierte Wettermanipulationen sah. Das Ganze ist natürlich hoch geheim. Auf den Abfahrtspisten liegt jedenfalls schon lange der Kunstschnee.
An was soll man eigentlich noch glauben? An Ufos? An Gott? An Astrologie und anderen Mumpitz? Ist doch eigentlich egal in einer Welt, wo fast alles Mache ist.
Der Bundestag ist eine Art Muppet-Show. Schroedingers Katze ist im Zweifel tot. Der Urknall irrte sich, nur gab‘s kein Zurück mehr. Ist das jetzt die Krönung der Schöpfung - nach vierzehn Milliarden Jahren? Kunstkäse auf der Pizza?