Wo hört eine Stellung auf, und wo fängt sie an? Es gibt Fragen, die einem nur Sonntags kommen.
Na ja, schließlich hört man doch ständig von diesen vielen Stellungen, die manche super gelenkigen Menschen praktizieren, wenn sie Sex machen. Das Kamasutra ist für den Normalo so was wie eine Sexbibel, - der Normalo hat zwar schon mal was davon gehört, ist aber im Detail total unfähig. 99% der Menschen sind Normalos. Sie wollen oben oder unten liegen und sind letztlich durch die Vielzahl der anderen Möglichkeiten nur verwirrt. Ich frage mich an Tagen wie heute, an Sonntagen, also in der postsexuellen Ruhephase nach Sportstudio und Deutschland sucht den Superstar, ob diese Stellungskünstler uns, den Normalos, nicht was vormachen. Jetzt in Echt: wo hört eine Stellung auf, und wo fängt die neue an? Genügt das Abwinkeln eines Gliedmaßes um wenige Winkelgrade, dass man dies als neue Stellung oder Position erklären kann? Reicht es bereits, sich als Mann in der Missionarsstellung etwas weiter nach links oder nach rechts zu neigen, oder die Beine anzuziehen, um damit als neue Sexposition vor seinen Freunden zu prahlen? Gäbe es einen Wettbewerb, wo es darum ginge, wer die meisten Stellungen beherrscht, - welche Kriterien würde eine Jury anwenden, um zwischen den Stellungen zu differenzieren?
Man könnte dies auch auf die Politik übersetzen: bedeutet ein rhetorischer Furz bereits etwas politisch Neues? Oder auf die Religionen übertragen: ist der Gott ein anderer, wenn wir ihm ein paar andere Propheten zuordnen?
Ich gebe zu, dass körperliche wie rhetorische Gelenkigkeit von Vorteil ist, wenn man zwischen den Stellungen wechselt. Aber wird dadurch der Sex besser?
Obwohl es seit Bestehung der Erde offensichtlich ist, worin der Unterschied zwischen Mann und Weib besteht, übt das Diskutieren darüber nach wie vor einen aphrodisierenden Reiz aus. Es ist gerade so, dass das Herausstellen der Unterschiede, die Beteiligten betört und erregt. Dabei geht es nicht unbedingt und überwiegend über die biologischen, unterschiedlichen Geschlechtsmerkmale, erogene Zonen und hormonelle Ausrichtungen. Einen Gutteil des aufflammenden gegenseitigen Interesses wird durch schlichte männliche sowie weibliche Rhetorik bewirkt. Ich würde von einem rhetorischen Tanz reden. Und je nach Geistesgröße der Beteiligten fallen solche Unterhaltungen sehr unterschiedlich aus. Die Liebe ist neben dem Tod der beste Gleichmacher. Mann und Frau gackern ab einem gewissen Status der Verliebtheit - für Zuhörer absolut unverständlich. Sinn und Logik verlieren ihre Bedeutung.
Es wurde ein Hebel umgelegt, nicht unbedingt bemerkt, und keine Macht der Welt könnte die Verliebten in ihrer Zugeneigtheit und Triebhaftigkeit aufhalten. Plus und Minus ergänzen sich paradox durch eine formgebende Anziehung - ähnlich der Gravitationskraft, - weitläufig stark. Die Identifikation als Frau oder Mann muss vehement über die Biologie hinaus gehen, sie muss universeller Natur sein. Als Mann spüre ich sofort, wenn in einem Raum eine oder mehrere Frauen zugegen sind, - selbst wenn mir die Augen verbunden wären. Diese geheimnisvolle Anziehung kann ein sensibles Gemüt freilich auch verunsichern. Ich sah schon gestandene Männer sich in die letzte Ecke verkriechen, wenn ein Vollweib die Szene betrat. Manche Frauen und Männer wirken wie Naturkräfte auf ihre Umgebung, - sie beherrschen sie nach Belieben. Die Augen der Anwesenden richten sich nach ihnen wie Magnetspäne aus. Sind für dieses Phänomen allein die Pheromone verantwortlich, wie einige Wissenschaftler meinen? Ich glaube, dass da ganz andere Mächte im Spiel sind, Mächte, die im Wesen der Welt begründet liegen, - wie Himmel und Erde, wie Licht und Dunkelheit, Yin und Yang.
Genug der Theorie! Betrachten wir die fließenden Kräfte zwischen den Geschlechtern in der Praxis. Lauschen wir der Magie des Liebesgezirpes, der Kontaktaufnahmen, des Flirts. Wenn man sich unter das Volk mischt, wird man öfter als man denkt Zeuge dieses Wunders, - welches der Anfang von Allem ist. Schließlich ist jeder von uns ein Ergebnis dieses Energieflusses zwischen Mann und Frau, welcher süß und sprudelnd wie eine Quelle irgendwo seinen Anfang nimmt: in der Straßenbahn, an der Wursttheke eines Supermarktes, beim Gassigehen, beim Elternabend, in der Disco und Kneipe oder immer öfter am Desktop des PCs.
Ja, ich glaube, dass noch nie so viel geflirtet wurde wie zu Zeiten des allen zugänglichen Internets. Isoliert von den biologischen Reizen wird auf Blogs und in Foren rein verbal die zwischengeschlechtliche Spannung und Anziehung spielerisch auf virtueller Ebene erzeugt. Die Sprache formt sich zum Gegenüber, zur Persönlichkeit, zu Mann oder Frau, - wobei deutlich wird, dass das gegenseitige geistige Eindringen verflucht sexy sein kann. Selbstverständlich auch abstoßend, wenn Menschen ihr Blatt überreizen oder das feine subtile Spiel mit Sprache nicht verstehen. Wie in der wirklichen Wirklichkeit stößt man im Internet auf eine ungeheure Vielfalt von Ausdrucksmöglichkeiten, wo es individuelle Anziehungs- und Abstoßungspunkte gibt.
Ohne den Sex, und ich meine hierbei nicht den plakativen, aufdringlichen, überbordenden Sex wie auf den vielfachen Erotik- und Pornoseiten, ... ohne den Sex, welcher zwischen Mann und Frau quasi in der Luft (oder im Fall des Internets im Netz) liegt, welcher Frühling, Aufbruch und Abenteuer bedeutet, ... ohne den Sex, der die Lebenssäfte fließen lässt, der uns mit wonniger Wärme umspült und uns prickelnde Schauer über die Haut jagd, ... ohne diesen Sex wäre ewige Polarnacht auf der Welt.
Alles ist Sprache, alles ist Sex ...
... Virtualität wird in unserem Kopf schon immer erzeugt. Der Kontakt mit unserer Außenwelt basiert auf dieser Virtualität. Das Ganze ist wie ein fein abgestimmtes Computerspiel, welches wir Realität nennen. Da wir keinen Kontakt mit der dahinter liegenden Ebene aufnehmen können, bleibt Wirklichkeit, was eigentlich Illusion ist. Unsere Gehirne sind Teil eines Megacomputers. Sie sind die Software, welche Erleben ermöglicht. Das Spiel nennen wir Leben. Es beginnt, wenn sich die Komponenten ergeben und hört auf, wenn sich die Komponenten auflösen. Für jeden Sterblichen läuft dieses eine Programm ab, in welchem er hoffnungslos gefangen ist. Dasselbe gilt auch für die Umgebung, die Natur, die Tiere und Pflanzen. Alles begann vor gut 14 Milliarden Jahren. Es konnte nur so werden, wie wir es heute und jetzt wahrnehmen. Wissenschaftler reden vom Antropischen Prinzip. Die Anfangsbedingungen mussten uns bereits als Möglichkeit enthalten. All is fixed. Der Gedanke an ein Marionettendasein ist nicht abwegig, wenn ich verstandesmäßig stringent die Idee einer Inszenierung - wer auch immer dahinter stecken mag - verfolge.
Wirklichkeit und Illusion sind nur in Bezug auf das für uns Machbare unterscheidbar. Wir sehen die Welt als real an, weil wir es glauben müssen. Wir werden mit dem unbedingten Glauben an die Realität geboren. Allerdings gibt es beim Menschen einen Fehler im Programm. Er besitzt die geistige Potenz, sein Dasein an sich zu hinterfragen. Vielleicht aber auch kein Fehler -, wenn denn der Mensch diese Möglichkeit des Hinterfragens gnadenlos anwendete und sich nicht in unbefriedigenden Teillösungen und religiösen Hirngespinsten verlöre. Der Mensch sitzt Wand an Wand mit seinem Schöpfer. Er wird darum zur tragischen Figur. In seinem Unvermögen, diese Wand zu durchschauen, versucht er selbst Schöpfer zu spielen, - kompensiert sein Gefangensein und seine Ohnmacht auf der einen Seite mit Machtgebaren und Allmachtsphantasien, auf der anderen Seite mit Unterwürfigkeit bis zur Selbstgeißelung und Selbstzerstörung. Das Spiel des Menschen muss tragisch enden. Auch dies ist Programm. Virtualität wird zur grausamen Wirklichkeit, weil die letzte Wand zur dahinter liegenden Ebene niemals fallen kann. Viele Menschen bilden sich ein, durch religiösen Glauben genau diese Grenze meistern zu können. Und viele Menschen verlieren sich ganz im Materialismus, als wären sie Zombies (lebendig tot), die sich wie Viren über den Erdball verbreiten. In der Tat sieht es heute danach aus, als ob der Kapitalismusgedanke die Welt wie eine Krake fest im Griff hat. Ich sehe all dies als notwendige Konsequenz unseres Daseins und damit allen Daseins an, weil es nicht geben kann, was es nicht geben darf, bzw. was nicht bereits im Plan als Möglichkeit vorgesehen ist.
Es stellt sich letztendlich die Frage, ob wir die Welt als für uns verhängnisvolle Illusion sehen, aus welcher es keinen Ausweg gibt, oder ob wir realitätsgläubig immer wieder gegen die Wand laufen, - paradoxerweise doch glauben, irgendwann durchzusteigen.
Niemand kann das Programm aufhalten, dessen Teil wir sind, - nur das Programm selbst. Möglich, dass ja ein Quantensprung unseres Bewussteins vorgesehen ist, in hoffentlich absehbarer Zeit, denn allzu lange gebe ich der Menschheit, wie sie sich gegenwärtig darstellt, nicht mehr. Möglich, dass wir wie einst die Dino Saurier für immer vom Erdball verschwinden. Der Tod ist nur ein Programmpunkt, wie die Geburt. All is fixed. Alles geht unweigerlich weiter. Mit uns und ohne uns. Mit mir und ohne mich. Mit dir und ohne Dich.
bonanzaMARGOT
- 17. Mär. 10, 12:38
Michael Schumacher feierte sein Comeback auf der Rennstrecke von Bahrain mit einem sechsten Platz.
In einem Zeitungsinterview hatte er vorher gesagt:"Man muss nicht immer gewinnen, um trotzdem gewonnen zu haben." Mal schauen, wie oft er sich seine Aussage in dieser Formel 1 Saison zu Herzen nehmen muss.
Ich erwischte mich dabei, dass ich nach Längerem wieder ein Rennen mit einiger Spannung erwartete. Die Rennsaison des Vorjahres verfolgte ich so gut wie nicht. Man kommt nicht drum rum: Michael Schumachers Comeback wirkt sich als Hype auf das Interesse für die Formel 1 aus, - hauptsächlich (aber sicher nicht nur) unter der deutschen Bevölkerung. Jahrelang war man auf ihn als Boliden geeicht, und nun tritt der Pawlowsche Effekt ein ... Was aber, wenn Schumacher die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllt? Sicher wird er auch als Verlierer etliche Milliönchen dazu verdienen, obwohl er behauptet, dass es für ihn keine Frage des Geldes war. Ich nehme es ihm sogar ab, dass ihm das "Im Kreis Herumfahren" wieder heiß macht. Ich hoffe nur, dass er sich von den Geschäftemachern nicht verbraten lässt. Denen ist nur die Medienwirksamkeit seiner Person wichtig. Es wäre ein gewaltiger Kratzer auf seinem Siegerimage, und es wäre eine persönliche Niederlage, die er vielleicht doch nicht ganz so souverän, wie in dem Interview ausgedrückt, wegstecken könnte. Man muss zwar nicht immer gewinnen, um trotzdem gewonnen zu haben, - aber wie ist das für einen erfolgsverwöhnten Michael Schumacher? Hat er die Stärke, die Saison durchzuhalten, wenn er abgeschlagen nicht vorne dabei ist, nicht um den Weltmeistertitel mitfahren kann, wenn er nicht in der 1. Reihe, noch in der 2. und 3. Reihe steht? Die Menschen wollen Schumacher siegen sehen, sie werden sich aber auch an seinen Niederlagen ergötzen. Schumacher spürte (vielleicht) noch zu selten die Grausamkeit der Öffentlichkeit. Sein Werdegang als Rennfahrer ist eine astreine Erfolgsstory. Ist ihm klar, was er mit seinem Comeback aufs Spiel setzt?
Ja, er wird all dies bedacht haben. Aber der Reiz war wohl zu groß, - mit Ross Brawn an seiner Seite, mit Mercedes. Wäre er den Tifosi treu geblieben, hätte er vielleicht bereits in Bahrain das Siegertreppchen besteigen dürfen ... So ist das Leben. Die Würfel sind gefallen.
Abgesehen von Schumacher gibt es eine ganze Riege junger, interessanter Fahrer, die durch das aufflammende Medieninteresse für ihre Karriere profitieren können. Wenn Vettel nicht von zu viel Pech verfolgt wird, sollte er Weltmeister werden. Er steht am Anfang einer vielleicht großen Karriere, Schumacher steht am Ende. Schumacher ist Jurassic Park. Doch genau dies elektrisiert die Zuschauer: Formel 1 ist Jahrmarkt. Findet der Dino Saurier im heutigen Rennzirkus wieder seinen Platz als Bolide?
Die Medien überspitzen, - sie sind die Marktschreier. Und Ecclestone sowie Konsorten werden absahnen.
Das Ganze ist eine Parabel auf das Leben mit seinen Eitelkeiten, Etiketten, Intrigen, Kämpfen, Siegen und Niederlagen. Ich wünsche Michael Schumacher alles Gute für sein Comeback und interpretiere seinen Ausspruch wie folgt: Wenn das menschliche Antlitz gewinnt, gibt es einen respektvollen Platz für Gewinner und Verlierer gleichermaßen.
Das erste, was der Frühdienst fragt: "Lebt Frau X noch?" Seit einer Woche liegt die Frau im Sterben, im Leberkoma. Die Medikamente wurden abgesetzt. Sie kann nichts mehr zu sich nehmen. Ungläubig verfolgen wir ihren Kampf, den sie letztlich doch verlieren wird. Inzwischen verstarb ein Bewohner für uns eher unerwartet, während Frau X weiterhin schwer atmet, dabei leicht zuckt, ihr Herz unbeharrlich den Lebenssaft in ihre schlaffen Extremitäten pumpt. Betroffene Gesichter, wenn die Frühschicht der Spätschicht, und die Spätschicht mir mitteilt: "Frau X lebt noch." Es ist ein langes und leidvolles Warten ... Drei Stunden vor Beginn meines Nachtdienst erwische ich mich dabei, wie ich hoffe, dass mir meine Kollegen diesmal sagen: "Frau X hat`s endlich geschafft." Ich würde aufatmen. Seit drei Nächten begleite ich ihren Todeskampf. Während in den Nachbarzimmern das übliche "Altenheimnachtleben" mit Windelwechsel, Bettpfannen, Schlafstörungen ... stattfindet, liegt in Zimmer XXX diese Frau schier endlos in den letzten Zügen.
Wäre ich gläubig, würde ich fragen: Wie kann ein gütiger Gott dies zulassen?
Sowieso frage ich mich, warum wir in solchen Fällen mit (Haus)Tieren gnädiger als mit unseren eigenen Artgenossen verfahren.
Ich lag auf dem schmalen Zahnarztstuhl. Meine Schultern waren zu breit. Ich legte die rechte Hand in meinen Schoß. "Den Kopf ein klein Wenig zu mir und die Zunge ganz locker", sagte der Dentist. Er hatte bereits beim letzten Termin, als der Abdruck gemacht wurde, Probleme gehabt. "Sie haben einen kleinen Mund", wiederholte er, "dabei eine große Zunge und ausgeprägte Kaumuskeln." Er war sichtlich bemüht, während ich den Mund, soweit es ging, aufriss, mit der Behandlung weiter zu kommen. Die Feinarbeit erledigte schließlich die Zahnarzthelferin, während mir vom langen Mundaufsperren der Kiefer bis hoch zu den Schläfen schmerzte. Die ganze Prozedur war eine selbst auferlegte Folter, die mich zudem noch einen Haufen Geld kostete. Ich röchelte unter dem Absauger, versuchte ruhig durch die Nase zu atmen - dummerweise war ich leicht erkältet ... Das "Krönchen" musste angepasst werden. Es ging um einen Backenzahn, der bereits plombiert, vor ein paar Wochen abgebrochen war. Früher oder später hat es kommen müssen. Nach vier Sitzungen inklusive Zahnreinigung war es schließlich soweit: die Teilkrone wurde aufgesetzt. Der junge Zahnarzt, der die Zahnbehandlung durchführte, war nicht wenig gefordert. Bis Dato wusste ich nicht, dass ich einen solch kleinen Mund hatte ... Ab und zu schloss ich die Augen. Ich musste durchhalten. Ich wollte es endgültig hinter mich bringen. Links von mir sah ich aus den Augenwinkeln das Riesenrad, welches für das nahende Frühlings- und Weinfest bereits aufgebaut worden war. Über mir an der Decke hing ein Bild von einem Palmenstrand, welches wohl zur Beruhigung der Patienten gedacht war. Ein Bild von Picasso hätte mich mehr von der Tortur abgelenkt. Ich kam mir mit meinem weit aufgerissenen Maul in der nach hinten geneigten Position ... ziemlich abstrakt vor - während Zahnarzt und Helferin in meinem Mund irgendwie krampfhaft herum werkelten mit Bohrer und Absauger, irgendwelchem ekelhaften Flüssigkeiten, welche sie reinsprühen mussten, und Materialien mit denen sie meine Backe auspolsterten.
Endlich nach einer guten Stunde saß die Krone auf dem Zahn. Ich wollte bereits aufatmen. Doch der junge Dentist war Perfektionist ...
Da ich die Schmerzen nicht mehr ausgehalten hatte, musste ich mitten in der Behandlung gespritzt werden. Meine halbe Zunge sowie meine linke Backe waren völlig taub. Ich sollte nun noch ein dutzend Mal auf irgendwelche hauchdünne Blättchen beißen und dem Zahnarzt sagen, wie es sich für mich anfühlte. Ich fühlte den erneuerten Zahn etwas zu hoch beim Aufbeißen - wahrscheinlich hätte er noch ewig an der Krone und den umgebenden Zähnen herum geschliffen und poliert , wenn ich ihm nicht zu Erkennen gegeben hätte, dass nun alles ganz okay sei ...
Schließlich reichte er mir einen Handspiegel, damit ich stolz das Ergebnis seiner Arbeit sehen konnte. Also blickte ich aus einer sehr unvorteilhaften Perspektive auf meine Fresse sowie in den zu kleinen Mund mit der Porzellankrone links unten. Mann, war ich häßlich! Ich nickte dem Dentisten anerkennend zu und brummte: "Hmmm ..."
Endlich schwang ich mich von der schmalen Pritsche, stellte mich nach ca. 90 Minuten heftig gefühlter Ausgeliefertheit und Qualen auf die Füße, drückte zum Abschied die Hand des Dentisten und entschuldigte mich für meinen kleinen Mund.
Auch bei der Zahnarzthelferin bedankte ich mich. Es war früher Vormittag, als ich die Praxis verließ. Ich schwankte zwischen Erleichterung und Irritation. Life goes on. Mit der halbtauben Fresse fühlte ich mich unter meinen Mitmenschen recht seltsam. Gleichzeitig hatte ich wie selten das Gefühl, zu ihnen zu gehören ...
Alles leer. Die Bedeutung wurde ausgegossen. Der Geist war eben nur Geist und verschwand wie ein Mond hinter den Wolken. Anfangs schimmerte noch eine Ahnung von Etwas durch. Doch dann kam die Finsternis über den Himmel, als gäbe es nur Schmerz und eine Sehnsucht ohne Ziel. Der Ochse blutete aus. Ich denke an Gedanken mit kalten Nasen. Und ich denke daran, dass alles ein Augenblick ist. Nur der Kreislauf hält uns aufrecht. In Tagen, Monaten und Jahren wiederholen sich die Zyklen, während ich langsam den Verstand verliere. Es ist zum Kotzen. Die Worte erscheinen wie leblose Insekten auf Papier.
Ich funktioniere. Aber die Bedeutung wurde ausgegossen. Es regnet. Es scheint die Sonne. Es stürmt.
"Schau mal", sage ich zu meiner Freundin, "die braunen Blätter, die durch die Luft wirbeln, sehen aus wie tausende Schmetterlinge."
Ich klebe eine Weile fest an dem Bild. Der Tag sagt mir sonst nichts.
Das Leben ist immer noch das beste Prosagedicht. Wie sich prosaisch die Karten mischen und beinahe lyrisch ausgespielt werden. Während die katholische Bischofskonferenz unter öffentlichem Druck wegen der Flut von Missbrauchsfällen in ihren Reihen zusammentritt, fährt die evangelische Vorzeigebischöfin betrunken bei Rot über die Ampel. Das Leben ist ein fantastischer Regisseur, besser als Tarantino und Scorsese zusammen. Das Leben ist gleich einem Felsblock, der dem Bildhauer bereits grob vorgibt, wo er den Meißel anzusetzen hat. Das Leben ist ein schrecklicher Partywitz, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt.
Schön, wenn eine moralische Instanz wie die Kirche sich endlich nicht mehr wegducken kann. Schön, wenn man daraus die Lehre ziehen kann, dass einen der Glaube nicht per se zum besseren Menschen macht. Endlich scheint etwas Licht unter die Taläre. Mal sehen, wie lange das Transparenzbedürfnis anhält - würde mich wundern, wenn nicht alles wieder nach ein paar aufgeregten Wochen im Dickicht von Heuchelei und Lügengestrüpp verschwände. Noch lange ist die Kirche nicht bereit, den Teufel bei den Hörnern zu packen. Sie müssten zugeben, dass mancher honorige Kirchenmann beim Herrscher der Hölle unter Vertrag steht, und dass man seit dem Mittelalter nicht wirklich viel dazu lernte. Immer noch wird eifrig bestritten, dass das Zölibat mit ursächlich für die Missbrauchsfälle ist. Warum ist der evangelische Pfarrer aber scheinbar gegen diese Sünde gefeit? Es ist unglaublich, wie die Kirche seit jeher ihr eigenes Süppchen kochen kann, wie über die Rechte und Gefühle der unzähligen Opfer hinweg gegangen wird, und wie man mittels politischem und gesellschaftlichem Einfluss die begangenen Straftaten an einer gesetzlichen Verfolgung vorbei manövriert. Eine Schande in einer Gesellschaft, in welcher man als Kind, welches sich nicht wehren kann, getauft wird und später automatisch als Arbeitnehmer Kirchensteuer zahlen muss. Eine Schande für eine christlich orientierte Kultur. Ich trat als junger Mensch Anfang Zwanzig aus der Kirche aus. Ich mochte den Mief der Kirche nicht. Der Religionsunterricht in der Schule war langweilig. Mit den kirchlichen Zeremonien konnte ich nichts anfangen. Mir war das ganze Affentheater Gottesdienst mit seinem klerikalen Prozedere sehr schnell zuwider. Als Lausbub kippte ich an den Kirchenausgängen Tinte in die Weihwasserbecken. Die Pfarrer und Priester waren mir in ihren Talären schon immer suspekt - mindestens so suspekt wie die Götter in Weiß. Ich begriff nicht, warum sie vor meinen Eltern und den anderen Erwachsenen einen solchen Respektsvorsprung genossen. Diese Kirchenleute waren mir unheimlich.
Nun bekam ich trotzdem einiges mit von Geschichten der Bibel, insbesondere des Evangeliums. Heute würde ich sagen, dass mir Jesus in vielen seiner Aussagen sympathisch ist, weil Jesus eben nicht allein im Besitz der Kirche ist, sondern von jedem Menschen für sich ausgelegt werden kann; - dass ich erkenne, wie er gegen die Unarten des Menschen wie Gier, Hass, Krieg, Lüge und Betrug ankämpfte, wie er die Menschen zu Frieden, Toleranz und Demut läutern wollte. Manchmal denke ich, dass Jesus sich im Grab umdrehen würde, sähe er, was die Kirche unter seinem Namen und unter dem Symbol des Kreuzes bis in die heutige Zeit hinein für Schandtaten treibt. Die Kirche wurde mächtig - und sie klebt an ihrer Macht und instrumentalisiert den Gottglauben, um die Menschen als ihre Schäfchen zu dirigieren und zu manipulieren. (Dasselbe gilt freilich ebenso für Religionen wie Islam und Judentum.)
Erst vor Kurzem fragte mich mein Arbeitgeber (Diakonie), ob ich es für möglich hielte, wieder in die Kirche einzutreten. Als Altenpfleger sollte ich glaubwürdig die Gesinnung der diakonischen Einrichtungen repräsentieren. So oder ähnlich drückte er sich aus.
Wisst ihr was? Irgendwie bin ich richtig froh darüber, dass Frau Käßmann betrunken bei Rot über die Kreuzung bretterte ... (und erwischt wurde.)
Nach Hitler, nach 40 Jahren Mauer ... kommen erneut Politiker, die jene verhöhnen, die sie wählten; kommen Demagogen und Populisten, die ihre Zuhörer betrügen; kommen Bankiers und Kapitalisten, die die Menschen, von denen sie leben, gnadenlos ausbeuten ...
Der Wahnsinn hat Methode. Anscheinend wollen wir beschissen werden.
Ewig grüßt das Murmeltier: der Fisch stinkt vom Kopf. Und der Kopf wächst ständig nach.
Wir sind das Volk!