Mittwoch, 24. Februar 2010

Tatort Kirche

Das Leben ist immer noch das beste Prosagedicht. Wie sich prosaisch die Karten mischen und beinahe lyrisch ausgespielt werden. Während die katholische Bischofskonferenz unter öffentlichem Druck wegen der Flut von Missbrauchsfällen in ihren Reihen zusammentritt, fährt die evangelische Vorzeigebischöfin betrunken bei Rot über die Ampel. Das Leben ist ein fantastischer Regisseur, besser als Tarantino und Scorsese zusammen. Das Leben ist gleich einem Felsblock, der dem Bildhauer bereits grob vorgibt, wo er den Meißel anzusetzen hat. Das Leben ist ein schrecklicher Partywitz, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt.
Schön, wenn eine moralische Instanz wie die Kirche sich endlich nicht mehr wegducken kann. Schön, wenn man daraus die Lehre ziehen kann, dass einen der Glaube nicht per se zum besseren Menschen macht. Endlich scheint etwas Licht unter die Taläre. Mal sehen, wie lange das Transparenzbedürfnis anhält - würde mich wundern, wenn nicht alles wieder nach ein paar aufgeregten Wochen im Dickicht von Heuchelei und Lügengestrüpp verschwände. Noch lange ist die Kirche nicht bereit, den Teufel bei den Hörnern zu packen. Sie müssten zugeben, dass mancher honorige Kirchenmann beim Herrscher der Hölle unter Vertrag steht, und dass man seit dem Mittelalter nicht wirklich viel dazu lernte. Immer noch wird eifrig bestritten, dass das Zölibat mit ursächlich für die Missbrauchsfälle ist. Warum ist der evangelische Pfarrer aber scheinbar gegen diese Sünde gefeit? Es ist unglaublich, wie die Kirche seit jeher ihr eigenes Süppchen kochen kann, wie über die Rechte und Gefühle der unzähligen Opfer hinweg gegangen wird, und wie man mittels politischem und gesellschaftlichem Einfluss die begangenen Straftaten an einer gesetzlichen Verfolgung vorbei manövriert. Eine Schande in einer Gesellschaft, in welcher man als Kind, welches sich nicht wehren kann, getauft wird und später automatisch als Arbeitnehmer Kirchensteuer zahlen muss. Eine Schande für eine christlich orientierte Kultur. Ich trat als junger Mensch Anfang Zwanzig aus der Kirche aus. Ich mochte den Mief der Kirche nicht. Der Religionsunterricht in der Schule war langweilig. Mit den kirchlichen Zeremonien konnte ich nichts anfangen. Mir war das ganze Affentheater Gottesdienst mit seinem klerikalen Prozedere sehr schnell zuwider. Als Lausbub kippte ich an den Kirchenausgängen Tinte in die Weihwasserbecken. Die Pfarrer und Priester waren mir in ihren Talären schon immer suspekt - mindestens so suspekt wie die Götter in Weiß. Ich begriff nicht, warum sie vor meinen Eltern und den anderen Erwachsenen einen solchen Respektsvorsprung genossen. Diese Kirchenleute waren mir unheimlich.
Nun bekam ich trotzdem einiges mit von Geschichten der Bibel, insbesondere des Evangeliums. Heute würde ich sagen, dass mir Jesus in vielen seiner Aussagen sympathisch ist, weil Jesus eben nicht allein im Besitz der Kirche ist, sondern von jedem Menschen für sich ausgelegt werden kann; - dass ich erkenne, wie er gegen die Unarten des Menschen wie Gier, Hass, Krieg, Lüge und Betrug ankämpfte, wie er die Menschen zu Frieden, Toleranz und Demut läutern wollte. Manchmal denke ich, dass Jesus sich im Grab umdrehen würde, sähe er, was die Kirche unter seinem Namen und unter dem Symbol des Kreuzes bis in die heutige Zeit hinein für Schandtaten treibt. Die Kirche wurde mächtig - und sie klebt an ihrer Macht und instrumentalisiert den Gottglauben, um die Menschen als ihre Schäfchen zu dirigieren und zu manipulieren. (Dasselbe gilt freilich ebenso für Religionen wie Islam und Judentum.)

Erst vor Kurzem fragte mich mein Arbeitgeber (Diakonie), ob ich es für möglich hielte, wieder in die Kirche einzutreten. Als Altenpfleger sollte ich glaubwürdig die Gesinnung der diakonischen Einrichtungen repräsentieren. So oder ähnlich drückte er sich aus.
Wisst ihr was? Irgendwie bin ich richtig froh darüber, dass Frau Käßmann betrunken bei Rot über die Kreuzung bretterte ... (und erwischt wurde.)

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