Die Woche ist rum. Ich stellte mir den Wecker auf fünf Uhr am Morgen, aber ich wachte immer schon vorher auf, zählte erst die Stunden, schließlich die Minuten, bis ich aufstehen musste. Das Räderwerk der Zeit begegnete dem Räderwerk des Körpers. In der Dunkelheit begrüßte mich das Räderwerk der ausklingenden Sternennacht, und nach einem Kilometer in die Pedalen treten erreichte ich das Räderwerk Altenheim, meinen Arbeitsplatz. Meine Nachtwachenkollegen/-kolleginnen warteten schon auf den Tagdienst. Sie übergaben sich in den Fluss der Dinge. Wie ruhig oder unruhig war die Nacht? Es sind immer dieselben Heimbewohner, die die Nacht zum Tag machen. Diesmal stand ich am anderen Ufer, arbeitete in den anbrechenden Tag hinein. Der Tag reißt das Leben gewaltsam an sich. Nach der Übergabe klapperten wir mit den Waschschüsseln über die Station. Wasserrauschen in den Badezimmern, die üblichen Begrüßungsformeln: Guten Morgen, Frau G., gut geschlafen? Es ist wieder Zeit ...
Diesmal war ich das Helferlein im Dienste des Tages, um die Alten zu waschen, anzuziehen und zum Frühstück zu bringen. Für sechs Bewohner hatte ich zweieinhalb Stunden Zeit. Schüchtern linste ich in die Zimmer, wo die meisten noch schlafend in ihren Betten lagen. Es war immer noch dunkel, als ich die ersten wusch. Auch ich war noch müde. Eine Nacht, die man schläft, ist kürzer als eine Nacht, die man arbeitet. Und wie hatte ich geschlafen? Denkbar schlecht - stündlich war ich aufgewacht. Was war das Leben doch für ein verrückter Traum, dachte ich, was mache ich eigentlich hier? Behutsam rieb ich den Schlaf aus den Gesichtern der Alten und war froh, dass sie nicht widerspenstig waren.
Das Räderwerk des Tages dreht sich um das Waschen, die Mahlzeiten und die Toilettengänge. Dazu kommen die Krankheiten, Probleme und Malaisen der Heimbewohner. Mit einem riesigen Dokumentations- und Pflegeplanungsprogramm versuchen wir dem Ganzen gerecht zu werden. Nach meiner Frühstückspause saß ich eine Stunde am Computer. Die Pflegedienstleitung hatte es mir verordnet, damit ich als Nachtwache mit dem Programm arbeiten lerne. Ständig gibt es Pflegeplanungen und Pflegevisiten zu überarbeiten und Anamnesen zu den neuen Bewohnern zu erstellen. Die Zielperson, also der Bewohner, wird in AEDLs (Aktivitäten und existentielle Erfahrungen des Lebens) aufgebröselt. Er wird total durchleuchtet. Aber mich beschleicht dabei das Gefühl, dass unsere Einschätzungen oft willkürlich sind und mit dem Menschen nur oberflächlich zu tun haben. Die Pflege soll optimiert und gleichzeitig sollen die Kosten minimiert werden. Leidtragende sind die Heimbewohner, die von dem absurden Räderwerk des Gesundheitssystems und dem Pflegeapparat nichts verstehen. Und in einem Gewissenskonflikt stehen wir Pfleger und Pflegerinnen, die morgens in einer halben Stunde einen alten, gebrechlichen Menschen würdig, individuell unter Berücksichtigung aller Defizite und Ressourcen zu versorgen und zu aktivieren haben. Wir müssen selbstverständlich auf Hygiene achten, Standards einhalten und die Behandlungspflegen sorgfältig durchführen. Da ich noch nie erlebte, dass das Unmögliche dadurch möglich wird, indem man den Druck erhöht, passiert stets das Wahrscheinliche: Es entstehen Heuchelei, Lügen, Ausreden, fadenscheinige Kompromisse, geschönte Bilanzen ...
Mit müden Augen saß ich, die Nachtwache im Tagdienst, nach meiner Frühstückspause am Computer und beschäftigte mich mit dem Pflegeprogramm, das meinen Vorgesetzten so ungeheuer wichtig ist. Ich machte meine Arbeit, so gut ich konnte. Ich erlebte das Altenheim bei Tage mit all meinen Kollegen und Kolleginnen, denen ich sonst nur kurz bei der abendlichen und morgendlichen Übergabe begegne; ich erlebte die Alten außerhalb ihrer Betten mit ihren Tagesnöten aber auch sehr lebendig und teilnehmend ; ich erlebte die Hektik und die vielen Stimmen des Tages, das menschliche Durcheinander, das Chaos ...
Wichtig war für mich, dass ich die Zuneigung zu den Menschen spürte. Kein Räderwerk kann mir dieses Gefühl kaputt machen. Die Menschenliebe besteht neben der Technokratie.
Vierzehn Uhr hatte ich Feierabend, schwang mich auf mein Fahrrad und fuhr hinunter ins Dorf. Im Kaffeehaus saß ich erleichtert an der Theke und philosophierte mit dem Barkeeper. Er erzählte mir aus einem anderen Leben. Draußen spukte ein Novembertag, der früh sein Licht ausknipste.
21.11.08
ich lebe in einem Körper, den ich nicht spüre
von den Wolken zu meinen Füßen
der Horizont eine Augenbraue
unter der Haut liegen blau die Flüsse
doch das Herz ist nicht von dieser Welt.
Was vom Haifisch übrigblieb
Banker greifen nach Steuergeld
Steinmeier kommt bei Frauen nicht an
Drogensumpf Iran
Kalter Krieg und heiße Höschen
Wie die Seele das Herz krank macht
Heizt du noch, oder wohnst du schon?
"Du siehst aus wie ein verdammtes Mädchen"
Kunst kennt keine Grenzen
Huber gegen den Rest der Welt

Die Feststellung des Todes und die Durchführung der Leichenschau stellen häufig die letzte ärztliche Maßnahme an der verstorbenen Person dar. Hiefür gelten dieselben Sorgfaltspflichten wie bei lebenden Personen. Bei etwaigen Kollisionen mit den Interessen anderer Personen - seien dies Angehörige, andere Ärztinnen oder Ärzte oder Polizeibeamte - hat die Ärztin oder der Arzt grundsätzlich die Interessen der verstorbenen Person an einer sorgfältigen und objektiven Leichenschau wahrzunehmen. Mit der Ausstellung der Todesbescheinigung werden die Weichen gestellt, ob die Leiche zur Bestattung freigegeben wird oder ob weitere Ermittlungen im Hinblick auf einen nicht natürlichen Tod oder eine ungeklärte Todesart erforderlich sind. Von der sorgfältigen Todesbescheinigung hängt auch die Qualität der Todesursachen-Statistik ab.
(Einem Merkblatt entnommen: "Information für die Ärztin/den Arzt")
Ich war überrascht, als die über neunzigjährige Frau anfing lauthals zu lachen. Erst verstand ich nicht, worum es ging, bis mir meine Kollegin erklärte, dass Frau M. wohl vor siebzig Jahren als junge Frau eine zeitlang geschauspielert hatte. Sie imitierte den französischen Akzent einer feinen Dame und lachte hernach köstlich. "Und nun Sie, und nun Sie", forderte sie uns auf. Wir mussten nur ein paar französische Worte sagen, und die Greisin explodierte förmlich vor Lachen in ihrem Rollstuhl. "Ich hatte die Geschichte längst vergessen, Felix, können Sie sich das vorstellen?" sagte sie, "und plötzlich kam es über mich!" Sie wurde gar nicht fertig darüber, derart unglaublich erschien ihr das Ganze. Ich freute mich für sie, denn zu oft wurde die Greisin von schlechten Erinnerungen geplagt, oder sie äußerte sich verzweifelt über das Altwerden und das beschissene Leben im Altenheim, wenn man auf Hilfe angewiesen war. An diesem Abend aber strahlte das ganze Zimmer vor guter Laune, als wir sie ins Bett packten. Ihr herzhaftes, zahnloses Greisenlachen werde ich so schnell nicht vergessen.
Eine andere bereits hundertjährige, der wir nachts öfter auf den Toilettenstuhl helfen müssen, hat ihren Humor auch nicht verloren. "So, und nun packen Sie meine Rosette wieder ein", sagte sie und lachte, als ich ihr die Einlage wieder anlegte und die Unterhose hochzog. Diesen Spruch erwartete ich nicht, denn die alte Dame erschien alles andere als ordinär.
Allzu Menschliches - Erlebnisse wie diese prägen sich nachhaltig ein. Ich bedaure es, dass wir viel zu oft im Stress sind, um die Alten, diese Urgesteine des Lebens mit ihren Wesensarten besser wahrzunehmen und zu verstehen. Man könnte sich viel mehr geben.
Wie viel Schönheit gibt es auf der Welt
nach dem Dienst im Altenheim
der letzte Hauch von Leben
in Pergamenthaut
verkrüppelt von Gischt und Langeweile
zwischen dem Waschen, den Mahlzeiten
und dem Gang zur Toilette
der Geruch von Ausscheidung
die Augen der Alten blicken kaum mehr
in diese Welt
Zurück nach der Schicht
beim Einkauf im Supermarkt schaue ich
mit Begierde auf
die jungen Körper
und bin stolz auf die eigene, junge
gerade Gestalt
die Menschen um mich herum scheinen mir
alle vertraut
ich spüre eine große Zuneigung
warm und tröstlich
die Supermarktregale beachte ich kaum
die Welt ist schön!
ich beschenke mich mit einer
Teetasse
An der Kasse sitzt dieses wunderbare Geschöpf
welliges, blondes Haar fällt auf ihre
Schulter
ihr Blick niedergeschlagen
die Wangen leicht gerötet
ich gebe meiner Stimme den weichsten und
schönsten Klang, als ich sage:
"Noch eine Tüte
bitte."
(1987)